Wie der Ex-König Rumäniens von Hitler und Antonescu angebrüllt, von Truman und Stalin dekoriert, aus seinem Land verjagt wurde, die Haltung bewahrte und zum Hoffnungssymbol nach der Wende wurde. Frieder Schuller über eine ungewöhnliche Biographie.

König Michael von Rumänien (1947) © Jozef Trylinski – Kawalerowie Orderu Zwyciestwa, Warschau

Er musste 1940 in Berlin ein Mittagessen mit Hitler hinnehmen, an welchem Tag, hat er vergessen, aber dass der Diktator zwischen Löffel und Gabel mehr schrie als aß, blieb eine unangenehme Erinnerung. Nachher bei Mussolini war der Tisch üppiger gedeckt, der Hausherr gab sich als warmherziger Italiener, langte kräftig zu und antwortete auf die Frage, wie sein Volk den Krieg ertrage, es müsse eben den Riemen enger schnallen. Churchill gratulierte ihm für seinen Mut im Weltkrieg und war beeindruckt, weil er sich zurück ins kommunistische Rumänien wagte, sagte aber, es gebe eben nichts Wichtigeres für einen Monarchen als die Courage. Das war im November 1947 anlässlich der Hochzeit der späteren Königin Elisabeth II. Und er kam zurück nach Bukarest, wo seit 1945 die Kommunisten das Sagen hatten, werkelte zuhause im Bukarester Königsschloss an seinen Sportwagen, die er virtuos durch die Karpaten jagte, eher einen Ölfleck auf der Brust als die vom amerikanischen Präsidenten Harry Truman und vom sowjetischen Generalissimus Stalin überreichten Orden. Wenn in Schillers Theaterstück der junge Don Carlos aufbegehrt, dreiundzwanzig Jahre alt und nichts für die Unsterblichkeit getan, so hatte in diesem Alter der rumänische König Mihai I. Tausenden deutschen, rumänischen und russischen Soldaten das Leben gerettet, als er mit seinem königlichen Staatsstreich vom 23. August 1944 Hitler die Stirn bot, das Waffenbündnis mit der Wehrmacht aufkündigte und die Rote Armee ohne Krieg durch Rumänien marschieren ließ. Das ungehinderte Vorrücken der sowjetischen Armee nach Westen führte zum Zusammenbruch der deutschen Balkanfront. Um nicht abgeschnitten zu werden, musste die Wehrmacht innerhalb kürzester Zeit Albanien, Griechenland und Teile Jugoslawiens überstürzt räumen – und der Zweite Weltkrieg fand um Wochen früher ein Ende.

Diese rumänische Entscheidung überraschte auch den Wehrmachtssoldaten Heinrich Böll, der in einem rumänisch-ungarischen Lazarett in Sfântu Gheorghe lag und sehnsüchtige Briefe an seine Annemarie in Köln schrieb. Letzte Kampfhandlungen der sich zurückziehenden Wehrmacht gegen die Russen und ihre neuen Verbündeten, die Rumänen, überlebte er; nicht so der junge Soldat Fritz Schröder, der Vater des späteren deutschen Bundeskanzlers, der sein Grab in Nordsiebenbürgen finden sollte, das sein berühmt gewordener Sohn Gerhard am 12. August 2004 anlässlich eines Staatsbesuches in Rumänien in gehetztem Gedenken besuchte. Der königliche Staatsstreich bedeutete auch die Befreiung der verschleppten rumänischen Juden in der ›Sterbenslandschaft‹ Transnistrien, heute Westukraine, wo über Zweihunderttausend in den trostlosen Steppen verhungerten, erfroren oder erschossen wurden. Der befreite Dichter Paul Celan, damals noch Paul Antschel, kam aus dem rumänischen Arbeitslager zurück in seine Heimatstadt Czernowitz und nachher nach Bukarest; weniger Glück hatte der ältere Dichterkollege Moses Rosenkranz, der, in Rumänien dem Holocaust entgangen, anschließend für zehn Jahre, wie viele Leidensgenossen, im sowjetrussischen Gulag verschwand. Elie Wiesel wurde aus seinem rumänisch- ungarischen ›Stetl‹ bis Birkenau verschleppt und konnte dem Grauen entkommen. Für die deutsche Minderheit in Rumänien, vor allem Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, gab es ein jähes böses Erwachen. Während ihre Söhne und Väter mehr oder weniger freiwillig noch in der Waffen-SS an Grausamkeiten dieses Krieges beteiligt waren, wurden Unzählige ihrer Angehörigen im Januar 1945 in den Donbass zur Zwangsarbeit verschleppt. Einmal rollten die Viehwaggons mit Deutschen Richtung Osten in eine eisige Ungewissheit.

Seitenwechsel

Was habt ihr da unten am Balkan angestellt? Zu spät brüllte Heinrich Himmler Ende August 1944 diesen Satz ins Telefon. Er galt einem Kurier aus Bukarest, der in einem Wiener Hotelzimmer saß und seit Tagen die deutsche Heeresführung vergebens warnte, Rumänien werde in Kürze die Fronten wechseln. Man war sich in Berlin zu sicher, glaubte, die Waffenbrüderschaft mit Rumänien habe Bestand, was auch vom herbeizitierten rumänischen Staatschef Marschall Antonescu vor Hitler und Ribbentrop noch einmal beteuert wurde. Auch Hitler blieb nur das Brüllen übrig, die Verräterclique, die Königskamarilla in Bukarest solle sofort verhaftet und erschossen werden. In Bukarest erschoss sich jedoch der deutsche Gesandte Manfred von Killinger, der frohgemut von einer Hirschjagd in seine Residenz in der Calea Victoriei heimgekehrt war, um mit Entsetzen den Seitenwechsel der Rumänen zur Kenntnis zu nehmen. Er war noch in den Königspalast gestürzt und hatte versucht, Mihail I. mit Drohen und Versprechungen umzustimmen. Aber die Würfel waren gefallen. Seine mit ihm verbandelte Sekretärin tötete er auch gleich mit. Wie kam es nur dazu, dass dieser liebenswürdige Throninhaber Mihai I. von Hohenzollern-Sigmaringen den allgewaltigen faschistischen Diktator Marschall Antonescu an der Nase herumführen konnte? Antonescu, der sich natürlich Conducător – »Führer« – nannte, hatte am 4. September 1940 die Macht an sich gerissen und mit der erzreaktionären Eisernen Garde, einer faschistisch-mystischen Bewegung, die Regierung eines »nationallegionären Staates« gebildet. Eben diese antisemitischen Nationalisten, in deren Namen Attentate und Pogrome verübt wurden, hatte König Carol II. im April 1938 verbieten lassen. Er ließ ihre Führung mit dem angeblich sehr charismatischen Corneliu Zelea Codreanu an der Spitze verhaften und hinrichten. Dies alles in direkter Konfrontation mit Hitlers ausdrücklicher Unterstützung der Eisernen Garde. Trotz seiner nächtlichen Spaziergänge durch Bukarests einschlägige Etablissements regierte er mit fester Hand. Doch zu viele Frauenaffären und Spielschulden belasteten Carols Herrscherbild. Auch die neue Führung der Eisernen Garde unter Horia Sima zwang er, das Land zu verlassen. Sie wurden in Deutschland gnädig aufgenommen und als Schutzhäftlinge zuletzt in Buchenwald untergebracht. So sollte es auch das einmal geben: Faschisten in einem deutschen Konzentrationslager, allerdings ohne Sträflingskleidung und mit akzeptabler Küche. 1940 musste König Carol II. nun selbst Rumänien verlassen, als er den Königsmantel an den Nagel hängte, Frau Elena und Sohn Mihai sitzen ließ, um mit seiner rumänisch-jüdischen Geliebten Magda Lupescu auf strapaziöse Weise das Weite zu suchen. Rachsüchtige Anhänger der Eisernen Garde verfolgten den königlichen Zug und schossen aus allen Rohren auf den Salonwagen, das Liebespaar verbarrikadierte sich in einer kugelsicheren Badewanne und kam heil über die Grenze.

Carols neunzehnjähriger Sohn Mihai bestieg den rumänischen Königsthron, neben sich die beste Beraterin, seine Mutter Königin Elena, eine gebürtige griechische Prinzessin. Ab Oktober 1940 kamen sogenannte deutsche »Lehrtruppen« ins Land. Zuletzt waren es über 500 000 deutsche Soldaten, die über die rumänische Grenze kamen. Am 23. November 1940 trat Rumänien an deutscher Seite in den Krieg. In der Bukarester Gesandtschaft machte sich der SS-Hauptsturmführer Dr. Gustav Richter breit, um als Berater für Judenfragen zu agieren. »Rumänien wird judenfrei«, titelte er im Bukarester Tageblatt vom 8. August 1942. Er sollte glücklicherweise nicht Recht behalten. »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«, schrieb Paul Celan erstmalig in Bukarest, aber Eichmann, der Meister, wütete in Budapest, bis Bukarest kam er nicht. Marschall Antonescu tat das Seine, um die Judenverfolgung auch ohne »Endlösung« voranzutreiben. Die Königsmutter Elena hielt ihre schützende Hand über die Geächteten, wofür sie später von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt werden sollte.

Nach 1942 änderte sich die Stimmung im Lande. Die Alliierten verschoben mehr und mehr das Kräfteverhältnis. Man zeigte in Bukarest wieder offen seine Sympathien für Frankreich. Sei Mensch und nicht Deutscher, besagt ein rumänisches Sprichwort, auch wenn unter Mensch ein nachlässiges und unpünktliches Wesen zu verstehen ist. Für Hitler konnte man sich nie recht begeistern, und nach der Begegnung zwischen ihm und dem rumänischen König wurde missbilligend kommentiert: Ein König verneigt sich nicht vor einem Gefreiten.

Auch nicht vor einem Diktator wie Antonescu. An besagtem 23. August sollte filmreif über die Bühne gehen, was niemand dem jungen König zugetraut hätte. Mihai I. zitierte den Marschall in seine Amtsräume und forderte ihn auf, den Krieg zu beenden. Der Marschall lehnte ab und lobte die Karpatenfestung. Der König warnte. Antonescu bockte. Der König drohte mit Entlassung. Der Diktator höhnte, denken Sie, ich werde das Land in Ihre Hände legen – in die eines Kindes? Der König ließ Antonescu gefangen nehmen. Auch der konnte nur brüllen, »Verräter, Verräter, das werdet ihr büßen!« Zwei Offiziere suchten einen sicheren Ort für den Tobenden. Am besten ließ sich das Briefmarkenkabinett im Schloss abschließen. Von hier kam der Marschall ins Gefängnis und vor Gericht. Am 1. Juni 1946 wurde er standrechtlich erschossen. Aus dem Kreuzzug gegen den Bolschewismus wurde jetzt ein Befreiungskampf gegen den Faschismus. Der Waffenstillstandsvertrag, der am 12. September 1944 zwischen der Sowjetunion und Rumänien unterzeichnet worden war, hatte den Sowjets leider auch freie Hand in Rumänien gegeben.

Königswappen zwischen roten Fahnen

Vorerst aber ließ Stalin von sich hören. Zwei Marschälle und nicht weniger als 50 sowjetische Generäle in Galauniform traten zu der Zeremonie im Frühjahr 1945 an und standen vor dem rumänischen König Mihai I. aus dem deutschen Geschlecht der Hohenzollern stramm, als ihm die wichtigste sowjetische Auszeichnung, der Siegesorden, verliehen wurde. Als Zugabe erhielt der Hobbypilot Mihai noch ein Sportflugzeug. Den Siegesorden erhielten noch Dwight Eisenhower, Bernard Montgomery und Josip Broz Tito. Auch der amerikanische Präsident Harry Truman wollte gratulieren und veranlasste die Überreichung des Ordens Legion of Merit mit weniger Pomp an den König. Mihai I. blieb nach Kriegsende auch weiterhin als einziges Staatsoberhaupt in den von den Sowjets besetzten Ländern, wenn auch nicht an der Macht, so doch in seinem Amt. Aus Moskau wurden ihm immer wieder neue Kommunisten vor die Nase gesetzt, eine Regierungsmeute zerfledderte die andere, und nur in einem waren sich alle einig: Der König müsse so bald als möglich weg. Das Königswappen behauptete sich zwischen den roten Fahnen, ja der König blieb hart. Als das Gezänk zwischen Alt- und Neukommunisten nicht enden wollte, tat Mihai etwas, was nicht zum Repertoire von Majestäten gehört: Er trat in den Streik. Fünf Monate lang verweigerte er jeden Kontakt mit der Regierung, unterzeichnete kein Dekret, kein Gesetz. Das Volk war begeistert. An seinem Namenstag am 8. November versammelte sich eine jubelnde Menge von über 50 000 Bukarestern vor seinem Palast. Das war den neuen Machthabern zu viel. Und so kam es wieder zu einer historischen Begegnung zwischen König und Regierungschef. Diesmal stand der gerissene Ministerpräsident Petru Groza vor Mihai und legte ihm seine Abdankung nahe. Der König verlangte, dem Volk die Entscheidung zu überlassen. Groza meinte, man könne ja eine angenehme »Scheidung« herbeiführen. Der König willigte nicht ein. Da sprach der Ministerpräsident Klartext: Wenn der König nicht innerhalb weniger Tage das Land verlasse, würden 1000 verhaftete Studenten erschossen. Am 30. Dezember 1947 verließ Mihai das kommunistische Rumänien in einem großzügig zur Verfügung gestellten Sonderzug, in dem er einen Teil seines Vermögens in die Schweiz mitnehmen durfte.

Das Leben des ehemaligen Königs gestaltete sich nach dem Verlassen Rumäniens abseits aller Sensationsberichte. Er verdiente sein Geld als Testpilot und mit einer umweltfreundlichen Hühnerfarm. Propagandistische Tiraden gab er nie von sich. Nach der rumänischen Revolution 1989 kam er mit seiner Frau, einer geborenen Prinzessin von Parma, am 25. Dezember 1990 nach 42 Jahren zum ersten Mal wieder nach Rumänien. Der König wollte nur die toten Vorfahren in der Kirchengruft von Curtea de Argeș besuchen, doch der Wendehalskommunist und Präsident der jungen rumänischen Demokratie, Ion Iliescu, fürchtete die wachen Rumänen. Um deren Begeisterung über den königlichen Besuch zuvorzukommen, befahl er das Auto des Besuchers aus der Schweiz zurück zum Flughafen. Weltweit wurde dies als Versagen des befreiten Rumäniens angesehen. Zwei Jahre später sollte der Albtraum des Präsidenten doch noch Realität werden. Der König kam wieder, und eine freiwillig zusammengeströmte Menschenmenge, so gigantisch, wie sie auch der größenwahnsinnige Ceauşescu nie hatte zusammentreiben können, umjubelte den alten König, forderte seine endgültige Rückkehr ins Land und seine Ernennung zum Staatsoberhaupt. Die Popularität des bescheiden auftretenden ehemaligen Königs, Hühnerzüchters und Testpiloten fuhr der neureichen Regierung arg in die Knochen. Beim dritten Besuch in Rumänien durfte der König das Flugzeug gar nicht verlassen. Erst 1997 empfing der neugewählte Staatspräsident Constantinescu den Sechsundsiebzigjährigen mit allen Ehren und einem rumänischen Pass als Gastgeschenk. In Bukarest wurde auf dem Platz der Revolution das einst von den Kommunisten zerstörte riesige Reiterstandbild Carols I., des einst aus Deutschland eingereisten königlichen Vorfahren von Mihai I., neu aufgestellt und feierlich eingeweiht.

Seither sind fast zwanzig Jahre vergangen, und der König fungierte zeitweise als Gewissen Rumäniens. Der Neunzigjährige las als Redner vor dem Parlament seinem Volk die Leviten. Diesem Volk zuliebe verzichtete er für immer auf den dynastischen Namensanhang Hohenzollern-Sigmaringen, es bleibt beim abgedankten König Rumäniens von Gottes Gnaden. Der nunmehr Vierundneunzigjährige ließ unlängst am 10. Mai, dem wieder eingeführten königlichen Staatsfeiertag, den Gästen im Elisabeta- Palast verkünden: ›Wir haben keine Chance, zukünftigen Generationen den Weg zu ebnen, wenn wir immer Anderen die Lösung dessen überlassen, was in unserer Verantwortung liegt.‹

Dieser unkonventionelle König Mihai I. lebt unter uns und ist der letzte Vertreter der Staatsoberhäupter, die den Zweiten Weltkrieg mitbestimmten, die mit Diktatoren wie Hitler, Mussolini und Stalin in Berührung kamen, denen Churchill die Hand drückte; und dieser König ist der letzte lebende Träger des sowjetischen Siegesordens. Und für die Rumänen? War er der letzte ehrliche Mann an der Spitze ihres Staates? Eine Eigenschaft, die sie nun dem neu gewählten Präsidenten Klaus Johannis zuschreiben. Auf die Frage, ob er, der schon alte König, nicht gerne Staatspräsident des demokratischen Rumäniens geworden wäre, gab es die Antwort, dem Ruf des Landes hätte es nicht geschadet, einen Präsidenten zu haben, der mit der englischen Königin per Du ist.

Frieder Schuller

Zuerst erschienen in: Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2/2015, Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 288–232.

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