https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1242

Die Sächsische Welt im Kinderbuch

Zwei Momentaufnahmen in Reimen und Bildern

Im Sommer 2022 konnte man in der Siebenbürgischen Zeitung in einem Veranstaltungsbericht folgende Zeilen lesen:

Am 6. Juli freuten wir uns nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken über die Projektionen von Schuster Dutz’ Kinderversen und die treffenden Zeichnungen dazu. Rosel Potoradi projizierte »E lastich 1 x 1« und die dazugehörigen ausgezeichneten Illustrationen von Helmut Lehrer. Als Zugabe ergötzten wir uns noch an den Projektionen »Sachsesch Wält e Wirt uch Beld«, Gedichte von Helene Platz, gemalt von Berta Stegmann. Zum Ausklang des heiteren Nachmittags stimmten wir bekannte Lieder an.1
Sämtliche in gebundener, großenteils gereimter Sprache und in einer bestimmten Form von Kindern oder Erwachsenen für Kinder vom Kleinkindalter bis etwa 12 Jahren verfassten und von diesen rezipierten sprech-, les- und zum Teil auch singbaren Texte.11
(01) Kängd! Wat måchst tā? Åch Herjee!
Doräm git em dir Kaffee?
Net versprätz en iwerål
Af dem Däsch! ’t äs dich e Grål!14

Lediglich auf wenigen Seiten wird von diesem Prinzip abgewichen: Dreimal wird Kreuz- statt Paarreim verwendet, mitunter sind es auch mehr als sieben Silben, in fünf Fällen sind zudem die Strophen länger als vier Verse.

Abwechslung gibt es auch hinsichtlich der Sprechinstanz: Die direkte Ansprache des Kindes wie in Beispiel (01) »Kind! Was machst du?« ist die Ausnahme und kommt ansonsten nur noch einmal vor, als zwei Jungen mit Spielsachen in der Hand und zerrissener Kleidung am Körper schuldbewusst auf eine Rute an der Wand schauen:

(02) Säht nor des gebläcktich Gangen
wat dä hä hun ugefangen!
De nå Hīsen sen zerässen
uch de Schagen un de Fessen!
Wuert nor wuert, em widd ich līhren,
heckt meßt ir de Rāt nōch kīren!15

Gemeinsam ist beiden Situationen, dass mit den Kindern geschimpft wird.

In allen anderen Fällen nimmt die Sprechinstanz lediglich die Position des Beobachters ein: Einmal wird eine Szene komplett in der dritten Person geschildert, etwa als ein Mann mit Frau und Kind auf dem Heimweg vom Feld zu sehen ist, er mit geschultertem Rechen und sie mit Hacke:

(03) Wä arbet der Gebouer
aldäkest esi souer!
Des Owest zecht e hīmenzā
mät Frä uch Kängd zer sesser Rāh.16

Ein anderes Mal werden Dialoge in Anführungszeichen eingefügt, so zum Beispiel bei dem Bild, auf dem zwei Kinder sich hinter einem Baum verstecken und einer stark gebückt gehenden, alten Frau etwas ängstlich hinterhersehend sagen:

(04) »Tumes«, sprächt des Nikesō
»kännst tā dä åld Blēchän dō?
– Dåt äs dich de Lële Āne,
drīt Burezen zer Tokāne!«17

Häufig finden sich aber auch Verse, die ohne jegliche Anführungszeichen als passender Dialog zur abgebildeten Szene verstanden werden können. Ein kleines Kind reicht einer Frau, die freundlich aus dem Fenster blickt, ein Ei und sagt dabei:

(05) Härz Frä Nōberän, ech bidden,
Wärde sä sich net bekridden,
dat är Hīhn bä ås gelōcht?
Hä hun ech det Åchen brōcht.18

Die Kängdervärschker sehen demgegenüber schon auf den ersten Blick ganz anders aus.19 Der Band ist mit 36 Seiten zwar nur vier Seiten länger als die Saksesch Wält, doch sind diese noch dazu viel dichter bedruckt, sodass mehr als doppelt so viele Strophen gezählt werden können als bei Helene Platz. Bei Doris Hutter sind zwar ebenfalls auf jeder Seite Zeichnungen abgebildet, doch sind es zumeist zwei bis drei, einmal sogar fünf Strophen die darüber oder darunter Platz finden müssen. Die Zuordnung zwischen Text und Bild ist daher nicht so unmittelbar, man muss die Verse und Bilder, die zusammengehören, erst ausfindig machen. Grundlegend anders ist, dass die Strophen nicht für sich genommen eine Einheit bilden, sondern dass das Büchlein aus neun Gedichten unterschiedlicher Länge besteht.

Die Strophen sind zumeist vierzeilig, aber häufig auch länger. Die Anzahl der Silben variiert stark von Strophe zu Strophe oder gar von Vers zu Vers, sechs- und siebensilbige Verse sind dabei am häufigsten. Die Verse bilden zumeist Paarreime, wechseln manchmal jedoch völlig unvermittelt zu Kreuzreimen. Ein gutes Beispiel für dieses Spiel mit Länge und Reimschema stellen drei (der 16) aufeinanderfolgende Strophen aus dem Gedicht Klener Fratzen [Kleiner Fratz] dar:

(06) Nomm de Fänger aus der Supp,
bäst schin än der klenen Grupp!
Wonn te mät dem Lefel äßt,
säch, wä schniël te färtich bäst.
(07) Schmackt dir de Krast?
Hei, ta baißt mät Last.
dänn te wießt: dat broint
gad uch kreftich Zoind.
(08) Fir de Supp, Piree uch Fliesch
Hut em arbeden messen.
Wonn ta färtich bäst, soh hiesch:
Motter, danke äm’t Essen.20

Während (06) und (08) siebensilbige Verse aufweisen, ist (07) aus einem viersilbigen und drei fünfsilbigen Versen gebildet. In (08) findet sich einer der wenigen Kreuzreime im Buch.

Vom Spiel mit der Sprache zeugen in den Kängdervärschker insbesondere die Lautmalereien: »pik-pik« klopft der Regen,21 »tik-tak« macht die Uhr (S. 8), »schnipp-schnapp« schneidet die Schere.22 Neben diesen »Geräuschen« finden sich insbesondere in den Versen über zahlreiche Haus- und Nutztiere Onomatopoetika: »mä-mä-mä« macht das Lamm,23 »hopp« springt der Hase und »pak« fällt er hin,24 mit »pis-pis-pis« lockt man den Kater,25 und »gi-ga-ga« ruft die Gans.26 Mindestens 15 Tieren begegnet das Kind im Gedicht Mä – mä – mä,27 es ist, als mache es einen Spaziergang über den Bauernhof und schildere seine Beobachtungen.

Dies ist ein wichtiges Charakteristikum der Gedichte: Sie sind häufig aus der Perspektive des Kindes geschrieben, also in der Ich-Form, denn Doris Hutter hatte nach eigenem Bekunden nicht das Vorlesen durch einen Erwachsenen im Kopf, als sie die Verse verfasste, sondern vielmehr das Kind, das die Verse wiederholt und selbst spricht.28 Die Ich-Form bietet Identifikationsmöglichkeiten. So geht das Kind in Terf ich virställen? [Darf ich vorstellen?] seine ganze Familie durch und sagt beispielsweise:

(09) Me Sästerchen kocht Suppen
fir de Gedär uch Puppen.
Und won se Hochzet hun,
kan ich uch äst bekun.
(10) Me Brader kit geridden,
na äs e en Bandit
und let mich net ä Friden,
säht nor, wä scharf e kit. […]29

Andere Strophen klingen eher danach, als würden mehrere Kinder miteinander ­spielen:

(11) Men Puppenwäjelchen äs na
und schafft men Puppen allen dra
spazären schin um Morjen.
Ech wäll mer gat draf sorjen.
(12) Den Puppe äs noch klien
und wäl ne schlofe schin.
Kotsch se mät enem Kliedchen,
säng er derza a Liedchen.30

Die Du-Form wird daneben aber sehr gerne auch verwendet, um aus der Perspektive der erwachsenen Person zu sprechen, was insbesondere in Klener Fratzen der Fall ist, wie die Beispiele (06) bis (08) bereits gezeigt haben. Das Kind wird dadurch direkt angesprochen und entweder getadelt und gewarnt oder aber auch bestärkt und gelobt:

(13) Gihst ta schin äm Brit?
Wä fen dir daut stiht.
Hälfst der Motter und em set,
ta bäst grieß und bäst geschet.31

Bemerkenswert ist, dass die dritte Person, das heißt, die vermeintlich beobachtende und beschreibende Perspektive völlig fehlt. Hutters Verse haben häufig appellativen Charakter, mitunter sind sie dabei auch moralisierend.

Vermittelte Inhalte und Werte

Betrachtet man die Kinderlyrik der letzten 200 Jahre, fällt auf, wie sie sich von der Lehrdichtung des 18. Jahrhunderts, die moralische Gebote, Tugenden und Verhaltensvorschriften vermittelte, hin zum »neuen Kindergedicht« der 1950er- und 1960er-Jahre entwickelt hat, das ohne moralischen Appell und Erziehung der Kinder auskommt und dafür vielmehr Partei für das Kind ergreift.32 Die kindliche Sicht der Welt, seine Empfindungen und Stimmungen stehen heute im Mittelpunkt, auch die Komik und das Spiel haben an Bedeutung gewonnen. Scheut man sich davor, die Entwicklungen in Deutschland direkt auch auf Siebenbürgen zu übertragen, findet man jedoch in den Worten Emmerich Reichraths Bestätigung, wenn er 1984 über die neuesten Kinderbücher sagt, »daß in ihnen der berüchtigte Zeigefinger tunlichst vermieden, das Kind als Partner behandelt, an seine Kreativität und noch unverschüttete Beobachtungs- und Erlebnisfähigkeit appelliert wird.«33 Dass Überbleibsel des moraldidaktischen Kindergedichts daneben aber freilich immer noch parallel existier(t)en, versteht sich von selbst.

Wo sind hier die Saksesch Wält und die Kängdervärschker einzuordnen? Keins der Kinderbücher kommt völlig ohne den erhobenen Zeigefinger aus, der vor allem in den Versen in Du-Form stark zum Vorschein kommt – was bei Hutters Gedichten viel häufiger der Fall ist. Außer in konkreten Handlungsanweisungen (06) und (08) und Drohgebärden (02) werden Moral- und Wertvorstellungen aber auch häufig indirekt durch das Aufzeigen vorbildlicher Handlungen vermittelt. Das kleine Kind gibt das Ei zurück (05), reinliche Kinder bringen der Großmutter zum Geburtstag Kuchen und Blumen,34 und wenn ein Kind auf den Baum klettert, bricht es sich natürlich den Fuß.35 Ziel eines Kindergartenkindes soll es sein, groß und gescheit zu werden und in der Schule viel zu lernen.36 Bei Platz ist zudem die Rollenverteilung offensichtlich: Der Junge geht mit dem Vater vermutlich Bären schießen,37 die Mutter backt,38 die Mädchen sollen stricken statt spielen,39 die Jungen spielen wild,40 und der Junge bittet das Mädchen zum Tanz.41 Auch bei Hutter kümmert sich die Mutter um das Essen,42 der Bruder spielt mit Pistolen und Autos, während die Schwester Suppen kocht,43 doch führen die Ich- und Du-Perspektiven dazu, dass nicht automatisch feststeht, wer welche Handlung vollzieht. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass sowohl ein Junge als auch ein Mädchen gemeint sein kann oder sich angesprochen fühlt.

Nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich nehmen das Spiel und die Kreativität bei Doris Hutter einen deutlich größeren Raum ein. Das Kind wird ausdrücklich dazu ermutigt, die Welt zu erkunden, neugierig zu sein, sich Fantasiewelten zu erschaffen oder durch Verkleiden in andere Rollen zu schlüpfen. Durch die Thematisierung von Schmerz, Krankheit und Kummer, aber auch Stolz und Zuneigung finden die kindlichen Gefühlsregungen stärkere Berücksichtigung.

Was in den Kängdervärschker mit Ausnahme der Urzeln – einer spezifisch Agnethler Fastnachtsgestalt – jedoch fast komplett fehlt, sind erkennbar siebenbürgisch-sächsische Eigenheiten. In der Saksesch Wält werden, wie es der Titel ja schon ankündigt, viel mehr identitätsstiftende Elemente aufgenommen: Der Leser begegnet dem Borten, den die junge Frau nach der Heirat als Kopfbedeckung ablegen wird, dem sächsischen Gebäck Hånklich und Hībes, einem sächsischen Blumenmuster auf einer Wiege, dem Richter Johann Georg Hihn sowie dem Schornsteinfeger Gustav Glatz aus Hermannstadt. Zahlreiche sächsische Vornamen werden genannt (unter anderem Misch, Tumes, Mächel, Treng, Susken, Fichen), und nahezu alle Personen tragen sächsische Alltagstracht, häufig reich bestickt, selbst wenn sie in den Wald gehen, von der Feldarbeit kommen oder Gemüse verkaufen. Das ist bei den Kängdervärschker nicht der Fall, die gemalten Szenen sind sowohl vom Mobiliar als auch von der Kleidung her für gewöhnlich keiner ethnischen Gruppe zuzuordnen. Einzig der Groß­vater scheint in einer sächsischen Stube zu schlummern.44

Doris Hutter verzichtet im Grunde völlig darauf, ethnische Gruppen als solche darzustellen. Die Lebenswelt des Kindes ist vor allem von der Familie und dem häuslichen Umfeld bestimmt.45 Anders bei Helene Platz: Die meisten Szenen spielen draußen, und so sind Begegnungen mit anderen Ethnien die logische Konsequenz: Die Kinder begegnen nicht nur der alten Rumänin Lele Ane, sondern auch einem Juden mit Bauchladen,46 der jungen Frau Marutz, die Mais an der Haustür verkauft,47 und einem Roma-Jungen, der am Hoftor bettelt.

Die Begegnung mit Marutz führt im Übrigen dazu, dass sogar einige Worte auf Rumänisch Eingang ins Buch gefunden haben:

(14) Än em Zīker brängt Marutz
wīch gekōchte Kukerutz
»Kum dai?« frōcht det Stefanie
und et åntwert: »Doi ku tri!«48

Es gehört zum konstruierten Bild des multiethnischen Siebenbürgens, dass sich ein kleines sächsisches Mädchen mit einer rumänischen Verkäuferin, die im Übrigen an ihrer Volkstracht zu erkennen ist, problemlos verständigen kann. Auffällig ist, dass mit dem Roma-Jungen kein Gespräch geführt wird, die Kinder am Zaun (oder die Sprechinstanz?) reden vielmehr auf Sächsisch über ihn:

(15) Tā gewädderter Zegunn!
Glech guege mer dich dervun!
Kees uch Brīt huet e bekun,
und wäll uch nōch Pāli hun.49

Offenbar wurde diese herabwürdigende Darstellung des Jungen durch Bild und Text im Rumänien der 1970er-Jahre nicht als angebracht angesehen, die Seite wurde bei der Neuauflage 1971 nämlich ausgelassen. Erst seit dem Nachdruck von 1988 ist sie wieder in der Saksesch Wält enthalten, wobei sich durchaus die Frage stellt, warum dieser diffamierende Text überhaupt wieder aufgenommen wurde.

Bemerkenswert ist, dass sowohl der Jude als auch der Roma-Junge, anders als die Rumäninnen Marutz und Lele Ane, keine Eigennamen tragen, sondern jeweils für eine ganze ethnische Gruppe stehen. Während die Darstellung des Juden, der mit langem Bart, Hut und einem Bauchladen mit »schönen Dingchen« [hīsch Dängelcher] durch die Straßen geht, zwar stereotyp, sonst aber eher unauffällig ist, wird sich beim Roma-Jungen mehrerer Klischees bedient: Barfüßig, schmutzig und in zerschlissener Kleidung bettelt er um Schnaps.

Bild zum Text oder Text zum Bild?

Die Szene mit dem auch anders aussehenden (!) Jungen zeigt sehr gut, wie wichtig die Bilder in der Saksesch Wält sind, sie kommentieren und verstärken die Aussagen der Texte. Ohne an dieser Stelle ausführlich auf die Geschichte des Bilderbuches oder auf die vielen möglichen Wechselbeziehungen zwischen Text und Bild eingehen zu wollen, soll ein Unterschied doch hervorgehoben werden: Während man bei den Kängdervärschker eher davon sprechen kann, dass die Illustrationen von Dana Schobel-Roman den Text nur begleiten, ist es bei den Zeichnungen von Berta Stegmann eher andersherum, und der Text von Helene Platz ergänzt vielmehr die Bilder. Die Saksesch Wält ist ein Bilderbuch, wo stets ein Bild und eine Strophe zusammengehören. Die mit schwarzem Strich gezeichneten Bilder haben dadurch auch ausreichend Platz. Sie erzählen für sich alleine eine Geschichte, sind leicht zu verstehen und zeigen in der Regel völlig realistische und typische Interaktionen zwischen Menschen. Dank solcher Elemente wie Hausmauern, Wanduhr, Grasbüschel oder Horizontlinie können sie im Raum verortet werden.

Die Illustrationen in den Kängdervärschker haben demgegenüber zu wenig Platz, um eine wirkliche Wirkung zu erzielen. Zum Teil wirken die schwarz gezeichneten und hellblau kolorierten Figuren und Personen recht zusammengewürfelt, sie ergeben kein einheitliches Bild. Eine Katze beinahe in der Größe eines Kindes und Blumen,50 die mit einer Tasse in der Hand den Regen auffangen,51 sind fantasievoll-absurde Elemente. Welche Art der Darstellung auf die kindlichen Rezipienten welche Wirkung hat, wurde von der Forschung bislang nicht herausgearbeitet.52 Erwähnt wird es an dieser Stelle lediglich, weil die Bilder in den Kängdervärschker mitunter wie aneinandergereihte Kommentare des Textes wirken und keine selbstständige Erzählung ergeben.53

Die Rezeption bis heute

Sind es also die gelungenen, eingängigen Bilder, die die Saksesch Wält so erfolgreich gemacht haben? Oder lag es an den einprägsamen Reimen? Als 1971 die Neuauflage durch den Kriterion-Verlag angekündigt worden war, schrieb Hans Bergel in der Siebenbürgischen Zeitung:

Ein Stück sächsischer Welt – von einst – ist in ihren Charakteristika beobachtet und mit knappen [sic!], sicherem Strich festgehalten – e Wirt uch Beld. Der Fantasie ist Raum gelassen, sowohl den Versen als den Bildern hinzuzufügen, was der einzelne Leser und Betrachter aus seiner, um ein Dorf weiter gelegenen Welt mitbringt.54

Michael Markel formulierte es in seinem Nachwort zur Neuauflage 1971 ähnlich:

Außerdem kommt die Einfachheit der Verse und die gefällige Robustheit der Zeichnungen, die einen Lebensmoment der Kinderwelt und -umwelt im Lokal- und Zeitkolorit festhalten, dem Kleinkind durchaus entgegen.55

Einerseits wird es also wirklich an der Gesamtgestaltung gelegen haben: Die Verse kann man sich leicht merken, und sie lassen sich aufgrund ihrer Regelmäßigkeit von Kindern auch gut aufsagen. Die Bilder wiederum sind ansprechend, drollig und erzählen eine eigene Geschichte. Andererseits ist der Erfolg aber auch darin begründet, dass die dargestellte, (von Städterinnen imaginierte) bäuerliche Welt heil ist und dort alles seine Ordnung hat. Da kann in der Rückschau und bei den nachfolgenden Generationen, die das Buch ja jahrzehntelang noch erworben haben, leicht Nostalgie aufkommen.

Die Kängdervärschker hingegen wecken mitunter andere Gefühle, auch die Moralpredigt steht hier höher im Kurs. Zudem sind es – wie bereits erwähnt – deutlich mehr Strophen als Illustrationen, das heißt, das Zusammenspiel zwischen Text und Bild funktioniert nicht so gut. Die Frage, ob die Verse aus den 1980ern von den Lesern rückblickend ebenfalls mit so viel Nostalgie bewertet werden, lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten, da der Verfasserin keine Äußerungen von damaligen RezipientInnen vorliegen. Wer hat das Buch überhaupt gelesen? Dass die Kängdervärschker weniger weit verbreitet waren als die Saksesch Wält, könnte freilich an der Qualität gelegen haben, völlig unabhängig vom Buch selbst muss aber auch berücksichtigt werden, dass es 1988 viel mehr Alternativen für Kinder gab als 1912 und der Buchmarkt (wenn auch auf Hochdeutsch und nicht in Mundart) deutlich größer war. Nicht vergessen darf man ferner, dass ab 1990 der Großteil der Siebenbürger Sachsen Rumänien verlassen hat. Die potenzielle Leserschaft war innerhalb kürzester Zeit verschwunden.

Heute kennen die in Deutschland geborenen Kinder mit siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln zumeist weder das eine noch das andere Buch. Neue Kinderliteratur in Mundart wird so gut wie nicht verfasst oder dient dann nur vereinzelt dem innerfamiliären Gebrauch. So sehr Michael Markels Aussage »daß die Mundart noch immer die eigentliche Muttersprache der meisten sächsischen Kinder ist«56 1971 noch gestimmt hat, so sehr ist dies im Jahr 2023 eben nicht mehr zutreffend. Für die meisten Kinder heute sind nicht nur die dargestellten sächsischen Welten Vergangenheit, sondern auch der zugehörige Dialekt.

Ob es den Banater Schwaben mit ihren Mundartbüchern für Kinder eigentlich genauso geht? Die Frage nach der Entwicklung bei anderen rumäniendeutschen Communitys stellt sich umgehend. Es gäbe darüber hinaus noch unzählige Fragen zu stellen und Aspekte zu vertiefen, so könnte man etwa nach der Rezeption der Werke in pädagogischen Kreisen fragen oder genauere Bildanalysen vornehmen. Doch das kann diese Untersuchung nicht bieten. Am Ende sagte auch Helene Platz: »Na äs et ous, det Belderbach. / Fir heckt huet er dich uch genach!«57

The Transylvanian-Saxon World in Children’s Books.
Two Snapshots in Rhymes and Illustrations

(Abstract)

The Transylvanian Saxon dialect was the common everyday language for many Saxons in Transylvania in the 20th century, but the dialect rarely made it into the written language. The two children’s books Saksesch Wält e Wirt uch Beld (1912) by Helene Platz and Kängdervärschker (1988) by Doris Hutter with their illustrated rhymes in dialect are therefore quite exceptional. This article compares the two works and explores the question of why the older book was so much more successful than the newer one. Looking at the language, the content and the illustrations, the paper argues that Saksesch Wält was probably better received because of its simpler rhymes and more pleasing pictures. The idealised depiction of peasant life has also been very popular since 1912, driven by nostalgia. Last but not least, the respective circumstances of the time also influenced the reception: in 1988, there were many more competing offers for children, and in addition, the resettling of the Transylvanian Saxons, and thus of the target group, from Romania, was already in full swing. Although (or precisely because) there is no more widely published children’s literature in the Transylvanian Saxon dialect today, the author would like to see a more in-depth study of books in the dialects of other Romanian-German minorities as well.

  1. Rosel Potoradi: Kulturnachmittag mit Humor im HdH. In: Siebenbürgische Zeitung (i. f.: SbZ), F. 12, 25.7.2022, S. 15. ↩︎

  2. In der SbZ lassen sich einige Beispiele dafür finden, wie versucht wird, in Deutschland aufgewachsenen Kindern aus siebenbürgisch-sächsischen Familien die Gedichte näherzubringen: Vortrag der Verse durch Kinder in Tracht anlässlich einer Muttertagsfeier (F. 8, 31.5.2008, S. 22), Teil eines Workshops im Rahmen einer Vortragsreihe über die Geschichte Siebenbürgens für Kinder (F. 7, 30.4.2011, S. 16). ↩︎

  3. Eine Neuauflage in der Druckerei Johann Stegmann erfolgte noch in der Zwischenkriegszeit, das Jahr ist jedoch nicht genau auszumachen. 1971 und 1975 druckte der Kriterion-Verlag in Bukarest das Buch nach, und 1987 und 1988 legten die Siebenbürgischen Jugendseminare das Buch als Heft 2 der Kleinen Schriftenreihe in München neu auf, wobei 2006 und 2015 ein Nachdruck erfolgte. ↩︎

  4. Siehe Horst Schuller Anger: Vorwort. In: ders. (Hg.): Vill Sprochen än der Wält [Viele Sprachen in der Welt]. Dichtung im Dialekt. Cluj-Napoca 1988, S. 5–19, hier. S. 9–16. ↩︎

  5. Siehe Michael Markel: Nachwort. In: Helene Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld. Bukarest 1971 [Nachdruck der Ausgabe Mühlbach 1912], S. 37–38; sowie Konrad Klein: »Geknipst im Sachsenkleid«. Biographische Notizen zur Mundart- und Kinderbuchautorin Helene Platz. In: SbZ, F. 6, 15.4.2011, S. 8. ↩︎

  6. Klein: Geknipst im Sachsenkleid. ↩︎

  7. Ebenda. ↩︎

  8. Helene Platz: Det Rotkäppchen und det Schneewittchen än sakseschen Reimen. Hermannstadt 1920. ↩︎

  9. Josef Haltrich: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. Berlin 1856. ↩︎

  10. Siehe Annemarie Weber, Petra Josting, Norbert Hopster (Hgg.): Rumäniendeutsche Kinder- und Jugendliteratur 1944–1989. Eine Bibliographie. Köln 2004. Die beigefügte CD-ROM enthält dankenswerterweise auch zahllose Nachweise zur Rezeption der aufgeführten Kinder- und Jugendbücher. ↩︎

  11. Kurt Franz: Kinderlyrik. In: Günter Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1: Grundlagen – Gattungen. Baltmannsweiler 2000, S. 201–227, hier: S. 201. ↩︎

  12. Franz: Kinderlyrik, hier: S. 201f., nennt unter anderem Verfasserschaft, Entstehungsbedingungen, Verbreitungsprozesse, Textkonstituenten, Formen und Genres, Anwendungsbereiche und Gebrauchswert. ↩︎

  13. Im fotomechanischen Nachdruck von 1971 und 1975 beziehungsweise in der Neuauflage von 1987 sind es nur 31 Seiten, da eine Seite ausgelassen wurde. Der Verfasserin liegt die dritte Auflage von 1971 vor, darauf beziehen sich im Folgenden die Seitenangaben, wenn nicht anders vermerkt. ↩︎

  14. Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld, S. 5: Kind! Was machst du? Ach, Herrje! / Darum gibt man dir Kaffee? / Nicht verspritz ihn überall / auf dem Tisch! Es ist ja ein Graus! [Alle Übersetzung aus dem Siebenbürgisch-Sächsischen von Dagmar Seck]. ↩︎

  15. Ebenda, S. 19: Seht nur diese Lausbuben / was die hier haben angefangen! / Die neuen Hosen sind zerrissen / und die Schuhe an den Füßen! / Wartet nur wartet, man wird euch lehren / heute müsst ihr die Rute noch kosten. ↩︎

  16. Ebenda, S. 17: Wie arbeitet der Bauer / manchmal so sauer! / Des Abends geht er heimwärts / mit Frau und Kind zu süßer Ruh. ↩︎

  17. Ebenda, S. 7: »Tumes«, spricht Nikeso, / »kennst du die alte Rumänin dort? / – Das ist doch das Mütterchen Ane, / [sie] trägt Pilze zum Eintopf.« ↩︎

  18. Ebenda [1971], S. 21: Liebe Frau Nachbarin, ich bitte, / werden Sie sich nicht ärgern, / dass Ihr Huhn bei uns gelegt? / Hier habe ich Ihnen das Ei gebracht. ↩︎

  19. Die Frage nach der Grafie und den verwendeten diakritischen Zeichen wäre interessant, soll an dieser Stelle jedoch nicht behandelt werden. Hier soll der Hinweis genügen, dass sich Unterschiede feststellen lassen, so zum Beispiel bei der Darstellung von langen Vokalen, die bei Platz mit einem hinzugefügten Längestrich und bei Hutter mit einem Dehnungs-h oder Dehnungs-e (nach i) ausgedrückt werden. ↩︎

  20. Hutter: Kängdervärschker, S. 24: Nimm die Finger aus der Suppe, / bist schon in der kleinen Gruppe! / Wenn du mit dem Löffel isst, / schau, wie schnell du fertig bist. // Schmeckt dir die Kruste? / Hei, du beißt mit Lust. / Denn du weißt: das bringt / gute und kräftige Zähne. // Für Suppe, Püree und Fleisch / hat man arbeiten müssen. / Wenn du fertig bist, sag schön: / Mutter, danke fürs Essen. ↩︎

  21. Ebenda, S. 5. ↩︎

  22. Ebenda, S. 25. ↩︎

  23. Ebenda, S. 28. ↩︎

  24. Ebenda, S. 29. ↩︎

  25. Ebenda, S. 30. ↩︎

  26. Ebenda, S. 31. ↩︎

  27. Ebenda, S. 28–34. ↩︎

  28. Gespräch der Verfasserin mit Doris Hutter am 25.11.2022. ↩︎

  29. Hutter: Kängdervärschker, S. 18: Mein Schwesterchen kocht Suppen / für die Tiere und Puppen. / Und wenn sie Hochzeit haben, / kann ich auch etwas bekommen. // Mein Bruder kommt geritten, / nun ist er ein Bandit / und lässt mich nicht in Frieden, / seht nur, wie scharf er kommt. […] ↩︎

  30. Ebenda, S. 7: Mein Puppenwägelchen ist neu / und fährt meine Puppen alle drei / schon am Morgen spazieren. / Ich will gut darauf aufpassen. // Deine Puppe ist noch klein / und will nun schon schlafen. / Deck sie zu mit einem Kleidchen, / sing ihr dazu ein Liedchen. ↩︎

  31. Ebenda, S. 27: Gehst du schon um Brot? / Wie gut dir das steht. / Hilfst der Mutter und man sieht, / du bist groß und bist gescheit. ↩︎

  32. Hans-Heino Ewers: Kinderlyrik im bürgerlichen Zeitalter. Ein Rückblick auf die Ära des Kindergedichts. In: ders.: Erfahrung schrieb’s und reicht’s der Jugend. Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2019, S. 259–274. ↩︎

  33. Emmerich Reichrath: Vorwort. In: ders. (Hg.): Reflexe II. Aufsätze, Rezensionen und Interviews zur deutschen Literatur in Rumänien. Cluj-Napoca 1984, S. 9–18, hier: S. 13. ↩︎

  34. Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld, S. 23. ↩︎

  35. Ebenda, S. 8. ↩︎

  36. Hutter: Kängdervärschker, S. 14f. ↩︎

  37. Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld, S. 11. ↩︎

  38. Ebenda, S. 29. ↩︎

  39. Ebenda, S. 28. ↩︎

  40. Ebenda, S. 19. ↩︎

  41. Ebenda, S. 20. ↩︎

  42. Hutter: Kängdervärschker, S. 24, S. 27. ↩︎

  43. Ebenda, S. 18. ↩︎

  44. Ebenda, S. 17. ↩︎

  45. Nach eigener Aussage hatten die anderen Völker für sie und ihre Wahrnehmung der kindlichen Umwelt (in Agnetheln) damals einfach keine Relevanz (Gespräch der Verfasserin mit Doris Hutter am 25.11.2022). ↩︎

  46. Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld, S. 16. ↩︎

  47. Ebenda, S. 18. ↩︎

  48. Ebenda, S. 18: In einem Korb bringt Marutz / weich gekochten Mais / »Was verlangst du?« fragt Stefanie / und sie antwortet: »zwei kosten drei [Lei]«. ↩︎

  49. Helene Platz: Saksesch Wält e Wirt uch Beld. München 1988, ohne Seitenangaben: Du verdammter Zigeuner! / Gleich jagen wir dich davon! / Käse und Brot hat er bekommen, / und will auch noch Schnaps haben. ↩︎

  50. Hutter: Kängdervärschker, S. 22. ↩︎

  51. Ebenda, S. 20. ↩︎

  52. Jens Thiele: Das Bilderbuch. In: Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. S. 228–245, hier: S. 239. ↩︎

  53. Wie eng Helene Platz und Berta Stegmann zusammengearbeitet haben, ist leider nicht bekannt. Doris Hutter jedenfalls hatte keinerlei Kontakt zu Dana Schobel-Roman und war nach eigener Aussage mehr als überrascht, als sie die fertigen Bilder sah, da die überhaupt nicht ihren Vorstellungen eines Kinderbuches entsprachen (Gespräch der Verfasserin mit Doris Hutter am 25.11.2022). ↩︎

  54. Hans Bergel: Ein siebenbürgisches Kinderbuch als Zeitdokument. Gedanken zu einem Bukarester Veröffentlichungs-Vorhaben. In: SbZ, F. 7, 30.4.1971, S. 3 [Hervorhebung im Original]. ↩︎

  55. Markel: Nachwort, S. 37. ↩︎

  56. Markel: Nachwort, S. 37. ↩︎

  57. Platz, Saksesch Wält, S. 35: Nun ist es aus, das Bilderbuch. / Für heute habt ihr doch auch genug. ↩︎