https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1522

Aus Dichtung wird Wahrheit

Mein Opa! Es gibt ihn wirklich! Auch ich habe einen Großvater. Nur wohnt er in Budapest, wie Oma Hilda. Ich habe ihn noch nie gesehen. Aber jetzt ist er da! Ich bin vier. Jetzt ist er das erste Mal bei uns in Erlangen. Den ganzen Tag sitze ich auf seinem Schoß, und er liest mir vor: Die ungarischen Märchen aus dem neuen Buch, das ihm Oma Hilda für mich mitgegeben hat. Ich genieße es, mich an ihn zu kuscheln, und lausche gebannt. Stellenweise sind die Geschichten so gruselig, dass ich es kaum aushalten kann, überhaupt kann ich vieles nicht verstehen. Aber auf seinem schützenden Schoß fühle ich mich sicher und geborgen. Und er liest, und liest und liest. Nur manchmal hält er inne, räuspert sich und sagt: »Mein Hals ist trocken. So kann ich nicht weiterlesen.« Ich weiß, jetzt muss ich schnell zum Kühlschrank und ihm eine Flasche Bier holen. Dann liest er weiter, unermüdlich. Einmal darf ich mit ihm und meinem Papa mit zur Weinstube Kach, da gehen sonst nur die Erwachsenen hin, in den Keller, wo es ganz finster ist und fast ein bisschen unheimlich. Sogar an seinem Weinglas mit ungarischem Kadarka lässt er mich nippen und lacht: »Szesztestvér«, sagt er zu mir. Das Wort kenne ich nicht, aber der Tonfall klingt anerkennend.

Zwei Wochen ist er bei uns, dann fährt er wieder nach Hause, nach Budapest.

Ich denke oft an ihn. Als ich in die Schule komme und schreiben lerne, löchere ich meine Mutter: »Wie schreibt man das ungarisch?«, will ich immer wissen, und manchmal schicke ich meinem Opa eine Postkarte.

Von ihm kommt nur sehr selten Post, zwar adressiert er schon mal einen Brief an mich, doch darin geht es vor allem um Erwachsenensorgen, um Dinge, die ich nicht verstehe. Er klagt über die hohe Stromrechnung, schreibt, dass seine Frau Ilonka, die ich nicht kenne, im Krankenhaus liege, und Ähnliches. Am Schluss findet sich dann ein kurzer Gruß an mich. Ein bisschen bin ich enttäuscht.

Das nächste Mal sehe ich ihn erst Jahre später, als ich schon zehn bin, 1969, bei unserem ersten Besuch in Budapest. Sagenumwoben ist dieser Ort in meiner Fantasie, und unerreichbar. Jetzt also werde ich das alles gleich selbst sehen!

Mein Vater ist nicht dabei, nur meine Mutter. Und sie ist sehr nervös. Bald verstehe ich, warum: An der Grenze versperrt uns ein rot-weiß-grüner Schlagbaum den Weg. Daneben ein hoher Wachturm. Oben stehen zwei Soldaten und halten ihre Gewehre auf uns gerichtet. So etwas habe ich noch nie gesehen. Das macht Angst.

Auf der Fahrt pocht mein Herz vor freudiger Erwartung. Alles ist so anders. Die Straßen voller Schlaglöcher, viel Staub, lauter Pferdefuhrwerke, wie es sie bei uns in Deutschland gar nicht mehr gibt, nie gesehene Autos, die meisten spucken dicke schwarze Wolken aus ihrem Auspuff. Die Fahrt ist lang, wir fahren durch viele Dörfer und Städtchen, sehr ärmliche, verfallene Häuser säumen den Straßenrand, es dunkelt schon, als die Lichter sich mehren und wir an altertümlichen Ikarus-Bussen vorbeifahren, die gemächlich über das holprige Kopfsteinpflaster zuckeln. Dann ein Glitzern und Funkeln, das ist das mächtige Band der Donau, mit all den Lichtern, die sich im Wasser spiegeln, großartig und prächtig spannen sich Brücken über sie. Wir sind da! Erst fahren wir zu Oma Hilda, die in einem großen alten Haus in der dicht be­fahrenen Frankel Leó utca wohnt. Es empfängt uns ein ganz eigener, fremdartiger Geruch, leicht moderig, gemischt mit dem mir so vertrauten Duft von Lecsó, einem Eintopf aus Tomaten und Paprika, wie ihn meine Mutter oft kocht. Die Wohnungstür öffnet sich, dahinter ein schmaler Flur, durch den man sich schlängelt und quetscht, an einer winzigen Teeküche, an einem undefinierbaren, schuhschrankartigen Möbelstück vorbei, ein Kühlschrank soll das sein, sagt Oma, so einer, für den man beim Eismann Eisbrocken holen muss, der einmal die Woche kommt, man weiß ja nie, wann der Strom ausfällt oder der neue kaputt geht, daneben eine altertümliche Nähmaschine mit Fußpedal, dicht an dicht säumen sie die Wand, man kämpft sich durch bis zum Wohnzimmer. Auch das ist vollgestopft mit dunklen, klobigen Möbeln: Ein riesiger Esstisch dominiert den Raum, rundum Stühle, manche ausladend, mit Armlehnen, links dahinter eine wuchtige Kommode, daneben über Eck zwei Betten, rechts, gegenüber, ein riesiger Schrank, darauf akkurat, in Reih und Glied, unzählige Einweckgläser voller selbstgekochter Marmelade. Man kann sich kaum rühren und ist geradezu erleichtert, wenn man auf den Balkon treten kann. Auf der großen Straße unten bremsen quietschend gelbe Straßenbahnen an der Haltestelle, dann noch eine Straße, und dahinter sieht man die Donau.

Großvater Tivadar wohnt auch im Stadtteil Óbuda, deutsch heißt das Altofen, gar nicht so weit von Oma Hilda. Sie führt uns dorthin.

Der Weg ist ernüchternd. Über allem liegt grauer Staub, von den Häusern bröckelt der Putz, oft sind merkwürdige Vertiefungen zu sehen. Das sind Einschusslöcher, erklärt meine Mutter, noch aus dem Krieg oder von 1956, damals war die Revolution. Wir müssen langsam fahren und vorsichtig, denn immer wieder tun sich auch mitten in der Stadt im holprigen Kopfsteinpflaster tiefe Schlaglöcher auf, manchmal ist die Straße unvermittelt aufgerissen, wahrscheinlich war da ein Rohrbruch oder eine defekte Stromleitung, man muss sehr aufpassen, denn kein Schild, nichts kennzeichnet die Stellen. Es folgen Gässchen mit kleinen, ebenerdigen Häusern, ihr schmutziges Ocker lässt ihr einst strahlendes Sonnengelb aus den Kindheitserinnerungen meines Vaters kaum mehr erahnen. Endlich sind wir da. Geradezu dörflich mutet es hier an. Alte Bäume säumen die Straße und verdecken mit ihrem Laub das trostlose Grau. Ein Tor öffnet sich in der Mauer, wir treten ein, und ein ganzes Karree von Weinreben empfängt uns in dem kleinen Hof. Großvater wohnt mit seiner neuen Frau in dem winzigen Häuschen dahinter. Im Wohnzimmer ist es eng, nur dicht an dicht passen wir um den Tisch. Auch hier riecht es ein bisschen moderig. Das Gespräch geht etwas schleppend voran. Meine Schwester und ich, wir sitzen artig stumm daneben, ganz ans Eck gequetscht, und sehen kaum über den Tischrand. Wir bekommen Himbeersirup, für die Erwachsenen gibt es Wein aus einer Plastikflasche. Die beiden haben ihn selbst gekeltert, aus den eigenen Trauben vom Hof.

Wir müssen bald weiter.

Erst zwei Jahre später kommen wir wieder nach Budapest. Jetzt ist auch mein Vater dabei.

Nach Ungarn fahren wir von nun an jedes Jahr, manchmal sogar öfter. Immer die gleiche Strecke, die gleiche Szenerie. Erlangen, Passau, kurvenreiche Landstraße die Donau entlang, schmucke Dörfer, saftig grüne Wiesen, die Alpen, märchenhaftes Panorama, dann endlose Ebene, monotone Autobahn, endlich, links, dieser hässliche Betonturm mit dem brüllenden Reklamelöwen! Hurra, wir sind schon bei Linz! Die Hälfte haben wir geschafft, es ist eng, zu viert in unserem Citroën, vorn sitzen die Eltern, hinten meine Schwester und ich, eingezwängt zwischen riesigen runden Papptrommeln voller Waschpulver, Persil, Dash, zehn Kilogramm die Packung, dazu Berge von Bananen, Orangen, billige Nylonstrümpfe und Schokolade von Norma, merkwürdige Geräte, zum Beispiel ein Trennschleifer, sogenannte Kohlebürsten, die aber gar nicht wie Bürsten aussehen, weitere Ersatzteile, alles Mitbringsel für Freunde und Verwandte in Budapest, unsere »Ente« watschelt schnaufend mit 100 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft, dort links, das ist schon Kloster Melk, gleich sind wir in Wien, vorbei an Schloss Schönbrunn, dann folgt das Industriegebiet mit den Raffinerien, kleine staubige Landstraßen durch das Burgenland, verschlafene Dörfchen, der Neusiedler See, »schau, da hinten«, erzählt meine Mutter, »da ungefähr sind wir 1956 über die Grenze, zu Fuß die Bahngleise entlang«. Dann wieder die Wachtürme, oben die Soldaten, das Maschinengewehr im Anschlag auf uns gerichtet, der rot-weiß-grüne Schlagbaum hebt sich und schließt sich hinter uns gleich wieder. Manchmal warten wir stundenlang in der Hitze, endlose Autoschlangen, endlich kommt ein Grenzsoldat mit strenger, abweisender Miene, wir müssen aussteigen, ein Uniformierter leuchtet mit der Taschenlampe unter die Sitze, zieht beliebig Tüten, Koffer aus dem Wagen, wühlt darin, wir lassen alles artig und mucksmäuschenstill über uns ergehen, dann endlich, nach vielen bangen Minuten, Stunden, dürfen wir wieder einsteigen und weiter. Wir sind in Ungarn, endlich, endlich, lauthals singen wir, »széles a Duna, keskeny a partja, Relle család átugrotta«, wir schmettern es heraus, so laut wir können, befreit, wir überholen eine Pferdekutsche, Feldarbeiter mit müden Gesichtern in klobigen schwarzen Stiefeln sitzen darauf, alles an ihnen ist grau, ärmlich, nur ihre ausgeleierten Pullover leuchten in grellen Farben, wie es sie nur hier gibt, billigste Kunstfaser, die Straße ist holprig, »megy a kocsi, porzik az út utána«, singen wir im Chor, und alles ist fremd und doch irgendwie vertraut, heimisch, wir sind ganz aufgekratzt, Zungenbrecher sprudeln hervor, wild durcheinander, »Sárga bögre, görbe bögre«, »Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid«, immer schneller, jeder will den anderen überbieten, da sind wieder diese Bäume mit den schwarzen Raben, dicht an dicht sitzen sie auf den Ästen, wir fahren über das Flüsschen Rába, »dort hinten irgendwo waren die Baugrundstücke, die Großvater Tivadar damals geerbt hat, jetzt kosten die ein Vermögen, ihn aber hatten sie damals gezwungen, sie zu verkaufen, für einen lächerlichen Preis, im Grunde wurden sie verstaatlicht«, »Gyere Gyuri, gyújts gertyát, Győri gyári gyufával«, ja, diese Stadt links neben uns ist Győr, deutsch Raab, vor hundert Jahren haben die meisten hier noch deutsch gesprochen, »da ist die Familienkrypta, Ur-Urgroßvater Daniel war hier Dampfmühlenbesitzer gewesen, das war damals das Modernste, was es gab«, erzählt mein Vater, mit spürbarem Stolz in der Stimme, es folgt flaches Land, endlose Felder, soweit das Auge reicht, eine Weile später schimmert links das Wasser der Donau, so blau, so blau, tönt es in mir im Walzertakt, Brückenpfeiler stehen verwaist an beiden Ufern und blicken einander verständnislos an, »die Brücke wurde im Krieg gesprengt«, erzählt meine Mutter, blau ist die Donau hier nicht, nein, eher undefinierbar grauschwarzbraun, »Komáromi kisleány, vigyél által a Dunán, a Dunán«, im Kanon, immer lauter, jetzt führt kein Weg mehr über den Fluss, jetzt ist das dort drüben ein anderes Land, auf dieser Seite heißt die Stadt Komárom, deutsch Komorn, drüben Komárno, die Verbindung ist abgerissen, die Leute verstehen einander nicht mehr, »heute sprechen sie hier ungarisch, dort drüben slowakisch«, langsam wird es etwas hügelig, es riecht nach Industrie, beißend, scharf, das ist Tatabánya, feiner ­weißer Staub liegt über der ganzen Stadt, aus der Gipsfabrik, irgendwo dort hinten, in einem dieser Häuschen, klein, geduckt, da wohnt Terus néni, Tante Terus, die Schwester von Oma Hilda, als wir sie besuchen, spricht sie nur deutsch, »wir sind ja Deutsche«, sagt sie einmal ganz stolz, dabei klingt es sehr fremd, wie sie spricht, sehr ungarisch, finde ich, links neben uns, vom Hügel herab, beobachtet der Vogel Turul alles, er soll die Ungarn nach Pannonien geführt und Emese im Traum prophezeit haben, dass sie einen Sohn zur Welt bringen würde, und der würde der Urahn vieler Könige werden. Gleich, gleich sind wir da, ich spüre ein Kribbeln im Bauch, dann beginnt der Wagen zu holpern, Kopfsteinpflaster, ich sichte den ersten blauen Ikarus-Bus, das ist Budapest, an den Häusern blättert der Putz, da ist schon die Donau, wir fahren über die Erzsébet híd, die Elisabethbrücke, links von uns die Kettenbrücke, steinerne Löwen bewachen sie, rechts die Freiheitsbrücke mit ihren spitzen Türmchen, freudiges Flattern in meinem Herzen …

Wir fahren zu Onkel Gyuri, dem besten Freund meines Vaters. Er ist Bildhauer und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in einem Haus mit lauter Atelierwohnungen mitten im Arbeiterviertel Angyalföld, in der kleinen Sackgasse Máglya köz. Anfangs übernachten wir dort, dann in sogenannten Ibusz-Zimmern, bei irgendwelchen Leuten in der Stadt, die das eine oder andere Zimmer ihrer Wohnung über die staatliche Agentur an Touristen vermieten. Der erste Weg führt uns dann immer zu Oma Hilda in der Frankel Leó utca. Am liebsten hätte sie es natürlich, wenn wir bei ihr wohnten. Aber da ist es viel zu eng für uns alle.

Großvater Tivadar mit seiner Frau besuchen wir selbstverständlich auch wieder. Auch jetzt sitzen wir in dem muffigen kleinen Häuschen eng zusammengepfercht um den großen Tisch. Und die Zeit steht still.

Viele Geschichten von Oma Hilda und von meinem Papa Gabi-lurkó, Gabi-Schlingel, spielen hier in Altofen. Irgendwo ganz nah muss auch die Tímár utca sein, wo mein Vater mit seinem Freund Gyuri am Gehweg Murmeln gespielt hat, als er noch ein kleiner Junge war. Wie das wohl geht, stundenlang mit Murmeln spielen, direkt am Straßenrand? Die kullern ja auf die Straße. Und überhaupt, das darf man doch gar nicht, das ist viel zu gefährlich. Aber damals war anscheinend alles anders. Da waren Mulden, in die musste man die Murmeln stoßen, oder die Kugeln der anderen mit der eigenen treffen und wegkicken. Ganz vorstellen kann ich mir das nicht. So sehr ich bei uns in Erlangen auch immer Ausschau nach einer ähnlichen, der Beschreibung entsprechenden, geeigneten Stelle halte, ich finde keine. Solche Löcher im Asphalt gibt es nirgends. Nur auf Feldwegen, aber die sind zu holprig, da rollen die Murmeln nicht richtig. Wie gern hätte ich mitgespielt, das alles klingt so spannend.

Wir fahren an einem großen Platz mit von Gras und Unkraut überwucherten Ruinen vorbei. Das ist das Amphiteater, von dem mein Papa immer erzählt hat. Dort an der Ecke ist das Árpád-Gymnasium, in dem er zur Schule gegangen ist. Es muss aufregend gewesen sein: In den Ruinen des Amphitheaters herumgeistern, in einen der verwunschenen Gärten schleichen und etwas Obst stibitzen.

Warum wohl dieser Stadtteil Ó-buda auf Deutsch Alt-ofen heißt? Ich buchstabiere, was auf den Plakaten steht, auf den Schildern. Es ist etwas mühsam. Überall lese ich S-ö-r-ö-z-ő. Das muss auf Deutsch so etwas wie Borster oder Borsterei heißen, denke ich. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Was soll das sein? Vielleicht Barbier, aber den gibt es heutzutage doch nicht mehr. Oder Friseur? Aber so viele? Fast an jeder dritten Straßenecke? Bis mir plötzlich klar wird, von meiner Mutter habe ich doch gelernt: ungarisch liest man »s« wie »sch«. Also muss man lesen: Schörösöh. Aber auch das sagt mir noch nichts. Sör weiß ich: Bier. Das musste ich damals meinem Großvater immer bringen. Aber Söröző? Das ist so etwas wie Biererei. Ich verstehe immer noch nicht. Bis meine Mutter mir erklärt, das sind einfach Kneipen, Bierstuben. Solche Missverständnisse passieren mir dauernd. Immer wieder lese ich nach den deutschen Regeln und muss manchmal lange grübeln, bis der Groschen fällt.

Schade, dass mein Großvater uns nie besucht, schade, dass ich ihn fast nicht kenne. Zu Hause in Erlangen denke ich immer wieder an ihn. Und irgendwie tut er mir leid. In seinen Briefen schreibt er ständig nur von Schwierigkeiten. Es muss schrecklich sein, so voller Sorgen und von so wenig Geld zu leben. 100 Mark habe ich von meinem Taschengeld gespart. Ich weiß, nicht nur für mich ist das ein Vermögen. In Ungarn ist das erst recht viel. Ich schicke es ihm. Soll er sich ein paar schöne Tage machen, am Plattensee oder so.

Irgendwann schreibt er sogar und bedankt sich. Genau im richtigen Augenblick sei das Geld gekommen. So habe er das Holz für die Heizung bezahlen können und die Reparatur der kaputten Wasserleitung.

In den Osterferien fahren wir nach Prag. Ich bin 13. Wir wohnen in einem altehrwürdigen Hotel mitten im Zentrum, direkt am Wenzelsplatz. Der Eingang mit den vielen golden glänzenden Messingornamenten, die großzügige Eingangshalle sind beeindruckend, sehr elegant und strahlend … wenn es nur nicht so düster wäre … manch eine Lampe ist blind, keiner hat die ausgebrannten Glühbirnen ersetzt, und die wenigen verbliebenen geben nur spärliches Licht, doch auch so sieht man, wie abgestoßen die Möbel sind, wie zerschlissen, wie durchgesessen die Polster.

Vater sagt, überall sind Wanzen, alles, was man redet, wird abgehört. Man müsse vorsichtig sein.

Der Platz ist gigantisch, die hochherrschaftlichen Häuser ringsum wuchtig und großartig.

Vieles erinnert mich an Budapest. Auch hier bröckelt der Putz und das strahlende Sonnengelb von einst lässt sich unter dem schmutzigen Ocker nur erahnen. Mit etwas Fantasie entdeckt man trotzdem noch die Spuren des einstigen Glanzes. Und doch ist alles schäbig und grau. Irgendwie fühle ich mich heimisch.

Auch die Menschen hier sind genau wie in Budapest: Frauen in unglaublich hochhackigen Schuhen balancieren geschickt über das holprige Kopfsteinpflaster, und überall die vielen Arbeiter mit müden Gesichtern, alles an ihnen ist grau, ärmlich, nur ihre ausgeleierten Pullover leuchten in grellen Farben, billigste Kunstfaser … an der Straßenecke steht, etwas ungelenk, eine Bäuerin im Trachtenrock. Auch dieser Anblick ist mir aus Budapest vertraut. Vor ihr ein abgewetzter alter Koffer, wie die, aus denen Oma Hilda immer ihre Schätze hervorzaubert, wenn sie uns besucht, doch der hier ist randvoll gefüllt mit bemalten Ostereiern, jedes ein Kunstwerk, komplizierte Muster, unglaublich fein gezeichnet. Ich kann mich gar nicht satt sehen an dieser Farbenpracht. Alle paar Meter treffen wir auf Bäuerinnen mit solch einem Koffer. Aus den Dörfern im Umland sind sie gekommen, um ihre magere Rente etwas aufzubessern. Bescheiden stehen sie da und verkaufen ihre Meisterwerke. Ich kann gar nicht begreifen, wie billig. Ich bin wie im Goldrausch.

Nicht weit von unserem Hotel, in einem beeindruckenden alten Haus mit großen Schaufenstern – das könnte früher einmal ein vornehmes Café gewesen sein – ist ein Stehimbiss. Hier ist es immer voll. Die Einrichtung ist sehr einfach, schmucklos. An den Selbstbedienungstheken ist die Auswahl klein, aber das Essen ist billig, es schmeckt, und man wird satt. Das Publikum ist sehr gemischt, Bauarbeiter in Gummistiefeln, Handwerker in fahlblauen Arbeitskitteln, ärmlich, aber schick gekleidete junge Frauen in Stöckelschuhen, eine Bäuerin in Tracht, alle reihen sich einträchtig an den Stehpulten. Das Besteck fasziniert mich. Es ist aus Aluminium. Und das ist weich. Der Anblick ist bizarr. An den Gabeln zeigt jede Zinke in eine andere Richtung, alle Löffel sind verbogen. Irgendwie bin ich gern hier. Ich fühle mich wohl. Es ist ein bisschen wie in Budapest.

Am anderen Ende des Wenzelsplatzes ist ein riesiger Bretterverschlag. »Damit die Leute an dieser Stelle keine Blumen ablegen können«, sagt meine Mutter. »Denn hier hat sich vor drei Jahren der Student Jan Pallach selbst verbrannt, aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die sowjetischen Truppen.« Mir fallen die Erzählungen meiner Eltern ein, von der Revolution 1956, von den Panzern auf den Straßen von Budapest, die Einschusslöcher an den Häusern. Verbrannt hat er sich. Verbrannt. Einfach mit Benzin übergossen und verbrannt. Mein Herz krampft sich zusammen.

Im Hotel erwartet uns ein Telegramm von Oma Hilda. Sie bittet uns inständig, sofort zu kommen: Tivadar liegt im Sterben. Mein Opa. Vater beschließt: wir bleiben. Wir sollen seinen Vater nicht so in Erinnerung behalten.

Wir bleiben in Prag. Es sind wunderbare Tage. Das Goldmachergässchen auf dem Hradschin, das Glockenspiel und das Räderwerk der astronomischen Uhr in der Teynkirche. Besonders tief beeindrucken mich das einstige jüdische Ghetto, der Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof und die Ausstellung über das Leben, die Sitten und Bräuche der Prager Juden. Das alles ist Prag. Und die Ostereier, auf Schritt und Tritt. Aber auch das ist Prag: Großvater Tivadar, der in Budapest im Sterben liegt.

Als wir zu Hause ankommen, lebt mein Großvater nicht mehr. Jetzt fahren wir doch nach Budapest, zur Beerdigung auf dem Friedhof in Altofen. Zum Abschied lege ich eine Blume neben seine Urne. Die Urnennische wird mit der Verschlusstafel zugemauert. Tivadar Relle 1892–1972. Mein Opa ist tot.

In den nächsten Sommerferien fahren wir mit unserem Citroën nach Jugoslawien, an die Adria, die Küstenstraße entlang. Ich bin vierzehn. »Schaut, das ist Opatija«, sagt mein Vater. Palmen säumen die Straßen, altehrwürdige Hotels und Villen inmitten von riesigen Gärten, richtige Parkanlagen sind das. Selbst der bröckelnde Putz kann dieser atemberaubenden Pracht nichts anhaben. »Früher war das einmal ein sehr vornehmer Kurort«, erzählt mein Vater, »nur hieß er damals anders: Abbazia.« Und dass mein Großvater Tivadar gerade mal so alt gewesen sein dürfte wie ich jetzt, als die Polizei ihn hier ergriff, die Gendarmerie, wie das damals hieß. In der gesamten Monarchie war nach ihm gefahndet worden, als seine Eltern bemerkten, dass er verschwunden war. Tivadar, so stellte sich heraus, war gerade unterwegs nach Triest, als er in Abbazia gefasst wurde. Dort hatte er sich als Matrose auf einem Schiff verdingen wollen. So weit, ganz allein, ohne Pass, ohne Geld, ohne Sprache? Aus Budapest? Ich staune. Insgeheim bewundere ich seinen Mut und finde es fast ein bisschen schade, dass seine Reise damals so ein jähes Ende fand.

Erst viele Jahre später, als ich das Reisetagebuch von François Fejtő, die Reise nach Gestern, übersetze und mit zeitgenössischen Bildern ergänze, wird mir so richtig bewusst, dass die ganze Gegend hier damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gewesen war. Neben Kroatisch, Italienisch oder Deutsch sprachen die Leute hier selbstverständlich auch Ungarisch.

Viele wohlhabende Budapester Familien verbrachten ihre Sommer in Abbazia. Auch die Relles waren eine solche Familie. Urgroßvater Mátyás besaß in Budapest mehrere Mietshäuser, eine ganze Reihe von Metzgereien gehörte ihm, die Versorgung der Budapester Krankenhäuser und Strafanstalten war in seiner Hand. Ich nehme an, dass Tivadar in seiner Kindheit hier gewesen ist. Und das würde auch erklären, was ihn als Fünfzehnjährigen hierher geführt hatte.

In Budapest, auch das kolportiert die Familienlegende, hatte Urgroßvater Mátyás Relle natürlich einen Schneidermeister. Eines Tages ließ er ihn kommen. Er wollte ihm einen Auftrag erteilen. Der Schneider kam und nahm ihm beflissen Maß. Das war im Handumdrehen geschehen. Doch statt zu gehen, blieb er sichtlich verlegen an der Tür stehen und räusperte sich. Er bitte untertänigst um Verzeihung, nun erlaube er sich aber doch, sich zu erkundigen, wann denn der gnädige Herr die noch offenen Rechnungen zu begleichen gedenke. Dieser, erstaunt und fast etwas unwirsch: »Was für Rechnungen?« Der junge Herr, so der Schneider, habe sich von ihm doch mehrere Garnituren Herrenausstattung für verschiedene Anlässe anfertigen lassen und ihm versichert, der liebe Herr Papa werde die Rechnungen begleichen …

Kaum war der Meister gegangen, wollte Vater Mátyás, bebend vor Zorn, auf seinen Sohn losgehen und ihn zur Rechenschaft ziehen. Tivadar jedoch erkannte die drohende Gefahr, sofort sprang er geistesgegenwärtig aus dem offenstehenden Fenster auf den Rundbalkon im Innenhof des großen Budapester Wohnhauses und lief davon. Sein Vater hinterher. Bald musste er einsehen, dass er keine Chance hatte. Tivadar war schneller als er. So jedenfalls sehe ich diese Szene vor meinem geistigen Auge.

Die nächste Szene spielte sich an einem Sonntag ab. Mátyás Relle ließ sich im Fiaker zur Kirche fahren, wie immer. Als die heilige Messe zu Ende war – es war der letzte Sonntag im Monat, also Zeit, sich die fälligen Mieteinnahmen auszahlen zu lassen –, trug er dem Kutscher auf, ihn zum Hausmeister seiner Mietshäuser zu fahren. Niemandem sonst vertraute er diese Aufgabe an. Er wollte selbst nach dem Rechten schauen. Doch, anders als sonst, empfing ihn der Hausmeister sichtlich entgeistert, ja geradezu empört. »Es ist kaum eine Stunde her, dass Ihr werter Herr Sohn hier war.« Der Herr Papa sei malad und habe ihn der Miete wegen geschickt. Tivadar war spurlos verschwunden. Wie sich später herausstellte, hatte er sich nach Paris abgesetzt. Ausgerechnet mit der Tochter des Hausmeisters. Selbst ihr Name wird kolportiert: Bárány Böske.

Irgendwann ging ihnen das Geld aus und der verlorene Sohn kehrte zurück, so heißt es in der Familienlegende.

Weitere Szenen, bruchstückhaft, tauchten hier und da auf: Hilda erzählte einmal, als wir im Winter an der Fensterbank unseres Kinderzimmers in der Heinrich-Hertz-Straße saßen, während sie Orangen schälte, wie er sie jeden Tag mit seinem wunderschönen weißen Hund vor der Schule abgepasst hatte, um sie zu dem Haus zu begleiten, wo sie in Kost und Logis untergebracht war, bis ihr Vater die beiden eines Tages beim Abschied ertappte. Oder die Geschichte von Tivadars Freund mit dem romanhaften Namen Rotarídesz Valdemár, der mit dem ganzen Geld verschwand, das ihm Tivadar geliehen hatte, einfach so, auf sein Ehrenwort. Kein Schuldschein, nichts. Valdemár kaufte sich davon einen eleganten Sportwagen, Hilda und er verloren aber das Haus mit Garten, in dem die junge Familie mit dem kleinen Iván lebte, denn Tivadar hatte es mit einer Hypothek belastet. Sie hatten kein Geld. Tivadar begann zu trinken. Es gab wohl viel Streit. Einmal soll er mit einem Strauß hundert roter Rosen nach Hause gekommen sein, um Hilda zu besänftigen. Es half nichts. Hilda ließ sich von ihm scheiden – Ende der dreißiger Jahre, als so etwas noch als völlig verwerflich galt. Ihre Verzweiflung muss abgrundtief gewesen sein. Sie musste mit ihrem Sohn in ein Notquartier ziehen, eine Lehmhütte mit gestampftem Boden. Es fehlte an allem. Am Monatsende, wenn die Gehälter ausgezahlt wurden, schickte sie den kleinen Iván zu ihm in die Kneipe. Er sollte ihn um etwas Geld anbetteln, bevor er es im Suff verprasste.

Alles, was von meinem Großvater Tivadar blieb, ist ein Ölgemälde. Ein junger Mann mit angehender Glatze in elegantem Anzug blickt uns an.

Und ein Familienfoto, eine Geburtsurkunde sowie ein Bestellformular der Dampfmühle Daniel Relle, Nachfahren. Das ist alles, was mir von der Familie Relle erhalten geblieben ist.