https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1548

Gedichte von Manfred Winkler

Vom Gedicht zum Bild

(aus meinem Studio)

Jerusalem Frühling Wanderungen Bäume
Blumen Schatten und Licht
alte Häuser die uns entgegenkommen
und sich gestalten zu skizzierter Unmöglichkeit
einer Erinnerung
Hand-Gegenwart führt sie vom Gedicht
zum Bild

Der Wind blättert aus den Haaren der Vergangenheit
alte Stimmen wach
die sich in Linien und Rhythmen verirren

Du gehst dem Ziellosen entgegen –
ein Heim für die großen Gefühle Windverwehter
eine Unter-den-Brücken-Bleibe für die Nacht vielleicht

Der Abschied steht schon vor der Tür
sein Antlitz faltet sich ich seh die verlassene Fahne
auf dem steilen Ufer von Michmoreth im roten Sand

Dunkle Schärpen prägen schattenscharf
den Weg der Zeit auf dein Gesicht
die vom Abschied angenagten Züge verschwimmen

Es bleibt der Horizont die Rhythmen Linien
ein altersschwaches Dach aus roten Ziegeln
wo die Katzen wohnen und sich vermehren
von Jahr zu Jahr

Ich male dich jetzt

Die Hautfarbe deines Gesichtes
trägt der Tage Spur

Wenn ich Leben sage
bricht das Licht
durch die Zweige der Nacht

Ich wage mich hervor
durch den Spalt einer Tür
trage auf meinen Händen
dein eigenstes Gesicht

Es ist still um uns

Sage nicht morgen
wenn ich heute sage
und deine Wolken
aus der Tiefe ragen
bis zu mir

Andere Menschen werden dir
viele Worte sagen
die manchmal auch den meinen gleichen

Das Gute-und-Schlechte von mir
wird dann dein Gesicht verbrämen,
deine Augen ikonenhaft
einem Schicksal dienen
das meines ist

Ich male dich jetzt mit meinem
byzantinischen Pinsel
auf die Leinwand des Morgens
golden, braun und ockergelb

Die gezählten Tage

Die gezählten Tage
reifen aus dir
ins große Verdunklungsgeschehen,
reifen wie Mohn,
welken wie Abendlaub.

Sage der Nacht das Wahre,
hebe den Tag in den Traum.

Wer gibt dem Sein einen Schein
von Unendlichkeit,
vergibt der Sekunde das Wesen
ihrer Struktur,
zählt die gezählten Tage
bis in sein Kindland zurück,
vergisst für einen Augenblick
die tickende Uhr.

Nur an der Wand hängen
noch immer
die Bilder mit den dunklen
großen Ikonenaugen.

Die Gedichte sind Teil des Nachlasses von Manfred Winkler, das im Archiv des IKGS aufbewahrt wird.