BREATHTURN ist eine Ausstellung, die Skulptur und Video miteinander vereint und ausgehend von Paul Celans poetischem Denken zur Erfindung möglicher Zukünfte und zu einer Wiederverbindung mit dem Lebenden und dem Mineralischen einlädt. Das Projekt folgt auf die Anabasis Online Residency, die 2021 von der Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz im Zentrum Gedankendach in Zusammenarbeit mit dem IKGS organisierte wurde. Die Veranstaltung wurde von Oleksandr Sushynskii und Sebastian Unger kuratiert und lud ukrainische und deutsche Medienkünstler ein, sich von Paul Celans Poetik inspirieren zu lassen. Das Ergebnis ist online unter anabasis.space zugänglich.
Im Juli 2022 fand in der Track16 Gallery in Los Angeles meine Einzelausstellung mit dem Titel BREATHTURN/ATEMWENDE im Rahmen eines von Daniel Wiesenfeld organisierten kulturellen Austausches statt (https://www.b-la-connect.org/). Der gewählte Titel stammt aus einer Gedichtsammlung von Paul Celan, dem es gelang, Lebensräume der Hoffnung und der Freiheit durch die Neuerfindung der durch das Naziregime und den Holocaust vernichteten poetischen Sprache wiederherzustellen. Die Ausstellung war ursprünglich für 2020 geplant, wurde jedoch aufgrund der Corona-Pandemie mehrfach verschoben – einer Krise, die das Bewusstsein für die Bedeutung der Atmung und ihre Auswirkungen auf das persönliche und gesellschaftliche Wohlbefinden schärfte.
Die Philosophen Bruno Latour und Baptiste Morizot sind der Ansicht, dass die Umweltkrise, die wir durchleben, durch eine tiefe Krise der Sensibilität verursacht wird, die als fatale Austrocknung unserer empathischen und neugierigen Beziehung zu den Lebewesen und der natürlichen Umwelt zu verstehen ist. Wir sollten die Art und Weise, wie wir die Welt bewohnen, überdenken und ändern. Die Zukunft der Menschheit selbst steht auf dem Spiel, so der Gedankengang weiter.
Künstler, die unerwartete Wege beschreiten und Sinne und Emotionen ansprechen, können bei der notwendigen Wende eine grundlegende Rolle spielen. Paul Celan ist eines der besten Beispiele dafür. Er schuf seine eigene Poetik, indem er sich von jedweder Identitätszuweisung sowie sprachlich-literarischen Konventionen löste und seine Inspiration unter anderem in wissenschaftlichen Büchern über Geologie, Vulkanologie, Botanik und Astrophysik fand, um die poetische Sprache nach Auschwitz neu zu erfinden. Er machte sich auf die Suche nach anderen Territorien der Sprache und fand dabei schließlich seine eigene. Seine Poetik eröffnet uns neue Horizonte, in denen Spuren, geologische Schichten, Blumen, Steine, Lehm und Kristalle eine wesentliche Rolle spielen.
Für die Philosophin Francesca Ferrando, die Teil des anregenden Programms der Anabasis Online Residency war, leitet sich das Wort Mensch von »humus« (Erde, Boden) ab, dem fruchtbaren Boden als Ursprung allen Lebens. Dennoch tragen wir – obwohl wir als Lebewesen völlig in die natürlichen Kreisläufe der Erde eingebunden sind – überall auf der Welt zur Verschlechterung und Zerstörung der Böden bei. 70 Prozent der Böden in der EU sind nicht gesund. Gleiches oder noch Schlimmeres gilt für andere Regionen der Welt. Die Austrocknung unserer Empathie und Neugier wird zu einer greifbaren Realität. Indem Paul Celan uns zu kosmopoetischen Wanderungen in unbekanntes Terrain einlädt, inspiriert seine Poetik dazu, nach Auswegen aus den Sackgassen, in denen wir uns befinden, zu suchen.
Meine neusten Ausstellungen befassen sich genau mit diesem Thema der planetarischen Gesundheit und der Wiedervereinigung mit dem Lebenden und dem Mineralischen. Für BREATHTURN beschloss ich, eine große Skulptur aus Ton in Form einer posthumanen Landschaft zu schaffen. Ton als hybrides Material steht als Sinnbild für Plastizität, Töpfereikunst und Bildhauerei und inspirierte Graham Cairns-Smith zu seiner Clay Theory. Diese besagt, dass es eine Kontinuität, ja sogar eine Vermischung zwischen dem Wachstumszyklus von Tonkristallen und dem Wachstumszyklus von biologischen Molekülen wie der DNA gibt. Ton wäre demnach der Ursprung des Lebens. Auch in Paul Celans Gedicht Corona verschwimmt die Grenze zwischen dem Mineralischen und dem Lebenden: »Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, / dass der Unrast ein Herz schlägt.«
Für meine Skulptur formte ich auf dem Boden in der Mitte des großen Raums der Galerie Track16 über 200 Kilogramm kalifornischen Ton in verschiedenen Farben. An der Wand dahinter zeigte meine Videoprojektion mit algorithmischen Bildern weitere Schichten der Realität wie bei Celan auf. Es handelte sich hierbei um eine Videocollage, die mithilfe künstlicher Intelligenz aus Versen von Paul Celans Gedichten und einigen von mir gewählten Texteingaben erstellt wurde zu Themen wie Deep time, die Wiederverbindung mit unseren terrestrischen Ursprüngen, Migration und die sich ständig wandelnde Identität. Die Tonskulptur war eine logistische Herausforderung, aber das Ergebnis übertraf meine Erwartungen. Bei der Enthüllung noch feucht und nach nasser Erde duftend, wurde die von einigen Sümpfen gesäumte Berglandschaft nach ein paar Tagen kalifornischer Hitze rissig und trocknete vollständig aus. Was anfangs noch einladend und bunt war, wurde zu einer tragischen Landschaft, die den vertrockneten Bergen hinter den Wolkenkratzern von Downtown zum Verwechseln ähnlichsah. Es war, als würde sich die Landschaft draußen in der Galerie fortsetzen und die Trennung zwischen der Außenwelt und dem Raum der Galerie aufheben. Das Publikum in Los Angeles, das tagtäglich gewohnt ist, Hunderte von Kilometern auf Autobahnen durch dürre Berglandschaften zu fahren, war für diese Landschaftsanalogie sehr empfänglich. Bei einer meiner Fahrten durch die Metropole erzählte mir ein afghanischer Taxifahrer, dass es seit fünf Jahren nicht mehr geregnet habe, und lobte die fernen Regionen, die mit häufigen und ergiebigen Regenfällen gesegnet seien.
Die Moderne wurde auf Grundlage einer klaren Trennung zwischen Natur und Kultur aufgebaut. Heute wissen wir, dass diese Grenze nicht existiert. Wie können wir erreichen, dass menschliche Aktivitäten nicht weiter zur Zerstörung der Ökosysteme beitragen, von denen wir alle abhängig sind? Wie können wir zwei sich widersprechende Temporalitäten miteinander verbinden: die lange Zeit der Geologie und die des digitalen Zeitalters? BREATHTURN geht davon aus, dass Kunst, poetisches Denken, Spiel, Fiktion und Fantasie dazu beitragen können, unsere Fähigkeit zum Staunen und unsere Neugierde wiederzubeleben und den Weg für eine neue Achtsamkeit für die Wirklichkeit zu ebnen, die auf unserer Erdgebundenheit, unserer Transkorporalität und unserer Verflechtung mit dem Lebenden beruht. Die Wiederbelebung der Sensibilität und die Schaffung empathischer Verbindungen können eine Atmosphäre schaffen, die indigenes, volkstümliches, technisches und wissenschaftliches Wissen einschließt, um neue Narrative und Aktionen zu entwickeln, die auf Heilung, planetarische Gesundheit und den Aufbau von möglichen Zukünften abzielen.


Tonskulptur und Einkanal-Video, HD, 3:52, Farbe, 2022; 400 x 300 x 300 cm; Installationsaufnahmen der Ausstellung BREATHTURN von Tiny Domingos in der Track16 Gallery, Los Angeles 2022; Track16 Gallery / Sean Meredith © Tiny Domingos