Die Pädagogik sollte nicht nur erzieherische Konzepte und Institutionen behandeln, sondern auch untersuchen, wie Menschen durch bestimmte Lebens- oder Bildungserfahrungen geformt werden. Seit den 1970er-Jahren haben sich in der Pädagogik zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen etabliert, die auf biografischen Quellen basieren. Die biografische Methode soll also einen Zugang zur Erforschung des Lebens sozialer Gruppen ermöglichen, der erstens möglichst umfassend sein, zweitens auch die Eigenperspektive der handelnden Subjekte thematisieren und drittens die historische Dimension berücksichtigen sollte.1 Dieser Forschungsrichtung ist auch der Band Die Lenauschule sind wir. Erinnerungen zum 150. Geburtstag zuzuordnen.
Das Jubiläumsbuch wurde vom Verein der Freunde der Lenauschule erarbeitet und in Kooperation mit der Landsmannschaft der Banater Schwaben herausgegeben. Halrun Reinholz und Franz Quint fungieren als Autoren und Koordinatoren des Redaktionsteams. Es umfasst 678 Seiten und präsentiert 150 Jahre Schulgeschichte durch wissenschaftliche Beiträge, historische Dokumente, persönliche Erinnerungen, Zeitungsberichte und zahlreiche Fotos als materielle Stützen des lebendigen Gedächtnisses. Als Methode der Datenerhebung wurde ein kombinierter Fragebogen mit standardisierten Fragen und Fragestellungen einer qualitativen offenen Befragung angewandt. Diese Vorgehensweise ermöglichte es den Zielpersonen, ohne Einschränkungen durch kategorische oder methodische Vorgaben bestimmten Problemfeldern detailliert nachzugehen. Die Herausgeber betrachten ihre Chronik als Momentaufnahme und sind offen für weitere Beiträge.
Die historische Dimension kommt im Kapitel Wandlungen einer Schule zum Tragen. Durch die Berücksichtigung verschiedener Aspekte wie soziale, politische, wirtschaftliche, ethnische, religiöse und kulturelle Verflechtungen im Lauf der Zeit wird ein umfassendes Verständnis für die Geschichte einer Schule gewährleistet.
Das Kapitel bietet einen detaillierten Einblick in die Entwicklung des deutschen Schulwesens im Banat, insbesondere in Temeswar (rum. Timişoara). Der Fokus wird dann auf die Nikolaus-Lenau-Schule gerichtet, die im Jahre 1870/1871 gegründet wurde und als Oberrealschule den Unterricht aufnahm. Die wissenschaftlichen Abschnitte werden durch eine Vielzahl von Quellen ergänzt, die dem Kapitel eine hohe Anschaulichkeit und Vielfalt verleihen, was das Lesen angenehm und abwechslungsreich gestaltet.
In besonderem Maße hervorzuheben sind die Beiträge von Hans Fink, die sich nicht nur in der Präzision der Darstellungen auszeichnen, sondern auch in der Art und Weise, wie er komplexe Zusammenhänge verständlich und anschaulich aufbereitet und sich dadurch auch hier als fundierter Kenner des deutschen Schulwesens in Rumänien ausweist. Er betrachtet die deutschen Schulen nach dem Zweiten Weltkrieg als eine fundamentale Grundlage für die Identität der Banater Deutschen. (S. 31)
Der abschließende Teil des Kapitels widmet sich Nikolaus Lenau als Namenspatron und untersucht Fragen in Bezug auf die Lenau-Büste. Das Kapitel endet mit dem Lied Die Lenauschule, das sich als Schulhymne jedoch nicht durchgesetzt hat.
Das umfangreichste Kapitel des Buches trägt den Titel Bilder und Erinnerungen und vermittelt durch Erzählungen, schriftliche Beiträge, Interviews und Fotos sowie Auswertungen von Schülerbeiträgen und der Schulzeitung Die Lenauschule ein ganzheitliches Bild des Schullebens während der kommunistischen Ära in Rumänien. Damit bekommt der Untertitel des Bandes Erinnerungsbuch seine Berechtigung.
Die Aussage „Die Lenauschule sind wir“ im ersten Teil des Titels betont die gemeinsame Identität aller Personen, die Teil dieser Schulgemeinschaft waren oder sind. Sie verdeutlicht, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und alle anderen, die mit der Schule verbunden sind, gemeinsam das Wesen und den Charakter der Lenauschule prägen. Im Verlauf der Jahrzehnte haben sich Rituale entwickelt, die der Schule eine Kontinuität in Raum und Zeit verleihen und dadurch ihre Identität sichern. Diese Rituale fördern die Integration der verschiedenen Ziele der Schule zu einem kohärenten Rahmen gemeinsamer Werte wie Leistung, Gerechtigkeit, Kameradschaftlichkeit und Ehrlichkeit.
So zum Beispiel wurde es zur Tradition, dass Kinderpaare aus dem sogenannten Lenau-Kindergarten an den Trachtenfesten der Lenauschule teilnahmen. (S. 94) Diese Teilnahme könnte als eine Art Eintrittsritual angesehen werden, als eine Möglichkeit, die Kinder in die Gemeinschaft der Schule einzuführen. Von klein auf wurden auch die Grundschüler aktiv in die Lenau-Gemeinschaft eingebunden durch eine Vielzahl von Veranstaltungen, veranschaulicht anhand zahlreicher Fotos und Zeitungsartikel. Diese Aktivitäten förderten den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft und vertieften die Bindung zwischen Schülern, Lehrern und Schule insgesamt. Eine ehemalige Lenau-Schülerin, die später ihr Abitur an einem Gymnasium in München ablegte, vermisste dort die Bindung und gemeinsame Identität, die sie von ihrer Zeit an der Lenauschule kannte. (S. 118f.)
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird der Unterricht in den fortgeschrittenen Klassen und am Abendlyzeum sowie die Einrichtung einer Spezialabteilung mit deutsch-rumänischen Lehrplänen und Methoden beschrieben. Auch der Schulalltag wird näher betrachtet. Dabei werden autobiografische Quellen mit objektiven Fakten kombiniert, um auch Außenstehenden einen umfassenden Einblick in das rumänische Schulwesen zu ermöglichen.
Schule und Leistung sind untrennbar miteinander verbunden. Bereits von Anfang an sahen sich die Schüler der Lenauschule durch die Aufnahmeprüfung mit der Anforderung konfrontiert, Leistung zu erbringen. Insbesondere im Kontext des real existierenden Sozialismus galt dies als entscheidende Voraussetzung für eine aussichtsreiche berufliche Zukunft. Neben den Leistungsbewertungen und Prüfungen wurden in fast allen Fächern Schülerolympiaden durchgeführt, bei denen die Schüler in der Regel herausragende Leistungen erzielten und der Schule ein exzellentes Ansehen verliehen. Die individuellen Leistungen und Erfolge wurden in die Gemeinschaft eingebracht und förderten Motivation und Identifikation innerhalb der gesamten Schülerschaft der Lenauschule.
Eine Vielzahl von Quellen behandelt weitere Aspekte des schulischen Alltags wie das Leben im Internat, die Teilnahme an den Aktivitäten der Pionierorganisation oder des Kommunistischen Jugendverbandes, die militärische Vorbereitung, das Tragen von Uniformen, die Teilnahme an Paraden sowie patriotischen Arbeitseinsätzen, insbesondere während der Erntezeit. Diese Pflichten, auferlegt vom kommunistischen Regime, wurden von den Schülern gleichgültig hingenommen und mussten letztendlich akzeptiert werden. Sie erforderten einen erheblichen Zeitaufwand, verstärkten den Leistungsdruck und der wochenlange Einsatz während der Erntezeit hatte negative Auswirkungen auf den Unterricht. Dennoch empfanden viele Schüler den Ernteeinsatz als eine angenehme Zeit, die mit dem traditionellen „Kukuruzball“ abgeschlossen wurde, der gleichzeitig auch den Beginn des Unterrichts feierlich markierte.
Gemäß den Erinnerungen der Befragten waren Tanzkurse, Trachtenfeste und Bälle, Schulfeiern, Theateraufführungen und Konzerte, Fachzirkel sowie Freizeit- und Hobbyangebote wichtige identitätsstiftende Faktoren. Darüber hinaus spielten Reisen während der Ferien, Studienreisen, Sportfeste und Schulmannschaften eine bedeutsame Rolle. Erwähnenswert ist auch der Schüleraustausch mit Schulen aus der Bundesrepublik Deutschland nach 1990, der neue Perspektiven eröffnete. Insgesamt trugen diese Rituale und Traditionen maßgeblich dazu bei, dass die Schüler eine starke Identität innerhalb ihrer Schulgemeinschaft entwickelten.
Schulische Rituale wirken als etablierte Verhaltensmuster für Schüler, Lehrkräfte und andere Beteiligte. Sie ermöglichen gemeinsames Empfinden, Motivation und Handeln innerhalb schulischer Interaktionen. Im Schulalltag sind die Rollen normalerweise klar voneinander abgegrenzt, aber es gibt Situationen, in denen Verhaltensweisen auftreten, die von den offiziellen Normen abweichen. Sowohl Lehrer als auch Schüler zeigen menschliche Seiten, indem sie gelegentlich informeller und persönlicher agieren. Neben fachlicher Kompetenz und pädagogischem Geschick werden in den Lehrerportraits aus dem Kapitel Gesichter und Geschichten vor allem die menschlichen Qualitäten der Lehrkräfte geschätzt, insbesondere im Rahmen außerschulischer Aktivitäten. Dabei blieben auch bei derartigen Anlässen Lehrer Lehrer und Schüler Schüler. Mehrere verschiedenartige Quellen beleuchten die Persönlichkeit des langjährigen Schulleiters Erich Pfaff, der sich als „Boss“ „zwar beispielhaft für seine Schule, seine Lehrer und seine Schüler einsetzte“, aber „auch die andere Seite eines Direktors, der die Forderungen der diktatorischen Obrigkeiten erfüllte“. (S. 517)
Das Kapitel schließt mit einer Auflistung ehemaliger Schülerinnen und Schüler der Lenauschule, die später maßgeblichen Einfluss auf das Kulturleben im Banat und in Rumänien ausübten oder sich in Heilberufen, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und den Künsten einen Namen machten. Zusätzlich kann die Lenauschule stolz darauf sein, zwei Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben: Herta Müller und Stefan Walter Hell.
Den viel geschätzten Geist des Lenau-Lyzeums auch über diese Zeiten des Umbruchs hinaus weiterleben zu lassen, ist das erklärte Ziel des Vereins der Freunde der Lenauschule Temeswar.2 Damit sind die gemeinsamen Werte, Überzeugungen, Traditionen und Verhaltensweisen gemeint, die von Lehrern, Schülern und Eltern geteilt werden und die Identität einer Bildungseinrichtung prägen. Diese werden im Kapitel Der „Geist“ der Lenauschule anhand verschiedener Aspekte veranschaulicht. Die einzigartige Atmosphäre gibt es nicht nur aus dem Rückblick und der Nostalgie. In einem Artikel der Schulzeitung aus den 1970er-Jahren ist festgehalten: „Es gibt etwas ganz Besonderes, was uns alle zusammenhält. Es ist die so typische Lenauschul-Stimmung“. (S. 587)
Zusammenfassend skizziert das vorletzte Kapitel Was bleibt? die aktuelle Situation und mögliche Perspektiven. Trotz aller Veränderungen wird optimistisch darauf hingewiesen, dass die Lenauschule auch weiterhin etwas Einzigartiges bleiben wird. Am Schluss findet sich noch ein Anhang mit einer Lehrerliste und dem Literaturverzeichnis.
Geplant hatte der Verein der Freunde der Lenauschule die umfassende Dokumentation zur Lenauschule und zu ihrer Bedeutung für die deutschsprachige Bevölkerung im Banat. Die Entscheidung, das Buch den Lehrern zu widmen, insbesondere dem „Boss“ und langjährigen Ehrenvorsitzenden des Vereins, ist eine Geste der Anerkennung für ihr Engagement und ihre Hingabe für die Schule. Die Tatsache, dass die Autoren das Buch auch als ein Werk für alle ehemaligen und aktuellen Schüler der Lenauschule betrachten, verleiht ihm eine besondere Bedeutung und Bindung an die Gemeinschaft. Es zeigt, wie stark die Verbundenheit und Identität mit der Schule und ihren Werten sind. Ein solches Buch ist zweifelsohne eine bleibende Erinnerung an die Lenauschule und ihre Rolle in der Gemeinschaft. Es wird sicherlich dazu beitragen, die Geschichte und den Geist der Schule für zukünftige Generationen zu bewahren und zu würdigen.
Darüber hinaus markiert diese Publikation einen bedeutenden Meilenstein in der wissenschaftlichen Dokumentation des deutschen Schulwesens in Rumänien. Sie trägt in erheblichem Maße dazu bei, die Schulgeschichte der Minderheit festzuhalten und zu bewahren. Halrun Reinholz und Franz Quint verdienen besondere Anerkennung für ihre herausragende Leistung als Autoren und Koordinatoren des Redaktionsteams. Das Buch stellt eine beeindruckende kollektive Gedächtnisleistung dar, die der Geschichtsforschung umfangreiches und hochwertiges Quellenmaterial bietet.
Halrun Reinholz, Franz Quint: Die Lenauschule sind wir. Erinnerungsbuch zum 150. Geburtstag. München: Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V., Rastatt: Verein der Freunde der Lenauschule Temeswar e.V. 2023. 678 S.