Duna und Save
Das Gras an der Duna stand hoch, das Gras
durch das hindurch kein Weg führt, kein Weg
zurück, vielleicht kein Weg voraus. Welche Art
Gras, welche Art Gräser, welcher Weg?
Süßgras, Kain- und Beingras. Wie hoch wächst
Gras, wie schnell; wie schnell wird es zu einer
Schlinge, Schneide? Es glänzt im Morgentau, es
glänzt wie Blut. Wir haben getötet, rufen Stimmen.
Das Gras, das nach oben wächst, wie hoch? Viel-
leicht Stacheldraht am Ende. Am Morgen glänzt es.
Spät am Abend schläft das Gras, es schläft das Gras.
Ein Ende gibt es nicht, die Geschichte tropft aus Mund
und Nase. Beutel voll Wut, ausgespien. Land, zum
Speiben nah. Wunddrainage, Kranzniederlage. Nieder
mit der alten Republik – spiegeln die Fenster. Töten
konnten wir schon früher; gelernt ist gelernt.
Herzbeutel Welt, wo die Flüsse zueinander fließen.
Das Blut ist weiß von Duna und Save. Schütze uns, die
kleinen Finger – nicht die Hand, die zum Herzen greift.
Es fließt zusammen gegen alle Dämme, damn.
Also das Ufergras an einer Wasserstraße, über der
ein entzündlicher Ballon schwebt, Vogelscheiße. Dreck
– direkt vom Herzen weg. Die Kreuzfahrtschiffe aus Basel
und Baden-Baden. Gras, geballt, gegen die Welt
aus Verbrennung, Taktung. Strudelt sich Getier ein, hat es
Federn, ein Kleid. Kein Muschelkleid aus Erdöl. Strudeln
sich Schwäne ein, müssten es Trauerschwäne sein.
Das Herz ist weiß von Duna und Save.
Niedrig das Wasser im März. Nieder mit der alten
Republik – spiegeln die Fensterscheiben der Anstalt
Stein. Vom Fluss aus kannst du es nicht sehen, Zucht-
Haus, hinter uns verschlossen, das Dunkel, und
die Stimmen. Stimmen aus Löss, von den Bruch-
Kanten, aus dem Geschiebe. Aus dem versprengten
Tal, wo die frohen Wanderer mit Stöcken in den Händen
wie Totschläger, nach Halt suchen. Die Traisen, auch
die Trassen, die Terrassen zum Wein. Nicht alle Tassen
haben sie im Schrank, kauen den Schorf der Erde. Schlafen
in Inkontinenzia-Hotels, während die Nacht kommt, das krude
Wolfsgebiss, Schneide vom Gras, Klinge. Wandelnde Tote
Mehrtagestouristen in einem Frühstücksraum, noch vor
dem Morgengrauen. Glänzt das Blut, Grashalme, vielleicht
Helme, diesmal grün. Wanderer am Spitzer Graben. Wörter
wie Zornbergrast. Der verrostete Gast, Lerche und Haubitze.
Vielleicht wächst das Gras aus der Erde, aus dem Mund
der Gefallenen, keine Engel. Das Totenhemd der Erde, all
das Gras. Sei du das Gras, hüll mich ein. Bald werd ich
bei den andern sein. Schlaf ich wie Gras, schläft das Gras
mit mir. Süßes Gras, nagt es am Bein, frisst es von innen?
Wunddrainage. Fiebernder Mond – tritt über die Ufer.
Schwemmland, am Kamp. Leichte Strömung kämmt Fisch
und Laich. Kämmt aus, grätenfrei. Nicht ganz koscher.
An der Duna steht das Gras, aufgerichtet. Steht das Gras
hoch. Die Uferwege führen über einen Bauhof mit Fett-
Abscheidern, zur Wasserstraßendirektion, Strompolizei.
Der Weg führt weiter, weiter in eine nachindustrielle Zone.
Zuchthaus Stein, heutige Justizvollzugsanstalt, in der in der Zeit des Nationalsozialismus politische Häftlinge und Antifaschisten eingesperrt, gefoltert und von der Waffen-SS ermordet wurden.
Herzog-Johann-Lied
Ich will nicht sagen, dass das Gras besänftigt.
Es wiegt nicht, aber es ist leicht. Wer es heraus-
reißt, trägt Erdklumpen, nennt sich Lehmherr, tausend
Jahre Knechtschaft usw., Mergel und Geschiebe.
Die Zäune sind wie die Dritten, reingeklebt, schnell
haftend auf dem Grund. Grund zum Anblasen. Das
geht so: Wo das Büchserl knallt und da Gemsbart
fallt und ma lieber Herzog Johann is.
Austriajagd. Anblasen, blasen ins Rohr. Woher
kommt die Musik? Aus den Eingeweiden, aus
dem Beuschel, Herzerl, sauren Lungerl. Und wir
spielen, wir blasen die schönste Musik.
Soll es noch etwas sein? Ein Tiroler Lied?
Nieder mit der alten Republik – spiegeln die Fenster.
Der Fluss, metaphernlos, zwischen Melk und Stein.
Ein Ausflugsschiff, Oberdeck leer, April-Himmel.
Hinter der Erlebniswelt aus Glas, in ihr Berührungs-
Felder, Schwingungsboxen; eine unsichtbare Hand
steuert die Enten an den Rändern. Jemand schüttet
auf, zieht Seile durchs Gebirge. Lifting, bei den An-
Bräunern, das Au im Braun. Das Auge, das verletzliche.
Die Braue. Braunau-Verschnitt. Jodler auf der Eiszeit-
Platte. Tauen, Tauern. Hinter den Drängel-Gittern
eine schmelzende Welt, Herzbeutel Welt.
In allem steckt ein Au, manchmal ein Gau. Der Vater
war die Hecke, der Sohn ein Schütze. Traisen-
Mauer aus Blut. Genau gesetzter Schnitt
für die hängende Truthahnfalte. Haut von Hähnchen-
Flügel, Kapillarenschnitt. Bei allen Wörtern findet sich
Mull. In diesen Gegenden auch Grind, die Antwort
dass an den Flüssen, in den Dörfern, das kalte Fett
hoch schwappt. Schlammfang, die Worte gepresst.
Schweigen der Forelle, Traisen-Mauer. Saiblings-
Bruder-und-Schwester, gesprenkeltes Kaltblut, Rogen.
Milch von Karpfen. Wenn man die Milch bäckt, bedeutet
es Frieden, Samen.
In der Nahrungskette sind wir Mehl, Gebets-
Mehl. Von uns wird nichts übrigbleiben. Wir kauen
mit den Dritten. Aus den Knochen haben wir
die Fabriken am Fluss gebaut.
Leichte Strömung kämmt Fisch und Laich.
Kämmt aus – über die Treppen kommt wer
hinauf? Du wirfst sie zurück, du weißt. Sie sind
noch klein. Wie unser Denkapparat, porös.
Mit einer Fliege – bitte nicht töten. In allem
steckt ein Au, eine Landschaft am Wasser.
Wasser ans Ertrinken gebaut, Luft zum Ersticken.
Alpgau. Stamm von Barbaren, kleinen Nagern.
In allem steckt ein Au, Alaun. Bis in den Dialekt
das Gehauene, das Gehäckselte.
Es geht sich aus, die Nacht. Wir kaufen ihr Alt-
Fett, ihre Verlassenschaften.
Rendőrség
Die Hunde von Járosváros sind heimliche
Afghanen, qualmen im Müll. Laufen aus
dem Frisörladen mit eleganten Damen.
Natürliche Schönheit kommt von innen.
Pest vs. Buda.
Drüben steht das Parlament, das Parlament
der Fische. Wie kommen wir geschwommen
über die Treppen, wie schuppen wir. Reiben
die Demokratie ab mit der Hornhautbürste von Trans-
Danubien. Den Körper der Bäuerin, die ein Mann
mit mehreren Körpern, ein Volksvertreter mit Kenntnis
in Jurisprudenz, mit abwaschbarem Anzug. Viele
Männer, verkleidet als Volksvertreter mit Lizenz.
Der Fluss greift tiefer, tiefer in den Schritt. Polka-
Polizei. Selbstentfesselung gelingt den wenigsten.
Duna, Dune. Kein Wüstenplanet. Im Seichten die leichten
Jungs an Karabinern, Widerhaken. Bitte das Blatt zu wenden.
In Transdanubien, bei den Danubiern aller Klassen.
Rechts von – im Obergarn. Bei den Häuslern, Flach-
Männern. Häckslern, Ortsvorstehern. Landes-
Hauptmännern. Ob- und Bissmann, Beißkorb.
Das agrarische Land von Runkel und Apfelpaprika.
Unter der Erde das Erz, zu Rüben verwandelt.
Alles Danubische heißt Jäten. Köpfe ausreißen.
Transdanubisch das rohe Geschlecht, eine Frucht
des völkischen Körpers, wie bekannt. Die Furcht, das Land
dient der Freiwilligen Feuerwehr, einem Löschzug.
Polka-Polizei, dient den Gulasch-Kanonieren. Pörkölt-
Polizisten stehen an den Grenzen aus Schlingen-Gras.
(für Roland Orcsik und Márió Z. Nemes)
Grashof
Das Gras wächst unter den Fingernägeln
solange wir leben. Wir säen und werden gesät.
So entsteht eine doppelte Existenz, wir sind
Gras und die Mähenden zugleich. Wir vergehen.
Wir überstehen Blitze, im Gewitter unter Bäumen.
Wir drehen die Erdung auf zwölf. Krallen uns
an die Backsteinmauer, über uns das Weiße
der Tauben, ihre Schrift aus Kot.
Einbetonierte Flaschenhälse. Die Fabriken
wurden am Fluss gebaut. Knochenleim, und über
den Grashof werde ich sprechen, will sagen.
Sagen gilt nicht länger für wahr, die Worte richten sich
gegen uns. Verrat am Holzstapel. Ein Stempelkissen
für Rotklee und die Arbeiterinnen. Sterben wie
Kompost aus Zeit.
Möchtest du noch einmal unter die Schürze
der Großmutter kriechen? Wie Mutter
bestehe ich auf dem Schein, wie das Dorf
uns den Vater nicht nahm. Wie Vater nicht weg-
gegangen war. Wie der Krieg bei den Rednern
bleibt, bestehe ich auf dem Schweigen. Schweigen
von Winter bis April. –– Grashof, und plötzlich
ist der Fluss errechnete Statik.
Nichts fließt, alles wird gefilmt. Angeschoben von Schub-
leichtern, über eine geneigte Ebene plumpst das Becken
vornüber. Das Vielfache von null und eins. Keins
der Wunder, keine Stundung. Alles wird angetrieben.
Herz-Rhythmus-Störung, Flussklinik mit Notaggregat.
Plötzlich scheint
der Fluss eine Scheibe Knäckebrot im Schnabel von Merops
und Sylvia. Plötzlich richtet sich der Lauf gegen uns.
Das Sagen ist eine Sache von Sägern.
Zeit aus Kompost, gelöschte Fracht.
Nach der Wintersperre versetzen wir das Grundeis
HYP NOE
Trance oder Transe, beides. Welches Geschlecht
haben die Kastanien? Aufplatzendes Geschlecht.
Verbinde dem Weinberg die Augen und lauf.
Heurigen-Schank, Bacchus sei Dank!
Das Gras und die Warzen, viele Säuger.
In einem April der Tränenbäche, der Tranquilizer.
Von Heldenmuth
Pathos und Patina. Die Marmorblöcke, geschliffen
wie ein Gedicht auf leeren Magen. Das Gemeißelte
Behauene, gestockter Stein. DEM HELDENMÜTHIGEN
– Sockel und Treppenstufe. Das Kunstwerk besteht
in der Nachahmung der Schlacht. SIEGER. Relief aus
Schild, Schwert, Helm und Dolch. Die Andeutung von
Schwingen, Engelsflügeln, einer Rolle Pergament
mit Ährenkranz. Das Kunstwerk besteht in einer Form
von Nachbeatmung. KAISER FRANZ I. Verlorener
Schlachten, Vaterlands-Trauer. In der Niederlage
erscheinen uns Monarchen, Könige zutiefst menschlich.
Die eine Seite der Medaille glänzt unaufhörlich, auf der
anderen eingetrocknet das Blut, ganz schwarz. Das Kunst-
Werk besteht in seiner Dopplung; Wandung aus echter
Fälschung. Schrift gleich Inschrift, Blattgold. Wahr-Lügen.
Den historischen Text gut überbrühen, ihm die Haut abziehen.
Den Korpus fein säuberlich skelettieren. Pathos und Patina.
Kein Gemälde. Wie Soldaten (Bauern) in den Napoleon-Kriegen
sich gegenseitig in den Tornister schissen. Das Kunstwerk
besteht aus einer Duplizität ((G(a)raus)) und dem vermeintlichen
Verlust von Gedächtnis. Sich Wundliegen an der Seite
der Geschichte; eine Totenwache. Ein Ehrenhain für die
Gefallenen. DEM HELDENMÜTHIGEN SIEGER. So wird
ein Schuh draus. Mach mal Pause.
Eine Überblendung: Wir gehen am Ufer, wir sehen
die Brücken schwingen, die Bäume im Wind, das Spiel
der Wellen, die heitere Libelle. Wir formulieren gern
lyrisch, wir schreiben gern Schönheit hin. Wir spazieren
durch die Gedichte, Still-Leben und Kleingärten. Dieser
Zirkus wandert von Stadt zu Stadt mit unseren Schlaf-
Bäumen und Regentonnen. Wir staunen mit offenem
Mund, wenn Greifvögel über dem Wasser kreisen.
Wir gehen mit unseren Hunden am Fluss, ernst und
gezeichnet, wir haben quittiert und sehen einander
in einem Boot, mit Lorbeer behangen. Wir glauben
dass etwas schwebt; wir schreiben von der schweren
Kindheit am Elbhang, von Tanten und den Nachfahren
von Schreber, Lehrer Lämpel, brav und bieder, als
es Sonntag wieder. –– Unterzeichnen eine Petition.
Mach mal Pause.
Die Gebäude neu beflaggen. Fahne schwenken.
Fähnchen im Wind. Wir werden Kränze niederlegen.
Wir werden das Richtige tun, und sei es das Falsche.
Der Bockerer über Heldenmuth: Oan Scheiß werd i!
Dunav, revisited
Mit den Ungarn war ich in Sremski Karlovci, in Novi Sad.
Ich war gern dort, nicht ungern. An der Dunav saßen wir
in einem Freilichtlokal. Der Fisch kam resch vom Grill, der Wein
war weiß und kühl. Alles mundete; Stege und Reusen, Bade-
Stellen, alles einwandfrei. Hier gab es wirklich nicht das Geringste
zu beanstanden. Die Ungarn kauten den Wein, er ging ihnen
leicht herunter. Die Gläser füllten sich unbemerkt. Der zweite
Fisch war eine Donaubrasse. Dieser warme Samstagnachmittag
ein Gemisch aus Bläue, ultravioletter Strahlung. Kein Lied er-
klang, wir waren uns auch so nahbar genug und verständlich.
Ich sah in den Gesichtern, dass sie wussten, dass sie begreifen
konnten, was war und ist. Was wahr; wir hatten eine Haut, Poren
und Sehnen, Fleisch über den Knochen, einen Stützapparat usw.
Wir konnten uns in dem anderen erkennen, und wie wir plötzlich
auf Ungarisch sagten, dass der Fluss die Länder miteinander
verbindet, und dass wir jetzt auf Serbisch eine große Ähnlichkeit
erkennen könnten, als wären wir Anrainer. Dabei brachte der Kellner
einen Saibling aus den Gewässern der Vojvodina. Wir könnten
sagen, sagten wir auf Ungarisch, dass wir auf Serbisch erzählen
können von der Überzahl der Minderheiten gegen jede Mehrheit.
Wir könnten in einer nahen fernen Zukunft erzählen auf Serbokroatisch.
Das sagten wir. Die Fische schwammen im Gras, es standen Kinder
auf den Stegen, die nichts wissen mussten. Einfach vom Rand
springen. Fern lag, im Trüben zu fischen, den Haken oder Blinker
zu setzen. Der Fluss, so hieß es, frei von Schwermetallen.
Nichts anderes war zu beweisen. Türen aus Wind, Feldsteine
in der Erinnerung. Am Ende eines jeden Dorfes ein Friedhof
mit den Namen, vielleicht Kreuzen. Nicht alle Namen, claro.
In der Erde das Vergrabene. Nicht ausschließlich, sagten wir.
Das Gras hat keine Konfession.
Wir saßen am weißen Wasser.
Spring du zuerst – rief einer der Jungen.
Sie würden es erfahren.
Die Väter hätten jeder möglichen Nation angehören
können, da diese sich auflösen lässt.
Die Mütter wären schön, für immer jung geblieben, serbische
Ungarinnen.
An einem Kiosk mit Broz Tito schreibst du einen Brief
an viele Völker. Die Sprache, eine Aalhaut.
Das Entwischen: Züge am Himmel – ein Nicht-zu-fassen-Kriegen.
Das Gras auf Serbisch (mit zu wählenden Untertiteln).
In leichter Sprache, živeli, ein Trinkspruch auf das Leben.