https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.728

Schwemmland, Grasland

Duna und Save

Das Gras an der Duna stand hoch, das Gras

durch das hindurch kein Weg führt, kein Weg

zurück, vielleicht kein Weg voraus. Welche Art

Gras, welche Art Gräser, welcher Weg?

Süßgras, Kain- und Beingras. Wie hoch wächst

Gras, wie schnell; wie schnell wird es zu einer

Schlinge, Schneide? Es glänzt im Morgentau, es

glänzt wie Blut. Wir haben getötet, rufen Stimmen.

Das Gras, das nach oben wächst, wie hoch? Viel-

leicht Stacheldraht am Ende. Am Morgen glänzt es.

Spät am Abend schläft das Gras, es schläft das Gras.

Ein Ende gibt es nicht, die Geschichte tropft aus Mund

und Nase. Beutel voll Wut, ausgespien. Land, zum

Speiben nah. Wunddrainage, Kranzniederlage. Nieder

mit der alten Republik – spiegeln die Fenster. Töten

konnten wir schon früher; gelernt ist gelernt.

Herzbeutel Welt, wo die Flüsse zueinander fließen.

Das Blut ist weiß von Duna und Save. Schütze uns, die

kleinen Finger – nicht die Hand, die zum Herzen greift.

Es fließt zusammen gegen alle Dämme, damn.

Also das Ufergras an einer Wasserstraße, über der

ein entzündlicher Ballon schwebt, Vogelscheiße. Dreck

– direkt vom Herzen weg. Die Kreuzfahrtschiffe aus Basel

und Baden-Baden. Gras, geballt, gegen die Welt

aus Verbrennung, Taktung. Strudelt sich Getier ein, hat es

Federn, ein Kleid. Kein Muschelkleid aus Erdöl. Strudeln

sich Schwäne ein, müssten es Trauerschwäne sein.

Das Herz ist weiß von Duna und Save.

Niedrig das Wasser im März. Nieder mit der alten

Republik – spiegeln die Fensterscheiben der Anstalt

Stein. Vom Fluss aus kannst du es nicht sehen, Zucht-

Haus, hinter uns verschlossen, das Dunkel, und

die Stimmen. Stimmen aus Löss, von den Bruch-

Kanten, aus dem Geschiebe. Aus dem versprengten

Tal, wo die frohen Wanderer mit Stöcken in den Händen

wie Totschläger, nach Halt suchen. Die Traisen, auch

die Trassen, die Terrassen zum Wein. Nicht alle Tassen

haben sie im Schrank, kauen den Schorf der Erde. Schlafen

in Inkontinenzia-Hotels, während die Nacht kommt, das krude

Wolfsgebiss, Schneide vom Gras, Klinge. Wandelnde Tote

Mehrtagestouristen in einem Frühstücksraum, noch vor

dem Morgengrauen. Glänzt das Blut, Grashalme, vielleicht

Helme, diesmal grün. Wanderer am Spitzer Graben. Wörter

wie Zornbergrast. Der verrostete Gast, Lerche und Haubitze.

Vielleicht wächst das Gras aus der Erde, aus dem Mund

der Gefallenen, keine Engel. Das Totenhemd der Erde, all

das Gras. Sei du das Gras, hüll mich ein. Bald werd ich

bei den andern sein. Schlaf ich wie Gras, schläft das Gras

mit mir. Süßes Gras, nagt es am Bein, frisst es von innen?

Wunddrainage. Fiebernder Mond – tritt über die Ufer.

Schwemmland, am Kamp. Leichte Strömung kämmt Fisch

und Laich. Kämmt aus, grätenfrei. Nicht ganz koscher.

An der Duna steht das Gras, aufgerichtet. Steht das Gras

hoch. Die Uferwege führen über einen Bauhof mit Fett-

Abscheidern, zur Wasserstraßendirektion, Strompolizei.

Der Weg führt weiter, weiter in eine nachindustrielle Zone.

Zuchthaus Stein, heutige Justizvollzugsanstalt, in der in der Zeit des Nationalsozialismus politische Häftlinge und Antifaschisten eingesperrt, gefoltert und von der Waffen-SS ermordet wurden.

Herzog-Johann-Lied

Ich will nicht sagen, dass das Gras besänftigt.

Es wiegt nicht, aber es ist leicht. Wer es heraus-

reißt, trägt Erdklumpen, nennt sich Lehmherr, tausend

Jahre Knechtschaft usw., Mergel und Geschiebe.

Die Zäune sind wie die Dritten, reingeklebt, schnell

haftend auf dem Grund. Grund zum Anblasen. Das

geht so: Wo das Büchserl knallt und da Gemsbart

fallt und ma lieber Herzog Johann is.

Austriajagd. Anblasen, blasen ins Rohr. Woher

kommt die Musik? Aus den Eingeweiden, aus

dem Beuschel, Herzerl, sauren Lungerl. Und wir

spielen, wir blasen die schönste Musik.

Soll es noch etwas sein? Ein Tiroler Lied?

Nieder mit der alten Republik – spiegeln die Fenster.

Der Fluss, metaphernlos, zwischen Melk und Stein.

Ein Ausflugsschiff, Oberdeck leer, April-Himmel.

Hinter der Erlebniswelt aus Glas, in ihr Berührungs-

Felder, Schwingungsboxen; eine unsichtbare Hand

steuert die Enten an den Rändern. Jemand schüttet

auf, zieht Seile durchs Gebirge. Lifting, bei den An-

Bräunern, das Au im Braun. Das Auge, das verletzliche.

Die Braue. Braunau-Verschnitt. Jodler auf der Eiszeit-

Platte. Tauen, Tauern. Hinter den Drängel-Gittern

eine schmelzende Welt, Herzbeutel Welt.

In allem steckt ein Au, manchmal ein Gau. Der Vater

war die Hecke, der Sohn ein Schütze. Traisen-

Mauer aus Blut. Genau gesetzter Schnitt

für die hängende Truthahnfalte. Haut von Hähnchen-

Flügel, Kapillarenschnitt. Bei allen Wörtern findet sich

Mull. In diesen Gegenden auch Grind, die Antwort

dass an den Flüssen, in den Dörfern, das kalte Fett

hoch schwappt. Schlammfang, die Worte gepresst.

Schweigen der Forelle, Traisen-Mauer. Saiblings-

Bruder-und-Schwester, gesprenkeltes Kaltblut, Rogen.

Milch von Karpfen. Wenn man die Milch bäckt, bedeutet

es Frieden, Samen.

In der Nahrungskette sind wir Mehl, Gebets-

Mehl. Von uns wird nichts übrigbleiben. Wir kauen

mit den Dritten. Aus den Knochen haben wir

die Fabriken am Fluss gebaut.

Leichte Strömung kämmt Fisch und Laich.

Kämmt aus – über die Treppen kommt wer

hinauf? Du wirfst sie zurück, du weißt. Sie sind

noch klein. Wie unser Denkapparat, porös.

Mit einer Fliege – bitte nicht töten. In allem

steckt ein Au, eine Landschaft am Wasser.

Wasser ans Ertrinken gebaut, Luft zum Ersticken.

Alpgau. Stamm von Barbaren, kleinen Nagern.

In allem steckt ein Au, Alaun. Bis in den Dialekt

das Gehauene, das Gehäckselte.

Es geht sich aus, die Nacht. Wir kaufen ihr Alt-

Fett, ihre Verlassenschaften.

Rendőrség

Die Hunde von Járosváros sind heimliche

Afghanen, qualmen im Müll. Laufen aus

dem Frisörladen mit eleganten Damen.

Natürliche Schönheit kommt von innen.

Pest vs. Buda.

Drüben steht das Parlament, das Parlament

der Fische. Wie kommen wir geschwommen

über die Treppen, wie schuppen wir. Reiben

die Demokratie ab mit der Hornhautbürste von Trans-

Danubien. Den Körper der Bäuerin, die ein Mann

mit mehreren Körpern, ein Volksvertreter mit Kenntnis

in Jurisprudenz, mit abwaschbarem Anzug. Viele

Männer, verkleidet als Volksvertreter mit Lizenz.

Der Fluss greift tiefer, tiefer in den Schritt. Polka-

Polizei. Selbstentfesselung gelingt den wenigsten.

Duna, Dune. Kein Wüstenplanet. Im Seichten die leichten

Jungs an Karabinern, Widerhaken. Bitte das Blatt zu wenden.

In Transdanubien, bei den Danubiern aller Klassen.

Rechts von – im Obergarn. Bei den Häuslern, Flach-

Männern. Häckslern, Ortsvorstehern. Landes-

Hauptmännern. Ob- und Bissmann, Beißkorb.

Das agrarische Land von Runkel und Apfelpaprika.

Unter der Erde das Erz, zu Rüben verwandelt.

Alles Danubische heißt Jäten. Köpfe ausreißen.

Transdanubisch das rohe Geschlecht, eine Frucht

des völkischen Körpers, wie bekannt. Die Furcht, das Land

dient der Freiwilligen Feuerwehr, einem Löschzug.

Polka-Polizei, dient den Gulasch-Kanonieren. Pörkölt-

Polizisten stehen an den Grenzen aus Schlingen-Gras.

                        (für Roland Orcsik und Márió Z. Nemes)

Grashof

Das Gras wächst unter den Fingernägeln

solange wir leben. Wir säen und werden gesät.

So entsteht eine doppelte Existenz, wir sind

Gras und die Mähenden zugleich. Wir vergehen.

Wir überstehen Blitze, im Gewitter unter Bäumen.

Wir drehen die Erdung auf zwölf. Krallen uns

an die Backsteinmauer, über uns das Weiße

der Tauben, ihre Schrift aus Kot.

Einbetonierte Flaschenhälse. Die Fabriken

wurden am Fluss gebaut. Knochenleim, und über

den Grashof werde ich sprechen, will sagen.

Sagen gilt nicht länger für wahr, die Worte richten sich

gegen uns. Verrat am Holzstapel. Ein Stempelkissen

für Rotklee und die Arbeiterinnen. Sterben wie

Kompost aus Zeit.

Möchtest du noch einmal unter die Schürze

der Großmutter kriechen? Wie Mutter

bestehe ich auf dem Schein, wie das Dorf

uns den Vater nicht nahm. Wie Vater nicht weg-

gegangen war. Wie der Krieg bei den Rednern

bleibt, bestehe ich auf dem Schweigen. Schweigen

von Winter bis April. –– Grashof, und plötzlich

ist der Fluss errechnete Statik.

Nichts fließt, alles wird gefilmt. Angeschoben von Schub-

leichtern, über eine geneigte Ebene plumpst das Becken

vornüber. Das Vielfache von null und eins. Keins

der Wunder, keine Stundung. Alles wird angetrieben.

Herz-Rhythmus-Störung, Flussklinik mit Notaggregat.

                                                                                   Plötzlich scheint

der Fluss eine Scheibe Knäckebrot im Schnabel von Merops

und Sylvia. Plötzlich richtet sich der Lauf gegen uns.

Das Sagen ist eine Sache von Sägern.

Zeit aus Kompost, gelöschte Fracht.

Nach der Wintersperre versetzen wir das Grundeis

HYP NOE

Trance oder Transe, beides. Welches Geschlecht

haben die Kastanien? Aufplatzendes Geschlecht.

Verbinde dem Weinberg die Augen und lauf.

Heurigen-Schank, Bacchus sei Dank!

Das Gras und die Warzen, viele Säuger.

In einem April der Tränenbäche, der Tranquilizer.

Von Heldenmuth

Pathos und Patina. Die Marmorblöcke, geschliffen

wie ein Gedicht auf leeren Magen. Das Gemeißelte

Behauene, gestockter Stein. DEM HELDENMÜTHIGEN

– Sockel und Treppenstufe. Das Kunstwerk besteht

in der Nachahmung der Schlacht. SIEGER. Relief aus

Schild, Schwert, Helm und Dolch. Die Andeutung von

Schwingen, Engelsflügeln, einer Rolle Pergament

mit Ährenkranz. Das Kunstwerk besteht in einer Form

von Nachbeatmung. KAISER FRANZ I. Verlorener

Schlachten, Vaterlands-Trauer. In der Niederlage

erscheinen uns Monarchen, Könige zutiefst menschlich.

Die eine Seite der Medaille glänzt unaufhörlich, auf der

anderen eingetrocknet das Blut, ganz schwarz. Das Kunst-

Werk besteht in seiner Dopplung; Wandung aus echter

Fälschung. Schrift gleich Inschrift, Blattgold. Wahr-Lügen.

Den historischen Text gut überbrühen, ihm die Haut abziehen.

Den Korpus fein säuberlich skelettieren. Pathos und Patina.

Kein Gemälde. Wie Soldaten (Bauern) in den Napoleon-Kriegen

sich gegenseitig in den Tornister schissen. Das Kunstwerk

besteht aus einer Duplizität ((G(a)raus)) und dem vermeintlichen

Verlust von Gedächtnis. Sich Wundliegen an der Seite

der Geschichte; eine Totenwache. Ein Ehrenhain für die

Gefallenen. DEM HELDENMÜTHIGEN SIEGER. So wird

ein Schuh draus. Mach mal Pause.

Eine Überblendung: Wir gehen am Ufer, wir sehen

die Brücken schwingen, die Bäume im Wind, das Spiel

der Wellen, die heitere Libelle. Wir formulieren gern

lyrisch, wir schreiben gern Schönheit hin. Wir spazieren

durch die Gedichte, Still-Leben und Kleingärten. Dieser

Zirkus wandert von Stadt zu Stadt mit unseren Schlaf-

Bäumen und Regentonnen. Wir staunen mit offenem

Mund, wenn Greifvögel über dem Wasser kreisen.

Wir gehen mit unseren Hunden am Fluss, ernst und

gezeichnet, wir haben quittiert und sehen einander

in einem Boot, mit Lorbeer behangen. Wir glauben

dass etwas schwebt; wir schreiben von der schweren

Kindheit am Elbhang, von Tanten und den Nachfahren

von Schreber, Lehrer Lämpel, brav und bieder, als

es Sonntag wieder. –– Unterzeichnen eine Petition.

Mach mal Pause.

Die Gebäude neu beflaggen. Fahne schwenken.

Fähnchen im Wind. Wir werden Kränze niederlegen.

Wir werden das Richtige tun, und sei es das Falsche.

Der Bockerer über Heldenmuth: Oan Scheiß werd i!

Dunav, revisited

Mit den Ungarn war ich in Sremski Karlovci, in Novi Sad.

Ich war gern dort, nicht ungern. An der Dunav saßen wir

in einem Freilichtlokal. Der Fisch kam resch vom Grill, der Wein

war weiß und kühl. Alles mundete; Stege und Reusen, Bade-

Stellen, alles einwandfrei. Hier gab es wirklich nicht das Geringste

zu beanstanden. Die Ungarn kauten den Wein, er ging ihnen

leicht herunter. Die Gläser füllten sich unbemerkt. Der zweite

Fisch war eine Donaubrasse. Dieser warme Samstagnachmittag

ein Gemisch aus Bläue, ultravioletter Strahlung. Kein Lied er-

klang, wir waren uns auch so nahbar genug und verständlich.

Ich sah in den Gesichtern, dass sie wussten, dass sie begreifen

konnten, was war und ist. Was wahr; wir hatten eine Haut, Poren

und Sehnen, Fleisch über den Knochen, einen Stützapparat usw.

Wir konnten uns in dem anderen erkennen, und wie wir plötzlich

auf Ungarisch sagten, dass der Fluss die Länder miteinander

verbindet, und dass wir jetzt auf Serbisch eine große Ähnlichkeit

erkennen könnten, als wären wir Anrainer. Dabei brachte der Kellner

einen Saibling aus den Gewässern der Vojvodina. Wir könnten

sagen, sagten wir auf Ungarisch, dass wir auf Serbisch erzählen

können von der Überzahl der Minderheiten gegen jede Mehrheit.

Wir könnten in einer nahen fernen Zukunft erzählen auf Serbokroatisch.

Das sagten wir. Die Fische schwammen im Gras, es standen Kinder

auf den Stegen, die nichts wissen mussten. Einfach vom Rand

springen. Fern lag, im Trüben zu fischen, den Haken oder Blinker

zu setzen. Der Fluss, so hieß es, frei von Schwermetallen.

Nichts anderes war zu beweisen. Türen aus Wind, Feldsteine

in der Erinnerung. Am Ende eines jeden Dorfes ein Friedhof

mit den Namen, vielleicht Kreuzen. Nicht alle Namen, claro.

In der Erde das Vergrabene. Nicht ausschließlich, sagten wir.

Das Gras hat keine Konfession.

Wir saßen am weißen Wasser.

Spring du zuerst – rief einer der Jungen.

Sie würden es erfahren.

Die Väter hätten jeder möglichen Nation angehören

können, da diese sich auflösen lässt.

Die Mütter wären schön, für immer jung geblieben, serbische

Ungarinnen.

An einem Kiosk mit Broz Tito schreibst du einen Brief

an viele Völker. Die Sprache, eine Aalhaut.

Das Entwischen: Züge am Himmel – ein Nicht-zu-fassen-Kriegen.

Das Gras auf Serbisch (mit zu wählenden Untertiteln).

In leichter Sprache, živeli, ein Trinkspruch auf das Leben.