https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2226

Editorial 1/2026

Welche Bestände in einem Archiv konserviert und welche der Kassation anheimfallen, um damit deren Inhalt dem Vergessen preiszugeben, ist für das künftige Wissen über die Vergangenheit, aber auch für mögliche Lehren, die aus ihr gezogen werden, von herausragender Bedeutung. Es ist ein verantwortungsvoller Akt. Mit den Worten des französischen Philosophen Jacques Derrida gesprochen: »Das Archiv ist nicht nur der Ort, an dem wir die Vergangenheit aufbewahren, sondern der Ort, an dem die Zukunft entschieden wird.« Auch aus diesem Grund ist die Bewahrung des immateriellen Kulturerbes so wichtig in einer Welt, in der die Anzahl der Kriege eher zuzunehmen als sich zu verringern scheint. Die schriftlichen, visuellen und akustischen Materialien gehen in bewaffneten Konflikten häufig als Erstes verloren, da ihnen keine unmittelbare und persönliche Bedeutung beigemessen wird. Dabei dokumentieren sie die Prioritäten, Traditionen, Meinungen, Konfliktfelder, die Kultur und vieles mehr vergangener Generationen und – besonders relevant für die Spiegelungen – auch von Angehörigen von Minderheitengruppen, die heute möglicherweise in den jeweiligen Gesellschaften nicht mehr sichtbar sind. Dass Archivbestände jedoch nicht nur Kampfhandlungen oder Gleichgültigkeit zum Opfer fallen, sondern manchmal auch absichtlich zerstört werden, um möglicherweise kompromittierende Inhalte zu vernichten, wird in unserem aktuellen Themenschwerpunkt gezeigt. 

In Archiven auf dem Staatsgebiet der Republik Serbien befinden sich zahlreiche verstreute Bestände zur Kultur und Geschichte der einst dort beheimateten Deutschen. Die Beiträge im Themenschwerpunkt dieses Heftes geben Einblicke nicht nur in deren Auffindbarkeit und Nutzbarmachung für künftige Forschungen, sondern thematisieren auch die oft turbulenten historischen Rahmen, in denen sie entstanden sind. Berücksichtigt werden dabei neben der zentralen staatlichen Ebene auch regionale Archive, das Archiv der Serbischen Nationalbank oder das Archiv im Donauschwäbischen Museum in Apatin. Angela Ilić rahmt die Einzelvorstellungen mit einem Einführungstext, in dem sie auch die historische Bedeutung der bisher teilweise nur wenig von der Forschung berücksichtigten Quellen erklärt. 

Der Literaturteil dieser Ausgabe bietet wieder eine breite Palette an Prosa und Literatur von Autoren und Autorinnen, die mit einer Ausnahme mit Rumänien verbunden sind. Die Erzählungen des in der Schweiz lebenden Catalin Dorian Florescu widmen sich existenziellen und transzendentalen Fragen, die auch im Mittelpunkt des Fragments des seit den frühen 1980er-Jahren in München lebenden Schriftstellers Gheorghe Săsărman stehen. Die Berliner Autorin Carmen-Francesca Banciu stellt familiäre Konstellationen in den Fokus. Die Übersetzungen der Gedichte von Denisa Duran und Claudiu Komartin gewähren Einblicke in die Themen der rumänischen Gegenwartlyrik, während Jan Konneffke die sprachlich-ethnische Vielfalt der Donauwelten bei Sulina reflektiert. Die lyrische Reise führt uns mit Elazar Benyoëtz bis nach Israel, um dann mit Edith Ottschofski durch die Mundart ins Banat zurückzukehren und es auch mit den Augen von Bastian Kienitz zu erkunden. Sein letztes Gedicht ebnet den Weg zum abschließenden Essay von Georg Aescht, eine literarische Hommage an den vor 40 Jahren aus dem Leben geschiedenen Dichter Rolf Bossert. 

Im Feuilleton stoßen Sie auf »Banater Zeitreisen« von Thomas Dapper – einen Text, der die Suche nach Archivbeständen in Serbien mit der eigenen Familiengeschichte verbindet –, können die Europäische Kulturhauptstadt Trentschin (sk. Trencín) besuchen und auf den Spuren Ödön von Horváths durch Murnau wandeln. Drei mit dem IKGS (eng) verbundene Menschen vollenden in diesem Jahr ihr achtes Lebensjahrzehnt und werden in den Personalia gewürdigt: Peter Motzan sowie die Autorinnen Zsuzsanna Gahse und Ilma Rakusa. 

Neben der gedruckten Ausgabe, die Sie in Händen halten, wächst auch unser Online-Angebot mit Podcasts und den nur mehr im Internet zu findenden Rezensionen und Buchbesprechungen. Wir laden Sie daher ein, gelegentlich auch unser Angebot auf spiegelungen.net zu konsultieren. 

Gute Lektüre wünscht Ihnen auch dieses Mal  

Ihre SPIEGELUNGEN-Redaktion