https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2249

Zeitreisen im Banat

Diese wundersame Geschichte sollte mit einem kleinen Geständnis beginnen: 

Ich sah im Banat immer ein verwunschenes Traumziel, in dem mein Vater seine unglaublich spannende Kindheit verbracht hatte. »Sein« Banat war weit weg. Zeitlich und räumlich unerreichbar. 

Zeitlich unerreichbar, weil es sich um die Erinnerungen meines Vaters handelte, und diese lagen nun mal in der Vergangenheit seiner Kindertage. Seine Vergangenheit konnte und sollte nicht in die Gegenwart geholt werden. Eigentlich. Denn das Banat sollte mich die Gegenwart gleich mehrerer Vergangenheiten lehren. 

Räumlich unerreichbar, weil wir die Distanz von – je nach Route – 1600 bis 2000 Kilometern überwinden müssen, um in das Banat zu gelangen. 

Zeit ist als physikalische Maßeinheit Teil der Formel für Geschwindigkeit, denn Geschwindigkeit ist Zeit mal Weg, deshalb mein Verweis auf das Raum-Zeit-Problem mit der weiten räumlichen Distanz, die eine lange Reisezeit erfordert. 

Als mein Vater in meiner Kindheit seinem Onkel Peter half, Fotos für das Mramoraker Heimatbuch zusammenzutragen und dieses Buch endlich bei uns in Schwieberdingen ankam, erstaunte mich der Titel Mramorak – das Dorf an der Banater Sandwüste. Ich wusste, Mramorak war der Geburtsort meines Vaters, aus dem er als Kind vertrieben worden war. Aber die Banater Sandwüste? Von der hatte mein Vater mir nichts erzählt. Als Achtjähriger wähnte ich mich ohnehin in der unmittelbaren Nähe zu Stuttgart-Stammheim abseits der Weltgeschichte, die sich in den Jahren zuvor genau dort ereignet hatte. Nun also die Banater Sandwüste. 

Diese »fand« ich zufällig 2007 – 29 Jahre später – als ich für meinen Dokumentarfilm Wege nach Mramorak die Stelle der Exekution von vier Serben, darunter des serbischen Schulleiters Sava Maksimović, vier Kilometer von Mramorak entfernt, suchte und von Svetozar Milutinov, Toza, über eine steppenartige Wiese auf sandigem Grund geführt wurde. Der Sand unter der wildwuchernden Wiese ließ mich allmählich ahnen, dass ich mich hier unverhofft auf der Banater Sandwüste aufhielt. 

Nach meinen Dreharbeiten vor Ort und dem anschließenden Interview sprach ich mit Toza, dessen Vater im September 1944 Bürgermeister im Geburtsort meines Vaters geworden war. Toza erzählte mir später von meiner Familie und bestätigte meine Vermutung: Wir befanden uns tatsächlich auf dem beruhigten Flugsand der einstigen Banater Sandwüste. 

Es sollte noch weitere drei Jahre dauern, bis ich endlich erfahren durfte, wieso dort Wald und Wiesen waren, wo man einst von der Europäischen Sahara oder eben der Banater Sandwüste gesprochen hatte. Jahrhunderte zuvor hatten die Römer den Begriff Agger Romanorum eingeführt, wenn bei ihnen die Sprache auf das sandige Gebiet kam, das sich gegenüber von Viminatium/Stari Kostolac befand und sich vom linken Donauufer nach Nordwesten erstreckte. 

»Let’s do the Time Warp again« – so hören wir eine Textzeile in der Rocky Horror Picture Show, beherzigen diese Ansage jetzt und springen durch die Zeit. Nebenbei: Im selben Musical wird der »sweet transsexual Transsylvanian« besungen. Transsilvanien bedeutet »Land hinter den Wäldern« und steht selbstverständlich in keinem ursächlichen Zusammenhang zur Transsexualität. Auf Deutsch reden wir übrigens von Siebenbürgen und weniger von Transsilvanien. 

Es war die Banater Sandwüste, die mich im Oktober 2023 ins Nationalarchiv von Temeswar/Timișoara führte. »I am interested in documents up from 1804 concerning the ›Desert of Banat‹.« Die Leiterin des Nationalarchivs wurde geholt und schaute mich mitleidig an, blieb etwas abwartend und gab mir dann freundlich die Hand. Sie ließ sich von mir noch einmal mein Anliegen schildern und atmete tief durch: »You know, here in Banat we had many problems with swamps and a lot of water. So it is really weird for us that you ask for documents concerning a ›Desert in Banat‹.« Sie fand sich lustig und fühlte sich überlegen. Und ihr Überlegenheitsgefühl mir gegenüber wollte sie keineswegs vor mir verbergen. Dennoch: Keine zwei Stunden nach unserem Gespräch las ich in einem Dokument vom 21.12.1808 die Bestätigung dessen, was mich ins Nationalarchiv der Banater Hauptstadt geführt hatte. Ich fand in einem alten Dokument, was ich 2010 in Josef Wesselys Buch aus dem Jahr 1873 mit dem Titel Der europäische Flugsand und seine Kultur im Hinblike auf die Banater Sandwüste1 gelesen hatte: Franz Bachofen von Echt, ab 1830 Edler von Echt, hatte einen ersten Sandbindungsversuch mit Eichen unternommen. Dieser Versuch war allerdings fehlgeschlagen. Im alten Dokument vom 21. Dezember 1808 der Beweis: Franz Bachofen von Echt hatte tatsächlich 5.000 Eichensetzlinge für das kommende Frühjahr bestellt. 

»Time Warp« 

1970 schrieb Dragutin Ilkić seinen Roman Pohod [Der Feldzug]. Darin schilderte er die ersten Untersuchungen des Forstdirektors Bachofen auf dem Gebiet der Banater Sandwüste. Neben Fehlversuchen gehörte dazu auch die Unterstützung armer rumänischer Bauernfamilien in einem längst verschwundenen Dorf namens Cvetkova Greda, das 1551 Schauplatz der »Legende vom Kirschenbrunnen« gewesen sein soll. Doch so weit möchte ich in meiner Banater Zeitreise noch nicht zurückfliegen. Meine Ahnen betraten das Banat ja auch erst 1820. Sie fuhren im Monat November von Regensburg 14 Tage über die wohl teils vereiste Donau nach Kubin/Kovin. Unternahmen sie diese waghalsige Reise möglicherweise mit dem Symbol der Banater Schwaben, der Donauschwaben, der Bessarabiendeutschen, der Russlanddeutschen und wohl noch ein paar anderer, nämlich auf einer Ulmer Schachtel? 

Ihren ersten Winter verbrachten besagte Ahnen mit elf anderen südhessischen Familien in Deliblat/Deliblato. Mein Urahn, Georg Friedrich Dapper, war 59 Jahre alt, seine Ehefrau 56, der 12-jährige Sohn war taubstumm und blind. Konnte ihre Reise gutgegangen sein? Nun, sie kamen alle wohlbehalten im Banat an und bauten im Frühjahr 1821 ihr Haus in Mramorak. All dies ist belegt mit alten Dokumenten im Heimatbuch der Mramoraker Deutschen, dem Buch mit dem Untertitel Das Dorf an der Banater Sandwüste

»Time Warp« 

Als ich 2010 meinen Burn-out auskurieren wollte, plante ich einen mehrmonatigen Aufenthalt in Mramorak bei einem Freund, in dessen Haus ich schon während der Dreharbeiten für den Film Wege nach Mramorak wohnen durfte. Meine kurz zuvor erworbene digitale Spiegelreflexkamera wollte ich in der Natur einsetzen und mit Fotos und Videos von der Banater Sandwüste im Herbst nach Deutschland zurückkehren. Drei Wochen vor meiner Abreise aus Köln küsste mich die Muse und mir kam plötzlich der Gedanke: »Gibt es eigentlich ein Buch über die Banater Sandwüste?« Im Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher wurde ich gleich zweimal fündig: Der europäische Flugsand und seine Kultur im Hinblike auf die Banater Sandwüste war einmal für 180 Euro in einem Antiquariat in Deutschland zu haben, das zweite Exemplar befand sich in den USA für 50 US-Dollar. 

Darüber musste ich eine Nacht schlafen. Ganz ohne Zeitreise füllte sich diese Nacht mit gesundem und erholsamem Schlaf. Am Morgen überkam mich sehr früh der Gedanke: »Wenn das Antiquariat irgendwo in Deutschland liegt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es von der A3 aus erreichbar sein sollte. Vielleicht kann ich es zurücklegen lassen, bevor es jemand kauft oder das teure, alte Buch auf dem Postweg verloren geht.« So würde ich es auf meinem Weg ins Banat einfach abholen und im Antiquariat vor Ort bar bezahlen. 

Noch vor dem morgendlichen Toilettengang warf ich also den Rechner an und suchte auf www.zvab.com noch einmal nach der Banater Sandwüste, weil ich erfahren wollte, wo sich das besagte Antiquariat in Deutschland befand. 

Zu meiner großen Überraschung lag es nur etwa zehn Fußminuten von meiner damaligen Wohnung in der Rudolf-Amelunxen-Straße in Köln-Sülz entfernt. Nach einem schnellen Frühstück schwang ich mich auf mein Fahrrad und radelte ins Weyertal, wo ich ein paar Hausnummern weiter hinten fast die Hälfte meiner Bibliothek in der Buchhandlung Der andere Buchladen erworben hatte. Das Grüne’s Antiquariat war geöffnet und ich betrat das Ladenlokal. 

Der freundliche, ältere Herr Grüne begrüßte mich, und ich fragte ihn direkt nach Josef Wesselys Buch über den europäischen Flugsand. Er wusste exakt, wo er dieses teure Buch aufbewahrte. In einer verschlossenen Glasvitrine. Herr Grüne holte den Schlüssel. Als er wiederkam, fragte ich ihn, warum der Preis so hoch sei. »Na, weil es sich um ein seltenes und gut erhaltenes Buch handelt.« Ich ließ ihn wissen, dass ich es in den USA für 50 Dollar beziehen könnte. Herr Grüne verzog sich im Internet auf die Webseite des Zentralverzeichnisses antiquarischer Bücher, fand das deutlich günstigere Angebot in den USA und sprach: »Gut, ich gebe es ihnen für 100 Euro, aber weiter gehe ich mit dem Preis nicht runter.« Ich bezahlte, ließ mir die Quittung ausstellen und raste mit dem Mountainbike zurück in meine Erdgeschosswohnung. 

Ein Gefühl völliger Überwältigung suchte mich heim. Ich musste sofort lesen. Zu meiner freudigen Überraschung hatte Josef Wessely ein ganzes Kapitel über die Geschichte der Banater Sandwüste verfasst. Dieses Kapitel las ich zuerst. Hier entdeckte ich den Namen eines mir noch völlig unbekannten und vergessenen Banater Pioniers: Franz Bachofen Edler von Echt. Ich las, wie er sich in der Kaserne Weißkirchen/Bela Crkva mit den Generälen der Deutsch-Banater Militärgrenze angelegt hatte, denn wenn er sofort Soldaten brauchte, um mehrere Tausend Pappelsetzlinge in den Sandboden zu stecken, dann musste der eigentliche Militärdienst eben warten. Die vielen Pappelsetzlinge sollten keinesfalls verderben! Ich fühlte mich an den braven Soldaten Schwejk erinnert, verwarf den Gedanken aber direkt wieder. Franz Bachofen hieß ja Edler von Echt und war nie ein einfacher Soldat gewesen. 

»Time Warp« 

2022, Hochzeit meiner Cousine auf Schloss Lieser in Rheinland-Pfalz. Auf halber Strecke meiner Rückfahrt nach Köln machte ich in Koblenz-Ehrenbreitstein Halt und baute mich vor dem Geburtshaus von Franz Bachofen von Echt auf, fotografierte und filmte es. Ein Bewohner des Hauses wollte wissen, was an dem Haus, in dem er wohne, so bedeutsam sei. Als er davon erfuhr, im Geburtshaus des einstigen Sandwüstenbegrüners Franz Bachofen von Echt zu wohnen, bat er mich hinein, zeigte mir vom Keller bis zu seiner Dachwohnung alle zugänglichen Räume und auch noch den Hinterhof. So filmte ich das gesamte alte Gemäuer mit der Rückansicht von Bachofens Geburtshaus, das zu seinen Lebzeiten über eine Etage weniger verfügt hatte. Bachofens Mutter und die Mutter des weltbekannten Ludwig van Beethoven hatten übrigens ihre Kindheit in Ehrenbreitstein verbracht – Bachofens Mutter kam 1752 zur Welt, Beethovens sechs Jahre früher. 

»Time Warp zurück« 

Werschetz/Vršac, 2011 

Die Suche nach einem lange Verstorbenen 

In der Touristeninformation der Stadt fragte ich nach Kenntnissen über Franz Bachofen Edler von Echt. Immerhin hatte er – Wessely zufolge – hier ab 1841 seine Pension verbracht und war 1849 angeblich »vom Schlage gerührt« verstorben. Vielleicht wäre seine Grabstätte noch zu finden? 

Doch das wäre viel zu einfach gewesen: Der alte katholische Friedhof war einst von der kommunistischen Partei zugunsten eines Parade- und Aufmarschplatzes eingeebnet worden. Man sagte mir, einige Gräber und Grabsteine seien aber umgebettet worden und befänden sich nun auf dem neuen katholischen Friedhof. Dort schoss ich einige Fotos und stellte fest, dass man die schönen und kunstvoll behauenen Grabsteine recycelt haben musste. Sie waren neu überschrieben worden. Einerseits, weil ein Toter ja nicht zweimal sterben kann, und andererseits, weil ein kürzlich Verstorbener nun mal einen Grabstein braucht, verstehe ich den Pragmatismus einer dank historischer Verheerungen im Banat in vielen Bereichen verarmten Bevölkerung. 

Doch: Ich fand keinen Grabstein von Franz Bachofen Edler von Echt, der in Werschetz posthum zu einem Phantom mutiert sein musste. 

»Time Warp vorwärts« 

Werschetz im Oktober 2023 

Im Gespräch mit dem Bibliothekar Tamaš Fodor kein Hinweis auf Franz Bachofen Edler von Echt in den Unterlagen der Stadt. Im Gespräch mit dem katholischen Priester ebenfalls kein Hinweis auf das Ableben Bachofens im August 1849. Die Eintragungen im Kirchenbuch von Juli bis September 1849 würden laut seinen Recherchen keinen Hinweis auf das Ableben oder das Begräbnis von Franz Bachofen Edler von Echt enthalten. 

»Time Warp weiter vorwärts« 

6. Februar 2025 nachts um 1:06 Uhr der Gedanke: Bachofens Sohn Richard starb kinderlos in Alisbrunn/Alibunar und war dort mit der Tochter des Besitzers einer Natronsaline verheiratet gewesen. Möglich, dass dieser Sohn den Leichnam seines Vaters nach Alisbrunn überführen ließ. Bei meiner nächsten Reise ins Banat würde ich das vor Ort in Alisbrunn überprüfen! Nur wann würde ich diese Reise unternehmen können? Oder war es möglich, dass der Autor Josef Frank für sein Buch über die Bewaldung der Banater Sandwüste derzeit weiterführende Informationen zutage förderte? 

»Time Warp zurück in den Sommer 2010« 

Das Buch Der europäische Flugsand und seine Kultur im Hinblike auf die Banater Sandwüste regte meinen Freund und Quartiergeber Mikan und mich in Mramorak zu nächtelangen Gesprächen an. Mikan verschlang das Buch ebenso schnell wie ich, in zwei Nächten. Wo könnten wir an Informationen zur Banater Sandwüste gelangen? Und wieso hatte sich Wessely 1873 über das Fehlen von Dokumenten bezüglich des Grenzwald-Direktors Bachofen beschwert? 

»Weißt du was, wir fahren nach Čardak! Da arbeitet einer aus Mramorak als Ranger in der Deliblatska Peščara [Banater Sandwüste]. Warst du schon einmal in Čardak?« War ich nicht. Wir brachen sofort auf und fuhren zuerst nach Deliblat, wo wir an der einzigen großen Kreuzung in der Dorfmitte nach links in Richtung Schuschara-Sanddorf/Šušara abbogen. Der Weg führte aus Deliblat durch eine Allee, dann über eine langgezogene Rechtskurve und korrigierte sich noch länger wieder nach links. Vor uns klar erkennbar: typische Banater Felder, die Erde schwarz, schwer und fruchtbar und dann eine deutliche Kante hin zu bewaldeten Sandhügeln. Ein Wegweiser Richtung Čardak. Nach wenigen Metern auf der noch halbwegs gut befahrbaren Straße zur inneren Schutzzone des Speziellen Naturreservats stießen wir auf einen Abzweig nach rechts. Das Schild wies uns den Weg. Die Banater Sandwüste stieg links der Straße an, von Bäumen und Sträuchern, Gras, Kräutern und Blumen gesäumt. Rechter Hand Bäume, und gelegentlich öffnete sich ein freier Blick auf die Agrarflächen Deliblats in Richtung Vrela, einer sumpfigen Quelle. 

Mehrere größere Gebäude. Dazwischen Wiesen, Bäume und ein großer Parkplatz. Das Verwaltungsgebäude im Zentrum. Wir fragten uns zum Mramoraker Ranger durch. Er bat uns hinein. Und wie in Serbien üblich: Der Gast, hier der Deutsche, musste erst einmal mit Ratluk (Lokum), Schnaps und einem Kaffee auf das Level der hier arbeitenden Männer gebracht werden. Der Ranger schaute interessiert auf das Buch von Josef Wessely und entschuldigte sich bei uns dafür, dass wir uns völlig umsonst auf diesen beschwerlich weiten Weg gemacht hätten. Denn der Mann mit dem wir über das Buch sprechen müssten, sei in Pantschowa/Pančevo anzutreffen. Im Büro von Vojvodina Šume, der vojvodinischen Waldverwaltung, sollten wir den Direktor Marius Oldja aufsuchen. Er sei der Experte für die Geschichte der Banater Sandwüste. 

Wir erfuhren vom Ranger auch vom Kongresszentrum Čardak, in dem sich 600 Betten befänden. Pro Person und Übernachtung seien sechs Euro zu entrichten. Aktuell habe man Flüchtlinge aus Kroatien hier untergebracht. Wir mussten dringend los nach Pantschowa. 

Die anschließende Fahrt von Čardak nach Pantschowa führte zunächst wieder durch Deliblat und einige Kilometer später durch Mramorak. Acht Kilometer hinter Mramorak befindet sich Dolovo fast schon auf dem halben Weg nach Pantschowa. Dort fanden wir das Büro von Vojvodina Šume und trafen sofort Marius Oldja, der uns bereits erwartete. Eigentlich habe er schon Feierabend machen wollen – die Behörden schließen in ganz Serbien um 14 Uhr –, aber er habe gehört, dass wir Wesselys Buch im Original dabeihätten und er wolle nur wissen, ob die Karte noch in diesem Buch vorhanden sei. Falls ja, wolle er mich bitten, »irgendwo im Westen einen sehr guten Scan dieser Karte für ihn anzufertigen«. Ich öffnete das Buch und mit der gebotenen Vorsicht breitete ich die Karte der Banater Sandwüste aus dem Jahr 1871 auf dem Tisch aus. Oldja war fasziniert. Auf mich wirkte die Karte wie ein verfrühter Ausdruck von Google Earth – nur eben in schwarz-weiß. Natürlich versprach ich dem Nachnachfolger von Franz Bachofen Edler von Echt, Kopien und Scans der Karte anzufertigen und ihm persönlich bei einem späteren Besuch im Banat zu übergeben. Diese Begegnung verschob ich dann aus Gründen der Spannung, die mich etwa ein Dreivierteljahr begleiten sollte. 

»Little Time Warp« 

Die niedergeschriebene Enttäuschung Josef Wesselys über die Chancenlosigkeit, Dokumente mit Bachofens Unterschrift über dessen Maßnahmen zur Flugsandberuhigung, also zur Sandbindung zu finden, beschäftigte mich in Köln noch einige Wochen nach meiner Rückkehr. Im November 2010 allerdings ging mir ein Licht auf:  

Du hast doch im Historischen Archiv in Weißkirchen einen Raum voller Dokumente zur Banater Militärgrenze gesehen. Ganze Regalmeter voller Dokumentenboxen. Außerdem weißt du doch aus Wesselys Buch, dass Bachofen im Dienst der Banater Militärgrenze stand und in deren Auftrag die Flugsandwüste begrünt hat. Was meinst du wohl, wo die von Wessely vermissten Dokumente archiviert sein könnten? 

In diesen Wochen suchte ich einen guten und teuren Copyshop in Köln auf, ließ mir die Karte der Banater Sandwüste aus dem Jahr 1871 auf DIN-A3 vergrößern und hochauflösend einscannen. Ziemlich genau ein halbes Jahr später, im Mai 2011, fuhr ich für ein paar Tage erneut ins Banat. Ich wollte endlich wissen, ob ich in Weißkirchen finden würde, was Josef Wessely vermutlich drei bis fünf Jahre lang erfolglos gesucht hatte. Und ich wollte dieses fast 140 Jahre alte Rätsel endlich lösen. 

»Another Jump to the Banat« 

Von Mramorak brauchte ich mit meinem Auto etwa eine Stunde nach Bela Crkva. Ich benutze hier diesen Namen, weil nur der serbische Ortsname auf sämtlichen Wegweisern steht. Fast überall auch nur in kyrillischer Schrift. Auf diesen Schildern steht nicht Weißkirchen und auch nicht Biserica Alba oder Fehértemplom. 

Die Fahrt führte durch Deliblat, den Ort, nach dem die Banater Sandwüste heute benannt ist: Deliblatska Peščara oder auf Englisch Deliblato Sands. Es ist einer der Orte, in denen Franz Bachofen zweihundert Jahre zuvor beruflich tätig war. 

Auf halbem Weg nach Kubin ging es scharf links in Richtung Gaj. Weil es sich hier eher um eine Nadelspitze handelte als um eine verkehrstaugliche Kurve oder Kreuzung, musste ich stark auf den Gegenverkehr achten. Gaj – so stellten meine Cousine und ich im selben Sommer fest – war das langweiligste Dorf der Welt! Drückende Sommerhitze, kein Mensch auf der Straße, kein Auto vor oder hinter uns und an unsere Ohren drang kein Laut eines Tieres. 

Von Gaj führte der Weg noch vor Dubovac durch Šumarak. Hier befand sich ein Restaurant wie es Douglas Adams als »Restaurant am Ende des Universums« in seinem Buch Per Anhalter durch die Galaxis vor seinem geistigen Auge gesehen haben musste. Und dieses Restaurant trug den Namen, der auf Deutsch am treffendsten mit »Sandwüstenparadies« übersetzt werden kann: Peščarin Raj. Auf der Speisekarte standen drei paradiesische Sorten Gulasch. Die Fleischlieferanten wurden auf dem Gebiet des Speziellen Naturreservats Deliblatska Peščara gejagt, erlegt und ausgenommen. Hirsche, Rehe, Kaninchen landeten auf den Tellern in diesem paradiesischen Restaurant, das direkt an der Straße lag, die durch die alte und ehemalige Banater Sandwüste von Dubovac nach Gajtasol/Kajtasovo über die Teufelsbrücke führte. Wer die Filme von Emir Kusturica kennt und sich an den Film Underground erinnert, weiß, um Ostern 1941 warf die Luftwaffe im Auftrag Hitlers Bomben auf Belgrad und traf auch den dortigen Zoo. Ein Tierpfleger erinnerte sich an den Wald am linken Donauufer, organisierte kurzentschlossen ein Boot, lud Rehe und Hirsche darauf und legte auf der Save Richtung Donau ab. Er musste sich wie Noah gefühlt haben, der seine eigene Arche Richtung Banater Sandwüste fuhr. Den Rehen und Hirschen tat die erzwungene Auswilderung gut, und Generationen ihrer Nachfahren landeten nun in diesem Restaurant am Ende der Welt sehr schmackhaft zubereitet auf den Tellern. 

Eine Zeitreise stellen wir uns vor als eine Reise in die Vergangenheit oder eben in die Zukunft. In beiden Fällen reisen wir durch die Zeit. Dies tun wir am selben Ort, ohne ihn zu verlassen. Das ist mir im Banat allerdings so nicht möglich. Ich muss auch heute noch große Distanzen mit dem Auto zurücklegen, um in die Vergangenheiten meiner Familie, der Banater Schwaben, der Donauschwaben und all ihrer Freunde und Nachbarn eintauchen zu können. Dabei unternehme ich spontane Sprünge ins Jetzt zurück, wenn ich etwa im Restaurant »Sandwüstenparadies« vergesse, dass ich einst als Vegetarier im Banat ankam. Dazu noch ein weiterer kulinarischer Tipp: Das Fischrestaurant an der Donau in Alt-Palanka/Stara Palanka. Dort liegt die versunkene ungarische Festung Horom. Versunken ist sie, weil die Donau durch die Staumauern der Kraftwerke Đerdap 1 und 2 über 100 Meter mehr Höhe erreicht hat. Eine Zeitreise vor Ort wäre nur mit einer professionellen Tauchausrüstung in die Tiefe der Donau möglich, und man könnte lediglich den ursprünglichen Zustand der Festung erahnen, weil sie wohl als Ruine in der Donau versunken ist. 

Bei unserer Ankunft im Mai 2011 im Historischen Archiv in Weißkirchen baten wir die zuständige Mitarbeiterin, uns doch mitzuteilen, ob sich hier Dokumente mit Bachofens Signatur befänden, die die Sandbindungsarbeiten und seine diesbezüglichen Befehle belegen würden. Wir fragten vorsichtig und voller Ehrfurcht. Immerhin war für uns fast ein ganzes Jahr mit dieser Frage vergangen. Wessely in my mind hörte ich die lachende Antwort der Archivarin: »Pa, naravno!« Zu Deutsch: »Aber natürlich!« Nachsatz der Archivarin: »Wie viele darf ich Ihnen bringen?« Eine Antwort darauf blieben wir ihr schuldig. Sie holte einen großen Stapel von etwa zehn Boxen aus dem Archiv und stellte diese vor uns auf den Tisch. Dann hob sie den Deckel der obersten Box und zog ein altes Dokument hervor, das die Signatur Bachofens trug. Ich schoss einige Fotos und konzentrierte mich in der Folge nur darauf, so viele Dokumente wie nur irgend möglich auf die Speicherkarte meiner Kamera zu bekommen. Aber Sisyphos stand hier Pate; er verdeutlichte mir einerseits die Aussichtslosigkeit der Erfüllung meines Drangs, alle Dokumente abzufotografieren, andererseits drängte mich der frühe Feierabend der serbischen Behörden zur Eile. Ich war sehr glücklich, immerhin hatte ich gerade ein 138 Jahre altes Rätsel gelöst. 

Wir lernten Milan kennen. Milan war mein Jahrgang, arbeitete im Historischen Archiv in Weißkirchen und war dort für die Digitalisierung alter Dokumente und Karten zuständig. Seine Englischkenntnisse erleichterten mir hier vor Ort die gezielte Kommunikation zu Regularien, Arbeitszeiten und den technischen Möglichkeiten, die er uns bereitstellen konnte. Also erzählten wir von unserer Recherche zur Banater Sandwüste und auch davon, im vorigen Jahr Marius Oldja kennengelernt zu haben. Milan: »Oh, Marius is there today. I will call him and tell him, that you are here, okay?« Etwa eine Stunde später kam Marius Oldja ins Historische Archiv und ich konnte ihm die DIN-A 3-große Karte aus dem Jahr 1871 überreichen. Wir versprachen ihm, in ein paar Wochen wieder ins Banat zu kommen und dann auch länger zu bleiben. An jenem Tag war nur für die Bestätigung Zeit, dass zumindest ein Teil der Dokumente Bachofens tatsächlich hier im Historischen Archiv aufbewahrt wurde. 

Mikan und ich fuhren mittags Richtung Grebenac, einem traditionell von Rumänen bewohnten Dorf nahe dem Donau-Theiß-Donau-Kanalsystem, das hier den Fluss Karasch/Karaš/Caraș abschneidet. Vor der Brücke Angler. Diese konnten wir erst sehen, als wir einen sandigen Felsen, durch den die Straße führte, fotografiert hatten. Bruthöhlen von Bienenfressern, Grasbüschel auf sandigen Vorsprüngen und oben drauf Bäume. Eine merkwürdige Szenerie. Von Grebenac ist Schuschara-Sanddorf erreichbar oder linker Hand Gajtasol. Wir entschieden uns für die kürzere Strecke Richtung Gajtasol und erkannten, hier musste es vor Kurzem gebrannt haben. Die gesamte Waldfläche war schwarz verkohlt. 

Das wäre den Kommunisten Jugoslawiens nicht passiert. Sie hatten Brandschutzwege anlegen lassen, und diese mussten von jeglichem Bewuchs freigehalten werden. Nach ihrem Machtverlust fühlte sich der neue Staat nicht für den Brandschutz im Speziellen Naturreservat Banater Sandwüste zuständig. 

Wien im Oktober 2010 

Vier Tage hatte ich Zeit für die Suche nach Dokumenten im Österreichischen Staatsarchiv. Dank des Buches von Josef Wessely wusste ich von insgesamt drei Sandbindungsplänen, die Franz Bachofen vorgelegt hatte. Diese musste ich finden, damit es mir möglich war, einen Film zur Geschichte der Banater Sandwüste zu machen. Wessely hatte die Dokumente, die mir 2011 gezeigt wurden, zwar seinerzeit nicht gefunden, die Sandbindungspläne jedoch konnte er zitieren. Diese hatte er gekannt und die Mühen und Rückschläge beschrieben, die Bachofen bewältigen musste. Nach Jahren der Bestandsaufnahme und ersten Versuchen – etwa dem gescheiterten Versuch mit Eichensetzlingen ab dem Frühjahr 1809 – legte Bachofen dem Hofkriegsrat 1815 seinen ersten Sandbindungsplan vor. Dieser wurde zur weiteren Bearbeitung mit einigen Anmerkungen unter anderem von Anton Rochel, Autor des Buches Plantae Banatus Rariores, an Franz Bachofen von Echt zurückgegeben. Also präsentierte dieser 1818 die überarbeitete Fassung in Form eines zweiten Sandbindungsplans, der schließlich akzeptiert und zur Ausführung durch Bachofen genehmigt wurde. Angeblich soll Franz Bachofen geglaubt haben, dass seine Sandbindungsarbeiten in 16 Jahren abgeschlossen sein würden. Im Jahr 1832 war ihm allerdings längst bewusst, dass er seine Vorhersage zwei Jahre später nicht erfüllen könnte. Aus diesem Grund legte er seinen dritten Sandbindungsplan vor, der von den bisherigen Erfahrungen, Rückschlägen und Erfolgen profitieren sollte. 

Doch wo befanden sich diese drei Sandbindungspläne Bachofens heute? 

Im Staatsarchiv zu Wien stieß ich auf das Problem mit sogenannten Findbüchern. Diese zu verstehen, reichten vier Tage vor Ort nicht aus. Ich musste zurück nach Köln und rief dort noch im selben Monat im Institut für Bodenkunde an. Ich ging davon aus, dass der Institutsgründer Josef Wessely im Hause bekannt sein müsse, zudem waren in seinem Nachlass möglicherweise auch das Manuskript oder weitere Rechercheunterlagen zu seinem Buch Der europäische Flugsand und seine Kultur enthalten. Anruf im Institut für Bodenkunde: »Guten Tag, mein Name ist Thomas Dapper, und ich bin auf der Suche nach dem Nachlass von Josef Wessely.« Darauf wurde ich im Institut wild hin und her verbunden, bis ich im Archiv landete. Ich wiederholte meine Frage und erhielt ein »aan Moment, bitt’schön«. Dann raschelte es. Ich vermutete ein hektisches Suchen in einem Karteikartenkasten. Nach einer Weile die Auskunft: »Sie, ich kann die Klappe von dem Herrn Wessely nicht finden.« »Das liegt daran, dass ich ja auf der Suche nach seinem Nachlass bin. Das wiederum bedeutet: Der Mann ist tot. In seinem Fall schon über 100 Jahre …«  

Die Fruchtlosigkeit meiner Recherchen in Österreich erschienen mir tragisch. In Serbien verliefen die Recherchen deutlich erfolgreicher. Selbst in Rumänien, wo die Bürokratie strenger als in Serbien war, erhielt ich Auskünfte und stieß auf uralte Dokumente. Aber in Österreich? Immerhin ging es doch auch um die Geschichte Österreichs und Österreich-Ungarns. Die Bewaldung der Banater Sandwüste war im Auftrag des Wiener Hofs geschehen und allein deshalb sollte in Österreich ein wenigstens latentes Interesse an dieser Erfolgsgeschichte bestehen. 

Wieder eine Zeitreise in den Oktober 2023 

Historisches Archiv Pantschowa 

Am Haupteingang die Schilderung meines Anliegens. Mikan war dabei und übersetzte. »Pah, wer ist denn der, der glaubt, hier heute Dokumente fotografieren zu können? Na, gehen Sie halt rauf und fragen Sie mal nach Frau Jakšić. Die schickt sie sowieso wieder weg.« 

Pustekuchen! Die Tochter des ehemaligen Direktors im Historischen Archiv Pantschowa freute sich über mein Interesse an ihren alten Dokumenten und suchte einen internationalen Partner, um bei einem Fonds in Serbien die Digitalisierung ihrer Bestände finanzieren zu können. Sie ließ mich wissen, dass auch sie über Dokumente zur Bewaldung der Banater Sandwüste verfüge. Diese Information freute mich sehr, weil in Weißkirchen lediglich Dokumente zwischen 1836 und 1878 archiviert wurden. Aber Franz Bachofen war bereits spätestens ab dem Jahr 1808 mit Fragen der Bewaldung der Banater Sandwüste beschäftigt gewesen. Im Historischen Archiv von Pantschowa war mir zwar unklar, welche Jahrgänge genau aufbewahrt wurden, doch sahen die Boxen zumindest nach sehr vielen Dokumenten aus. Zudem erzählte Frau Jakšić mir, dass sie hier auch den vollständigen Bestand an Dokumenten zur 12. Militärgrenzkompanie aufbewahrten. Die 12. Militärgrenzkompanie veranlasste mich an dieser Stelle zu einer weiteren Zeitreise: 

November 1820 

Die Familie Dapper brach in Großbieberau bei Darmstadt zur Auswanderung nach Südungarn auf. Sie hatte sich Auswanderungspapiere in Frankfurt besorgt, die von einem Herrn Metternich unterzeichnet worden waren. Georg Friedrich, seine Ehefrau und die drei Söhne reisten ebenfalls mit. Der jüngste war zwölf Jahre alt, der älteste, der auf denselben Namen wie sein Vater, Georg Friedrich, hörte, war 20. Die Familie war damals mit 2000 Gulden unterwegs. 201 Jahre danach betrieb ich 2021 eine private Recherche für Günter Wallraff und erfuhr dabei den heutigen Wert jener Summe, mit der sich meine Ahnen auf den Weg ins Banat gemacht hatten: Umgerechnet waren das über eine halbe Million Euro. Mir kam der Gedanke, dass meine Ahnen diese Summe zu jener Zeit – kurz nach Napoleon, der Völkerschlacht bei Leipzig und der letzten Hungersnot in Deutschland – so einfach nicht zusammengespart haben konnten. 

Als die Auswanderer in Kubin angekommen waren, schlossen sie sich der 12. Militärgrenzkompanie an. Der Hauptmann, der sie vielleicht höchstselbst empfangen hatte, hörte auf den Namen Bachofen von Echt und war der jüngste Bruder von Franz Bachofen von Echt. 

»Zeitsprung zurück in die Zukunft« 

Pantschowa im Oktober 2023 

Im Historischen Archiv ließ mich Frau Jakšić einige Dokumente abfotografieren, mahnte mich jedoch zur Eile, da ab 14 Uhr Feierabend sei. Wir vereinbarten, in Verbindung zu bleiben und nach Lösungen zu suchen, diese Dokumente und das darin verborgene Wissen der Forschung und den Wissenschaften zugänglich zu machen. Nur eben wie? Der Abschied von Frau Jakšić und ihren Kolleginnen hatte etwas Verschwörerisches, denn hier waren sich Menschen begegnet, die gleichzeitig in eine Zeit vor etwa 200 Jahren eingetaucht waren und sich darüber prima verständigen konnten. Wir hatten uns über historische Persönlichkeiten ausgetauscht, die nur wenige Menschen in ganz Europa kannten. Wir hatten uns unabhängig voneinander mit einem Teil der Banater Geschichte beschäftigt, der relevant genug war, vielen anderen Menschen präsentiert und zugänglich gemacht zu werden. 

Das freute mich sehr, weil ich etwa ein halbes Jahr nach meinem Online-Vortrag über Franz Bachofen bei der Landeszentrale für Politische Bildung in Rheinland-Pfalz nicht hatte vermuten können, dass es doch noch andere Menschen in Europa gab, die sich für die Geschichte der Banater Sandwüste interessierten. Ein Interesse, das zu wecken sehr viel Aufwand bedeuten würde. Ein Aufwand, den Josef Frank derzeit auf sich nimmt, der im Frühjahr 2026 sein Buch über die Bewaldung der Banater Sandwüste veröffentlichen wird. 

Die Frage, wie diese vielen Dokumente digitalisiert, zusammengeführt und dann Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden könnten, kann heute dank des möglichen Einsatzes künstlicher Intelligenz beantwortet werden. 

Das Bild von mehreren Zeitreisen, von denen einige in meinem Kopf stattfinden und im Hier und Jetzt Anker werfen, ist ein Mosaik, das noch lange nicht vollständig ist, weil einzelne Teile fehlen und manche Fragen bis heute unbeantwortet sind. Es vergeht sehr viel Zeit außerhalb des Banats in Deutschland. Zeitverschwendung durch den Broterwerb zur Aufrechterhaltung der eigenen Existenz. Entfremdete Arbeit. Hier verstehe ich Karl Marx, den ich ansonsten ablehne. 

Doch eine echte Zeitreise ins Banat habe ich im Oktober 2023 ganz konkret unternommen. Als ich meine Recherchen zur Banater Sandwüste um einige Kenntnisse erweitern wollte, konnte ich dies in Temeswar tun und wusste, ich musste unbedingt nach Werschetz. 

Meine Fahrt begann in Temeswar um 9 Uhr. Die Reise führte etwa 90 Kilometer weit nach Süden in Richtung des Vršaćki Breg über einen kleinen Grenzübergang. Darauf folgte die Ankunft am Ziel in Werschetz um 9 Uhr. Das heißt, wer von Temeswar nach Werschetz reist, kommt zur gleichen Uhrzeit an, zu der er losgefahren ist. Dieses Symbolbild kurz vor der Grenze wirkt auf mich noch heute wie eine göttliche Verhöhnung unserer irdischen Trennungen im Banat.