Fantastische Erzählungen

Von Gheorghe Săsărman

 

WAWILON

WawilonAus der Ferne betrachtet erinnerte die Stadt am Horizont an eine Zikkurat, doch der inneren Beschaffenheit konnte man sie am ehesten mit einem im Kolossalmaßstab nachgebauten Bienenstock oder Termitenhügel vergleichen. Ich sage das, weil Wawilon keineswegs ein massiver Turm aus sonnengetrockneten Lehmziegeln war, vielmehr waren zahlreiche Gewölbe so übereinandergeschichtet, dass sie in zigtausend dunklen Räumen ein ganzes Volk beherbergten. Eine schlüssige und recht reizvolle Beschreibung bietet uns Johannes (17,5): Das große Wawilon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Ihr Name gibt immer noch Rätsel auf; vor allem dessen Deutung ist geprägt von Unsicherheit. Die einen behaupten, Wawilon leite sich von vav-ili ab, wobei ili Herr oder Herrschaft oder eben herrschen bedeute. Größte Schwierigkeiten jedoch bereitet die Übersetzung von vav, dem Wortstamm, der in den vergleichenden Studien zu den indoeuropäischen Sprachen nicht geführt wird, der jedoch von bab, also Tor kommen könnte. Ich für mein Teil neige dazu, diesem undeutlichen Begriff die Bedeutung von Gleichheit oder Freiheit beizumessen. Wawilon könnte mithin entweder als Herrschaft der Gleichheit, der Freiheit, oder als Freiheit der Herrschaft übersetzt werden, was im Folgenden näher erläutert werden soll.

Wie ich eingangs sagte, bestand die Stadt aus – insgesamt sieben – Stockwerken, die aus verschiedenfarbigen Bausteinen gemauert waren. Die Ausdehnung jedes einzelnen Unterschritt jene des Stockwerks, auf das es sich stützte, sodass der gesamte Korpus wie eine Stufenpyramide erschien. Die erste, weitläufigste und in mattem Weiß gehaltene Stufe wurde von Sklaven bewohnt. Diese gewährte bequemen Zugang zu den angrenzenden Feldern, die sie zu bestellen gezwungen waren. Das zweite, schwarze Stockwerk war zu einem gemäßigten Mietzins den Handwerkern und Kaufleuten zugeteilt worden, die als frei galten. Die dritte Stufe war purpurn und von den Militärs belegt. Das vierte Stockwerk bestand aus blauen Bausteinen und war von vornherein den Priestern zugedacht gewesen. Die großen Würdenträger herrschten in der fünften, orangeroten Stufe. Auf der sechsten, über und über mit Silber beschlagenen Etage hatte sich der König eingerichtet, dem im übrigen die ganze Stadt gehörte. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass in den Räumen des sechsten Stockwerks etliche märchenhafte Schätze und außergewöhnliche Kunstwerke aufbewahrt würden; es konnte allerdings niemand behaupten, sie irgendwann wirklich gesehen zu haben. Die siebte Stufe schließlich war nichts anderes als der Tempel des Gottes Kaduk aus purem Gold.

Die Stockwerke waren untereinander durch sehr steile und sauber geglättete Rampen verbunden, über die eigens dafür zuständige Diener jeden Morgen schlauchweise Öl gossen, um die Gleitfähigkeit zu erhöhen. Aus diesem Grund war der Weg hinunter schnell und stand jedem offen, während der Aufstieg nur sehr selten und nur den geschicktesten und flinksten Kletterern gelang. Das Gesetz jedoch, demzufolge alle Bewohner gleich waren, hinderte niemanden daran, es zu versuchen, sodass, zumal bei Sonnenuntergang, wenn das Öl zu trocknen begann, eine stumme Menge sich am Fuß jeder einzelnen Rampe drängte, besonders groß war sie auf den unteren Stockwerken, weiter oben dann immer kleiner. Nur wenige wagten es überhaupt niemals, ihre Geschicklichkeit zu erproben, weniger noch aber hatten Erfolg. Und obwohl die Rampe von Stockwerk zu Stockwerk sanfter abfiel, war es in der ganzen Geschichte Wawilons nur einigen wenigen gelungen, mehr als zwei davon zu bewältigen.

Ehe es zur Besichtigungsstätte wurde, musste Wawilon sieben mal sieben Male durch Feuer und Schwert zerstört und wieder aufgebaut, verwüstet und wieder bevölkert werden. Walzen gleich mussten der Reihe nach die Assyrer, die Elamiter, die Hethiter, die Perser, die Griechen, die Araber darüber hinwegrollen, ehe es, dem Erdboden gleichgemacht und vom Wüstensand verschluckt, von Archäologen ausgegraben und zu einer bedeutenden touristischen Sehenswürdigkeit werden konnte.

In der Frühzeit jedoch wurde der – auch in den Gesetzesbüchern besiegelte – Gedanke der Gleichheit aller Bewohner der Stadt Nacht für Nacht vom großen Gott symbolisch bestätigt. Diese erstaunliche Geste fand ihren Ausdruck darin, dass der Gott sich für jede Nacht eine Jungfrau vom ersten Stockwerk, dem der Sklaven, zur Frau nahm und sich mit ihr bis zum Morgen in Lust und Spielen ergötzte. Im Morgengrauen, wenn der König in speziellen, rutschfesten Sandalen zum Tempel hinaufstieg, um den Gottesdienst zu halten, fand er auf dem goldenen Bett den noch warmen Leib der Sklavin und warf ihn von jener schwindelnden Höhe hinab, ohne noch abzuwarten, dass der Totenschein ausgestellt wurde, oder eine Autopsie zu fordern – was noch viel schwerer wiegt. Keine einzige Jungfrau überlebte die leidenschaftliche, von der Gleichheit kündende Liebe des unsterblichen Kaduk. Und hätte nicht sechzehn Jahrhunderte danach eine von den vier Frauen des Wesirs von Samarkand Scheherazade geboren, es hätte niemand auch nur geahnt, dass die Geschichte von den nächtlichen Hochzeiten des Gottes schlicht und einfach eine Erfindung war.

VIRGINIA

Virginia»Wer da?« fuhr Antiope auf und erhob sich.

Sie meinte das Platschen von Sohlen auf den Marmorfliesen gehört zu haben; das Geräusch kam wieder. Sie riss eine Fackel aus ihrer Halterung und trat ein paar Schritte vor. Wer konnte es wagen, das Verbot zu übertreten und mitten in der Nacht in den Palast einzudringen? Was, verflucht nochmal, taten die Mädchen am Eingang überhaupt? Sie wollte gerade nach der Wache rufen, als der Eindringling zwischen den Säulen hervortrat; instinktiv führte sie die Hand an die Hüfte, ohne zu bedenken, dass sie das Schwert mitsamt Gehänge vor dem Schlafengehen abgelegt hatte. Beider Blicke trafen sich im flackernden Licht der Fackel. Mit plötzlich vom Pfeil des Eros durchbohrtem Herzen senkte die gefürchtete Königin scheu die Augenlider.

»Wie konntest du es wagen?« versuchte sie, ohne alle Entschlossenheit, sich gegen die starken Arme zur Wehr zu setzen, die sie emporhoben wie ein Kind, sodass sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen schwand.

Nie hatte sie es für möglich gehalten, dass sie jemals so, kaum merklich und doch sinnverwirrend, von einem kraftstrotzenden männlichen Körper gewiegt werden würde, um dann mit solch natürlicher Leichtigkeit auf das duftende Lager gebettet zu werden. Die dumme Frage, die sie anfangs auf den Lippen hatte, war ihr entfallen und damit auch jeder Gedanke an Widerstand. Es kümmerte sie überhaupt nicht mehr, wie dieser betörende Jüngling bis zu ihrem Gemach vorgedrungen war, auch nicht, wie er die so streng bewachte Amazonenfestung durchquert hatte, in deren Gassen bis dahin noch kein Mann seinen Fuß gesetzt hatte.

Kampflos besiegt, gab sich Antiope der Lust hin, die Liebe zu entdecken, mit deren vollständigem Arsenal ihr Volk bis dahin, ohne es zu ahnen, so unnütz ausgestattet gewesen war. Mit dem Geschick, zu dem nur eine vollkommene Kriegerin fähig ist, erspürte sie – als hätte sie immer schon darum gewusst – alle Geheimnisse der Kunst, zu lieben und sich lieben zu lassen: den glutvollen Blick der großen Augen, das neckische Klimpern der Lider, die heftige, erdrückende Umarmung, das Kosen der Fingerkuppen, den keuschen Kuss auf die Stirn, den zärtlichen Kuss auf die Augenlider, den scheuen Kuss auf die Wange, den verruchten Kuss in die Handfläche, den perversen Kuss hinter die Ohrmuschel, den aufwühlenden, anhaltenden Kuss mit blutenden Lippen, den gierigen Kuss, den einem Schatten, einer Erinnerung gleich schwebenden Kuss …

Die entfesselte Leidenschaft des Spiels raubte ihr selbst den letzten Funken Besonnenheit. Sie flüsterte ihrem unbekannten Bräutigam erfundene Namen zu, lockte ihn, begehrte ihn, ohne es zu wissen, ohne Worte zu haben für das schreckliche Sehnen, das seinen schmerzlichen Höhepunkt erreichte, das sie peinigte, wie selbst die furchtbarste Wunde es nicht vermocht hätte. Je unmittelbarer sie ihn spürte, desto peinvoller wurde jener Zustand, er raubte ihr die Sinne, und der plötzliche Schrei, der sich ihrer Kehle, ja ihrem tiefsten Innern entrang, war nicht so sehr einer des – unbekannten und unwiederholbaren – Schmerzes als vielmehr einer des Triumphs der Natur über die nichtige Tradition, die bis dahin die Stadt der Jungfrauen bedrückt hatte.

Aufgescheucht von dem durchdringenden Schrei, eilten die wachhabenden Amazonen herbei, und da sie die Königin sich winden und stöhnen sahen, durchbohrten sie den, der sie unter der Last seines Leibes gefangen hielt, mit ihren Speeren, bevor er auch nur Anstalten hätte machen können, sich zu wehren. Und ehe Antiope wieder bei Sinnen war, zerrten sie den Leichnam aus der lasterhaften Umarmung und schleppten ihn auf den Marktplatz vor den Eingang zum Tempel der Artemis, wo er verwesen sollte. Die unglückliche Königin aber raubte eines Nachts heimlich den Kadaver und begrub ihn.

Vergeblich versuchte sie danach, selbst um den Preis ihrer Herrschaft, anzukämpfen gegen die Männerfeindlichkeit der Amazonen, gegen den barbarischen Brauch, die Töchter aus den benachbarten Festungen zu rauben – denen sodann die rechte Brust abgeschnitten wurde, damit sie als Kriegerinnen Schild und Speer besser handhaben konnten –, vergeblich predigte sie die Liebe, die Vereinigung des Weibes mit dem Mann, die ursprünglich von der Natur zur Erfüllung des Lebens vorbestimmt war. Nicht einmal das – in Virginia nie dagewesene – Wunder der Mutterschaft war dazu angetan, die widerspenstigen Asketinnen zu überzeugen. Antiope wurde vom Thron gestürzt, mit Steinen aus der Festung gejagt, ja das Schicksal machte sogar ihre letzte lindernde Hoffnung zunichte: Sie gebar ein Mädchen!

PROTOPOLIS

ProtopolisBevor sie die kolossale durchsichtige Kuppel erbauten, hatten die Menschen sich nicht sonderlich viele Gedanken gemacht, weder darüber, wozu sie zu gebrauchen wäre, noch darüber, welche Folgen ihre Errichtung haben würde. Die Kuppel sollte einfach gebaut werden, weil sie erfunden worden war und weil sie alles übertraf, was sich der menschliche Verstand bis dahin in solchen Dingen vorgestellt hatte. Sobald sie jedoch gebaut war, ließ die Gruppe der Erfinder nicht nach, an ihrer Vervollkommnung zu arbeiten, die unmerklich ganz unerwartete Folgen zeitigte.

Nicht in die Geschichte eingegangen ist der ursprüngliche Name der Stadt, die samt einem ausgedehnten Umfeld mit jener Halbkugel aus Kunststoff abgedeckt wurde. Mit der Zeit jedoch bürgerte sich der Name Protopolis ein, und unter diesem Namen ist sie bis zum heutigen Tag bekannt. Die einfache Überdachung hätte wahrscheinlich keine besonders weitreichenden Folgen gehabt; die Regenfälle, die in jenen Breiten sowieso ziemlich selten waren und nun durch die Kuppel ganz abgehalten wurden, ersetzte man durch rhythmische und gleichmäßige Berieselung der Pflanzungen und Grünanlagen. Außerdem wurde per Hubschrauber die gesamte Kuppelfläche mit einem äußerst feinen Pulver beschichtet, so dass die Intensität der Sonneneinstrahlung auf ein angenehmes Maß begrenzt wurde. Nacheinander wurden die einzelnen Systeme eingeführt: jenes zur Erhaltung einer gleichmäßigen Temperatur und einer in optimalen Abständen erneuerten Feuchtigkeit, das Sterovac-Verfahren zur Vernichtung von Krankheitskeimen, die »sauberen« Methoden zur Beseitigung von Haushaltsmüll, zur Straßenreinigung und Leichenbestattung, die Trocken- und die Feuchtentstaubung, die Vertilgung der Insekten und aller anderen Schädlinge mittels Ultraschall usw.

Die protopolitanische Bevölkerung fiel bald durch ihre exzellente Gesundheit auf, der Krankenstand sank gegen null, die Kindersterblichkeit ging ganz zurück und die Lebenserwartung stieg. Damit diese nicht genug zu rühmende Entwicklung nachhaltig blieb, musste sich jeder Fremde – als möglicher Keimträger – der Quarantäne und einer unangenehmen Behandlung unterziehen, bevor er Zugang zur Stadt erhielt; die Einheimischen wiederum konnten Protopolis nicht mehr verlassen, weil sie ihre Abwehrkräfte verloren hatten und den Kontakt mit der Außenwelt nicht überlebt hätten. Bald war die Stadt unter der Kunststoffkuppel vollständig isoliert.

Den Protopolitanern schien das wenig auszumachen. Um den Anforderungen einer autarken Wirtschaft zu genügen, beschränkten sie ihre Betätigungen auf die Erzeugung des unbedingt Lebensnotwendigen. Und da ihnen das selbstgeschaffene Raumklima das ermöglichte, verzichteten sie auf Kleidung. Sodann verließen sie ihre Häuser und überließen sie dem Verfall, da sie festgestellt hatten, dass das Leben im Freien, in Parks und Wäldern, bequemer und gesünder war. Die Wälder überwucherten die verfallenen Gemäuer, die Straßen und Plätze. Die Menschen trainierten sich einen immer athletischeren Körperbau an, sie lernten, ohne jede Anstrengung zu laufen, auf der Suche nach Waldfrüchten flink auf die Bäume zu klettern, sich mit wundersamer Behendigkeit von Ast zu Ast zu schwingen.

Eine Zeitlang erschien ihnen die Bestellung der Felder, die den Frauen und Kindern überlassen worden war, noch lohnend. Die Männer gingen der Jagd und dem Fischfang nach, denn die Tiere des Waldes und der Gewässer hatten sich vermehrt und stellten die sicherste Nahrungsquelle dar. Später ließ man Weizen und Mais wild wachsen, auch die freilaufenden Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen verwilderten. Die Raubtiere wurden aus ihren Zoogehegen gejagt und machten sich hungrig auf die Suche nach Beute.

Die einzige den Protopolitanern verbliebene Zerstreuung war das Kinderzeugen. Und wir müssen anerkennen, dass sie sich großartig darauf verstanden, es sieht sogar danach aus, als sei es ihnen nie misslungen. Zwar gab es bei der Wahl und dem Werben um die begehrte Frau Streit und blutige Kämpfe zwischen den erregten Mannsbildern, da jeder die verführerischste wollte; obwohl aber solche Konflikte nicht selten mit dem Erwürgen des Schwächeren endeten, machte die Fruchtbarkeit der Sippe derlei Verluste mehr denn wett. Irgendwann wuchs die Bevölkerungszahl sogar besorgniserregend – angesichts der immer bescheideneren Mittel zum Überleben. In Rotten begannen sodann die Menschen übereinander herzufallen im Kampf um Jagd- und Fischgründe, um die an essbaren Früchten reichsten Wälder. Zuerst verstohlen, nach und nach mit immer größerem Triumphgehabe wurden die Gefangenen von den Siegern verspeist. Die Kiefer wurden immer stärker, die Stirn immer flacher, der Hals immer kürzer, der Brustkorb schwoll an, die Schultern wurden breiter, die Arme länger, und schließlich lernten die Leute von Protopolis, die Zweige mit den Zehen zu packen; aus dem aufrechten Gang ging es immer wieder hinunter auf alle Viere.

Die übrige Menschheit verfolgte den spannenden Ablauf der Ereignisse mit wacher Neugier. Von außerhalb der Kuppel wurde mit Teleobjektiven gefilmt, es kamen sensationelle Life-Sendungen zustande. Und die bei weitem höchsten Quoten im Wettbüro erzielte eine Wette zur Frage: Wann beginnt den Protopolitanern ein Schwanz zu wachsen?

 

GNOSSOS

GnossosTrunken vor Glück bauschte Ikarus seine Flügel wie Galeerensegel im Wind. Aus der schwindelnden Höhe seines Fluges erschien ihm das Labyrinth wie ein Kinderspiel. Das also war der riesige Palast, an dessen Erbauung auch er unzählige Wochen geschuftet hatte! Er hörte seinen Namen rufen: Dädalus mahnte ihn zur Eile, damit ihre Flucht nicht vor der Zeit entdeckt würde. Sie wären sonst eine leichte Beute für die berühmte Flotte von König Minos geworden.

Unverhofft wurde sein Kopf ganz klar. Er begriff, dass er außerstande sein würde, diesen Ort zu verlassen; es gab nur einen einzigen Ausweg, und es hatte keinen Sinn, einen anderen zu suchen. Das Gefühl des Schwebens nahm ihm jede Furcht, und er vermochte die Ungeduld des Vaters nicht mehr zu teilen. Er begann majestätische Kreise zu ziehen, mit der Gelassenheit eines satten Adlers. Die aufsteigende Luftströmung trug ihn immer näher zur Sonne empor.

»Geh in den Sinkflug«, befahl ihm Dädalus, »das Wachs der Flügel wird nicht halten!«

Ikarus schwebte sanft in weiten Kreisen immer höher. Er hatte fast die gesamte Insel im Blick.

»Lass ab von diesem dummen Spiel«, schrie verzweifelt der Architekt und Vater.

Jetzt hörte er Dädalus nicht mehr, da sich dieser notgedrungen, um seine Kräfte zu schonen, hatte zurückfallen lassen. Bis nach Sizilien war es weit. Ikarus winkte ihm zum Abschied. Dann nahm das winzige weiße Gemäuer seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Für einen Augenblick hielt er inne und hing reglos in der Luft. Heiße Tropfen liefen über seinen Rücken und kitzelten ihn. Befreit von der Besessenheit des Fluchtgedankens, stieß er mit der Geschwindigkeit eines Geschosses zur Erde hinab. Im stürmischen Sturzflug beschrieb er eine Spirale, die sich immer weiter öffnete, je näher das Labyrinth seinem gebannten Blick kam.

In seinen alles erfassenden Augen verzog sich das Labyrinth zur Unkenntlichkeit. Er hatte seinen Grundriß verinnerlicht und kannte ihn so gut, dass er ihn wann immer selbst mit geschlossenen Lidern hätte aufzeichnen können. Da gab es keine Spur von Gängen mehr, keiner der gewundenen, in die Irre, ins Nichts führenden Wege war mehr auszumachen. Der Palast sah aus wie eine riesige Honigwabe, bestehend aus unzähligen merkwürdig geformten Räumen mit hohen Mauern ohne jede Verbindung untereinander. Mit beängstigender Geschwindigkeit gewannen die – scheinbar immer zahlreicheren – Zellen der Riesenwabe genauere Konturen. Ikarus konnte jetzt auch die kleinsten Einzelheiten ausmachen. Zugleich wuchs die Wabe, quoll, dehnte sich aus und verdeckte den Horizont. Das war kein Palast mehr, sondern eine ganze Stadt. In beinahe jeder Zelle mühte sich ein Mensch, ausgestattet mit einem Garnknäuel, den Ausgang zu finden, ohne auch nur zu ahnen, dass er, selbst wenn er durch die Wand hätte gehen können, nichts erreicht hätte als eine andere Zelle, wo die Suche von vorne beginnen würde. Doch nicht einmal dieser Trug einer Flucht war den unglücklichen Gefangenen vergönnt. Das Universum, in dessen Mittelpunkt ein jeder sich befand, beschränkte sich für ihn auf die hohen, undurchdringlichen Mauern in gleißendem Weiß und den unbrauchbaren Garnknäuel.

Sie waren aus eigenem Antrieb hierher gekommen. Wo befand sich der unsichtbare Minotaurus, den sie, so ihre Vorstellung, hatten töten wollen mit dem Schwert, das ihnen von der Hüfte baumelte? In scharfem Bogen flog Ikarus unbemerkt über die in Nachdenken versunkenen Köpfe. Die Flugbahn, die er durch den Äther gezogen hatte, endete auf den Marmorfliesen einer leeren Zelle. Das verschwiegene Leben der Wabenstadt drehte sich weiter um sich selbst, als wäre nichts geschehen. Dädalus überwand seinen Schmerz, breitete seine Flügel aus und machte sich auf den ermüdenden Flug zum Hof des Königs Kokalus.

Fern den Blicken jedes Sterblichen aber zeichnete der rote Faden, der zwischen den zusammengebissenen Zähnen des Ikarus herausrann, auf dem Weiß des Marmors die verschmähte Lösung der einzig möglichen Flucht nach.

VERTICITY

VerticityDie Stadt schien weder Anfang noch Ende zu haben. Aus der Sicht eines der Hubschrauber, die dauernd über ihr kreisten, glich sie einem riesigen Turm, dessen Fuß und Spitze, verkleinert durch die Perspektive, sich in der Ferne verloren. Von der Erde aus gesehen, strebte ihre wie zum Hohn der Schwerkraft emporgereckte Gestalt empor in die Dunkelheit des Alls; mit abgründigen Untergeschossen, in die Tiefe gestaffelt, und mächtigen Grundmauern wurzelte dieser unvergleichliche Stamm unsichtbar im Erdreich. In einigen Kilometern Höhe begannen sich die Träger der Sonnenkraftwerke zu verzweigen, umkränzt von Parabolspiegeln. In bestimmten Abständen ragten Plattformen für die Landung und den Start der Flugmaschinen seitlich heraus. Die endgültige Höhe der Stadt konnte nicht genau angegeben werden; sie wurde in dem Maße unaufhörlich aufgestockt, in dem das zentrale Elektronenhirn Befehle an die Computer ausgab, die den Ausbau steuerten. Obwohl die Stadt lebte, konnte man sie nur in der Vorstellung mit einem Baum vergleichen; in Wirklichkeit hatte sie nie jemand mit einem einzigen Blick erfasst, und ihre Teilansichten lieferten keine Grundlage für einen solchen Vergleich.

Die innere Struktur der Stadt war recht kompliziert. Ein Netz von Hochdruckrohren beförderte das Wasser und die Mineralien, die im Erdinneren abgebaut wurden, den Stickstoff und das Kohlendioxid aus der Atmosphäre – Rohstoffe, aus denen mit Hilfe der Sonnenenergie die Lebensmittel und Konsumgüter hergestellt wurden, die die Bewohner benötigten. Im Kern des Baus befanden sich auch die Klimaanlagen sowie die Steuerungen für Verkehr und Kommunikation. Der technische Mittelstrang war umgeben von einem ersten Ring, in dem sich die öffentlichen Räumlichkeiten befanden; der äußere Ring war den Wohnungen vorbehalten. Diese umfassten auch die Räume, in denen die Familienmitglieder ihrer Alltagsarbeit nachgingen – einer intellektuellen Arbeit, da alle anderen Tätigkeiten automatisiert und computergesteuert waren.

Der junge Nat hatte ein beklemmendes Gefühl. Er hatte auf sein langes hartnäckiges Drängen hin die Erlaubnis bekommen, die Stadt zu besuchen. Sein Antrag hatte jedoch einiges Misstrauen geweckt bei den Behörden, geübt im Umgang mit einer Bevölkerung, die von den Vorzügen des stereo-chromo-videophonischen Systems totaler Kommunikation dermaßen verwöhnt war, dass sie sogar die frühere Tradition der Freundschaftsbesuche aufgegeben hatte. Im übrigen waren die Einwohner der Stadt auch sehr beschäftigt. Die Arbeitspflicht war hier eher aus Formgründen gesetzlich festgeschrieben, denn das Bedürfnis nach einer nützlichen Tätigkeit war so tief verwurzelt, dass jeder erwachsene Bürger ihr praktisch die gesamte ihm zu Gebote stehende Zeit widmete. Alle hatten gleich mehrere Berufe und erledigten aufgrund ihrer vielfältigen Fertigkeiten mehrere Arbeitsgänge gleichzeitig. Niemand hatte Zeit für den jungen Besucher.

In dem gigantischen Bienenstock von Verticity litt Nat unter Vereinsamung. Er irrte stundenlang in schnellen – und seit einiger Zeit sehr selten benutzten – Aufzügen hinauf und hinunter, ohne auch nur eine Menschenseele zu treffen. Nachdem er ein paar Tage in einem Dokumentationssaal zugebracht hatte, wusste er einiges über die Stadt und ihre Geschichte, allerdings zu wenig, als dass er mit denen, die hier wohnten, in Verbindung hätte treten können. Merkwürdig angezogen fühlte er sich von der immateriellen Erscheinung der Sprecherin, die die Zeit ansagte; schließlich beschloss er, sie zu suchen. Das war alles andere als einfach: Privatauskünfte waren nicht für jedermann bestimmt, um so weniger für einen Fremden; es wollte und wollte ihm nicht gelingen, den Namen seiner geheimnisvollen Dulcinea herauszubekommen. In dem Maße, in dem die Suche nach der Unbekannten sich als immer schwieriger herausstellte, schlug ihr entrücktes Lächeln ihn immer unwiderstehlicher in seinen Bann. Bald war Nat so weit, dass er ungeduldig auf den Augenblick wartete, zu dem die Zeitansage erfolgte. Das geschah an den bedeutendsten Verkehrsknotenpunkten alle halbe Stunde. Ganz in seiner Leidenschaft befangen, bemerkte der Fremde nicht, dass die wenigen einheimischen Frauen, die er getroffen hatte, weit entfernt waren von der Schönheit der Sprecherin. Und obzwar das reiner Zufall sein mochte, bot es sich als Erklärung für seine seltsame Wahl an.

Nat hatte kein Bedürfnis nach einer Erklärung; besessen, nicht zuletzt auch von der Befürchtung, dass er sich gleich einem Jüngling blindlings verliebt hatte, fasste er den Entschluss, ins Sendezentrum vorzudringen, komme was will. Im Zuge seiner Nachforschungen verfiel er natürlich weiterhin alle 30 Minuten der Ekstase der Zeitansage – seiner Lieblingssendung und der einzigen überhaupt, die ihn interessierte. So konnte er beobachten, dass die Sprecherin jedesmal in anderer Toilette erschien. Nachts trug sie lange duftige Hemden oder zeigte viel Haut, und dann spürte Nat, wie ihm das Blut in den Schläfen pochte; manchmal streckte er die Hände nach dem illusorischen Körper aus, packte und zerriss ihn in seiner Ohnmacht, indem er mit den Fingern durch die Luft fuhr.

»Wenn es nur nicht eine Urgroßmutter ist«, betete er in vager Erinnerung an eine Erzählung von Edgar Allan Poe, »oder das Gespenst irgendeiner Diva aus dem vorigen Jahrhundert …«

Als er nach langen Umwegen endlich ins Sendezentrum gelangte, stellte er fest, dass sein Gebet irgendwie erhört worden war. Die farbräumlichen Bilder und die Tonspur wurden aus disparaten, im Elektronengedächtnis des Zentrums gespeicherten Elementen zusammengesetzt – nach einem Programm, das von dem automatischen Verteiler nach den Vorlieben der Abonnenten erstellt wurde. Verzweifelt begriff Nat nun endlich, dass er sich in das weibliche Schönheitsideal der Bewohner jener Stadt verliebt hatte, was nicht besonders tröstlich erschien. Wie ein Bildhauer der Antike modellierte der Verteiler das Erscheinungsbild der Sprecherin nicht nach einem bestimmten Modell, nicht nach dem Körper und dem Gesicht irgendeines berühmten Stars – und sei er in der Zwischenzeit auch alt geworden oder schon lange verschieden –, vielmehr synthetisierte er die Proportionen und Züge, die die Bürger für vollkommen hielten, zu einer idealen Personifikation.

Er sah sich vor der Venus von Milo knien und den Sockel umarmen, von dem die herrlichen Marmorbeine der Göttin aufragten. Er kam sich erbärmlich vor und sagte sich, dass Pygmalion wenigstens die Entschuldigung gehabt hatte, dass er in seine eigene Schöpfung verliebt war. Dennoch verzehrte ihn die quälende Liebe weiterhin.

Erst später, nachdem er endgültig in Verticity sesshaft geworden war, nachdem ihn die Bewohner der Stadt unter sich aufgenommen hatten, als er nach und nach hinter ihre Geheimnisse kam, begriff Nat, dass niemand unter ihnen irgendetwas Verkehrtes an seiner Leidenschaft für die Chimäre der Sprecherin fand. Denn die Sklaven des neuen Wawilon, entstellt durch jahrhundertelange körperliche Untätigkeit, kultivierten ihren hohen Schönheitssinn in geheimen Orgien mit körperlosen Gespielinnen und Gespielen, die auf Bestellung des hauseigenen Unterhaltungsroboters zum Schein Fleisch geworden waren.

MOEBIA ODER DIE VERBOTENE STADT

Moebia oder die verbotene StadtIn den Erinnerungen von Marco Polo hatte er gelesen, dass die berühmte Hauptstadt aus mehreren konzentrischen Bezirken bestand, die durch monumentale Tore mit pagodenartig übereinander gestuften Dächern verbunden waren. Der erste Rundbezirk war die Äußere Stadt. Es folgten die Mongolische oder Mittlere Stadt und dann die Innere Stadt, genannt Kaiserstadt. In deren Mitte schließlich befand sich die Verbotene Stadt, die Heilige Stadt, in die noch kein Europäer den Fuß gesetzt hatte. Der Führer wies ihn auf die Vergeblichkeit seines Versuches hin, er hatte jedoch nicht im Sinn, aufzugeben. Er würde der erste Fremde sein, der die Heilige Stadt besuchte!

»Sehr wohl«, hatte der Führer darauf gesagt. »Folge mir!«

Den ersten Bezirk durchquerten sie ohne besondere Schwierigkeiten. Die Straßen waren gerade, und die Häuser reproduzierten mit ihren konzentrischen Mauern in kleinem Maßstab den Plan der Stadt. Die Fußgänger, die sich so sehr ähnelten, dass man sie nur an der Kleidung unterscheiden konnte, waren mit ihrem Tagewerk beschäftigt und zeigten durch nichts, dass sie ihm irgendeine Beachtung geschenkt hätten. Am nächsten Tor wurde er aufgefordert, seine Beglaubigungsbriefe vorzuzeigen. Die Mongolische schien sich von der Äußeren Stadt nicht besonders zu unterscheiden, nur dass die Fußgänger sich dem Fremden gegenüber noch gleichgültiger verhielten. Der Zugang zur Kaiserstadt mit ihren Gärten und Palästen wurde ihm nur nach langem Warten gestattet. Immerhin wurde ihm bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, dass der Großkhan selbst ihn in seiner Residenz empfangen werde.

Der Großkhan empfing ihn lächelnd mit einer Zeremonie, die des Gesandten einer Großmacht würdig war. Er wurde mit einem Mittagsmahl bewirtet, das aus einem Dutzend Speisen bestand, zubereitet nach den Rezepten der raffiniertesten Köche des Reiches, wobei zwischen den Gängen jeweils eine andere Sorte Tee gereicht wurde. Es folgte eine Pantomimenvorführung mit grotesk kostümierten und maskierten Schauspielern, daraufhin traten die Tänzerinnen auf, die zu einer merkwürdigen Melodie einen Tanz voller Anmut darboten. Der Fremde hielt den Augenblick für geeignet, sein Ansinnen vorzubringen.

»Gewiss, gewiss«, nickte der Großkhan, wobei er mit seinem undurchdringlichen Lächeln den berückenden Bewegungen der Tänzerinnen folgte. »Unser Gast wird auch nicht Anstoß daran nehmen, dass er auf dem Weg in die Heilige Stadt noch durch einige Tore hindurch muss …«

»Oh, keineswegs, ich beginne mich bereits daran zu gewöhnen …«

»Das war zu erwarten«, lächelte der Großkhan. »Unser Gast wird es uns nicht verübeln, wenn ihm aufgrund des Gebotes, dass nur Erwählten – gelobt sei der Name des Herrn! – der Zutritt zur Heiligen Stadt gewährt wird, an jedem Tor je eine Frage gestellt wird.«

»Das ist einzusehen.«

»Und er wird es auch nicht als Unrecht empfinden, dass er seinen Kopf als Pfand für die Antworten einsetzen muss«, schloss der Großkhan.

Der Fremde schwieg. Sein Nacken war zu Eis erstarrt.

»Unser Gast kann es sich noch überlegen«, gab lächelnd der Großkhan zu bedenken, in dessen Hand er sich befand.

»Ich nehme alle Bedingungen an«, sagte der Fremde und unterdrückte seine Angst.

Der Großkhan schlug mit einem Hämmerchen leicht an einen kupfernen Gong. Sofort traten zwei bewaffnete Krieger ein, die den Gast zu der Folge von Toren geleiteten, durch die er, wie ihm gesagt worden war, zu gehen hatte. Schon war eine richtige Leibgarde um ihn, als er zu dem Tor kam, wo der grausame Versuch beginnen sollte. Das war aus weißem Marmor in eine Mauer aus glasierten Backsteinen eingelassen und wurde von einem dreistufig gewellten Dach gekrönt. Unter den vergoldeten Dachziegeln, die in der Sonne glitzerten, lugten die Dachsparren aus rotlackiertem Kiefernholz hervor. Die beiden geschlossenen Flügel des Tores waren aus Bronze gegossen. Davor saß auf einer Schilfmatte in einem weißen Gewand ein weißhaariger Alter mit schütterem Bart, der ihm lächelnd entgegensah. Sein Gesicht sah denen des Großkhans, der Krieger, des Führers und aller Männer, die er in diesem Land angetroffen hatte, verblüffend ähnlich, aber der Fremde, den der Gedanke an die noch gar nicht ausgesprochene Frage quälte, auf die er antworten musste, hatte aufgehört sich zu wundern.

»Wie viele Tore trennen dich von der Heiligen Stadt?«, sprach der Alte.

Die Krieger legten die Hände auf die Knäufe der Schwerter, drauf und dran, sie aus den Scheiden zu ziehen.

»Würde ich antworten«, dachte der Fremde mit lauter Stimme nach, »bliebe mit Sicherheit eines weniger!«

Die bronzenen Flügel gingen lautlos auf: Er hatte es erraten! Die Garde folgte ihm entlang der Mauern, an denen sich in Flachreliefs Szenen mit geflügelten Drachen entfalteten. Die lebhaften Farben der glasierten Backsteine gefielen ihm. Die Mauern waren hoch, gewunden und mit gleichförmigen Türmen bewehrt. Nach einer Stunde Wegs erlosch sein Interesse für die Drachen und die Farben der Glasur völlig und wich dem Gefühl zehrender Eintönigkeit. Als er wieder vor einem Tor mit vergoldeten Dachziegeln stand, das von einem Alten mit schütterem Bart bewacht wurde, erschien es ihm nur natürlich, dass ihn dasselbe geheimnisvolle Lächeln und dieselben bronzenen Torflügel erwarteten. Diesmal jedoch war das Gewand des Weisen purpurfarben. Wären nicht diese Einzelheit und der mühselige Weg gewesen, den er zurückgelegt hatte, er hätte schwören mögen, dass er noch vor der ersten Probe stand.

»Was führt dich zu mir?«, fragte der Weise.

Die Krieger nahmen eilig Aufstellung, und man vernahm des Klirren der stählernen Klingen in den kupfernen Scheiden.

»Das Wohlwollen des Großkhans führt mich her«, antwortete der Fremde.

Wieder gingen die Torflügel auf, und wieder sah er sich ängstlich glasierte Mauern entlangschreiten. Zum dritten und zum vierten Mal sah er sich einem Tor gegenüber, und jedes Mal fand er die passendste Antwort auf die verfänglichen Fragen des Weisen mit schütterem Bart. Und immer so weiter, bis zum zehnten Mal. Und als er nach ermüdendem Gang von den bewährten Kriegern mit stets bereiten Schwertern wieder vor ein Tor geführt wurde und ein Alter in schwarzem Gewand ihm die zugedachte Frage stellte, war der Fremde so verwirrt, dass er nichts verstand. Die Krieger zückten die Schwerter.

»Durch wie viele Tore bist du gegangen?«, wiederholte lächelnd der Alte.

Die Schwerter ragten immer höher, die Klingen blitzten.

»Durch zehn Tore bin ich gegangen«, sagte schnell der Fremde.

Die bronzenen Flügel rührten sich nicht. Die schwertbewehrten Arme der Krieger ragten hoch über den Köpfen. Der Fremde fragte sich, ob er vielleicht auch die drei Tore hätte zählen müssen, durch die er hatte gehen müssen, um zum Großkhan zu gelangen.

»Dreizehn!«, brachte er flehend hervor.

Der Alte lächelte und streichelte seinen schütteren Bart. Und während der scharfe Stahl wie ein Blitz aus heiterem Himmel heruntersauste, sagte er:

»Zehnmal bist du hindurchgegangen, das stimmt, aber immer durch ein und dasselbe Tor …«

Dann hob er das blutüberströmte Haupt vom Pflaster und warf es auf den Haufen Totenschädel, den der Fremde nicht bemerkt hatte.

MOTOPIA

MotopiaMan hat keine Gewissheit darüber, wann sie aufgetaucht ist, wann sie begonnen hat sich auszudehnen und was für Kräfte ihre Ausdehnung verursachen. Wenige nur haben in dieser Sache den Blick in ihre Zukunft gewagt, wenngleich viele befürchten, dass nichts ihr Wachstum aufzuhalten vermag. Motopia ist eine explodierende Stadt. Aber ist es überhaupt eine Stadt?

Stellen Sie sich ein Gelände vor, das von einem Kreis mit einem – übrigens nur annähernd anzugebenden – Durchmesser von 100 Kilometern eingefasst ist. Den Kreisumfang bilden mehr als 100 000 Exemplare einer Art Riesen-Planierraupen, die Seite an Seite langsam strahlenförmig nach außen vorrücken. Sobald sich bei dieser Bewegung vom Mittelpunkt weg Lücken zwischen ihnen auftun, reihen sich weiter Maschinen in die sich vorarbeitende Front. Sinn und Zweck dieser vollautomatischen rollenden Kraftwerke ist es, die Offensive vorzubereiten.

Hügel und Berge werden eingeebnet, Täler werden aufgeschüttet, selbst das zerklüftetste Gebirge wird zur glatten Ebene. Die Wälder werden zu Bauholz und Zellulose verarbeitet, der Mutterboden der Felder wird zusammengeschoben, damit werden die Becken der eigens trockengelegten Seen verfüllt, die Ströme werden durch abgedeckte Kanäle geleitet, die gesamte Tierwelt wird industriell verwertet. Die Planierraupen leisten aber nicht nur Erdbewegungsarbeiten: Hinter ihnen nimmt ein großartiges Straßennetz Gestalt an, bestehend aus mehrstöckigen Autobahnen in Dutzende von Richtungen, die sich in aus Beton und Asphalt genauestens geschürzten Kreuzungen überschneiden. An den Knotenpunkten dieses Netzwerks liegen über- und unterirdische Parkhäuser, turmhohe Garagen mit Dutzenden von Stockwerken, geheimnisschwangere Hallen mit verriegelten Stahltoren. Einige hundert Meter über dem Grund schwebt Tag und Nacht eine bläuliche Wolke bis zum Horizont.

Die Stadt wird ausschließlich von der fruchtbaren Gattung der Homobile bewohnt. Über ihr Leben ist aus Gründen, die weiter unten erläutert werden, verhältnismäßig wenig bekannt. Trotzdem haben etliche tollkühne Reporter, denen es wunderbarerweise gelungen ist, dort wieder herauszufinden, einiges an Kenntnissen mitgebracht. Wegen ihrer starken Verwirrtheit selbst nach kürzesten Aufenthalten und der Widersprüchlichkeit der Berichte sind verbreitungswürdige Informationen äußerst knapp.

Die Existenz – zumindest die öffentliche – der Homobile beginnt vor den Toren der Hallen, aus denen sie stündlich in kompakten Gruppen herausrollen. Es hat den Anschein, als träten hier nur die ausgewachsenen Exemplare mit großem Hubraum in Erscheinung. Einzelne Spezies unterscheiden sich nur durch den Typ und die Lage des Herzens, die Getriebeübersetzung, Federung und andere anatomische Merkmale. Jede Familie kennzeichnet sich durch eine bestimmte Bauart der Karosserie, die individuellen Besonderheiten liegen vor allem in der Linienführung, Farbe, Scheinwerferzahl oder auch nur im Nummernschild. Ein gemeinsamer Zug, von dem übereinstimmend berichtet wird, ist ein rotes Auge gleich einer blutenden Wunde auf der Stirn der Individuen, wo es ohne ersichtlichen Grund grässlich blinzelt.

Die Homobile legen eine unwiderstehliche Vitalität an den Tag, die sich vor allem in der scheinbar sinnlosen Fortbewegung mit beachtlicher Geschwindigkeit äußert, zu der das Autobahnnetz dient. Die Sinnlosigkeit ist in der Tat nur eine scheinbare: In Wirklichkeit vollzieht sich in diesem magischen Tanz der Geschwindigkeit auf spezifische Art und Weise der Prozess der natürlichen Auslese. Die irrsinnige Raserei über die Asphaltstreifen überleben nur die robustesten Exemplare mit teuflischen Reflexen, die dem Höllenrhythmus dieser Existenz angepasst sind. Jeder Schaden an den Bremsen, der Steuerung und der Blinkanlage birgt furchtbare Risiken; schon die geringste Krümmung des Rückgrates ist fatal. Spezielle Schwertransporter bringen die Kadaver bis in die Nähe der Hallen, wo sie – nachdem man sie zu Quadern gepresst hat – auf geheimnisvolle Weise wiederverwertet werden, wahrscheinlich zur Zeugung der neuen Boliden.

Neben der viele Stunden währenden erbitterten Straßenschlacht, des täglichen Überlebenskampfes kennen die Homobile auch kurze Auszeiten im Inneren der Parkhäuser. Schweigend, reglos, unempfindlich für die Nähe der Rivalen liegen sie, in einen merkwürdigen Dämmerzustand versunken, oft mit dem Rücken zu dem Riesenbildschirm, über den in einer Endlosschleife ein bedrückender Film über das harte Leben der Baumaschinen läuft. Wenn sie die Nächte nicht auf den Autobahnen durchfahren, verbringen die motopischen Familien sie in den Turmgaragen in metallisch traumlosem Schlaf.

Anlass zu größter Besorgnis gibt eine Eigenheit der Bewohner von Motopia, die das bösartige Wachstum der Stadt geradezu abscheulich erscheinen lässt – es ist ihre Art der Nahrungsaufnahme. Kurz, hier wird Menschenfresserei betrieben. Das Hauptnahrungsmittel der Homobile sind die Menschen. Mit einer wohldurchdachten Lügenpropaganda aus ihren patriarchalischen Städten angelockt und dank ihrer sprichwörtlichen Naivität eingefangen, werden die geköderten Menschen in großer Zahl auf den Bahnhöfen und Flughäfen Motopias ausgeladen und entweder gleich der heißhungrigen Meute vorgeworfen oder sozusagen als Schüttgut in Speziallager verbracht – großsprecherisch Hotels genannt und unmittelbar an die Gebäude angeschlossen, in denen die einheimischen Familien ihr Nächte zubringen –, um lebendig zum Frühstück serviert zu werden. Vollgefressen, den Bauch nur noch eine Spanne über dem Asphalt und in den Kurven träge sich neigend, machen sich die Homobile sodann auf ihren Verdauungsausflug. Ihre düsteren fliehenden Stirnen bergen die finstersten Gedanken. Mit Ausnahme der wenigen bereits erwähnten Reporter – die unsere wahren Erlöser sind, denn die große Gefahr besteht nicht in der Existenz von Motopia, sondern in dem Verkennen dieser Existenz –, ist noch niemand aus der unheilvollen Stadt zurückgekehrt. Im übrigen können die begeisterten Anrufe und Briefe, in denen die dorthin Gelangten vermeintlich ihr Entzücken aussprechen oder ihren nun wirklich unwahrscheinlichen Entschluss verkünden, sich für immer in dieser Stadt niederzulassen, nur als Verzweiflungsakte der mit dem Tod Bedrohten betrachtet werden, wenn nicht gar als grobe Fälschungen, groteske Machwerke.

Die Überlebenden erzählen Entsetzliches über die grenzenlose Grausamkeit der Homobile, die oft grundlos morden, nicht um sich zu ernähren – zumal sie sich nur von lebenden Menschen ernähren –, sondern aus purer Lust. Sobald sich die Gefangenen der Gefahr bewusst werden, die ihnen droht, beginnen ihre Gedanken um eine mögliche rettende Flucht zu kreisen. Und da ihnen nichts anderes übrigbleibt, versuchen sie zu Fuß aus den Zellen der unseligen Hotels zu entkommen. Jetzt erst offenbart der Sadismus der Einheimischen seinen ganzen Schrecken: Die Eingänge sind gar nicht bewacht. Die Homobile wissen – und ihr Zynismus übersteigt jede Vorstellungskraft –, dass die Menschen, wollten sie die mehreren Dutzend Kilometer bis an die Grenze von Motopia zurücklegen, die Asphaltbänder so oft zu queren hätten, dass es, selbst wenn sie nur nachts bei geringerem Verkehrsaufkommen liefen und sich tagsüber versteckten, eines Wunders bedürfte, damit ihnen das gelingt. Glücklicherweise sind einige dieser Wunder geschehen. Doch eine Riesenmenge Flüchtiger hat für diese seltenen Wunder mit dem Leben bezahlt. Denn die Homobile haben sie, nachdem sie sie bis an den Rand der Erschöpfung und des Verhungerns haben hoffen lassen, mit unbarmherzigem Knirschen zermalmt und ihre Leichen an den Orten der grausamen Hinrichtungen unbestattet liegenlassen, damit ihren Knochen auf dem Asphalt bleichen und die entsetzlichen Gerippe die Blicke anderer auf sich ziehen und von aller Anfang an jeden Gedanken an Widerstand ersticken.

UTOPIA

UtopiaSechseckig, symmetrisch und blitzsauber – die Stadt war mit allem Notwendigen gesegnet und einem würdigen und glücklichen Schicksal geweiht. Die tiefen und breiten Gräben waren mit dem Flussbett verbunden und konnten zu Friedenszeiten als Fischweiher, Schwimmbecken und Veranstaltungsort von Wasserschauspielen dienen. Die unerhört dicken Mauern, hinter denen sich geheimnisvolle Gewölbegänge verbargen, stellten nicht nur ein wehrtüchtiges potenzielles Hindernis gegen jedwelchen Angriff dar, sondern auch ein hervorragendes Arsenal, ein kühles Lager für die Wein- und Ölfässer, einen geräumigen Speicher für Getreide und eine für Obst und Gemüse bestens geeignete Vorratskammer. Hinter den mit Stundtürmen bewehrten Toren öffneten sich gerade Straßen, an deren Kreuzungen sich mehr oder minder weitläufige Plätze auftaten. Die Plätze waren mit Marmorstatuen und Brunnen geschmückt. Über den Fluss spannten sich prächtige Brückenbögen, mit reizvollen Skulpturen versehen. Jede Familie verfügte über eine anständige Wohnung in einem der mehrstöckigen Häuser in den Seitenstraßen. Die Wohnungen hatten geräumige Zimmer, fließendes Wasser und Kanalanschluss.

An den wichtigsten Straßen – sechs an der Zahl – reihten sich Geschäfte, Werkstätten und Manufakturen, Herbergen, Wirtshäuser und Bierstuben, Schulen, Kasernen und öffentliche Bäder aneinander. Die Plätze waren gesäumt von Zunfthäusern, Kirchen, Bibliotheken und Museen, Gefängnissen und Hinrichtungsstätten, Hallen, Jahrmärkten und Arenen. Auf dem Forum, auf das die sechs Hauptstraßen zuliefen, befand sich das Rathaus und die Kathedrale, die Börse und die Universität, das Amphitheater und der Platz für Bürgerversammlungen. Die Stadt wurde von Kanälen durchzogen, die Teiche und Seen in den Gärten und Parks sorgten mit ihrer Kühle für frische Luft. Alles war nach den strengsten Regeln der Architektur, Moral, Politik und Philosophie durchdacht. Die Bürger erfreuten sich beachtlicher Freiheiten und bestimmten in freier Direktwahl ihre Würdenträger, die nach weisen Gesetzen die Stadt regierten.

Die Bewohner dieser Stadt schienen dennoch einen kleinen Makel zu haben: Reglosigkeit. Wie die einstigen Bewohner von Pompej, wie die Helden im Märchen vom Dornröschen, waren sie wie von einem Zauberstab in den bizarrsten Stellungen gebannt. Hier war der Priester, umwallt von seiner schwarzen Soutane, mit stierem Blick in den Ausschnitt einer frommen Büßerin erstarrt, die vor ihm kniete. Dort war der ehrwürdige Redner in der Pose gefroren, mit der er sich an ein schläfriges Auditorium wandte. Anderswo war der Gaukler bei einem dreifachen Salto mortale in der Luft hängengeblieben. Nackt und mit hängenden Fleischwülsten stand eine gealterte Frau unablässig einem mittelmäßigen Maler Modell. Der Todgeweihte verharrte mit gerecktem Hals zwei Fingerbreit unter dem im Herabsausen angehaltenen Henkersbeil, vor den stumpfsinnigen Blicken einiger Hundert Schaulustiger. Ein verschrumpelter Greis hatte endlich alle Muße, die Rundungen der jungen Besucherinnen eines öffentlichen Bades eingehend durchs Fernglas zu betrachten. Ein Kind hatte es sich bei der Geburt auf halbem Wege anders überlegt, zur Verzweiflung seiner künftigen Mutter. Ein ausgehungerter Bub witterte die Dünste, die hinterlistig verlockend aus der Küche der Nachbarn wehten. In den schmuddligen Zimmern eines Bordells verlängerten etliche Paare die Lust des Augenblicks ins Unendliche. Ein armseliger Taschendieb steckte mit der Hand in der Tasche des Rathausboten vor der Bühne des Pantomimentheaters. Das in die Krüge strömende Bier war anscheinend in der Luft gefroren und weigerte sich, den Zapfhahn zu verlassen.

Unzufrieden riss Scamozzi das Blatt vom Zeichenbrett, zerknüllte es und warf es auf den Haufen unvollendeter Skizzen von der idealen Stadt.

DAVA

DavaDa standen sie also auf dem Gipfel! Die drei Bergsteiger umarmten sich schweigend. Über ihnen, am tiefblauen Himmel, schwebte ohne einen Flügelschlag derselbe Adler. Es war ein riesiger Adler, stolz und gleichgültig. Sie sahen ihm noch einmal nach, beunruhigt und ein wenig neidisch. Immer noch befremdet von der hochmütigen Philosophie des Vogels, begannen sie die Flaggen der drei Nationen, die sie vertraten, zu entfalten. Erst als sie das seidene Fahnentuch im Wind der Höhen knattern hörten, gönnten sich die Männer die Muße zu einem Rundblick. Und da wurde ihnen die großartigste Aussicht zuteil, die sich jemals den Blicken eines Sterblichen aufgetan hat. Der Südhang, der zu Recht als unbezwingbar galt, war durch einen filigran gezackten Kamm mit einem zweiten Gipfel verbunden, der auf keiner Karte verzeichnet war. Doch war es nicht die Freude, ihrer prestigeträchtigen sportlichen Leistung eine sensationelle geographische Entdeckung hinzufügen zu können, die ihnen den seltsam elektrisierenden Schauer des Niedagewesenen bereitete, vielmehr war es die verblüffende Gestalt des unbekannten Berges. Er war niedriger als der Gipfel, den sie gerade bestiegen hatten, aber viel zerklüfteter als dieser, und seine obere Hälfte hatte die Form einer gigantischen Festung, deren Mauern, Türme und Zinnen in den Fels gehauen waren. Ob es nur eine Laune der Natur war, ein spektakuläres Ergebnis des unerschöpflichen Zufalls? Kaum zu glauben. Durchs Fernglas betrachtet, widerlegten die bestimmte Linienführung, die lebendig wirkenden Kanten, die weitläufigen ebenen Flächen, die geordneten Formen und die geometrische Raumaufteilung alsbald jeden Zweifel. Alles sprach für die Annahme, dass man ein grandioses Werk von Menschenhand vor sich hatte. Aber wer sollte diese bis dahin von aller Welt vernachlässigte unbezwingbare Burg in den harten Fels des Berges gehauen haben, mit welcher Absicht und vor allem mit welchem Werkzeug?

Der Reiz eines neuen Abenteuers, das faszinierender war als alles, was sie sich jemals erträumt hatten, erhitzte die Köpfe der drei kühnen Entdecker. Der Führer der Gruppe widersetzte sich allerdings dem Vorschlag, die Expedition zu verlängern, obwohl er selbst die Versuchung verspürte. Sie hatten ihren Auftrag erfüllt. Auch war der Rückweg nicht frei von Gefahren, und bis zum nächsten Versorgungslager hatten sie etliche Tage abzusteigen. Gegen unvorhersehbare neue Risiken waren sie nicht gewappnet. Sie würden mit einer zahlreicheren, entsprechend ausgerüsteten Gruppe wiederkommen.

Alles, was er sagte, war vollkommen logisch. Allerdings machten die Bergsteiger, während sie die kleine Felsplatte auf dem Gipfel erregt auf und ab schritten, eine neue Entdeckung: Sie waren nicht, wie sie gedacht hatten, die Ersten! Natürlich waren die von ihren Vorgängern aufgepflanzten Flaggen von den grausamen Stürmen, die in jenen Höhen tobten, hinweggerissen worden. Doch die untrüglichen Zeichen, dass mindestens vier frühere, Expeditionen hier gewesen waren, die als verschollen galten, traten eines nach dem andern zutage – zwei Tafeln aus rostfreiem Stahl, in den Fels geschraubt, ein rechteckiger Container und ein Zylinder, beide hermetisch verschweißt, mit den Namen und Botschaften der Forscher. Ihre Enttäuschung währte nur kurz und wich alsbald einem Ausbruch der Begeisterung: Erst jetzt war ihnen klar, dass der einzige Sinn ihres Gipfelsturms in der Bezwingung des Festungsgipfels lag, dessen verführerische Gestalt sich gegen Süden abhob, höchstens einen Tagesmarsch entfernt. Der Beschluss war gefasst, sie durften keinen Augenblick länger verweilen. Die Abenddämmerung traf sie in dem Sattel an, von dem der wie eine Säge gezahnte Kamm ausging, der für die Felsenburg gleichsam die Rolle einer Ziehbrücke spielte. Sie verbrachten die Nacht in den mit Seilen wohlgesicherten Schlafsäcken, denn an das Aufschlagen eines Zeltes war hier nicht zu denken.

Die wahre Herausforderung begann im Morgengrauen mit der Begehung des Kammes. Er war derart schmal und fiel so steil ab, dass sie sich des öfteren rittlings daraufsetzen und ihn auf dem Bauch entlangkriechen mussten. Sie bewegten sich langsam und mit großer Vorsicht über einem mehr als tausend Meter tiefen Abgrund. Einige Male war einer von ihnen drauf und dran, abzustürzen, doch jedes Mal gelang es den anderen beiden, ihn davor zu bewahren. In der Abenddämmerung, als die drei Bergsteiger mit blutenden Fingern und zerrissenen Kleidern ans Ende der furchtbaren Brücke gelangten, versagten ihnen schier die Kräfte. Die wenigen Dutzend Stufen, die sie noch von dem monumentalen Eingang der Festung trennten, kosteten sie übermenschliche Anstrengungen. Die Tore standen offen.

Aus der Nähe betrachtet, übertraf die phantastische Stadt in der Tat jegliche Vorstellung. Ihre aus dem Fels gehauenen Mauern waren glattgeschliffen, die Festung bildete mit dem Berg, aus dem sie auf unerklärliche Weise gewachsen schien, einen Monolithen. Es war nicht eigentlich ein Bau, ein Steinblock auf dem andern, sondern eine kolossale Skulptur, ein durchdachtes und genau ausgeführtes Werk der Stereotomie in grandiosem Maßstab. Es gab nicht den Schatten eines Zweifels: Die Natur konnte eine solche Leistung nicht vollbracht haben. Diese Gewissheit verschaffte allerdings keinerlei Klarheit bei der Suche nach der Identität der Urheber. Wer waren sie? Wer waren die früheren oder jetzigen Bewohner der Burg? Welche furchtbare Not hatte sie dazu bewegt, ein solches Wunderwerk zu vollbringen, und welch zaubrische Fähigkeiten hatten es vermocht, diesen einsamen Gipfel aus den hohen Sphären des Unmöglichen hierher zu verpflanzen?

Ausgelaugt und auf alles gefasst traten die Entdecker über die Schwelle der Burg. Die Straßen waren öde, und die Bauten, die sie in den unerwartetsten Formen säumten, schienen ebenfalls unbewohnt. Unmerklich wich ihre Müdigkeit, während die immer weiter aufgestachelte Neugier sie vorantrieb. Der monolithische und monochrome Charakter der Gebilde, zwischen denen sie sich noch scheu bewegten, machte einen außerordentlich starken Eindruck auf sie: Kaum zu glauben – und doch war es so –, dass die Gehsteige, Mauern, Dächer, Türme und Zinnen nichts anderes sein sollten als Ausformungen eines einzigen Felsens, geglättet mit der Geduld eines Edelsteinschleifers. Die Ödnis der betörenden Stadt förderte noch ihr Staunen.

Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit von einem anfangs kaum vernehmlichen Summen in Anspruch genommen, das aus der Stadtmitte zu ihnen drang. Sie beschleunigten ihre Schritte. Die Straßen wurden breiter, die Gebäude beindruckender, je näher sie dem Zentrum kamen. Das Summen wie eine leise rhythmische Begleitung war immer deutlicher zu hören. Der Rhythmus wurde immer schneller. Sie hatten das Gefühl, als würden ihre Kräfte wiedergeboren. Jetzt liefen sie fast, kaum hatten sie noch ein Auge für die monumentalen Tempel und Paläste, an denen sie vorbeikamen. Angezogen wie durch eine unwiderstehliche Kraft von dem durchdringenden rhythmischen Geräusch, das in Windeseile an Intensität zunahm, rannten die drei auf ein unsichtbares Ziel zu. Am Ende der Jagd harrte ihrer eine letzte Entdeckung.

In der Mitte eines weitläufigen Platzes auf einer erhöhten Plattform vollführten Hunderte Männer einen merkwürdigen Tanz. Die in schwindelerregendem Rhythmusperfekt synchronisierten Schritte erzeugten jenes Geräusch, das sie hergeführt hatte. Ohne sich zu besinnen, warfen die Neuankömmlinge ihre Lasten ab und gesellten sich zu den Tänzern. Unter ihnen erkannten sie die verschollenen Mitglieder

 gefunden hatten. Sie erkannten andere Entdecker, deren Spuren sich Jahre zuvor in den Alpen, den Anden, im Pamir oder Himalaja, in den Savannen Afrikas, dem Dschungel des Amazonas, in den Wüsten Australiens oder im Eis der Antarktis verloren hatten. Sie erkannten Seefahrer und Flieger, kühne Pioniere der Erforschung von Tiefsee und Erdinnerem, die ersten Helden in der Geschichte der Raumfahrt. Und während der Tanz in vollem Gange war, sahen sie, wie von allen Seiten weitere Gäste auf dem Platz eintrafen.

Im Banne des rauschhaften Tanzes gaben sie es auf, die andern zu mustern. Mit erhobenen Armen tat ein jeder die gleichen schicksalhaften Schritte, wobei er spürte, wie seine Glieder immer leichter wurden. Ein schmerzliches Glücksgefühl überflutete ihre Herzen, denn jeder begriff, dass der Tanz ihn gleichwohl in eine unumkehrbare Vereinsamung trieb. Und als sie gewahrten, dass ihre Arme zu riesigen Schwingen wurden, dass ein Federkleid ihren Körper bedeckte und ihre Zehen, mit stählernen Krallen bewehrt, sich von der Plattform lösten, erhoben sie sich einer nach dem andern kühn in die Luft, zum Zenith empor, um wenigstens mit dem Blick all jene zu umfangen, denen zuliebe sie die menschliche Erkenntnis zu den Gipfeln der Nimmerwiederkehr hinaufgetragen hatten. Was sie ihnen nicht alles zu sagen gehabt hätten! Der geschwungene Schnabel brachte jedoch nur einen verzweifelten Schrei hervor, der ungehört in Tälern verhallte, in denen es nicht einmal ein Echo gab.

HATTUSÁS

DHattusaselaporte näherte sich schweigend dem Lager der Archäologen. Er hatte die Mauern dreimal umrundet, ohne

auch nur ein Tor zu entdecken. Von massiven Türmen bewacht, blieb die wundersam auf dem Gipfel eines abschüssigen Hügels thronende Festung im wahrsten Sinne undurchdringlich. Die Mauern, fast dreißig Meter hoch und aus riesigen Andesitblöcken gefügt, konnten nicht erklommen werden, und selbst der Aufstieg bis zu ihrem Fuß wäre für einen Menschen ohne reiche Bergsteigererfahrung undenkbar gewesen. Delaporte warf das zusammengerollte Seil über die andere Schulter. Die stählernen Karabinerhaken stießen mit lustigem Klirren aneinander. Er betrachtete seine geschwollenen Hände; zwei Finger der Rechten brannten heftig. Ein paar Schritte hinter ihm folgten Arik, Akurgal und Bozkurt, die ihn bei seiner Erkundung begleitet hatten.

Erwartungsvoll hatten sich die Wissenschaftler vor Texier Juniors Zelt versammelt. Delaporte sah sie von weitem, doch er ließ sich nichts anmerken.

»Es ist klar«, sagte Rosenkranz, der wie gewöhnlich einen Kaugummi kaute.

»Sicher«, bestätigten Kann und Balkan wie aus einem Mund.

Ceram hielt sich mit einer Äußerung zurück, solange die kleine Gruppe nicht angekommen war. Im übrigen sah man es den müden Gesichtern der Gelegenheitsbergsteiger an, dass jede Hoffnung sich zerschlagen hatte. Neugierig umringten sie die Eingetroffenen.

»Texier hat eine Stadt ohne Tore entdeckt und uns hierher eingeladen, um ihren Schattenriß zu bewundern«, scherzte Delaporte ganz und gar lustlos.

»Kurzum«, setzte Bozkurt hinzu, »wir konnten nichts ausrichten.«

»Gar nichts?«

»Nichts!« antwortete Arik bitter.

Sie schwiegen. Texier sah sich zu Erklärungen genötigt.

»Es ist nicht meine Schuld, dass sie keine Tore hat. Diese Eigenschaft, das müsst ihr anerkennen, steigert ja gerade die Sensation meiner Entdeckung. So mir nichts dir nichts eine drei Jahrtausende alte Stadt entdecken, die bis heute vollständig erhalten ist!«

»Schon gut, aber was tun?«

Es folgte eine lange Debatte. Forrer schlug vor, man solle einen Tunnel durch den felsigen Hügel bis zur Stadtmitte treiben. Laroche widersprach ihm heftig und meinte, eine Bresche in die Mauer zu sprengen sei viel wirtschaftlicher. Messerschmidt regte an, man solle einen Bombenangriff aus der Luft organisieren, und empfahl den Einsatz von Hubschraubern. Moortgat widersprach kategorisch:

»Nur über meine Leiche! Angesichts des Glücksfundes einer Stadt, die mehr als drei Jahrtausende allen Zerstörungen widerstanden hat, sollten gerade wir, die Archäologen, zur Zerstörung schreiten?! Können wir denn nur in Ruinen leben?«

Delaporte hielt es für angebracht, einzuschreiten:

»Wir könnten Unannehmlichkeiten mit den Bewohnern bekommen, Moortgat hat recht.«

»Was denn für Bewohner?« fuhr Hogarth auf.

»Die Stadt ist bewohnt«, erläuterte Bozkurt.

»Als wir den Hügel hinaufstiegen, haben wir sie reden gehört«, fügte Akurgal hinzu. »Sie haben laute, durchdringende Stimmen.«

»Und das sagt ihr erst jetzt!« schimpfte Hrozný, der sich seit einigen Wochen bemühte, die Sprache der Festungserbauer aus der Bauweise der Mauern abzuleiten.

»Was haben sie gesagt?«

»Ich habe nur zwei Wörter behalten, die sich dauernd wiederholten: múrsilis und hántilis

Hrozný erstarrte.

»Genau wie ich es mir vorgestellt habe«, stammelte er. »Gehen wir, versuchen wir, ihnen eine Botschaft zu übermitteln.«

Die Archäologen stürmten auf den Hügel zu. Texier ging voran, erstaunlich flink für sein Alter. Porada und Koschaker folgten ein paar Schritte hinter ihm. Dann kam das Gros der Expedition und ganz hinten die Erschöpften, die gerade erst ins Lager zurückgekehrt waren. Sie redeten wirr durcheinander, von einer plötzlichen, unguten Begeisterung gepackt.

»Da wäre noch die Variante des Trojanischen Pferdes«, erklärte Rosenkranz.

»Eine Botschaft!« brüllte in heller Aufregung Hrozný, der sich trotz der Eile des Aufbruchs noch einen Grammophontrichter hatte greifen können.

»Múrsilis«, wiederholte Delaporte unablässig.

»Ruhe«, befahl Texier, als sie am Fuß des Hügels waren.

Als der Lärm sich gelegt hatte, führte Hrozný den Grammophontrichter zum Mund und brüllte aus Leibeskräften:

»Sullát sullatár, sullamí salatiwár

Sogleich antwortete ein Chor von Stimmen jenseits der Mauer:

»Labárna kastáya, tabárna asharpáia

»Was soll das denn heißen?« polterte Ceram.

Texier bedeutete ihm, zu schweigen. Hrozný zuckte ratlos die Schultern zum Zeichen, dass er nichts verstanden hatte.

»Mitánni! Mitánni!« schrie er in den Trichter, ein letzter verzweifelter und vergeblicher Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Die anderen antworteten nicht. Die grauen Mauern der Festung verliehen den Minuten vollkommenen Schweigens eine martialische Anmutung. Dann tauchten plötzlich auf beiden Seiten des Hügels in schnellen, von kleinen Pferden gezogenen Streitwagen die hethitischen Krieger auf, mit gespannten Bögen und bronzenen Streit äxten. Die großen Holzräder ratterten ohrenbetäubend und übertönten das Klappern der Hufe und das wilde Geheul der langhaarigen Kämpfer. Die Wissenschaftler waren in einen vernichtenden Hinterhalt geraten. Jede Gegenwehr wäre sinnlos gewesen.

Mit einem Mal hielten die Wagen.

»Hattilí supiluliúma«, sprach ein Krieger an der rechten Flanke im Verhandlungston.

»Antworte nicht«, rief Moortgat Hrozný zu, »vielleicht ist es nur eine Provokation!«

»Assúwa samúha tawanánna«, hakte der Krieger nach.

»Karkemís gasgás datássa«, setzte einer von der linken Flanke hinzu.

Aus der Festung war der unsichtbare Chor zu vernehmen:

»Ziúla, zálpa huwarúwas! Ziúla, zálpa huwarúwas

Die Krieger redeten immer hitziger auf sie ein:

»Hattusíl gurgúm kumúhu, telipínu putuhépa

»Hánis kánes pihassássis, hátti hálys muwatállis

»Arnuwándas kizzuwátna, pentipsáni purushánda, pámba pála tapassánda

Als erster brach Hrozný zusammen, dessen Herz diesem Wörterschwall nicht gewachsen war. Die Hethiter schossen ihre Pfeile ab, die Äxte wurden mit Wucht geschleudert. Einige Wissenschaftler sanken, schwer getroffen, nieder. Der Häuptling der Krieger hob einen Arm. Der Angriff wurde eingestellt.

»Vous avez voulu voir Hattusás«, sprach der Häuptling in reinstem Schulfranzösisch. Hé bien, vous allez être exaucés

Ein paar Krieger fesselten die wenigen Überlebenden, die vor Entsetzen verstummt waren. Die Leichen wurden auf die Streitwagen geworfen. Im Todeskampf brüllte Delaporte fürchterlich und wurde von einem Speer durchbohrt. In diesem Augenblick tat sich zwischen den Felsen am Fuß des Hügels mit beängstigendem Knarren ein Tor auf. In wenigen Minuten verschwanden die Hethiter mitsamt ihren Pferden, Wagen und Gefangenen in dem schwarzen Maul des Tunnels, und das Tor schloss sich hinter ihnen und wurde wieder zu einem undurchdringlichen Felsen. Nach wenigen weiteren Minuten waren alle Spuren des Vorfalls verschwunden. Dann zerfielen die Mauern der Festung geräuschlos zu Staub, wie im Traum.

Niemand hat die ehrbaren Gelehrten, Mitglieder der archäologischen Expedition Texier Junior, jemals wiedergesehen. Nur das verlassene Lager bestand eine Zeitlang fort, ein stummer Zeuge, der die Welt an ihr tragisches Ende erinnerte. Dann legten die Winde, Regenfälle und die Neugier der Eingeborenen es Zelt für Zelt in den vielfarbigen Staub.

(Aus dem Rumänischen von Georg Aescht)

 

GHEORGHE SĂSĂRMAN, geboren 1941 in Bukarest, studierte in der rumänischen Hauptstadt Architektur, promovierte und war als Redakteur für Architektur und Urbanistik der Tageszeitung Scânteia und der Zeitschrift Contemporanul tätig. 1983 übersiedelte er mit seiner Familie nach München, wo er bis zu seiner Pensionierung (2006) als Systemanalytiker arbeitete. Er veröffentlichte neben Fachbüchern zu architektonischen Fragen mehrere Romane und Bände mit Erzählungen, schrieb Theaterstücke, die in Bukarest und München zur Aufführung gelangten, und übersetzte deutsche Autoren aus dem Banat und Siebenbürgen ins Rumänische. Prosabände von Gheorghe Săsărman wurden ins Deutsche, Französische, Spanische und Englische übersetzt. Zwischen 2006 und 2010 war er Herausgeber des Jahrbuchs Apoziția der gleichnamigen deutsch-rumänischen Kulturgesellschaft in München. Die hier übersetzten Kurzgeschichten stammen aus dem Band Cuadratura cercului (Die Quadratur des Kreises, 1975/2001/2013).

 

GEORG AESCHT, geboren 1953 in Zeiden/ Codlea, Siebenbürgen, ist Redakteur bei der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa, wo er die Kulturpolitische Korrespondenz redigiert. Neben seiner feuilletonistisch-publizistischen Tätigkeit ist er als Übersetzer und Herausgeber tätig und Mitglied der Spiegelungen-Redaktion.

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2015), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 151–169.