Von Iris Wolff

Ich starrte auf meine Schuhspitzen und den regennassen Asphalt. Ein Bus nach dem anderen fuhr heran, hielt und verschwand. Die Ampel summte und sprang auf Grün. Passanten überquerten die Straße. Es war kalt.

Ich war, wie jeden Morgen, entweder zu früh oder zu spät an der Haltestelle. Mit fliegenden Händen hatte ich Mütze und Schal aus der Garderobe hervorgezerrt, war das Treppenhaus hinuntergerannt, durch die Haustür, auf die Straße, zur Bushaltestelle, um dann zu bemerken, dass ich viel zu früh da war. Nicht, weil ich nicht wusste, wie spät es war, als ich aus dem Haus ging, sondern weil ich mir nicht merken konnte, wie lang der Weg war. Ich hatte kein Zeitgefühl für ihn, weil ich ihn nicht mochte.

Wenn man etwas nicht mag, sagte meine Großmutter, fällt es einem aus der Welt. Die Vorstellung, die wir uns davon machen, wird immer anders ausfallen. Meine Großmutter sagte oft solche Dinge. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet, in verschiedenen Schneidereien in Siebenbürgen, dann in einer Nähfabrik in Deutschland. Sie hatte Schicht gearbeitet und Akkord und für ein zusätzliches Haushaltsgeld den Hund des Fabrikbesitzers ausgeführt. Seit Großvater tot war, lebte sie allein, sah aus dem Fenster in den Hinterhof und überraschte uns mit ihren Gedanken.

Ich starrte auf den nassen Asphalt. Die Ampel summte und sprang auf Grün. Ich zog die klammen Hände aus den Taschen und hauchte sie an. Endlich kam der Bus. Ich stieg ein und setzte mich auf einen Viersitzer in der Mitte. An der elften Haltestelle würde ich aussteigen, die Haustür öffnen, den kühlen, runden Knopf des Fahrstuhls drücken. Wie an jedem Morgen würde meine Großmutter auf das Klingeln nicht reagieren. Ich würde den Schlüssel in meiner Tasche suchen, aufschließen, meine Jacke an die Garderobe im Flur hängen, die Schuhe ausziehen und neben die anderen stellen. Meine Großmutter indessen würde im Morgenmantel aus dem Fenster in den Hinterhof schauen, im Sommer die spielenden Kinder, im Winter die Spatzen im Vogelhäuschen. Ich würde ihr das Frühstück zubereiten, mich verabschieden, sie würde den ganzen Vormittag im Morgenmantel bleiben, später würde Mutter vorbeischauen, zu Mittag kochen und sie überreden, sich umzuziehen.

Meine Großmutter hatte über mehrere Jahre ihre Memoiren aufgeschrieben. Als sie fertig war und die Gegenwart sich mit dem Erinnerten überschnitt, fing sie an, nachlässig zu werden. Sie tunkte am Morgen ihr Milchbrötchen in den Kaffee, schlürfte am Mittag die Suppe, die Mutter ihr kochte, und sah am Abend fern. Allein das Bett machte sie noch wie früher. Sorgsam wurden die Decken aufgeschüttelt, die Kissen arrangiert, der Überwurf glattgezogen. Mochte der Rest der Wohnung in Unordnung versinken, es scherte sie nicht. Die Tapeten vergilbten, die Kunstblumen verstaubten, Briefe blieben ungeöffnet. Sie wurde wütend, wenn wir es wagten, uns einzumischen.

Ich sah durch das Busfenster. In schiefen, rinnenden Bahnen perlte der Regen an der Scheibe ab. Die Häuser reihten sich in grauen Schatten aneinander, die Laternen warfen helle Streifen auf die nassen Wege. Noch vor kurzem raschelte Herbstlaub in den Straßen, der Himmel trug noch ein wenig Blau. Zu jener Zeit hatte ich morgens die Fenster weit aufgemacht und über die Dächer zum Horizont geschaut, mir eingebildet, ich würde das Meer riechen, das irgendwo weit hinter der Stadt lag. Jetzt war es noch dunkel, wenn der Wecker klingelte, und wenn ich an die langen Stunden des Tages, an das Neonlicht der Büroflure und an die abendlichen Menschenschlangen an der Supermarktkasse dachte, wurde ich schon am Morgen müde.

Wenn man etwas nicht mag, fällt es einem aus der Welt, sagte Großmutter. Wie viele Dinge ihr im Laufe ihres Lebens aus der Welt gefallen waren? Sie hatte sich in den letzten Jahren unzählige Bücher gekauft: Hesse, Mann, Zweig, Doderer, Carossa. Sie las wie besessen, Seite um Seite, klappte das Buch zu, nahm das nächste. Sie strich nichts an, notierte nichts, aber immer dann, wenn sie etwas entdeckte, ließ sie das Buch sinken und sah aus dem Fenster. Minuten konnten so vergehen. Dann nickte sie, fast unmerklich, hob das Buch wieder auf und las weiter. Sie verschlang, in diesem Rhythmus, mit diesen unscheinbaren Gesten des Verstehens, Dutzende von Büchern. Sie schüttelte unwillig den Kopf, wenn wir sie fragten, wohin mit allem. Die Zimmerwände wurden nach und nach von Bücherregalen eingenommen, Bücher stapelten sich neben dem Bett, im Badezimmer, auf dem Küchentisch.

Großmutter war nur wenige Jahre zur Schule gegangen, sie begann eine Schneiderlehre, um ihre Familie mitversorgen zu können. Sie konnte immer noch die Grashalme des Gartens an ihren Beinen spüren, den steil abfallenden Hügel sehen, auf dem ihr Elternhaus stand, und den Balkon, der den ersten Stock umschlang wie eine Girlande. Den Steilhang der Zinne auf der einen, den langen Hals der Schwarzen Kirche auf der anderen Seite. Sie konnte den Rahmkuchen der Mutter schmecken, die rußverschmierten Hände des Vaters sehen, wenn er abends aus der Schlosserei kam. Alles, was nach diesen wenigen unbeschwerten Jahren kam, musste ihr aus der Welt gefallen sein: Der Krieg, die Inhaftierung der Mutter, der frühe Tod des Vaters. Die endlosen Stunden in der Schneiderei. Die langen Abende, der Hunger.

Durch die Lektüre veränderte sich ihre Sprache. Als hätte sie für das, was sie dachte, klarere Bilder. Sie sah aus dem Fenster, im Sommer die Kinder, im Winter die Spatzen, las, dachte nach, umkreiste immer wieder dieselben Dinge, sagte uns wieder und wieder dieselben Sätze, als würden sie sich jeden Tag aufs Neue entziehen, als würde sie dagegen ankämpfen, dass die Vorstellung davon immer anders ausfiel.

Sie hatte ihre Zeit Großvater geschenkt. Mein Großvater war Maler. Bei der Betrachtung eines Stilllebens, das er gemalt hatte, hätte man die Hand ausstrecken mögen, um sich eine Quitte aus dem abgebildeten Korb zu greifen oder die Weidenruten zurückzubiegen, die sich daraus lösen wollten. Er malte die Dinge mit einer Hingabe, die jeden, außer meine Großmutter, darüber hinwegtäuschen konnte, wie viel Kraft jedes Werk ihm abverlangte. Großmutter fragte nicht, forderte nicht, zog von Kronstadt nach Schäßburg, brachte meine Mutter Tag für Tag die vielen überdachten Holztreppen zum Schulberg hinauf. Wusch Wäsche, buk Brot und nähte. Großvater malte. Er malte die feinen Damen der Gesellschaft ebenso wie den schneebedeckten Wald und den Stundturm mit seinen vier Türmchen. Er malte den Markt, die Spitalkirche, die Bergkirche und die Fabrik der Glasbläser an der Stadtgrenze. Sie folgte ihm nach Deutschland, in viele Städte, die sie, mit einem Mal Fremde, durchwanderten, immer weiter nach Norden, bis sie am Meer waren. Man konnte es nicht sehen, aber an manchen Tagen trug der Wind den Geruch von Möwen und Muscheln über die Stadt.

Jedes Bild, das er malte, brachte er zuerst nach Hause, stellte es ins Wohnzimmer auf eine Staffelei und wartete, bis sie es sah. Meine Großmutter neigte den Kopf und betrachtete es mit jenem Blick, mit dem sie nun aus ihren Büchern aufsah. Dann nickte sie, fast unmerklich, und mein Großvater trug es fort, zu den Auftraggebern oder einer Galerie. Dann verschwand er wieder, tauchte mit einem neuen Gemälde auf und wartete, bis meine Großmutter es sah. Es wird in ihrem gemeinsamen Leben kein Bild gegeben haben, das sie nicht auf jene Weise betrachtet hat. Großmutter hatte nie etwas gesagt, bewertet, gelobt oder kritisiert, immer nur den Kopf geneigt mit jenem Blick, der nun aus dem Fenster ging, als wäre dort etwas für sie gerahmt, das sie mit einem Nicken bestätigen konnte.

Je ferner sie ihrer Heimat waren, desto besessener malte Großvater. Den Park im Frühling, die dunkelroten Traubenhänge, Laubenkolonien, aufgeplatzte Äpfel im Spätsommer, Menschengruppen, Spaziergänger, namenlose Gesichter. Er trug die Bilder ins Haus, meine Großmutter nickte, meine Mutter, noch ein Mädchen, stand dabei. Er verschwand. Eines Morgens klingelte jemand an der Tür, fragte mit ernstem Gesicht, ob ein Herr Baumgarten hier wohne, meine Großmutter nickte – sie hatte verstanden. Man hatte ihn im Park gefunden, vor seiner Staffelei. Ein Herzschlag.

Am Tag seiner Beerdigung hatte sie angefangen zu lesen. Zögerlich zuerst, dann immer ruheloser. Sie nähte in der Fabrik, wenn meine Mutter nach Hause kam, aßen sie und steckten die Köpfe über einem Buch zusammen. Meine Mutter zog aus und brachte mich zu Welt. Großmutter schrieb ihre Memoiren, Bücherregale füllten langsam jeden Winkel ihrer Wohnung. Wenn man sie fortan besuchte, war sie meist in eins vertieft.

Nimm die Forsythien tief in dich hinein und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen, sprach sie leise vor sich hin, als ich gestern bei ihr war. Wenn sie eine Zeile entdeckt hatte, in der sie etwas wiederfand, sah sie von den Buchseiten auf, zum Fenster, und nickte dann, kaum merklich.

Der Bus bremste, schlitterte auf der regennassen Straße und hielt mit einem Ruck. Ein Mann überquerte mit seinem Hund den Zebrastreifen, der unter einer Pfütze kaum auszumachen war. Der Busfahrer strich sich über die Stirn, einige Insassen murrten. Eine Frau bückte sich nach ihrer Tasche, die umgefallen war.

Ich mochte diese Jahreszeit nicht. Die Blätter auf den Wegen waren fort, die unbelaubten Äste schoben sich wie gezackte Scherenschnitte in den grauen Himmel. Die Frauen unserer Familie liebten den Frühling. Den leichten, silbrigen Regen, die kurzen Schatten, die über die Stunden des Tages mehr und mehr Farben in sich aufnahmen, den Duft der Hyazinthen. Man konnte bei offenem Fenster schlafen und schon am Morgen das Meer riechen.

Großvater war im Frühling gestorben. Er hatte die Bäume des Parks gemalt, die Vögel im Gras und ihre Silhouetten am Himmel. Dieses Bild war das einzige, das wir von ihm besaßen. Alle anderen waren über die Städte verstreut, bei ihren Auftraggebern an der Wand oder in deren Kellern. Doch wo sie auch waren – niemand konnte ahnen, dass sie alle, eins um das andere, vor den Augen meiner Großmutter bestanden hatten, jedes Bild einige schweigsame Minuten hatte erdulden müssen, bis zu jenem Augenblick, da sie genickt hatte.

Wir hatten ihre Memoiren gelesen, uns gewundert über die Fülle an Erinnerungen, die Präzision ihrer Worte, die Entbehrungen, von denen sie nie sprach. Nachdem sie uns ihre Aufzeichnungen gegeben hatte, zwei in geradem Zeilenfall vollgeschriebene Hefte, hörte sie auf, sich um die Wohnung zu kümmern, um ihre Haare, um ihr Essen oder ihre Bekanntschaften.

Eines Vormittags, unlängst, die Sonne stand schon am Himmel, hatte ich sie nach der ersten Begegnung mit Großvater gefragt. Sie hatte gerade Vogelfutter auf den Balkon gebracht, rieb sich die klammen, geröteten Hände und antwortete, ich könne es in ihrem Buch nachlesen.

Ich möchte es von dir erzählt bekommen.

Sie neigte ihren Kopf und sah aus dem Fenster. Die Spatzen flatterten unruhig vor der Luke des Vogelhäuschens.

Dein Großvater hat mich gemalt, sagte sie. Ich saß in der Mittagssonne auf einer Bank, der Verkehr rollte durch die Stadt, die Zinne leuchtete in sommerlichem Grün. Er saß mit seiner Staffelei unter einem Baum, kam auf mich zu und fragte, ob er mich malen dürfe.

Sie trat an einen Sessel, strich über die Lehne, als würde sie einen Saum glätten.

Hast du es ihm gestattet?, fragte ich.

Nein. Den ganzen Sommer, von Montag bis Freitag, in allen Mittagspausen, trat er auf mich zu, hob den Hut und fragte, ob er mich malen dürfe. Er saß immer unter der Kastanie, trug immer denselben Hut, ließ Staffelei und Feldhocker zurück, wenn er mich entdeckte, und kam zu meiner Bank. Eines Tages war er verschwunden. Jeden Mittag eilte ich aus der Schneiderei, lief die wenigen Schritte zum Katharinentor und wusste, noch bevor ich um die letzte Ecke bog, dass er nicht da war. Er war fort. Er blieb fort. Der Herbst ging vorüber, der Winter färbte die Zinne weiß. Ich ging in die Schneiderei, versorgte am Abend meine Geschwister, ging am Samstag mit ihnen rodeln und am Sonntag in die Kirche.

Erst als der Frühling kam, sah ich ihn wieder. Er trug denselben Hut, er schien blasser, er war schön. Er kam auf mich zu und fragte, ob er mich zeichnen könne. Ich nickte.

Ich weiß nicht warum, aber ich weinte, als er den Bleistift aufs Papier setzte. Als das Bild fertig war, räumte er seine Malutensilien zusammen, rollte mein Portrait in Zeitungspapier ein und nahm meine Hand. Wir überquerten den Rathausplatz, die Zinne war rot, Menschen gingen von der Arbeit nach Haus.

Es steht alles in meinem Buch, sagte sie und sah mich an. Ihrem Blick konnte man nicht widerstehen, Mutter konnte es nicht, ich konnte es nicht. In jener Schweigsamkeit, die ihr eigen war, gab es nur diesen Blick.

Als ich am Abend zu Hause war, nahm ich meine Kopie ihrer Aufzeichnungen zur Hand und las die Schilderung jener ersten Begegnung. Sie glich ihrer Erzählung so genau, als gäbe es nur diese Art, sie in Worte zu fassen. Es schien, als wären sie immerfort so gegangen, wie in jenem Augenblick. Mein Großvater nahm ihre Hand, trug ihr Portrait sorgsam verpackt unter dem Arm, die Malutensilien in seinem Rucksack. So zogen sie von Kronstadt nach Schäßburg, zum Stundturm und dem Schulberg, wanderten nach Deutschland aus, reisten vom Süden in den Norden, bis sie am Meer waren und er an einem Frühlingsmorgen ihre Hand losließ.

Sie hat in den Bildern ihres Mannes gelebt, sagte Mutter. Sie sagte das ohne Bitterkeit, mit einem Verständnis, das mir lange fremd blieb. Großmutters Einsamkeit war auch unsere Einsamkeit. An manchen Tagen war ich wütend, dass sie sich so gehen ließ. Dass sie ihr Leben aufgegeben hatte, dass sie nicht mehr erzählte und nicht mehr lachte, dass das Leben an ihrer Wohnung vorbeizog wie die Landschaft an einem Zugfenster. Im Sommer beobachtete sie die Kinder im Hof, im Winter die Spatzen. Sie ließ ihre Post ungeöffnet, schreckte auf, wenn das Telefon klingelte, ging nicht zur Tür, wenn wir Sturm klingelten.

Ich verstand sie nicht. Bis zu dem Tag, als ich das Bild der Tänzerin in der Kunsthalle sah.

Der Maler hatte in schnellen Strichen die Konturen ihres Körpers skizziert, den gebeugten Rücken, ihre Hände, die sich die Ballettschuhe von den Füßen banden, den Schatten auf dem zerfurchten Bühnenparkett. Er hatte jenen Moment eingefangen, in dem sich die Anspannung ihres Rückens und ihrer Arme löste und das Lächeln der Vorführung langsam aus ihrem Gesicht wich. Die unzähligen Falten des weißen Kleids hatte er zu einem späteren Zeitpunkt ausgearbeitet und seine ganze Kunstfertigkeit hierauf verwendet. Doch was meinen Blick immer wieder anzog, war nicht das Kleid. Es waren die dunklen Strähnen, die sich aus dem Haarknoten gelöst hatten, ein verspielter, drängender Schwung an ihrem weißen Hals.

An diesem Punkt hatten sie sich getroffen, waren einander wirklich begegnet. Alles andere war ein Abtasten, war unendliche Suche, Annäherung und Zurückweisung. Ein ewiges Abbilden, in dem der Maler das wiederholte, was er erlernt hatte. Diese selbstvergessenen, unscheinbaren Linien waren es, die von seinem Können, von seiner Liebe sprachen. Einer kurzen, flüchtigen, sich auf wenige Augenblicke konzentrierenden Liebe. Er hatte nicht sie geliebt, dachte ich, sondern sie in jenem Augenblick.

War es das, was Großmutter in den Bildern gesucht hatte? Jenen Moment, jene unscheinbare Stelle, an der sich Maler und Gegenüber begegnet waren?

Der Bus hielt. Ich stieg aus, zog die Kapuze über den Kopf und steckte die Hände in die Manteltaschen. Ich ging zu ihrem Wohnblock, nahm die Post aus dem Briefkasten, drückte den kühlen, runden Knopf, der Fahrstuhl kam. Ich klingelte Sturm an ihrer Tür, wie jeden Morgen reagierte sie nicht. Ich suchte den Schlüssel in meiner Tasche, fluchte leise, da er sich wie immer zuunterst versteckte, schloss auf und hängte meine Jacke an die Garderobe im Flur, zog die Schuhe aus und stellte sie zu den anderen.

Es roch nach Nelken und Schlaf, nach Spiritus und Staub, die Fensterscheiben waren beschlagen. Ich ging ins Wohnzimmer und öffnete die Balkontür, die Spatzen im Vogelhäuschen schreckten auf. Die Vorhänge bewegten sich im Wind, mein Herz schlug mit einem Mal unruhig. Eine blasse Sonne tauchte hinter den Wolken auf. Ich durchquerte hastig das Zimmer, stolperte über einen Bücherstapel und fand meine Großmutter in der Küche. Das Haar am Hinterkopf zerzaust, den Morgenmantel nachlässig über die Schultern gezogen, saß sie mit kirschenhellen Augen über einem Buch. Ich berührte sanft ihre Hand, um sie nicht zu erschrecken. Zögernd sah sie auf. Ich kochte Kaffee und richtete ihr das Frühstück. Die Zeiger der Uhr gingen auf halb acht.

Was liest du?, fragte ich.

Sie deutete mit dem Zeigefinger auf die zweite Strophe eines Gedichts. Ich las mit stummen Lippen: Langsame Tage. Alles überwunden. Und du fragst nicht, ob Ende, ob Beginn, dann tragen dich vielleicht die Stunden noch bis zum Juni mit den Rosen hin.

Ich verstehe, sagte ich leise, und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.

 

IRIS WOLFF, geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Studium der Germanistik, Religionswissenschaft sowie Grafik und Malerei in Marburg an der Lahn. Langjährige Mitarbeiterin des deutschen Literaturarchivs Marbach, 2013 Stipendiatin für Literatur der Kunststiftung Baden-Württemberg. Neben dem Schreiben ist sie am Kulturamt der Stadt Freiburg im Breisgau tätig. Ihr erster Roman Halber Stein erhielt den Ernst-Habermann-Preis 2014. Im Frühling 2015 erschien ihr zweites Buch Leuchtende Schatten im Otto Müller Verlag, Salzburg.

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2015), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 171–176.