Von Ursula Ackrill

»Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung unserer Branche und was müsste unsere Bibliothek tun, um sich darauf vorzubereiten?« Ich blättere meinen Lebenslauf durch und kann ordentlich eingerückte Abschnitte erkennen. Die Interviewer blicken freundlich von ihren Laptops auf. Über ihre Köpfe hinweg bemerke ich ein DIN-A2-Poster an der Wand. In den obersten Ecken ist es mit den Markenzeichen BBC, The Open University und Darwin2 00 versehen. Es zeigt eine farbenfrohe Darstellung von Darwins Lebensbaum. Da zweigen Reptilien und Vögel nach rechts ab. Nach links: Ornithorhynchus. Ich sollte mich besser konzentrieren. Von Anfang an die digitale Strategie dieser ausgezeichneten Bibliothek anpreisen.

App, App, schnappt das Krokodil, sag endlich App. Willst du den Job oder nicht? Als du noch klein warst, hattest du Ideen. Du gehst in die Bibliothek hinein und verschwindest, währenddessen fahndet die Polizei nach dem vermissten Kind. Halt’s Maul, Krokodil. Ich hatte mich verlaufen. Ich folgte einem Hochzeitszug durch die staubigen Straßen einer einst kakanischen, inzwischen gottverlassenen Kleinstadt, die Sonne buk mir die Kleider an die Haut, da wehte mich ein lauer Luftstrom an. Morsch holziger Geruch. Steinstufen rauf, durch die offene Tür, kühl, aber nicht zum Frösteln wie in der Kirche, eher glasig wie das seichte Wasser am Seeufer, wo man stundenlang treibt, bis die Fischbrut nichtsahnend heranschwärmt. Der Duft musste aus den Büchern kommen, schien mir damals, denn in deren Inneres dringt kein Licht, nur Schatten strömen gleichmäßig aus und ein. Sonnenstich, Krokodil, ich war geblendet. Das Krokodil zieht sein drittes Augenlid waagerecht über den Augapfel, um mich ausflippen zu lassen, und ich kneife meine beiden Lider senkrecht zu in Erwartung seines Angriffs: Du hast geschlafen, bis dich der Polizist deiner heulenden Mutter überreicht hat. Das Krokodil bekommt nicht mehr viel mit. Ich merke kaum, dass es noch da ist. Nur weil mein Mann wegen meines unruhigen Schlafs darauf verzichtet, ein Bett mit mir zu teilen, weiß ich mit einiger Gewissheit, dass es nach meinen Träumen schnappt und mit Stücken von meinem Geträumten im Maul mich um meine eigene Achse dreht.

Etwas Nachhaltiges soll ich mit diesem Interview in die Wege leiten. Statistiken, krächze ich, als hätte ich stundenlang nichts mehr gesagt. Fünf Prozent der Weltbevölkerung lebt in den USA, aber fast 25 Prozent aller Inhaftierten weltweit sitzen ihre Strafen in Gefängnissen der USA ab. Das Geschäft der Bauunternehmer, die Gefängnisse errichten, boomt. Man sagt, sie berechnen die Nachfrage nach einem ganz einfachen Algorithmus: Nach der Wahrscheinlichkeit, dass Schulkinder, die keine Lust am Lesen entwickeln, im Knast landen. Der Staat und Privatunternehmen, das ist im Endeffekt gleich, müssen dem Lesen massive Verbreitung sichern, durch Subventionierung von Bibliotheken und virtuellen Portalen, die Zugang zu Lesematerial gewähren. Es ist gut, Leseecken in Gefängnissen einzurichten. Bibliotheken sind Lebensretter, berichten Inhaftierte, aber krächz, kra, kra. Der Rabe hackt frustriert in die Tasten am Laptop der Direktorin, die das Interview führt, als wären es Augen in einer Aasgrube. Dabei beäugt er mich schief und hackt diensteifrig weiter. Der Rabe und ich, wir kennen uns vom Gymnasium. In der Hauptstadt einer einst kakanischen Provinz, inzwischen Kreishauptstadt in einer Republik auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs, stockte der Lauf der Zeit. Ungewiss, ob das 20. Jahrhundert hier überhaupt angekommen war und ob die Rumänen, wie der Proletkult vor Ort es verhieß, nun als verdienstvollste Nation der Epoche dastanden. Bedenklich hauchte der Herbst seine Nebel an die Fensterscheiben und rieb sie blank in der Mittagssonne: In den stämmigen Bauten im Einheitsstil der Donaumonarchie lebten mehrheitlich Rumänen. Man sagt, die alten Wikinger nahmen Raben mit auf ihre Schifffahrten ins Nichts. Wenn ihre Reserven ausgingen und weit und breit kein Ufer in Sicht war, ließen sie die Raben frei. Denn Raben flogen nur dann zum Schiff zurück, wenn sie kein Festland ausmachen konnten. Mein Rabe ließ nicht locker. Er hielt ein bisschen Abstand in der Bibliothek, aber sobald ich hinaustrat, in den Park mit den schwarzen Marmorbüsten auf Säulen, Lotsen der nationalen Selbstfindung Rumäniens, und kontemporären Pennern unter Gebüsch dösend, die für kreischende Kinder ihre Pimmel hervorpulten, sobald ich im Sonnenschein das haarfeine Krakelee auf allen Flächen und in der weigerlichen Luft sehen konnte, schmiegte sich mein Rabe unweigerlich an mein Ohr und kaute und krächzte wie jetzt: Entdecke dein inneres Zirkuspferd! Bringe es zum Vorschein. Du sollst dich zur Schau stellen, mit Federbusch und tänzelndem Passgang. Aber das einzige Lebenszeichen aus den Tiefen meines armseligen Talents kommt von meinem inneren Grubenpferdchen, im Untertagebau Förderwagen ziehend, sich wundernd, was es sei, was es nur sein könnte, das seinen Fraß so grün wachsen lässt.

Ich sollte den Interviewern im Vorstellungsgespräch erzählen, wie die Bukarester Nationalbibliothek mein Leben gerettet hat. Als Studentin in Bukarest zog ich meinen zweiten Vornamen, den rumänischen, dem deutschen vor, um nicht aufzufallen. Schon als Schülerin in einer deutschen Klasse hatte ich es geschafft, für eine Rumänin gehalten zu werden. Wie heißt du, raunte das Mädchen. Ihre sehnige Gestalt zurückgelehnt, sie war sicher zu genießen, was folgen würde. Ich zweifelte nicht, dass sie auf ihre Kosten kommen würde, hatte ich doch gesehen, was Zigeunerkinder damals mit dem dicken Albert gemacht hatten, alle vier gegen den Dicken, der schlaff in ihrem Griff mit puterrotem Gesicht nach unten starrte, auf den Kies des Schulhofs in diesem für die Aufsicht verborgenen Winkel. Meine Schritte verlangsamt, unbefangen, sah ich im Vorbeigehen, wie ein Knirps eine Mirabelle zwischen den Fingern zu Brei zerdrückte und drohte, wenn du uns nicht sagst, wie du heißt, wirst du das da essen, ich würgte und rannte, sobald ich einen guten Vorsprung hatte, los. In ihren rumänischen Klassen drängte sie der Nationaldünkel der Rumänen an den Rand. In den Pausen wurden sie zu Guerilleros und beherrschten vom Rand her die blinden Flecken der Wirklichkeit mit berückender Kriegskunst. Die Schulpflicht, sagte die heitere Lehrerin, gilt für alle. Wenn ich mich anstrenge, kann ich akzentfrei Rumänisch sprechen, kurze Sätze zwar, aber genug, um mich notfalls durchzuschlagen. So wurde mein rumänischer zweiter Vorname mein Passwort, ich wurde freigelassen, wenn auch ungern, denn ich sah deutsch aus und war leichte Beute. Als die Kommunisten Rumänien regierten und den Privatbesitz enteigneten, worauf alle Leute gleichermaßen verarmten, dachten die Deutschen am meisten verloren zu haben. Sie und die Ungarn hatten seit dem Mittelalter geglaubt, dieses Land im Griff zu haben, und dann wurde der Teppich unter ihren Füßen weggezogen: 1918 machte die österreich-ungarische Verwaltung Kehrt, die neue, rumänische Verwaltung verlegte die Macht in die Hände der Rumänen, und um die Mitte des Jahrhunderts fiel schließlich alles, was den einst privilegierten Deutschen von ihren vielen Morgen Land – Land der Fülle und der Kraft, Land voll Gold und Rebensaft – übriggeblieben war, den Kommunisten zu.

In Bukarest war mein rumänischer Vorname gängiger, aber meine Gangart verriet mich und legte mein verschlagenes Benehmen an den Tag. Ein Schnabeltier schlurft zwischen Karteikästen, wühlt stümperhaft in den Karteikarten und kommt dreimal zum Schalter zurück, weil ihm immer wieder das falsche Buch gebracht wird. Dabei hat das Schnabeltier morgen Examen und muss um jeden Preis diese Textstelle finden. Als zum vierten Mal das falsche Buch auf dem Pult des Schnabeltiers landet, hält es sich mit beiden Vorderpfoten fest, vom Stromschlag seiner angespannten Nerven durchgeschüttelt. Es atmet noch. Dem Paperback vor seinem Schnabel entweicht ein Duft. Das Schnabeltier sieht auf. Schneeweiße Karyatiden dekorativ als Konsolen in die Wände eingelassen, abgewetzte Pulte mit höchstens zwei weiteren Lesern im Lesesaal, hinter Milchglas der ausgelassene Straßenlärm Bukarests, wo Hupen als akustischer Stimulus den Verkehr vorantreibt. Das Schnabeltier beginnt zu lesen: Mircea Poetescu. Aus den Seiten quillt rötlichgelb sein ureigener Sumpf.

Sieben Jahre nach der 1989er-Revolution war es immer noch der beste Gig in der Stadt, sich in Dichter zu verlieben, und es war edukativ. Die Rufe der Pfauen, blessiert verlockend, segelten über die Dachlandschaft, die Luft, lichtverschmutzt und schwer von Smog, hatte zu allen Jahreszeiten ein Flimmern von diesen unnatürlichen Rufen, wie die rauchige Spur eines Feuerwerks am Himmel verweilt, nachdem die Explosion längst verhallt ist. Die Hörsäle waren voll. Studenten standen vor der Tür, bis die Seminare zu Ende waren, warteten, dass der Saal sich leerte, und sicherten sich ihre Plätze. Zigarettenrauch, träge durch Jeans gereckte Hüftknochen, bleiche Gestalten, halblaute Verständigung, und die verstohlene Energie auf der Lauer zu sein. In Mirceas Vorlesungen ergriff man die Gelegenheit, einen Streifzug durch seine Gedankenwelt zu machen. Man furagierte ohne Berechtigung und machte sich gleichwohl Hoffnungen, in Mitleidenschaft des Autors bei der Arbeit gezogen zu werden. Straßenbahnen Baujahr 1970 tummelten sich zwischen Innenstadt und Vororten, die mit Hochbauten wie verwunschene Wälder aus Beton die Hauptstadt umgaben. Als ich Bukarest Jahre später aus England kommend besuchte, in der Zeit, da ich an einer Universität als Doktorandin eingeschrieben war, fuhr ich mit einer dieser Straßenbahnen und suchte den Plattenbau, in dem du damals geschrieben hast. Es war ein Tag im Dezember, Schneeflocken fielen auf mein Fell, aber immerzu war mir, als stände ich auf einer tropischen Insel im Indischen Ozean und Shiva schwebte mir vor auf seinem Lotus. Ich sah den See, auf dem du spazieren gingst, wenn er zugefroren war, wie Jesus auf dem See Genezareth, und so kamst du selbst uns damals im Hörsaal vor, ein Geist bis zum letzten Moment, wenn du uns grußlos anredetest. Dein See. Pfauenblau wie der Lidschatten deiner aufmerksamen Studentinnen. Damals war meine Wohnung am anderen Ende der Stadt, mein Studium orientierte mich in eine andere Richtung, ich lebte mit einem anderen Mann. Aber ich irrte nicht mehr.

»Und Sie wollen wirklich in einer Bibliothek arbeiten?«, fragte mich Herr Maulwurf, mein englischer Doktorvater, mit unverhohlener Missbilligung. »In einer Universitätsbibliothek zumindest, will ich hoffen!?«, und seine Brauen senkten sich, schreckten mich ab. Das Thema hätten wir längst hinter uns haben sollen. Noch unser allererstes Gespräch nach meiner Ankunft auf der Insel hatte sich um den Zugang zur Bibliothek gedreht. Er händigte mir einen Benutzerausweis und einen Grundriss aus, auf dem die deutsche Abteilung rot eingekreist war. Mein Deutschsein zu begreifen sollte ihm weniger leicht fallen. Was für Deutsche waren in Scharen ausgewandert, Privilegien und Morgen fruchtbarem Lands zuliebe, an die unbestimmte Frontlinie zwischen der Welt und dem wilden Jenseits außerhalb des Karpatenbogens? Die Geschichte dieser Deutschen ist eine der Belagerungen, wenn ich mich nicht täusche? Ihre Aufgabe als Stolperstein im Weg der durchziehenden Plünderer – Tataren, Türken, Slawen – erfüllten sie mit Architektur, sie errichteten Wehrburgen und umgaben ihre Kirchen mit kugelfestem Mauerwerk, waren Meisterschützen Pechgießer Hamsterer. Und nie waren sie glücklicher, als wenn Belagerer das Feld räumten, weil sie Geduld und Interesse verloren hatten, während die Kornkammer im Turm, scheinbar bodenlos wie der Mehlkasten der Witwe Elias’, mehr und noch mehr hergab. Wenn die große Glocke im Kirchturm Sturm läutete und die Gemeinde und auch die nächstliegenden Dörfer warnte, ließen Anna und Johann Sichel und Sense fallen und liefen, so schnell sie ihre Füße trugen, in die Kirchenburg, die Tore standen noch offen, wurden dann rasch verriegelt, und wer draußen blieb, musste sich auf eigene Faust durchschlagen. Wenn diese Deutschen vorher keine Patrioten gewesen, mehr oder weniger an der Nase in diese Gegend geführt worden waren, wo sie als Menschenmenge den Ansturm der Wandervölker hemmen, als Proto-Kanonenfutter Ablenkung verschaffen und den Ansturm auf das Ungartum schwächen sollten, so wurden sie durch die Umstände ihres Verweilens dazu. Zugeknöpfte, pingelige Arbeitstiere. Wie alle abgeschotteten Ethnien betrieben auch sie Genealogie als Hobby.

Das Licht wurde von seinen selbsttönenden Brillengläsern reflektiert, so dass Augenkontakt unmöglich war. Ich sah mich ins schlechte Licht der sozialen Unzulänglichkeit gerückt, da es schien, als wiche ich der üblichen Fühlungsnahme aus, entweder aus Unhöflichkeit oder aus fraulicher Befangenheit. Ihm mit seiner urbanen Weltsicht musste beides ebenso hilflos erscheinen wie das Unvermögen der Neandertaler. Das nahm ich mit dem äußersten Rand meines Bewusstseins wahr, und es ließ mich kalt, denn das war in der Zeit, in der ich von meinem Fenster aus offene Sicht bis an den Rand der Insel hatte und den Abstand zu dir in Stunden maß. Ich las nicht die auf meiner Lektüreliste empfohlenen Bücher, sondern verweilte bei solchen, die wir beide gern hatten. Deren Lektüre du uns im Hörsaal ans Herz gelegt hattest. Ich vergammelte körperlich, da ich mich fast ausschließlich von Knorr-Pulversuppen und Milka-Schokolade ernährte, die meine nachsichtige Mutter mir per Post schickte, und ich trug auch ihre abgelegten Kleider, obwohl sie von Figur niedlich ist, ganze zehn Zentimeter kleiner als ich. Ansonsten hasste ich so ziemlich alles, was es um mich gab, ganz besonders mein Dissertationsthema und die Art, wie mein Doktorvater seine langen manikürten Nägel aneinanderschlug wie eine Stimmgabel, wenn ich in ordinärem Umgangsdeutsch das Endungs-e des Verbs wegließ – »Ich sprech kein Englisch« – und scharf den rauen Tönen nachlauschte, die meine gerollten r-Laute begleiteten. Er hörte mehr in meiner Sprache, als mir lieb war, hörte das Wehen des Ostwindes voll gelben Staubs aus den Steppen Zentralasiens, das Gähnen der Außenwelt, die nie deutsch werden konnte und deren Rand durch meine Gene lief. Das nennt sich Deutsch?

Der Prozess, in dem den Rumäniendeutschen nach 1989 bundesdeutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt wurde, war einfach und mühelos: Formulare, hin und her geschoben, gestempelt, einige Nächte in einem Übergangslager, in dem tagsüber Teenager mit kahlrasierten Köpfen, Bierdosen schwenkend, ihren Rundgang machten und mir russische Kosenamen nachgrölten. Nachher fand ich mich ruck-zuck in die Matrix der deutschen Wohlfahrtsgesellschaft eingebunden, mit Sozialwohnung versehen, krankenversichert und beim Arbeitsamt angemeldet. Die Effizienz der deutschen Ämter, Leuten das Deutschsein nachzuschmeißen oder abzusprechen, wird meinen Doktorvater verbittert haben. Obwohl er eine weitblickende Gesinnung hatte, wurmte ihn die Sache meines Deutschseins. Auch viel später, als wir auf freundschaftlichem Fuß standen und uns ganz diszipliniert und platonisch beinahe küssten, war ein Funke Groll dabei. Entgegen seiner besseren Einsicht, denn persönlich hatte ich nichts falsch gemacht, wurde ich Teil des Unrechts, das in seiner Geschichte geschehen war: dass Jahrhunderte deutschsprachiger Gelehrsamkeit abgeschafft, abortiert werden konnten, andererseits einem exterritorialen deutschen Geblüt, das sich ein hässliches Deutsch hielt, um mit erdrückender Knochenarbeit fertig zu werden, die deutsche Identität ganz offiziell in den Schoß fiel. »Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor Kafka!«, höre ich mich sagen. »Sollst du auch!«, fauchte er, und die Spur Hysterie in seinem Ton bedeutete mir, dass etwas Irreparables zwischen uns stand, auch wenn wir Freunde waren und eine gemeinsame Sprache hatten.

Anfangs wunderte ich mich darüber, warum er sich so schwer mit meinem Deutschsein tat, dass es ihm peinlich war, wenn ich Deutsch als meine Muttersprache angab. Wo es doch nicht notwendig ist, im Nahen Osten geboren zu sein, und schon gar nicht, Hebräisch zu sprechen, um Teil der jüdischen Gemeinde zu sein. Dann aber fiel mir auf, dass es ihn auch verstimmte, wenn ich erwähnte, ich hätte eine doppelte Staatsangehörigkeit, deutsch und rumänisch, oder wenn ich routinemäßig auf die Frage »Sind Sie deutsch?« gelassen mit »Halb« antwortete. Dass ich nie in Berlin gewesen bin und es nicht als ein Versäumnis empfand. Dass ich in der Fremdsprachenfakultät keine Zugehörigkeitsgrenzen anerkannte und auf Calvino, Márquez und Bulgakow Anspruch zu haben glaubte, weil ich sie verstand. Er verdächtigte mich als Ghostwriterin meiner eigenen Dissertation. Ich hatte es vielleicht einfach zu gut gehabt. Meine deutsche Sprachfertigkeit hatte ich zufällig und ohne Anstrengung oder Ehrgeiz erworben, weder hob ich sie in den Himmel, noch schlug ich Kapital aus ihr, sondern hielt sie neben anderen Sprachen, die in meinem geopolitischen Umfeld geläufig waren. Die Abwesenheit jeglicher Verpflichtung der einen oder anderen Kultur gegenüber stimmte perfekt mit dem promisken Anspruch überein, den ich auf alle erhob. Promiskes Zwitterwesen. Pfui.

So wie ich es verstehe, sollte es ein Kompliment sein. Später, als ich durch eine Londoner Privatbibliothek tigerte, und noch später, als ich für die staatlich subventionierten Bibliotheken einer Stadt in den englischen East Midlands meinem Affen Zucker geben lernte, folgte ich eigentlich, immer der Nase nach, dem starken Duft der Fiktion. Welcher alle Schubladen durchzieht und sich über Grüfte, Gattungen, Ordnungen und Abteilungen hinwegsetzt. Selbst wenn ich mit einer Gruppe von misshandelten Frauen im Frauenhaus diskutiere und genau weiß, ihnen ist nicht danach zumute, von »Lady Lazarus« zu hören, lege ich die Fährte, hinterlasse eine Spur Brotkrumen, die dort hinführt. Es geht um jenes Programm, das man nicht programmieren kann. Das uns programmiert. Die Geschichten. Sie retten Leben in beliebiger Form – Druck, Pixel, Schallwellen – zufällig in der Umgebung, wo sie wahrgenommen werden. Denn der Sinn für Geschichten ist permanent codiert im neuronalen Netzwerk des Bewusstseins. Die Apps dafür werden uns in die Wiege gelegt. Ein frisch geschlüpftes Schildkrötenbaby findet unbeirrbar den Weg ins Meer. Die Interviewer tippen pflichtversessen in ihre Laptops. Habe ich »Schildkrötenbaby« am Ende doch laut gesagt?

Aus einer Ecke des Raums wälzt sich etwas Urtümliches heran, knackt lässig mit den Kiefern und macht sein Maul auf.

Später am Nachmittag wird mich die Direktorin anrufen. Aus unerfindlichen Gründen wird sie mir den Job anbieten. Ich werde ihr Angebot aber aufs Spiel setzen, da ich mich nicht nur bei ihr, sondern unbedingt auch bei Charles Darwin bedanken werde, ohne den ich die Hintergründe meines beruflichen Werdegangs nie durchschaut hätte.

Notabene: Diese Geschichte ist literarische Fiktion und die Gestalten darin sind fiktionale Gebilde. Jedwelche Übereinstimmungen mit wirklichen Personen und Situationen ergaben sich zufällig und sind außerhalb dieser Geschichte nicht nachvollziehbar.

 

URSULA ACKRILL, geboren 1974 in Kronstadt, Siebenbürgen, studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und promovierte 2003 mit einer Arbeit über Christa Wolf an der University of Leicester. 2005 erwarb sie einen Master in Informationsmanagement und lebt heute als Bibliothekarin und Schriftstellerin in Nottingham. Zeiden, im Januar (Wagenbach, 2015) ist ihr erster Roman.

 

Zuerst erschienen in: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2 (2015), Jg. 10 (64), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, S. 177–182.