Mit dem Voranschreiten des Zweiten Weltkriegs wurde der Standpunkt der politischen Entscheidungsträger der mittelost- und südosteuropäischen Staaten im Hinblick auf das Schicksal der in ihren Gebieten lebenden deutschen Minderheiten zunehmend radikaler. Zum Kriegsende machte man in dieser Region die deutsche Minderheit kollektiv für die vom Dritten Reich begangenen Verbrechen verantwortlich. Dabei berief man sich auf Aktivitäten nationalsozialistischer Organisationen, die innerhalb einzelner Gemeinschaften tatsächlich existierten. Gleichzeitig verschwieg man aber die Tatsache, dass diese gleichgeschalteten Organisationen nicht die gesamte Gruppe repräsentiert hatten und meist nur Mittel für die nationalsozialistische Expansionspolitik gewesen waren sowie, dass es auch innerhalb der deutschen Minderheiten Widerstandsbewegungen gegeben hatte. Die Bestrebungen der führenden Politiker der mittelost- und südosteuropäischen Staaten, reine Nationalstaaten zu schaffen, wurden auch von den Großmächten unterstützt.1
Der Wandel, der in den mittelost- und südosteuropäischen Ländern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Interessensphäre der Sowjetunion gelangt waren, vonstattenging, war im Wesentlichen politischer und nicht wirtschaftlicher oder kultureller Art. Daher waren die Prioritäten in diesen Gebieten auch durch die Ziele der politischen Machtergreifung bestimmt. Dazu dienten die in den Staaten der Region verabschiedeten Verordnungen zur Einschränkung des Eigentumsrechts und der politischen Rechte, zur Enteignung und Vermögenskonfiskation oder zum Entzug der Staatsangehörigkeit, die die gesamte deutsche Bevölkerung oder einen Teil von ihr betrafen.
Die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte der erzwungenen Bevölkerungsbewegungen beziehungsweise deren Folgen dienten indirekt auch dem Ausbau und der Stabilisierung der kommunistischen Systeme.2
Teil dieses Prozesses war auch das Vorgehen gegen die Ungarndeutschen, das bis zum Ende der Aussiedlungen die Standpunkte der Großmächte, die außen- und innenpolitische Situation des Landes sowie die Bestrebungen der politischen Kräfte in Ungarn bestimmten. Bereits im November und Dezember 1944 kam es zu einer – teils durch die gerade entstehende ungarische Verwaltung unterstützte – Aktion der sowjetischen Armee, bei der mehrere Tausend Deutsche in sowjetische Arbeitslager kamen, was die deutsche Minderheit in Angst versetzte.3
Die ungarische Regierung siedelte zwischen Januar 1946 und Juni 1948 nach dem Prinzip der Kollektivschuld etwa 200.000 ungarische Staatsbürger deutscher Nationalität nach Deutschland aus.4 Die ursprüngliche Konzeption – nämlich die Aussiedlung der überwiegenden Mehrheit der Deutschen – ließ sich aufgrund des Widerstands der Großmächte nicht realisieren. Die US-amerikanische Militärbehörde verweigerte im Juni 1946, aus Ungarn eintreffende Aussiedlerzüge zu empfangen, indem sie sich zunächst auf verschiedene Gründe berief, später verlangsamte sie die Aufnahme mit diversen Mitteln und lehnte sie ab Herbst 1947 dann grundsätzlich ab. Daher konnte die ungarische Regierung die Aussiedlung der Deutschen danach nur noch aufgrund einer Übereinkunft mit der sowjetischen Militärbehörde fortsetzen; allerdings bezog sich diese ausschließlich auf eine Übergangszeit und eine limitierte Anzahl von Menschen (50.000 Personen). Im Juni 1948 wurde dann auch dieses eingeschränkte Vorgehen eingestellt.
Die ungarische Regierung musste sich zu diesem Zeitpunkt mit den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des unterbrochenen Prozesses auseinandersetzen, denn nach dem Ende der Aussiedlungen hielten sich in Ungarn nach wie vor etwa 230.000 Personen deutscher Nationalität auf. Die Situation jener 110.000 Menschen, die man im Herbst 1947 noch zur Aussiedlung vorgesehen hatte, war besonders prekär. Sie waren ihres Vermögens und ihrer politischen Rechte beraubt, größtenteils zwangsweise mit anderen Familien zusammen untergebracht und existenziell vollkommen ausgeliefert. Auch diejenigen befanden sich in einer speziellen Situation, die zwar ausgesiedelt worden waren, doch nach einer gewissen Zeit aus Deutschland – meist illegal – nach Ungarn zurückkehrten. Da sie keine Staatsbürgerschaft besaßen, waren sie vonseiten der Behörden ständigen Behelligungen ausgesetzt beziehungsweise wurden im Fall einer Gefangennahme erneut abgeschoben. Die allmähliche gesellschaftliche Integration der deutschen Minderheit setzte im Herbst 1949 mit der freien Wahl des Wohnortes und des Arbeitsplatzes ein. Die ungarische Regierung deklarierte die staatsbürgerliche Rechtsgleichheit bereits im Jahr 1950 (84/1950. Erlass des Ministerrats), wobei die Mitglieder der deutschen Minderheit ihr Wahlrecht erst 1953 wiedererlangten. Gleichzeitig diskriminierten die verschiedenen Behörden die Mitglieder der deutschen Minderheit bis in die 1960er-Jahre.5
Anmerkungen zur Methode, Gesichtspunkte bei der Analyse
Die in unserer Studie verwendeten Interviews wurden ursprünglich mit Personen geführt, die aus Ungarn nach Deutschland ausgesiedelt wurden und nach einer gewissen Zeit von dort zurückgeflohen sind, beziehungsweise mit entrechteten deutschen Bewohnern aus Gemeinden im Komitat Tolna, die von der inländischen Migration betroffen waren. Aus der so entstandenen Oral-History-Datenbasis haben wir die Interviews jener Personen als Grundlage für unsere vorliegende Studie verwendet, die zur Zeit der Ereignisse minderjährig waren. Somit erinnern sich die Betroffenen in den Anfang der 2000er-Jahre entstandenen Interviews an die als Kind erlebten Ereignisse und ihre damaligen Gefühle. Es war uns jedoch wichtig, dass die jeweilige Person über eigene Erlebnisse und Erfahrungen verfügte und das, was mit ihr passiert war, nicht bloß aus Familienerzählungen kannte. Das heißt, dass sie auf selbstreflexive Weise zwischen den damaligen Erlebnissen und den Deutungen der Ereignisse als erwachsene Person unterscheiden konnte.
Die interviewten Personen wurden zwischen 1930 und 1942 in deutschen Bauern- oder Handwerkerfamilien geboren, waren also zur Zeit der Ereignisse drei bis fünfzehn Jahre alt. Eine Schilderung der kindlichen Lebenswelten im ländlichen Ungarn sowie eine ausführliche Darlegung der von den verschiedenen Altersklassen erwarteten sozialen Rollen würde den hier zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen. Wir beschränken uns im vorliegenden Aufsatz darauf, auf die zuvor als traditionell betrachteten, doch durch Krieg und Verfolgung veränderten Rollen hinzuweisen.6 In den Jahrzehnten vor der Aussiedlung war das Einschulungsalter bereits vereinheitlicht, allerdings erzog man die Kinder in unterschiedlichem Alter und mit unterschiedlicher Intensität zur Arbeit. In den bäuerlichen Familien Ungarns beteiligten sich die Kinder bereits im Alter von vier bis fünf Jahren an häuslichen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten, auch wenn sich die Begriffe von Arbeit, Lernen und Spiel in diesem Lebensabschnitt noch nicht gesondert artikulierten. In der Arbeitsteilung der Familie rechnete man mit den Kindern als Arbeitskräften im engeren Sinne erst ab einem Alter von elf bis zwölf. Neben der Schule beteiligten sie sich regelmäßig an der Pflege der Tiere und im Haushalt, im Sommer hingegen arbeiteten sie auch auf den Feldern. Unsere in den 1930er-Jahren geborenen Interviewpartner:innen waren also schon alt genug, über eigene Erlebnisse aus den Jahren der Verfolgung zu verfügen, und die meisten von ihnen hatten bereits Erfahrungen hinsichtlich der Arbeit innerhalb der Familie (trugen individuelle Verantwortung), sorgten aber noch nicht für ihren eigenen Unterhalt.7
Ein Teil der von uns ausgewählten Personen war ausgesiedelt worden, wobei die (Groß)Eltern nach einem einige Monate oder auch mehrere Jahre andauernden Aufenthalt in Deutschland beschlossen, nach Ungarn zurückzukehren. Der andere Teil wurde zwar gezwungen, aus dem Eigenheim auszuziehen, hatte Ungarn aber nicht verlassen. Bei manchen von ihnen wurde der Aufenthaltsort, nachdem sie zwangsweise ausgezogen waren, nicht kontrolliert, weswegen sie in der Regel in der eigenen Gemeinde bleiben konnten.8 Andere flohen vor der Aussiedlung in ungarische Dörfer der näheren Umgebung,9 und es gab auch solche, die in andere Gemeinden,10 manches Mal sogar andere Komitate11 transportiert wurden, wo man sie mit fremden Familien zusammen unterbrachte. Jener Fall aus dem Komitat Tolna, bei dem der aus Viehwaggons bestehende Zug von der Grenze der sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR) zurückgeschickt wurde und man die Ausgesiedelten in deutschen Ortschaften des Komitats Bács-Kiskun unterbrachte, scheint eine Ausnahme zu sein.12
Die für die vorliegende Studie verwendeten, zum überwiegenden Teil von uns angefertigten lebensgeschichtlichen Interviews umfassen einen breiteren Kontext: Identität, Sozialisation in der Kindheit, örtliche Verhältnisse in der Zwischenkriegszeit, Ereignisse der Zwangsmigration, Jahre des Neuanfangs in Ungarn. Da den Ereignissen des Kriegs und der Zwangsmigration in den Interviews besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, können manche der gesammelten Erzählungen nicht als vollständige Lebensgeschichten verstanden werden, obwohl erfahrungsgemäß auch bei den lebensgeschichtlichen Interviews die Aussiedlung und die Kindheit bezeichnenderweise als die am stärksten betonten Episoden und Eckpfeiler zu betrachten sind.13 Unseres Erachtens sind die biografischen Episoden, die sich auf die ethnische Diskriminierung und die erzwungene oder spontane Migration fokussieren – unter Berücksichtigung der individuellen empirischen Eindrücke –, grundlegend als ein Abdruck eines sozialen, generationalen und kulturellen Musters einzuordnen. Zu beobachten ist außerdem, dass einzelne Befragte beim Vortrag ihrer Lebensgeschichte beziehungsweise der im Laufe der Zwangsmigration erfolgten Ereignisse bereits routiniert waren und sich bei ihnen daher ein gewisses Repertoire an standardisierten Textbausteinen herausgebildet hatte.14 Es ist zu betonen, dass es sich bei den Interviews nicht um einen spontanen Rückblick auf die Zeit der Aussiedlung handelte, vielmehr wurde die Erinnerung daran durch eine Frage oder mehrere Fragen angeregt. Aus diesem Grund dominieren statt einer narrativen Hierarchie die genau und detailreich reproduzierten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Verlassen des Zuhauses.15 Beim Erstellen der Interviews haben wir uns nicht nach der Didaktik der Gleichzeitigkeit des Gleichzeitigen orientiert. Daher hatten wir bei unserer Studie ständig im Blick, dass wir möglicherweise subjektiv gedeutete Wahrheiten dokumentierten, bei der die Befragten die Kindheitserfahrungen aus der Perspektive ihres jeweils aktuellen Lebensabschnitts sowie aus der Situation der Befragung heraus interpretierten16 und sie ferner mit Momenten aus ihren eigenen Lebensereignissen bekräftigten beziehungsweise mit stilistischen Wendungen ausmalten.17
Aus den von uns gestellten Fragen wird deutlich, dass wir die Lebensgeschichten nicht als eine Ergänzung zu den schriftlichen Quellen betrachtet haben, sondern als ein »reflektiertes Ganzes«. Wir sind davon ausgegangen, dass die lebensgeschichtlichen Erzählungen darüber hinaus, dass sie Abdrücke von parallel existierenden Wirklichkeiten sind, doch nicht von partikularen Geschehnissen aus dem Leben einer einzigen Person berichten, denn die erzählende Person gibt ihrem Lebensweg eine Bedeutung, reflektiert die Ereignisse, die sich mit ihr zugetragen haben, kommentiert und bewertet. Wir verstehen die Erinnerung als eine gesellschaftlich symbolische Manifestation der persönlichen und sozialen Identität des Individuums, als seine eigene Gesellschaftsgeschichte.18
Die Interviews bieten zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten, sie zu analysieren, so beispielsweise von dem Gefühl des vollkommenen Ausgeliefertseins zur Zeit der Wohnungslosigkeit über die Schwierigkeiten, erneut ein Zuhause zu erschaffen, bis hin zum Prozess der Familienzusammenführung oder der Darstellung der Attitüde des weiteren Umfelds. Um den Rahmen nicht zu sprengen, untersuchen wir jetzt nur, wie die zur Zeit des Krieges minderjährigen Personen in strukturierten und teils gelenkten Interviews, die Jahrzehnte nach dem Verlust des Zuhauses geführt wurden, diesen Prozess darstellen. Neben der Präsentation der Ereignisse parallel existierender persönlicher Erlebnisgeschichten berücksichtigen wir dabei auch den speziellen kindlichen Blickwinkel.
Zeitwahrnehmung
Bezüglich der Zeitwahrnehmung kann festgestellt werden, dass die Befragten die Ereignisse der Vertreibung häufig nicht an ein konkretes Datum, sondern an die Feiertage des Kirchenjahres oder an wirtschaftliche Ereignisse (zum Beispiel Pfingsten, Weihnachten, Ernte) knüpfen, was für die bäuerliche Zeitwahrnehmung charakteristisch ist.
Das Haus war mit allem voll, es gab Pferde, Kühe, Schweine. Das war nach der Ernte, in der Woche davor war das Getreide mit der Dreschmaschine gedroschen nach Hause gebracht worden, es war also alles, die Speisekammer, der Dachboden, voll.19
[Oder:] […] das war am Pfingstmontag. Sie kamen, dass wir aus dem Haus gehen müssen.
Also was wir konnten, ein bisschen haben wir zusammengepackt.20
Vielerorts richteten sich auch die Behörden mit dem Beginn der Aussiedlung nach diesen Zeitpunkten. Man bemühte sich, die Effizienz der Aktion mit einer überfallartigen, schnellen Durchführung in den frühen Morgenstunden zu steigern, denn zu dieser Zeit hielten sich die Betroffenen zu Hause auf, so war die Chance zu einer Flucht oder zum Verstecken der Wertgegenstände gering.21
Ein Schnittpunkt der Lebensgeschichten ist, dass alle Interviewten für eine kürzere oder längere Zeit gezwungen waren, das Haus, das oft mehreren Generationen ein Heim bot, den Wohnort und die lokale Gemeinschaft zu verlassen und ihr Leben existenziell vollkommen ausgeliefert in einer für sie fremden Umgebung fortzusetzen. Gemeinsam ist den Lebenswegen der beiden Gruppen auch, dass sie beim Verlassen ihres Zuhauses nicht wussten, ob ihre Aussiedlung als vorübergehend zu betrachten sei, wie lange sie dauern würde oder ob sie die Möglichkeit hätten, den Willen der Staatsgewalt auf irgendeine Weise zu korrigieren. Als ein Unterschied ist zu erkennen, dass die nach Deutschland ausgesiedelten Personen keine Kenntnisse oder Informationen über die dortigen Verhältnisse und die deutsche Gesellschaft hatten, während für diejenigen, die in Ungarn blieben, die Sprache und die Kenntnis der Verhältnisse vor Ort, die gemeinsamen kulturellen Codes eine Hilfe darstellten. Dennoch werden in allen Lebensgeschichten – auch derjenigen, die in Ungarn geblieben sind – der Prozess, in einer fremden Umgebung Halt zu suchen, die darauffolgende Rückkehr an den ursprünglichen Wohnort (oder in dessen Nähe) und das Bedürfnis, sich erneut ein Heim zu schaffen, betont. Verknüpft wird dies sowohl im Fall der nach Deutschland Ausgesiedelten wie der innerhalb Ungarns Umgesiedelten mit dem Bemühen um eine Familienzusammenführung.
Die Momente der Aussiedlung, des Verlassens des Zuhauses
Das Sicherheitsgefühl des Menschen wird grundlegend durch seine existenziellen Umstände sowie die Stabilität des ihn umgebenden sozialen Netzes (Familie, Verwandte, weiter gefasste Gemeinschaft) und die Stärke der Querverbindungen innerhalb dessen beeinflusst. Wird auch nur einer dieser Aspekte in Mitleidenschaft gezogen, so gefährdet das die Integrität der Person. Dies gilt insbesondere für Kinder, die über keine Mittel und Möglichkeiten verfügen, Einfluss auf ihre Umstände zu nehmen und damit positiv auf ihre ausgelieferte Situation einzuwirken. Unsere Interviewpartner:innen haben in der letzten Phase des Krieges beziehungsweise danach sowohl existenziell als auch emotional schwere Verluste erlitten. Obwohl in den Lebensgeschichten das Verlassen des eigenen Hauses, der Verlust des Heims betont wird, stellt sich aus den Erzählungen auch heraus, dass die emotionale Stabilität der Familie – durch die seit Jahren andauernde Teilnahme des Vaters am Krieg, seine Kriegsgefangenschaft, das unsichere Schicksal der Mutter oder der entfernteren Verwandtschaft aufgrund der Verschleppung zur »Zwangsarbeit« (Malenkij robot) – schon sehr viel früher Schaden erlitten hatte. Denn zu dem Zeitpunkt, als sie gezwungen wurden, ihr Zuhause zu verlassen, mussten sie bereits seit Jahren die Sicherheit der früher berechenbar und traditionell funktionierenden Stammfamilie sowie des größeren verwandtschaftlichen Netzes entbehren.
Mein Vater war kein Soldat, weil er irgendeinen Betriebsunfall hatte, aufgrund dessen er auf einem Auge blind war, deshalb war er kein Soldat. Also kann ich dazu nicht viel sagen. Der Witz war, dass er dann am Ende doch weggegangen ist, er war bei der malenkij robot. Da galt das dann nicht, dass er auf einem Auge blind war.22 [Sowie]: Mein Vater ist im Juni 1942 eingerückt, als Reservist bei der ungarischen Honvéd-Armee. Eine offizielle Benachrichtigung über sein Verschwinden haben wir nie bekommen […].23 [Und:] In diesem Jahr [1944] musste mein Vater jedoch einrücken. Früher hatte er sich bei den Musterungen, sowohl bei den Ungarn als auch bei den Deutschen, nicht bewährt. Aber es kam die vollständige Mobilisierung, er wurde auch mitgenommen.24
Da die entzweigerissenen Familien gar keine oder nur sehr bruchstückhafte Informationen von dem jeweils anderen Teil hatten, wurde es auch im Hinblick auf ein Wiedersehen mit denjenigen, die fortgegangen waren, besonders wichtig, das eigene Haus zu behalten und am ursprünglichen Wohnort zu bleiben. Der Umstand, dass die Betroffenen den Schauplatz ihres früheren gemeinsamen Lebens verloren hatten, war vor allem im Fall jener Personen, die nach Deutschland ausgesiedelt worden waren, ein Vorzeichen jener Schwierigkeiten, die sich bei der erneuten Begegnung der Familienmitglieder zeigen sollten und die später durch die jahrelangen Kämpfe um die Familienzusammenführung bestätigt wurden.
Jene Abschnitte der Lebensgeschichten, die sich auf das Verlassen des Zuhauses beziehen, weisen eine Reihe struktureller und inhaltlicher Ähnlichkeiten auf.
Das Verlassen des Zuhauses
Die Mehrzahl der nach Deutschland ausgesiedelten Personen und einige derjenigen, die innerhalb Ungarns umgesiedelt worden waren, sprechen von dem Verlust ihres Zuhauses als einem unvorhersehbaren oder zumindest unerwarteten Ereignis. Sie wussten zwar von den Vermögenskonfiskationen und Aussiedlungen, die bereits im Gange waren, rechneten aber nicht damit, dass dieser Prozess auch ihre eigene Familie betreffen könnte. Das damalige Abwarten der Familie begründeten sie damit, dass sie ihren Namen magyarisiert hatten,25 beziehungsweise gemäß der damaligen Rechtsvorschriften nicht den Verordnungen unterlagen, welche die Rechtseinschränkung und die Aussiedlung der Deutschen regelten.
Mein Vater war ein großer Ungar, er war auch ungarischer Soldat, er wollte gar nicht glauben, dass man ihn mitnahm. Er war Wagenmacher im Dorf, ein recht guter Fachmann, und ich erinnere mich, an jenem Tag packte meine Mutter trotzdem, vielleicht nehmen sie dich mit, mein Vater hatte aber das Gefühl, wir würden sicher bleiben. So kam es nicht. Mein Vater wollte noch mit meinem Großvater Kartoffeln sammeln gehen.26
In beiden Weltkriegen hatte er als ungarischer Soldat gekämpft. Nach dem Ersten hatte er sogar ein Stück Boden als Belohnung bekommen. Deshalb hatte er sich, als diese große Razzia im Februar 1946, am Faschingssonntag, war, gar nicht versteckt. ›Wozu, mich werden sie ja wohl nicht mitnehmen‹, sagte er. Da hatte er falsch gedacht.27
Folgende Wendungen kehren in den Interviews immer wieder: »Es hieß, bei uns würde es nicht zur Aussiedlung kommen«,28 »Es hieß, wir würden nicht ausgesiedelt werden, trotzdem ist es passiert.«29
Im Fall der Kinder kann diese Interpretation auch damit zusammenhängen, dass die Eltern ihnen nicht alle Informationen mitgeteilt haben:
Es war von einem Tag auf den anderen. Sie sagten uns Bescheid, wir sollten uns vorbereiten, denn morgen kommt der Lastwagen, wir sollten zusammenpacken. Die Mama und ich hatten auf unsere Weise an alles gedacht – der Papa war in Russland, den hatten sie fünfundvierzig zum Arbeitsdienst mitgenommen –, aber daran nicht.30
Das Erinnerungsmaterial der meisten Befragten, die zur Aussiedlung verurteilt wurden, doch schließlich in Ungarn blieben, weist in dieser Hinsicht Abweichungen auf. Da dieser Personenkreis in der Regel zusammen mit den »Muttersprachler:innen«31 erst im Laufe des Jahres 1947 seines Vermögens beraubt wurde, hatten einige von ihnen die Möglichkeit, in ungarische Gemeinden zu fliehen, ihre Wertgegenstände zu verstecken oder aber das Auseinanderreißen der Familie zu verhindern:
Die W.s wurden aus Sz. nach Deutschland ausgesiedelt. Die Alten hätten nicht gehen müssen, da aber ihre Tochter und die drei Enkel auf der Liste standen, sind sie auch gegangen, also der alte A. und seine Frau. Ich war auch schon im Waggon, weil sie mich gern mitnehmen wollten, aber mein Großvater hat es nicht erlaubt.32
Uns ist ein Bett und eine Nähmaschine aus dieser Zeit geblieben. Das Bett haben meine Eltern auf dem Kopf nach Hőgyész zur Oma rübergebracht,33 nachts, dabei haben sie aufgepasst, dass man es nicht bemerkte.34
Ein gemeinsames Merkmal dieser biografischen Episoden jedoch ist, dass die Erzählenden jeweils ein Detail der Ereignisse hervorheben, das sie dann mit impressionistischer Farbigkeit ausmalen. Es ist beachtenswert, dass sie bei diesen Episoden sich selbst reflektieren, das heißt, die Reaktionen ihrer Eltern, der Erwachsenen, und ihre eigenen als Kinder sowie ihr Verhältnis zu den Geschehnissen unterscheiden. Die zum Zeitpunkt des Interviews bereits älteren Personen haben vor allem jenen Bildausschnitt im Gedächtnis bewahrt, den sie sich als Kinder eingeprägt hatten, was vermutlich zum einen eine Folge der Schockwirkung aufgrund der Ereignisse ist, zum anderen darauf beruht, wie die kindliche Psyche funktioniert. Aus ihrer Perspektive verfügten das Schicksal eines Spielkameraden oder einer Spielkameradin, ein Spielzeug oder aber ein Lieblingskleid häufig über größere Bedeutung als die Frage, welche lebensnotwendigen Lebensmittel, Kleidungsstücke oder Haushaltsartikel man mitnehmen sollte.
Da kam morgens ein Polizist, gegen vier Uhr klopfte es, meine Eltern hatten schon ein bisschen gepackt, sie öffneten die Tür, er kam rein und sagte: von diesem Moment an ist das Eigentum des Staates. Wir sollten packen, das Auto wäre gleich da und sie würden uns wegbringen. So als Kind … Für mich war das Erste, dass ich rausgegangen bin, und auf der anderen Seite wohnte meine beste Freundin, mit der ich immer gespielt habe, sie wurden schon verladen. Ich als Kind freute mich, dass die auch gingen und ich auch gehen würde. Meine Uromi war schon über siebzig, solche Menschen traf das sicherlich sehr.35
[Oder:] Es war erlaubt, ein paar Sachen mitzunehmen, und ein bisschen Essen, was wir hatten, ja meine Mama nahm sogar ein Federbett mit, und eine Wolldecke, in so ein Laken war das alles geschnürt, und die paar nötigen Kleider. Also ich war auch in donauschwäbischer Kleidung, und meine kleine Schwester, die war nicht in donauschwäbischer Kleindung, die war in anderer, was meine Mama eben zur Hand hatte, weil viel durften wir nicht mitnehmen.36
In den Erzählungen wird das Geschehene ebenso als Abenteuer, also positives Erlebnis, gedeutet wie als Trauma:
[…] ich war Kind, fühlte mich wohl, spielte mit den anderen Kindern, wir sprangen auf dem Gepäck herum und alles. Ja schon, aber es gab auch kranke und achtzigjährige, alte Frauen […].37
[Oder:] Also das kann man nicht erzählen, was wir gelitten haben […].38
Meine Mutter und meine Tante versuchten uns Kinder in den Schlaf zu wiegen, weil ich ständig geweint habe. Die Kinder waren in Panik. […] Und das war für mich ein Schock fürs Leben.39
Verluste
Das materielle und emotionale Unrecht erscheint in den Erinnerungen äußerst intensiv, unabhängig davon, ob die Betroffenen ausgesiedelt wurden oder in Ungarn blieben. Die Tatsache der vollständigen Vermögenskonfiskation, die Beschlagnahmung der materiellen Güter drückten die Befragten meist mit folgenden zusammenfassenden Formeln aus: »uns blieb nichts«, »alles haben sie uns weggenommen«, »alles ist dageblieben«, »uns haben sie mit nacktem Arsch ans andere Ende der Welt geschickt«,40 »ihnen wurde gesagt, sie könnten hingehen, wohin sie wollten«,41 »wir wurden aus dem Haus geschmissen«42 oder »wir wurden nur mit dem, was wir am Leibe trugen, ans Grabenufer geworfen«43. Bei der Nennung der zurückgelassenen Güter ist zudem die detaillierte Aufzählung der Sachgüter, Haustiere und landwirtschaftlichen Gerätschaften, die mit Sicherheit über einen starken emotionalen Gehalt verfügten, sehr häufig.
Und das Interessante daran ist, dass, als sie uns mitnahmen, alles dortblieb, alles samt und sonders, ein Bauernhaus mit voller Speisekammer, das kann man sich schon vorstellen, alles … Es gab noch mindestens zehn Schweine, und es gab Pferde, gab Kühe, gab solche Jungtiere und alles. Und angeblich – also gar nicht angeblich, sondern ich weiß das sehr wohl –, gab es so einen Stall, etwas in der Art, da waren fünfzehn Gänse drin, die sind alle krepiert, weil sie niemand gefunden hat. Also uns haben sie mitgenommen, um vier Uhr, wie ich gesagt habe, die sind gekommen und haben uns mitgenommen, und alles, angefangen vom Wein bis zum Weizen, die Wohnung und alles, was es da gab in einem Bauernhaus.«44
[…] Auf dem Hof aufgestapelte Ziegel, Holz, weil wir, bevor mein Vater eingerückt ist, anbauen wollten. Das mussten wir alles dort lassen.45
Meist schildern die interviewten Personen, während sie von der Zwangsmigration erzählen, auch die Momente früherer Konfiskationen:
Wer auf dieser Liste stand, war dem Datum nach verpflichtet zu erscheinen. Auch wir mussten die Färse, den Schweinebestand usw. dahin führen. Und dann kamen die ›Käufer‹ und sagten: ›Na, diese Färse, die kommt mir gerade recht‹ und bekamen sie. Der Pfarrer B. hat unsere drei Schweine mitgenommen.46
Güter zum Mitnehmen
Sowohl die Erzählungen der ausgesiedelten Personen als auch derjenigen, die in Ungarn geblieben sind, beinhalten – wie zu sehen war – detailreiche Aufzählungen im Hinblick auf die Verluste, und so heben auch beide Gruppen im Zusammenhang mit den genehmigten Gütern hervor, wie unwürdig wenig das war, was sie mitnehmen durften. Dennoch sollte diesbezüglich der Unterschied zwischen den beiden Gruppen betont werden. Während im Fall der nach Deutschland Ausgesiedelten in der Tat »alles hierblieb«, da sie auch dem Gesetz nach nur ein Gepäck von 100 Kilogramm mitnehmen durften, waren die Möglichkeiten jener Personen, die innerhalb Ungarns umgesiedelt wurden, gewissermaßen größer. Die meisten konnten auch Möbel mitnehmen oder kehrten insgeheim in ihr Haus zurück – insofern das nicht sofort jemandem zugeteilt worden war.
Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass die Personen, die in Ungarn blieben, ihre Häuser im Allgemeinen nicht innerhalb von einigen Stunden verlassen mussten (obgleich wir auch dafür Beispiele gefunden haben), somit hatten sie die Möglichkeit, genauer zu überlegen, was sie einpacken wollten, oder auch Strategien anzuwenden, mit denen sie ihre Güter verstecken oder retten konnten. Allerdings wurde dies häufig durch den Umstand erschwert, dass sie die Gegenstände, die sie mitnehmen wollten, bereits mit jenen Familien teilen mussten, die wiederum in ihr Haus umgesiedelt worden waren:
Im April [1947] bekamen wir eine Siedlerfamilie. Einen Monat wohnten wir zusammen, als der Siedler zu meinem Großvater sagte: ›Ab heute sperre ich die Tür auf und zu.‹ Da kam der Lastwagen und wir konnten alles einladen, was wir mitnehmen durften.47
In den Erzählungen der nach Deutschland ausgesiedelten Personen erscheint auch die Plötzlichkeit der Ereignisse und die schnelle Durchführung des Zusammenpackens als bestimmendes Element: »Was du innerhalb von zwei Stunden einpacken kannst, das gehört dir, der Rest bleibt. Was kann man schon einpacken, wenn man Angst hat?«48 Oder: »[…] von einer Stunde auf die andere. […] Meine Mutter war gar nicht zu Hause, weil sie in Cs. auf der Kirchweih war.«49
Von den nach Deutschland ausgesiedelten Personen erwähnen fast alle Befragten, dass sie nicht einmal die gesetzlich garantierten Möglichkeiten ausnutzen konnten, weil die Vollstrecker der Aussiedlung sogar die wenigen vorbereiteten Kleidungsstücke oder einen Teil der Lebensmittel beschlagnahmten, nach Geld und Schmuckstücken suchten, beziehungsweise sie unter Drohungen dazu zwangen, ihnen diese auszuhändigen.50 Über die Dinge, die sie mitgenommen haben, sagen sie zusammenfassend: »Kleidung, ein paar Lebensmittel, dies und das«, »was in ein Bündel passte«. Zum Transport dienten Bündel aus Laken oder eilends aus Möbeln zusammengezimmerte Truhen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu gegenständlichen Symbolen der Aussiedlung wurden.
Es ist beachtenswert, dass mehrere der Befragten die Augenblicke des Abschieds in einer Weise beschreiben, die dem Ritus des Abschiednehmens von einem Toten gleicht: Sie setzen sich nicht auf den Pferdewagen, der ihr Gepäck transportiert, sondern verabschieden sich von den Schauplätzen ihres bisherigen Lebens, indem sie den Wagen zu Fuß begleiten.
Ich erinnere mich noch genau, dass da, als ich mitgenommen wurde, alle Türen offenstanden, und da regnete es sehr, sehr stark, und es wurden sogar drei Wagen hergeschickt. Und da setzten wir uns nicht auf den Wagen, sondern gingen hinter ihm her, meine Mutter und ich untergehakt, weil meine ältere Schwester in einem anderen Haus war, die wohnte nicht hier bei uns, und dann gingen wir bergauf. Und soweit wir schauen konnten, wir blickten zurück auf das Dach und winkten. Wir dachten nicht, irgendwann noch einmal hierher zurückzukehren. Diese Gedanken, die habe ich so vor mir, bis heute, so wie das war.51
Zusammenfassung
In unserer Studie haben wir untersucht, wie sich Personen, die die Ereignisse der Zwangsmigration, von der die deutsche Minderheit in Ungarn betroffen war, als Kind erlebt haben, an diese erinnern. Dabei haben wir den Fokus des Beitrags auf den Verlust des Zuhauses gelegt. Wir konnten feststellen, dass in den Erinnerungen von Personen, die das Verlassen des Wohnortes, der sich über mehrere Generationen im Besitz der Familie befunden hat, den die Personen kannten und zu dem sie einen starken emotionalen Bezug hatten, als Kind erlebten, mehrere strukturelle und inhaltliche Parallelen zu entdecken waren, unabhängig davon, ob sich die ausgelieferte Lebenssituation in den Rahmen einer Migration innerhalb des Landes oder ins Ausland einfügen ließ.
Da sowohl die inländische als auch die Landesgrenzen überschreitende Migration an Schauplätzen spielt, die sich von der vertrauten »kleinen Welt« zu Hause unterscheiden, manches Mal nicht einmal mit dieser zu vergleichen und daher fremd sind, wurde in den Interviews, die wir in unserer Studie analysiert haben, der Beschreibung der Umstände besondere Beachtung geschenkt.52 Im Hinblick auf die konkreten Dinge (Orte, Personen) war der Informationshorizont53 jener Befragten, die die Zeit der Aussiedlung als größere Kinder erlebt hatten, weiter, die jüngeren Kinder hingegen ergänzten ihre authentischen Erinnerungen im späteren Verlauf bezeichnenderweise mit dem Erinnerungsmaterial ihrer Eltern, worauf sie in den Interviews auch hinwiesen. In den Geschichten Letzterer kam es zuweilen vor, dass die reale Priorisierungsreihenfolge durcheinandergeriet, gleichzeitig war die Erinnerung an bestimmte Elemente der kindlichen Welt bei dieser Gruppe mitunter am lebendigsten. In ihren Beschreibungen erschien ein Ereignis oder Erlebnis – vermutlich aufgrund der schwer zu begreifenden, schockartigen Schnelligkeit oder Unvorhersehbarkeit der Ereignisse – manches Mal überaus detailliert wie eine erstarrte Fotografie samt der einstigen emotionalen Einstellung dazu.
Obwohl eine Schulbildung für die dörfliche Bevölkerung bereits allgemein kennzeichnend war, galt für ein kleines Kind bis zum Zweiten Weltkrieg zweifelsohne die Familie als das grundlegende gesellschaftliche Umfeld der Sozialisierung, daher bemühte man sich auch, egal um welche Form der Zwangsmigration es sich handelte, diesen gesellschaftlichen Kern als Einheit zu erhalten. Außer des in den Narrativen wiederholten Bedürfnisses, ein neues Zuhause zu erschaffen (gegebenenfalls heimzukehren), erschien die Vereinigung der Familie als der grundlegendste Pfeiler des Sicherheitsgefühls.
Die sich erinnernden Personen sprachen nur selten unmittelbar von ihren Gefühlen, daher lässt sich darauf vor allem anhand der Art und Weise schließen, wie sie ihre Erinnerungen formulierten. Die Erinnerung an die im untersuchten Zeitabschnitt erlittenen Schwierigkeiten wurde von den Befragten bei der Einfügung in ihre Lebensstrategie »mythologisch« umgedeutet, und zwar charakteristischerweise anhand der »dynastischen Strategie« und nicht der »antithetischen«.54 Die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Verlassen des Zuhauses spielen also in der Beurteilung ihrer Kindheit nicht unbedingt eine destruktive Rolle, doch wurde diese negative Periode im Leben der Befragten typischerweise zu einem identitätsformenden Faktor.55
Ausgewählte Publikationen: Németek Magyarországon 1950–1970 [Deutsche in Ungarn 1950–1970] (2020, die deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung); Dokumentumok a magyarországi németek történetéhez 1944–1953 / Quellen zur Geschichte der Deutschen in Ungarn 1944–1953 (Hrsg. 2018); Migrationen in Ungarn 1945–1948. Vertreibung der Ungarndeutschen, Binnenwanderungen und slowakisch-ungarischer Bevölkerungsaustausch (2001).
E-Mail:
The Events of Forced Migration in Childhood Memories
(Abstract)
The study examines how the process of losing one’s home is portrayed in the life history interviews conducted with people who were displaced from Hungary as children after World War II or resettled within the country. In addition to presenting their personal stories, the study also pays attention to the specific perspective of children. Thus, it shows how the realities of children’s life circumstances, and the hierarchies of events are translated into adult memories. The events related to losing their home do not play a decisively destructive role for the interviewees, but this period of their life has typically become a decisive identity-shaping factor for them.
Siehe dazu ausführlicher Mathias Beer: Auf dem Weg zum ethnisch reinen Nationalstaat? Europa in Geschichte und Gegenwart. In: ders. (Hg.): Auf dem Weg zum ethnisch reinen Nationalstaat? Europa in Geschichte und Gegenwart. Tübingen 2004, S. 119–144; Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. München 2004. ↩︎
Mathias Beer: Die Vertreibung der Deutschen. Ursachen, Ablauf, Folgen. In: Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948. Hamburg 2004, S. 24–65. ↩︎
Siehe dazu ausführlicher Beáta Márkus: »Csak egy csepp német vér«. A német származású civilek Szovjetunióba deportálása Magyarországról [»Nur ein Tropfen deutsches Blut«. Die Deportation von Zivilisten deutscher Nationalität aus Ungarn in die Sowjetunion] 1944/945. Pécs 2020. ↩︎
Zur Aussiedlung der Ungarndeutschen siehe: Ágnes Tóth: Migrationen in Ungarn 1945–1948. Vertreibung der Ungarndeutschen, Binnenwanderungen und slowakisch-ungarischer Bevölkerungsaustausch. München 2001; Ágnes Tóth: Rückkehr nach Ungarn 1946–1950. Erlebnisberichte ungarndeutscher Vertriebener. München 2012; Gábor Gonda: Kitaszítva. Kényszermigráció, nemzetiségpolitika és földreform a németek által lakott Dél- és Nyugat-dunántúli településeken [Verstoßen. Zwangsmigration, Nationalitätenpolitik und Bodenreform in den von Deutschen bewohnten Gemeinden Süd- und Westtransdanubiens]. Pécs 2014; Réka Marchut: Töréspontok. A Budapest környéki németség második világháborút követő felelősségre vonása és annak előzményei [Bruchpunkte. Die Verantwortlichmachung der Deutschen in der Umgebung von Budapest nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Vorgeschichte]. Budapest, Budaörs 2014. In unserem Aufsatz verwenden wir bei Personen, die nach Deutschland ausgesiedelt wurden, den Begriff der »Aussiedlung«, bei denjenigen, die gezwungen waren, ihren ursprünglichen Wohnort zu verlassen, jedoch in Ungarn blieben, gebrauchen wir die Bezeichnung »Umsiedlung«. Den Prozess als Ganzes definieren wir mit dem Terminus der Zwangsmigration. Siehe dazu auch Marchut: Töréspontok, S. 65; Krisztián Ungváry: A potsdami határozatok legendái a történetírásban [Die Legenden der Potsdamer Beschlüsse in der Geschichtsschreibung]. In: János M. Rainer (Hg.): Magyarok 1945-ben [Die Ungarn im Jahr 1945]. Budapest 2015, S. 248–302, hier: S. 248. ↩︎
Ágnes Tóth: Németek Magyarországon ١٩٥٠–١٩٧٠ [Deutsche in Ungarn ١٩٥٠–١٩٧٠]. Budapest 2020. ↩︎
Zur Bestimmung des historischen demografischen Kinderbegriffs beziehungsweise zur Darstellung der Rolle des Kindes in der bäuerlichen Familie siehe: Tamás Faragó: Nemek, nemzedékek, rokonság, család [Geschlechter, Generationen, Verwandtschaft, Familie]. In: Attila Paládi-Kovács (Chef-Hg.), Mihály Sárkány, Miklós Szilágyi (Hgg.): Magyar Néprajz, VIII. Társadalom [Ungarische Volkskunde, VIII. Gesellschaft]. Budapest 2000, S. 393–483. ↩︎
Die 39 Interviewpartner:innen verteilen sich wie folgt: 1930:7, 1931:1, 1932:5, 1933:5, 1934:6, 1935:1, 1936:4, 1937:4, 1938:3, 1940:1, 1941:1, 1942:1 Person. Die Interviews werden im Társadalomtudományi Kutatóközpont Kutatási Dokumentációs Központjában [Zentrum für Forschungsdokumentation am Forschungszentrum für Gesellschaftswissenschaften] sowie in der Bölcsészettudományi Kutatóközpont Néprajztudományi Intézetének Adattára [Datenbank des Volkskundlichen Instituts im Philologischen Forschungszentrum] aufbewahrt. Sie wurden teils in ungarischer, teils in deutscher Sprache geführt. ↩︎
A. A.: Frau: 1934, J. A.: Frau: 1934, S. B.: Frau: 1936, J. F.: Mann: 1938. Umgesiedelte. ↩︎
A. A.: Mann: 1932, J. A.: Mann: 1932, J. S.: Mann, 1934, Gy. T.: Mann: 1930. Umgesiedelte. ↩︎
S. B.: Mann: 1931. Einzigartig ist in dieser Hinsicht das Internierungslager von Lengyel, das seine Tore bereits im Sommer 1945, also vor den Aussiedlungen in die deutschen Besatzungszonen, öffnete. M. K.: Frau: 1930. Umgesiedelte. ↩︎
I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelt. ↩︎
F. H.: Frau: 1935, F. G.: Frau: 1930, M. K.: Frau: 1930. Umgesiedelte. ↩︎
Imola Küllős: A személyes dokumentumok kutatása a magyar folklorisztikában [Die Erforschung persönlicher Dokumente in der ungarischen Folkloristik]. In: dies. (Hg.): Az életrajzi módszer [Die biografische Methode]. Budapest 1982, S. 163–184, hier: S. 170; Tamás Mohay: Egyének és életutak [Individuen und Lebenswege]. In: Attila Paládi-Kovács (Hg.), Mihály Sárkány, Miklos Szilágyi (Lektorat.): Magyar Néprajz, VIII. Társadalom [Ungarische Volkskunde, VIII. Gesellschaft]. Budapest 2000, S. 760–790, hier: S. 748. ↩︎
Miklós Szilágyi: Az Én-történetek és a mese – az obsitos történetekről [Ich-Geschichten und Märchen – über die Veteranengeschichten]. In: ders.: Személyes emlékezet, élettörténet, szépirodalom. Néprajzi tanulmányok [Persönliche Erinnerung, Lebensgeschichte, Belletristik. Volkskundliche Studien]. Budapest 2018, S. 148–155, hier: S. 9; Bence Ament-Kovács: Négy magyarországi német asszony elűzetés-története [Die Vertreibungsgeschichte vier ungarndeutscher Frauen]. In: Krisztina Frauhammer, Katalin Pajor (Hgg.): Emlékek, szövegek, történetek. Női folklórszövegek [Erinnerungen, Texte, Geschichten. Weibliche Folkloretexte]. Budapest 2019, S. 147–163. ↩︎
Ferenc Pataki: Az önéletírás »dramaturgiája«: az élettörténeti forgatókönyvek [Die »Dramaturgie« der Autobiografie: die biografischen Drehbücher]. In: ders.: Élettörténet és identitás [Lebensgeschichte und Identität]. Budapest 2001, S. 309–359, hier: S. 312; Ferenc Pataki: Életesemények és identitásképzés [Lebensereignisse und Identitätsbildung]. In: ders.: Élettörténet és identitás [Lebensgeschichte und Identität]. Budapest 2001, S. 360–405, hier: S. 381. ↩︎
Imre Pászka: Narratív történetformák a megértő szociológia nézőpontjából [Formen narrativer Geschichten aus dem Blickwinkel der verstehenden Soziologie]. Szeged 2001, S. 349. ↩︎
Éva Huseby-Darvas: Migrating Inward and Out: Validating Life-Course Transitions Through Oral Autobiography. In: Tamás Hofer, Péter Niedermüller (Hg.): Life History As a Cultural Construction/Performance. Budapest 1988, S. 379–408; Irén Sz. Bányai: A történelmi események tudati tükröződése [Bewusstseinsspiegelung historischer Ereignisse]. In: Julianna Örsi (Hg.): Túrkeve földje és népe [Boden und Volk von Túrkeve]. Túrkeve 1996, S. 251–273, hier: S. 251; Szilágyi: Az Én-történetek, S. 149–153. ↩︎
Nützlich waren für uns besonders die methodischen Erfahrungen von Forschungen, die auf quantitativen und qualitativen Analysen von Lebensgeschichten basieren. Siehe dazu Michael von Engelhardt: Lebensgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. Biographieverläufe von Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkriegs. München 2001; Hans Günther Hockerts: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 28 (2001), S. 15–30; Susanne Greiter: Flucht und Vertreibung im Familiengedächtnis. Geschichte und Narrativ. München 2014; Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006. ↩︎
Z. G.: Frau: 1933. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
J. A.: Frau: 1934. Siehe ferner: A. A.: Frau: 1934, A. A.: Mann: 1932, J. A.: Mann: 1932, S. B.: Frau: 1935. Umgesiedelte. ↩︎
Siehe diesbezüglich: Á. A.: Mann: 1930, D. L.: Mann: 1937, I. H.: Frau: 1938 sowie P. B.: Frau: 1937. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
S. O.: Mann: 1932 sowie J. Sz.: Mann: 1936 und J. G.: Mann: 1936. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelt. ↩︎
A. A.: Mann: 1934. Weitere Beispiele siehe: A. A.: Mann: 1932, J. A.: Mann: 1932, S. B.: Frau: 1936, J. S.: Mann: 1934, I. W.: Frau: 1938, J. F.: Mann: 1938 und F. G.: Frau 1930. Umgesiedelte. ↩︎
S. B.: Mann: 1931. Umgesiedelt. ↩︎
D. L.: Mann: 1937 sowie Á. A.: Mann: 1930, A. S.: Mann: 1930, I. H.: Frau: 1938, Z. G.: Frau: 1933. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
Bemerkung den Vater der interviewten Person betreffend. S. B.: Frau: 1936. Umgesiedelt. ↩︎
J. A.: Mann: 1932. Umgesiedelt. ↩︎
I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelt. ↩︎
D. L.: Mann: 1937 sowie Á. A.: Mann: 1930, E. H.: Mann: 1932 und J. W.: Frau: 1938. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
Sich bei der Volkszählung 1941 zur ungarischen Nationalität, doch zu Deutsch als Muttersprache bekennende Personen. ↩︎
I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelt. ↩︎
Das Tragen auf dem Kopf war eine typische Form des Transportierens von Lasten im Komitat Tolna und geschah mithilfe einen runden Kissens. ↩︎
J. A.: Frau: 1934. Umgesiedelt. Über ähnliche Erfahrungen berichten: P. G.: Mann: 1934, J. F.: Mann: 1938. Umgesiedelte. Sowie A. M.: Frau: 1934. Nach Deutschland ausgesiedelt. ↩︎
P. B.: Frau: 1934 sowie D. L.: Mann: 1937, P. F.: Frau: 1930 und J. W.: Frau: 1940. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
F. H.: Frau: 1935. Umgesiedelt. ↩︎
D. L.: Mann:1937. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
F. G.: Frau: 1930. Umgesiedelt. ↩︎
J. K.: Frau: 1943. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
J. R.: Mann: 1941. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
Auf die Eltern des Befragten verweisender Ausdruck. S. B.: Mann: 1931. Umgesiedelt. ↩︎
A. A.: Frau: 1934. Umgesiedelt. ↩︎
E. H.: Mann: 1932. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
I. H.: Mann: 1932. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelt. ↩︎
J. S.: Mann: 1934. Über ähnliche Erfahrungen berichtet: S. B.: Frau: 1936, S. B.: Mann: 1931, Gy. T.: Mann: 1930. Umgesiedelte. ↩︎
I. W.: Mann: 1931. Über ähnliche Erfahrungen berichten: A. A.: Frau: 1934, A. A.: Mann: 1932, J. A.: Mann: 1932, Gy. T.: Mann: 1930, I. W.: Frau: 1938, I. W.: Mann: 1933. Umgesiedelte. ↩︎
I. H.: Frau: 1938 sowie Z. G.: Frau: 1933. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
S. B.: Frau: 1936. Umgesiedelt. ↩︎
»Dort nahmen sie einem noch das Mehl und den Schmalz weg und suchten nach dem Geld.« – P. B.: Frau: 1937 sowie Á. A.: Mann: 1930, D. L.: Mann: 1937 und I. H.: Frau: 1938. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
I. K.: Frau: 1933 und Z. G.: Frau: 1933. Von der Aussiedlung nach Deutschland heimgekehrt. ↩︎
Szilágyi: Az Én-történetek, S. 154. ↩︎
Miklós Szilágyi: A személyes paraszti tudás érvényessége [Die Gültigkeit des individuellen bäuerlichen Wissens]. Budapest 2006, S. 20. ↩︎
Jeder Mensch entwickelt eine Theorie oder Erklärung zu seinem Lebensweg oder seiner Lebensgeschichte. Ágnes Hankiss stellt auf der Grundlage ihrer Fallstudien fest, dass das als mythologische Umdeutung definierte Phänomen den erwachsenen Personen ermöglicht, Erklärungen in ihre Lebensstrategien einzufügen. Laut der dynastischen Strategie resultiert die aktuelle positive Lebenssituation auf lineare Weise aus den Verhältnissen in der Kindheit – in diesem Fall aus dem Zusammenhalt, der Unterstützung durch die Familie und der ausdauernden Arbeit. Die antithetische Strategie ist das Gegenteil davon, das heißt, die aus eigener Kraft erfolgende Ich-Entwicklung erklärt die derzeitige Lebenssituation. Manche der nach Deutschland ausgesiedelten Befragten sind eher in diese Kategorie einzuordnen. Im Laufe der kompensatorischen Strategie beschönigen die erwachsenen Personen ihre Kindheit als Ausgleich zu den Misserfolgen im Erwachsenenalter. Die selbstentlastende Strategie hingegen deutet die Lebensumstände im Erwachsenenalter ähnlich wie die lineare als eine Fortsetzung der Lebenssituation in der Kindheit, leitet die Misserfolge jedoch kausal aus den einstigen Schwierigkeiten ab. Ágnes Hankiss: »Én-ontológiák« Az élettörténet mitologikus áthangolása [»Ich-Ontologien«. Die mythologische Umdeutung der Lebensgeschichte]. In: Tibor Frank, Mihály Hoppál (Hgg.): Hiedelemrendszer és társadalmi tudat, II [Glaubenssystem und gesellschaftliches Bewusstsein, II]. Budapest 1980, S. 30–38. ↩︎
Elisabeth Fendl: Mitgenommen: das Gepäck der Heimatvertriebenen. In: Peter Assion, Heike Müns: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde, 36. Marburg 1993, S. 229–243.; Tóth: Rückkehr. ↩︎
Der Autor wurde beim Verfassen der Studie vom Forschungsprojekt Örökségképzés, kulturális emlékezet, identitás [Die Bildung eines kulturellen Erbes, kulturelles Gedächtnis, Identität] des ELKH [Forschungsnetzwerk Eötvös Loránd] gefördert.