Ich wohne in Düsseldorf, gestern bekam ich eine Whatsapp-Nachricht von meiner Tochter Andrea, die mit ihrer Familie in Glesch wohnt, 45 km von uns entfernt. Sie hat zwei Kinder, Isabelle, 13 Jahre alt, und David, 5 Jahre alt.
Heute war ich mit David beim Wing-Chun-Training, schreibt mir Andrea, Wing Chun ist ein asiatischer Kampfsport, eine Art Kung Fu. Isabelle hat David und mich diesmal begleitet, ihre Kommentare hauten mich glatt vom Hocker. Die Trainerin weist die Kinder an, den Oberkörper des Gegners anzugreifen, dazu Isabelle: Wow! Heutzutage werden die Jungs schon im Kindergartenalter dazu ermutigt, sich an die Brüste der Frauen ranzumachen! Ich: Wie bitte?! Isabelle: Mama, du checkst aber auch gar nichts, hast du denn nicht mitbekommen, wie David auf die Brüste der Trainerin zuschoss? Jedesmal, wenn David einen neuen Wing-Chun-Griff ausführte, beobachte Isabelle ihn äußerst skeptisch, und falls es daneben ging, flippte sie vollkommen aus: Oh Gott, großer Gott! Dieser Junge kapiert ja wirklich gar nichts! Ist das peinlich! Mama, und du machst auch noch gleich Fotos von dem ganzen Trauerspiel! Schalt das Handy sofort aus, oder ich gehe! Mama, fotografierst du das allen Ernstes, wie sich David zum Affen macht? Wie traurig, Mama, wie traurig! Wenn man als Mutter so tief sinken kann, möchte ich nie Mutter werden. Alles über Bord werfen, was einen zum Menschen macht, jeden Stolz, jede Spur von Würde! Ich zeige Isabelle eine andere Mutter, die ihren Sohn non-stop beim Training filmt. Kommentar: Wenn mein Sohn die kläglichste Figur von allen abgeben würde, dann würde ich mich mit dem Filmen etwas zurückhalten. Inzwischen kämpft David gegen einen Jungen, der kleiner ist als er: Ist ja klar, warum er sich gerade den ausgesucht hat, gegen die anderen hat er ja schließlich null Chancen.
Nun ja, und ich sitze nun da und starre meinen Laptop an und denke über das von Andrea Erzählte nach: 13 Jahre alt zu sein ist wirklich eine knallharte Strafe. Nicht nur, dass man, wie Isabelle, eine feste Zahnspange tragen muss und daher jeden Spiegel, der einem das eigene Bild entgegenschleudert, in tausend Stücke zerschlagen möchte, darüber hinaus muss man auch noch täglich wachsen und megacool auftreten, damit die anderen nicht vielleicht auf die abwegige Idee kommen, man könnte irgendwelche peinlichen Gefühle empfinden. Und damit nicht genug, Isabelle entdeckte gestern spät am Abend völlig überrascht, dass sie noch ihre Hausaufgaben in Politik zu erledigen hatte, sie musste für den nächsten Tag einen Aufsatz schreiben zum Thema »In welchem Maße identifizierst du dich mit dem deutschen Staat?« Nun ja, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, in welchem Maße identifiziert sich wohl Isabelle mit dem deutschen Staat, that is the question.
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David hatte heute einen Projekttag im Kindergarten, zum Thema »Kinder haben Rechte«. Die Erzieherinnen haben die Kinder dabei fotografiert und die Fotos auf dem Flur ausgestellt, neben der Garderobe. Andrea erzählte mir stolz, dass David auf fast allen Fotos erschienen sei, und schickte mir vier dieser Fotos per Whatsapp. Ich habe diese Fotos insgeheim geschossen, mit dem Handy, erzählte Andrea. Wieso insgeheim?, fragte ich. Weil ab heute die Eltern im Kindergarten keine Fotos mehr machen dürfen, weder von den anderen Kindern noch von den eigenen, es geht um neue Datenschutzbestimmungen, die heute in Kraft traten. Na ja, bei den anderen Kindern verstehe ich es noch, sagte ich, aber das kaufe ich dir nicht ab, dass man sein eigenes Kind nicht mehr fotografieren darf. Aber das ist so, sagte Andrea, da man ja beim Fotografieren des eigenen Kindes ja auch die Hand oder den Fuß eines anderen Kindes mitfotografieren könnte. Haha, guter Witz! sagte ich, ich schwöre, dass es kein Witz ist, sagte Andrea. Zum Abschluss des Projekttages heute Nachmittag gab es eine Veranstaltung auf der Bühne des Kindergartens, und die Leiterin des Kindergartens hat zu den Eltern gesagt: Wer sein Kind beim Tanzen und Singen fotografieren möchte, der soll es bitte jetzt tun, zumal es demnächst nicht mehr erlaubt sein wird, Eltern müssen demnächst beim Betreten des Kindergartens ihre Handys an der Garderobe abgeben. Und alle fotografierten sie dann wie wild, sagte Andrea. Haha, guter Witz, sagte ich, das ist kein Witz, sagte Andrea, zurzeit drehen hier alle am Rad. Und jetzt muss ich auflegen, ich muss David gleich zu Bett bringen, aber vorher lese ich ihm noch etwas vor. Was denn?, fragte ich neugierig, Das kann ich dir jetzt nicht sagen, sagte Andrea, Datenschutz.
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Ein neuer Anruf von Andrea, ich erzähle dir nun eine wahre Geschichte, sagt sie. Heute gehe ich David aus dem Kindergarten holen, da kommt die Erzieherin zu mir, lächelt mich etwas verlegen an und teilt mir mit, dass David und noch ein anderer Junge mit Magneten Richtung Decke im Frühstücksraum geworfen hätten und dass diese Magneten dann oben an der Decke kleben blieben. Wow, denke ich, super, diese Decke ist ja unheimlich hoch, David hat also richtig Power! Aber zur Erzieherin habe ich dann bloß gesagt, danke, dass Sie es mir gesagt haben, ich werde mit David darüber reden. Na ja, es ist aber nicht so schlimm, sagt die Erzieherin, der Vater des anderen Jungen hat inzwischen diese Magneten von der Decke losgemacht, was aber ganz schön mühselig war. Wer war denn dieser andere Junge?, frage ich, und die Erzieherin wirft mir einen ernsten Blick zu und sagt: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, es geht hier um Datenschutz. Aber David darf ich das wohl noch fragen?, meine ich irritiert. Tja … nun … vielleicht … aber das muss dann David selbst entscheiden, ob er es Ihnen sagen möchte oder nicht, wir als Kindergarten sind dann aber aus dieser Sache raus. Na, was sagst du dazu?, fragt mich Andrea. Nun ja, alles schön und gut, sage ich, aber eins kapiere ich ganz und gar nicht, wie in aller Welt konnten diese Magneten an der Decke kleben bleiben?!
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Was?!, ruft Isabelle beim Frühstück. Du bist mit dem Handy beim Essen?! Jawohl, sage ich, das siehst du doch. Du bist ja noch schlimmer als ich!, sagt Isabelle. Stimmt nicht, sage ich, ich habe es heute noch gar nicht benutzt. Außerdem sehe ich gerade, dass du bei Facebook bist, sagt Isabelle, wer ist denn heute noch bei Facebook? Wo sind sie denn alle, wenn sie nicht bei Facebook sind? Bei Instagram, nein, doch, nein, doch! Komm, lass es uns googeln, sage ich, guck mal, Facebook hat 2,96 Milliarden User, Instagram bloß klägliche 1,5 Milliarden, also bei Facebook sind es fast doppelt so viele, oder habt ihr das Einmaleins in Mathe noch nicht durchgenommen? Haha, sagt Isabelle, diese 2,9 Milliarden zählen ja nicht! Wieso denn nicht? Das sind ja alles uralte Leute. Wieso denn uralt? Weil sie schon über 30 sind.
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Gestern wurde ich zusammen mit meiner Frau Carmen zu Luisa und Mirko eingeladen, wir sind mit ihnen wie auch mit ihren Eltern befreundet. Luisa und Mirko sind um die 40, schade, dass ich nicht auch um die 40 bin, aber nun ja. Luisa und Mirko veranstalten jährlich am zweiten Januar eine Open-House-Party, bei der eine Menge ihrer alten und neuen Freunde aufkreuzen, aber auch allerhand Nachbarn und Bekannte, die wiederum ihre eigenen Bekannten mitbringen, gestern waren um die 30 Gäste da, einige aus Deutschland, andere aus Rumänien, Serbien, England, Hongkong und so weiter. Es war also alles super, so etwas brauche ich wie die Luft zum Atmen, offene und gut gelaunte Leute aus der ganzen Welt, die, wenn man sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, einem tatsächlich erzählen, wie es ihnen geht. Luisa und Mirko hatten verschiedene leckere Speisen zubereitet, und jeder Gast hatte seinerseits selbst etwas zum Essen mitgebracht, Fasole Bătută, Zacuscă, Auberginensalat, Frühlingsrollen, Bratwürste, Braten, Sarmale, Strudel, Salate und alle möglichen Kuchensorten. Meine Freundin Vesna, Luisas Mutter, hatte ihre gerade aus Belgrad eingetroffene 92-jährige Mutter mitgebracht, die ihrerseits eine in Belgrad frisch zubereitete Hühnersuppe mit Grießnockerln mitgebracht hatte, wie ich sie anno dazumal in Rumänien aß, ach, das waren vielleicht Zeiten! Auf dem Hof schlachtete meine Mutter ein Huhn mit einem scharfen Messer, dessen Blut in einem großen Topf aufgefangen wurde, um daraus mit Eiern und dem Hähnchenleber ein Gericht namens Blut und Leber zuzubereiten. Apropos Huhn, heute kommt meine Enkelin Isabelle mit ihren Eltern zu uns zum Mittagessen, aber sie isst kein Huhn, sie isst überhaupt kein Fleisch. Nach einer Unterrichtsreihe zum Thema Tierschutz und einem von ihr in der Schule gehaltenen Vortrag über die Auswirkungen des Fleischverzehrs auf die Gesundheit hat sie bereits vor einem Jahr beschlossen, dass sowohl sie als auch ihre Eltern zu überzeugten Vegetariern würden und nie wieder Fleisch zu sich nehmen würden. Und Isabelle hielt an ihrem Beschluss mit eiserner Disziplin fest, ihre Eltern jedoch nicht, sodass sie seit damals nur noch insgeheim Fleisch zu sich nehmen. Andrea erzählte mir, dass Isabelle letzte Woche eine Packung Schweinefleisch hinten im Kühlschrank hinter einer riesigen Packung Mohrrüben entdeckt habe, und als Andrea danach diese Schweinefleischpackung öffnen wollte, stand darauf, mit Edding geschrieben: Was ist denn los? Macht es Spaß, das Fleisch von getöteten Tieren zu essen und danach krank zu werden? So sieht es also aus, und heute um 13 Uhr kommt Isabelle mit ihren Eltern zu uns zum Essen, sie hat sich ihr Leibgericht vorbestellt, Chili con Carne, also Chili mit Fleisch, aber ohne Fleisch, natürlich. Und ich werde heute etwas früher zu Mittag essen, Wiener Schnitzel mit Kartoffelpüree, natürlich im Bad eingeschlossen, um kein Risiko einzugehen. Und heute Abend werde ich dann Vesna besuchen, ich möchte mich ein bisschen mit ihrer Mutter unterhalten, um herauszufinden, wie in aller Welt sie es geschafft hat, diese Hühnersuppe mit Nockerln mitzubringen, zumal Flüssigkeiten im Flugzeug strengstens verboten sind.