Ich kauere in der Ecke, wische mir die feuchte Nase am Rocksaum ab. Ich bin zehn und weiß schon alles darüber, was die Erwachsenen mit einer gewissen Ironie nur Weltschmerz nennen. Ich bekomme die Barbie mit den Inlineskatern nicht. Ich habe mich schon ausgeheult, es kommen keine Tränen mehr, egal wie ich mich anstrenge, also untersuche ich gelangweilt meine hochgezogenen Beine und komme zu dem Schluss: Meine Knie sind zu dick und ungleich. Genau wie bei Mama, die gerade darauf wartet, dass ich mit meinem hysterischen Anfall aufhöre, damit wir endlich zu Oma und Opa zum Mittagessen gehen können. Und obwohl ich ziemlich hungrig bin, ist sicher, dass ich mich keinen Zentimeter vom Fleck rühren werde, bis mir endlich jemand verspricht, dass ich spätestens zu Weihnachten die Skater-Barbie bekomme, und jetzt bin ich schon so beleidigt, dass ich auch noch den Hamster will. Mit zehn weiß ich natürlich noch nicht, dass man mit dieser Strategie rein gar nichts erreichen kann. Warum man die Kniescheibe bei uns auf Ungarisch térdkalács, also Kniekuchen, nennt, das allerdings verstehe ich jetzt, wahrscheinlich, weil sich das ganze Gebäck, das wir im Laufe unseres Lebens essen, in diesem einzigen Huckel ansammelt. Es ist furchtbar, sich vorzustellen, in was für ekelhafte Sachen sich so etwas Leckeres in uns verwandelt.
Ich bin neuneinhalb, es ist Sonntag, mit leerem Blick glotze ich seit viereinhalb Stunden Fernsehen. In dieser Zeit haben plappernde Babys Chuckie vor dem Monsterhahn gerettet, und zwar zweimal, hat Esmeralda ihr Augenlicht zurückgewonnen und wieder verloren und hat Son Goku fünfzehn Minuten lang Energie gesammelt, um am Ende der Folge Freezer mit einem Kugelblitz zu torpedieren. Inzwischen habe ich die Werbung von Mattel mit der Skater-Barbie, die eine schlagfertige Antwort auf die Skater-Cindy ist, zwölfmal gesehen. Von Barbies Inlineskates kann man nämlich im Gegensatz zu denen von Cindy den Teil mit den Rollen abnehmen und so die Skates in Boots verwandeln. Two in one, dazu drei verschiedenfarbige Röcke. Das lohnt sich total, sage ich zu Mama, die beim Bügeln nur antwortet, du hast schon genug Puppen. Und ich werde nervös, weil zwischen Puppe und Barbie ein verdammt großer Unterschied ist, sage aber nichts, sondern ziehe eher die Möglichkeit in Betracht, sie mir von Papa kaufen zu lassen. Seit er mit Dóra zusammenwohnt und nicht mit uns, kann man ihn um alles bitten. Das beruhigt mich etwas, doch fällt mir leider kurz darauf ein, dass Mama und Papa sich dann wieder streiten würden und es genauso wäre wie letztes Mal, als Papa zu uns gekommen ist und den Glastisch zerbrochen hat. Mama ist schuld, weil sie unglücklich ist und will, dass alle anderen das auch sind.
Ich bin zehneinhalb, sitze in der fünften Stunde und schlafe gleich ein. In der Schule muss ich etwas leisten, wenn ich nicht Müllmann oder Putzfrau werden will. Mama meint, es gibt Drecksarbeiten, die man nicht verrichten darf. Zumindest nicht für Geld, denke ich mir immer, weil den Müll ja auch sie runterträgt und einmal in der Woche Großputz macht. Meine Aufgabe aber ist nur zu lernen, und ich denke daran, dass ich, wenn ich lauter Einsen habe, dann zum Ende des Schuljahrs vielleicht doch die Skater-Barbie kriege. Nur ist es eben schon die fünfte Stunde, und ich schlafe auf dem Stuhl ein und träume, dass ich allein durch ein Labor mit weißen Wänden laufe und aus Versehen alles runterschmeiße, die Reagenzgläser explodieren eins nach dem anderen, und ich sage dabei ständig, Entschuldigung, Entschuldigung, aber niemand hört es. Dabei weiß ich, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist und jemand deswegen sehr böse sein wird, also versuche ich, dem Ärger zuvorzukommen, und suche die Person, die böse sein wird. Ich will ihr gestehen, dass ich das war, dann muss ich vielleicht nicht ins Gefängnis. Und da ist sie auch schon, sie steht hinter mir, ich weiß es, weil sie mir von hinten auf die Schulter klopft. Ich zucke zusammen, mache die Augen auf, meine Lehrerin schlägt mir einen Tick schmerzhafter als nötig auf die Schulter, aber noch so, dass es keinesfalls wie Verhauen aussieht. Die anderen lachen laut, wie im Traum will ich Entschuldigung sagen, aber irgendwie bekomme ich keinen Ton heraus. Meine Lehrerin trägt mir eine Sechs ein, und ich muss nach dem Unterricht noch zwei Stunden nachsitzen und denke darüber nach, wie ich das Mama sagen soll.
Ich bin elf, nach der Schule gehe ich zu Adri, wir gucken uns einen Sexfilm an. Adris Eltern kommen erst abends um sechs nach Hause, solange spielen wir immer Erwachsensein. Zuerst haben wir nur die Kleider von Adris Mama anprobiert, ihre hochhackigen Schuhe, ihre Röcke, BHs, Spitzenslips. Am nächsten Tag haben wir dann alle ihre Gesichtscremes, Schminksachen, Haarklammern und das Haarspray vor den Spiegel geschleppt. Von dem blauen Lidschatten haben wir uns zu viel draufgeschmiert, wir sahen beide so aus, als hätten wir ein Veilchen, also fingen wir an zu boxen. An einem anderen Tag haben wir den Kognak gekostet, der seit Jahren unangerührt im Wohnzimmerregal gestanden hat. Na ja, der war ziemlich eklig. Abends um sechs muss dann alles wieder an seinem Platz sein, und wir müssen uns in Kinder zurückverwandeln, aber bis dahin sind wir frei, gehen, wohin wir wollen, kaufen im Laden, was wir wollen – zumindest in Gedanken. Ich spiele auch, dass ich für meine Fantasietochter eine Skater-Barbie, einen Hamster und ein Tamagotchie kaufe. Jetzt schauen wir uns gerade die Sex-Kassetten von Adris Papa an. Er hat sogar mehrere, aber auf jeder passiert dasselbe, ich verstehe gar nicht, warum dann nicht eine davon reicht. Der Film läuft, ich gucke ihn und gucke ihn auch wieder nicht. Mal interessiert er mich, und mal fällt mir ein, was Mama zu dem Ganzen sagen würde. Sie darf das nie erfahren. Unwillkürlich reiße ich die Hände vor die Augen, aber Adri lacht nur und erzählt, dass sie einmal ihre Oma vom Schwimmlager nach Hause gebracht habe und ihre Mama und ihr Papa dasselbe in der Küche gemacht hätten, und ihre Oma sei so böse geworden, dass sie seitdem gar nicht mehr zu ihnen komme. Das erstaunt mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht, was ich weniger verstehe, ist eher, warum Adri nicht auch zu ihrer Oma gezogen ist.
Ich bin zwölf und habe meine Geheimnisse. Ich habe das Gefühl, als sei mit mir nicht alles vollkommen in Ordnung, ich habe nämlich bemerkt, dass mein Körper anders ist als der von den anderen. Bei allen ist der Körper aus einem Stück, aber meiner ist unterteilt. Mein Kopf, meine Beine, meine Hände, meine Finger, mein Bauch, mein Rücken, mein Brustkorb sind alles einzelne Teile. So, als wäre ich zusammengenäht, als könnte ich jederzeit auseinanderfallen. Außerdem verändern sich diese Teile ständig, jeden Tag stehe ich eine Stunde vor dem Spiegel, um neu zu lernen, wie ich bin. Ich befürchte, dass das in der Schule auch andere schon gemerkt haben, meine Klassenkameraden und Lehrer sehen mich in letzter Zeit sehr komisch an. Ich kann mich im Unterricht nicht konzentrieren, auch bei den Hausaufgaben nach der Schule nicht, deshalb sind meine Noten schlechter geworden. Ich bin schlecht drauf. Wichtig ist nur, dass Mama das nicht mitkriegt. Der Klassenlehrerin habe ich gesagt, dass ich mein Zensurenheft nicht finde, sodass ich ein neues bekommen habe, aber, na sowas, da ist das alte ja. In mein neues Zensurenheft schreibe ich Einsen und fälsche die Unterschriften meiner Lehrer, und im alten fälsche ich die Unterschrift meiner Mutter. Nachmittags möchte ich mich in mein Zimmer verkriechen, die Tür zusperren und in Stücke zerfallen, wenn es keiner sieht, aber es ist unmöglich, an einer Falttür ein Schloss anzubringen. Ich kauere in der Ecke, ziehe meine Hefekuchen-Knie hoch und weine. Wenn Mama nach Hause kommt, tröstet sie mich. Sie sagt, sie sehe mir an, dass ich in letzter Zeit niedergeschlagen sei, und fragt, wie sie mir helfen könne. Ich nehme schon fast all meinen Mut zusammen und erzähle ihr, dass ich eine richtige, verschließbare Tür haben will, doch sie wartet die Antwort nicht ab, sondern holt aus der Tasche, Überraschung, eine Schachtel hervor, in Geschenkpapier eingewickelt. Ich packe sie aus und erblicke entsetzt die Skater-Barbie. Ich verspüre eine furchtbare Wut und einen Schmerz, gäbe es einen Knopf, mit dem ich die ganze Welt in die Luft jagen könnte, ich schwöre, ich würde es tun. Aber stattdessen stehe ich nur auf, reiße das Fenster des Plattenbaus weit auf und schmeiße das Geschenk aus dem siebten Stock, das auf dem Gehweg vor dem Haus in tausend Stücke zerbricht. Ich schaue Mama an, warte darauf, dass sie mich anbrüllt, doch sie ist nicht wütend, ihr Blick ist eher erschrocken. Wir gehen zusammen runter, sammeln vom Boden auf, was von der Puppe übriggeblieben ist.
Ich bin vierzehn, das ist meine dritte Woche im Gymnasium. Ich sitze in der Physikstunde, trage eine weiße Hose und glaube, dass ich meine Tage bekommen habe. Ehrlich gesagt, überhaupt nicht zur richtigen Zeit, eigentlich wären sie erst in der zweiten Hälfte der kommenden Woche fällig, aber egal wie ich versuche, mir das einzureden, das Problem bleibt trotzdem. Ich muss mich melden, dass ich auf die Toilette gehen will, woraufhin der Lehrer fragt, warum ich nicht bis zur Pause warten könne, in fünf Minuten klingele es. Darauf erwidere ich schon nichts mehr, ich stecke mein Handy in die Hosentasche und gehe rückwärts hinaus, aber einen Plan habe ich noch nicht. Ich renne aufs Mädchenklo, ziehe die Tür zu, abschließen kann man sie natürlich nicht. Ich schiebe die Hose runter, es ist so, wie ich es mir gedacht habe, ein handgroßer Blutfleck auf dem weißen Stoff, na klasse. Ich wäge meine Möglichkeiten ab. Um von hier abhauen und ohne sonderliche Scham nach Hause gelangen zu können, muss ich mir meine kurze Hose aus dem Turnbeutel besorgen. Mein Turnbeutel liegt im Einbauschrank, der sich im hinteren Teil des Klassenzimmers befindet. Völlig ausgeschlossen, dass ich zurückgehe, um den zu holen. Vielleicht könnte ich Mama anrufen, die sowieso sagen würde, dass das eine ganz natürlich Sache sei und jeder passieren könne, ich solle nur ruhig zurück in die Klasse gehen. Okay, Plan B ist, dass ich für immer hierbleibe. Ich werde in einer Kabine auf einem Schulklo verhungern und verdursten, in ein paar Wochen wird man mich finden, alle haben Gewissensbisse, und es gründet sich eine Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass Frauen jederzeit ohne Konsequenzen mit Blutflecken herumlaufen können. Was für ein Blödsinn, und gleich klingelt es. Doch da fällt mir plötzlich etwas ein, ein Meisterplan. Ich stelle meine ausgehenden Anrufe auf anonym, drücke mir ein Taschentuch auf den Mund und tippe die Telefonnummer der Schule ein. Die Schulsekretärin hebt ab, ich teile ihr mit verstellter Stimme mit, dass ich in der Schule an zwei Stellen Bomben platziert habe, dann drücke ich sie weg und warte. Binnen einer Minute ertönt der Alarm, auf den Fluren bricht Panik aus, alle schreien, rennen aus dem Gebäude. Typisch, dass sie mich total vergessen. Fünf Minuten, und es ist vollkommen still. Nicht schlecht, denke ich und schlendere vor mich hin pfeifend zurück in den Klassensaal. Ziehe mir ganz in Ruhe die andere Hose an und entwende auf dem Weg hinaus die beiden Nutella-Krapfen von dem in der ersten Reihe sitzenden Mihály Kiss – ich bitte darum, dass die Herren Kommissare das auch ins Protokoll aufnehmen. Ich entferne mich durch den Hinterausgang neben dem Speisesaal. Noch nie habe ich mich so erwachsen gefühlt.