Sancho kann nicht über den Tellerrand seines Herren blicken, auch wenn er seinen Hals noch so streckt. Er wüsste gerne, was darüber geschieht, wie die Welt aussieht, durch die sein Herr zieht, wie der Weg aussieht, der nach Toboso führt.
Die Taschenlampe hat er immer dabei. Wenn sein Chef Halt macht und im Begriff ist, von seinem Ross zu steigen, ist Sancho bereits schwungvoll vom Esel gesprungen, dreht sich nach allen Seiten um und späht, um rechtzeitig festzustellen, ob irgendwoher Gefahr für seinen Herren droht. Wie er es im Fernseher gesehen hat, dass es die Bodyguards der Prominenten machen. Er blinkt heftig mit seiner Taschenlampe in alle Richtungen, leuchtet den Raum aus, auch auf staubigen sonnigen Wegen. So, als suchte er etwas Bestimmtes. Wie es die Polizisten tun, wenn sie einen unbekannten Raum betreten, wie die Wohnung eines Verdächtigen. Und der Verdächtige irritiert fragt: »Suchen Sie etwas Bestimmtes?« Das hat Sancho auch schon im Kino gesehen. Er hält sich auf dem Laufenden, nimmt es mit den Pflichten eines Security-Bediensteten sehr ernst. Wenn der Lichtstrahl aus Sanchos Taschenlampe den Teller seines Herren anstrahlt, strahlt dieser zurück und sendet ungewollte Signale in alle Richtungen rund um die Welt. Bis in fremde Galaxien. Sendet ungewollte Botschaften. Immerhin Botschaften. Fuchtelt Sancho allzu heftig mit seiner Taschenlampe, fragt ihn sein Herr jedes Mal, wie gehabt, ob er etwas Bestimmtes suche. Wie in den Fernsehkrimis. Genauso wie die Polizisten: um Überraschungen zu vermeiden oder aber ihre Unsicherheit zu überspielen, oder vielleicht aus Langeweile. Genau hat Sancho das noch nicht herausfinden können, aber nach etwas Bestimmtem suchen die gewiss nicht, da müssten sie ja schon etwas Bestimmtes im Hinterkopf haben, danach aber sieht es niemals aus, in keinem Film.
An jenem Tag aber lag alles im Nebel, Sanchos Taschenlampe leuchtete einen flimmernden Kreis aus und dann einen zweiten, nirgendwo aber sah man etwas anderes als den Sand der Mancha. Wie in einem Italo-Western, den Sachno einmal gesehen und der ihn sehr beeindruckt hatte.
Trotz Nebels kamen sie in eine Stadt, eine Kleinstadt, die aber Sancho sehr groß und bedeutend schien. Die Leute fuhren alle mit Bussen oder PKW, oder sie gingen am Gehsteig zu Fuß. Nur Sancho und sein Herr waren beritten. Sie suchten nach einer Raststätte mit Futterkrippe. An einer Kreuzung mussten sie warten. Rosinante wartete geduldig, Sanchos Esel hingegen scharrte temperamentvoll mit den Hufen und wollte immer wieder losgaloppieren. Sancho hatte Mühe, ihn zurückzuhalten.
In dieser Stadt gab es auch senkrechte Straßen: Der Edle von La Mancha und Sancho mussten in einen Käfig steigen, der sie nach oben brachte in eine Straße über der Straße. Der Herr von La Mancha war sich sicher, dass er sein Ziel hier bald erreichen würde, in so einem Ort war er mit seinem Diener noch nie gewesen. Er witterte neue Abenteuer und einen baldigen siegreichen Einmarsch in Toboso.
An der nächsten Straßenecke gibt es eine Unterkunft. Rosinante und der Esel stehen bald im Stall, mit je einem Hafersack um den Hals. Don von La Mancha muss austreten und geht die Wendeltreppe der Gaststube hinab.
Währenddessen legt sich Sancho zu Füßen des Esels ins Stroh, um auszuruhen und die Zeit bis zum Abendessen im Gasthof vergehen zu lassen. Bedeckt sich mit seiner verschwitzten Jacke, und es fällt ihm ein, dass sein Herr in solchen Situationen immer wieder sagt, er begebe sich zur Ruhe. Sancho aber legt sich aufs Ohr zu einem Nickerchen. Aufs rechte Ohr, mit dem linken horcht er während des Schlummerns hinaus in die Welt, durch die Wände des Stalls hindurch, weit hinaus, bis dahin, wohin das Licht seiner Taschenlampe nicht reicht. Die Taschenlampe aber, er und der Esel, alle drei sind jederzeit zum Einsatz bereit, komme was wolle.
Trotz der Bereitschaft nickt Sancho ein, fällt tief und dunkel, so dunkel, dass er instinktiv nach seiner Taschenlampe greift. Die ist aber nicht mehr nötig. Es hat sich rasch aufgeklart, und vor ihm steht, kaum dass er eingenickt ist, Nick. Der Freund Nick aus der Jugendzeit. Steht einfach so da, als wäre er nie weg gewesen. Dabei ist es so lange her. Damals hatte Sancho noch keinen Esel, nur eine verrostete Vespa, fuhr damit, samt Nick dicht am Rücken, durch die Gegend und brachte Panik unter die Hühner, die sich auf die Straße verirrten. Nick und Sancho, Sancho und Nick. Die Schrecken allen Federviehs in drei Dörfern der Mancha.
»Nick alter Kumpel, was suchst du hier im Stall? Was stehst du so und grinst, stehst da, ein Esel neben dem meinen.« Nick lacht laut. Sancho auch, freut sich, Nick zu sehen. Aus einem anderen Leben, vor dem mit dem Edlen von La Mancha mit seinen Hirngespinsten.
Jetzt muss Sancho nur noch dem Herrn von La Mancha kündigen, das ist korrekt, das gehört sich so. Sancho weiß, was sich gehört. Er trifft auf seinen Herrn auf den Stufen der Wendeltreppe, die ins Untergeschoss führt. Wohin sich dieser begeben hat, um sich die Hände zu waschen. Sancho aber weiß, was der Herr von La Mancha mit Händewaschen meint. Sein Herr ist im Begriff, die Wendeltreppe wieder hochzusteigen, bleibt kurz stehen, um sich auszuruhen, und stellt fest, dass er alt geworden ist. Er drückt sich jedes Mal an die Wand, um den Leuten Platz zu machen, die die Wendeltreppe nach unten gehen. Keiner bedankt sich, wenn sich der Edle von La Mancha dünn macht. Noch viel dünner, als er schon ist. Mit einer weit ausholenden Reverenz lässt er eine Dame passieren. Die murmelt ein kaum wahrnehmbares »Danke« und geht weiter, ohne den von La Mancha eines Blickes zu würdigen.
Darüber ist Don von La Mancha verbittert. Ein Kellner, der vorbeigeht, nimmt ihm den Hut vom Kopf und gibt diesen in der Küche ab. Der Edle von La Mancha ist so verblüfft, dass er keinen einzigen Laut der Empörung von sich geben kann. Dann sieht er Sancho oben warten. Mühsam steigt er die Treppe hoch, bis er bei Sancho ankommt. Er fragt sich, warum Sancho nicht herbeieilt, um ihm zu helfen. Dennoch kommt kein Tadel aus seinem Mund, so still hat ihn die Verblüffung gemacht. Als ihm Sancho formell und korrekt die Kündigung ausspricht, sagt er auch nichts. Nickt nur mit dem nun bloßen Kopf. Bleibt vor der Tür stehen, bleibt lange da und denkt nach.
Sancho kann nicht wissen, worüber der Edle von La Mancha nachdenkt. Er hat es eilig. Im Stall beim Esel wartet Nick. Sancho vergewissert sich, dass seine Taschenlampe in der Hosentasche steckt, und schreitet entschlossen zur Stalltür. Was könnte es noch alles geben für Sancho und Nick! Was alles könnten sie noch erleben! Sancho weiß, dass er sich auf die Suche begeben muss. Wonach, weiß er nicht. Es ist gewiss besser, nach nichts Bestimmtem zu suchen, denkt sich Sancho, denkt an den Edlen von La Mancha, der immer wusste, wonach er suchte. Vielleicht aber gibt es Dulcinea gar nicht, denkt Sancho weiter, und wundert sich darüber, dass er plötzlich so intensiv denken muss. Der Esel wird zwei tragen müssen. Vorerst. Vielleicht kann er ja irgendwo den Esel eintauschen gegen eine Vespa. Wenn er Glück hat. Oder gegen etwas anderes eintauschen, gegen etwas Brauchbares. Irgendetwas wird sich finden, auf irgendetwas werden sie stoßen oder darüber stolpern. Für die Nächte hat er eine Taschenlampe. Während die beiden auf dem Esel aus dem Stalltor traben, hören sie Rosinate jämmerlich wiehern.