https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1539

Gedichte aus dem Band Defragmentierung.

Ein lyrisches Bekenntnis

Zum Schachtraining fuhr ich mit dem Rad.
In eine versteckte kleine Gasse.
Mein Fahrrad war metallic, glänzte,
hier und da hatte es Rostfecken, dabei war es
laut Verkäufer mit einer rostfreien
Beschichtung überzogen. Oft wurde ich gegen Ende des Trainings unruhig.
Immer häufger kam es vor,
dass ich mein Bein nicht übers Gestell schwingen konnte.
Davon erzählte ich niemandem.
Mit beiden Händen musste ich mich ans Lenkrad klammern,
dann mein Bein mit einem großen Schwung anziehen,
damit mein Fuß nicht am Rahmen hängenblieb.
Erst so konnte ich meine Wade, meinen Schenkel
über die Stange schiebend auf die andere Seite bringen.
Der Schwung war wichtig, mit einer jähen, heftigen Bewegung
musste ich meinen Fuß auf das Knochengerüst des Fahrrads hieven.
Ihn schön langsam anheben durfte ich nicht,
meine unteren Gliedmaßen ließen sich
nicht mal bis zur halben Höhe kontrollieren.
Währenddessen, beim Hieven und Schieben,
dem Klammern am Lenker, das Gleichgewicht halten,
damit ich nicht mitten im Bewegungsablauf
auf dem Asphalt landete.
Seit einer Weile vermochte dieses heftige Anheben meinen Fuß
nicht mehr in die entsprechende Höhe zu schleudern.
Nur nach unzähligen Versuchen gelang es mir,
keuchend die immer gleiche Folge von Aufgaben durchzuführen.
An jenem Tag schafte ich es aber einfach nicht.
Ich war verzweifelt, muss ich jetzt
meinen Vater anrufen, damit er mich abholt?

Da kam mir eine Idee.
Ich lehnte das Rad an die Hauswand.
In einem tiefen Winkel, damit auch der höchste Punkt des Gestells
sehr weit unten lag, natürlich nicht so weit,
dass das Fahrrad umkippte oder ich es nicht hochziehen konnte.
Über das angelehnte Rad konnte ich mein Bein schon rüber hieven.
Ich schafte es nach Hause.
Ein paar Monate später musste ich jedoch anrufen.

Beim Fahrradfahren
grifen meine Freunde nach dem Gepäckträger
und halfen mir mit einem kräftigen Schubs zu beschleunigen.
Nach ein paar Metern verlangsamte sich mein Tempo wieder.
Manchmal fuhren wir so, Schubs für Schubs, durch die Stadt.
Bei diesen Touren lachten wir immer viel,
wir hatten unseren Spaß.

’99 war ich sieben Jahre alt.
In unserer Stadt war eine Kaserne in Betrieb,
ein garantiertes Angrifsziel.
Hinter der Haustür bewahrten wir
Vaters riesigen Wanderrucksack auf.
Täglich tauschte Mutter die belegten Brote aus.
Ich war für das Wasser zuständig,
auch das musste regelmäßig ausgetauscht werden.
Wenn es heißt, wir müssen los,
dann müssen wir los.
In der Straße hielten die Männer abwechselnd Wache.
Sie beobachteten den Himmel,
bei Gefahr musste überall in der Straße geklingelt werden.
Ständig ging mir durch den Kopf, wegen mir
würden wir hinter den anderen zurückbleiben.

Meine Freunde vergessen manchmal, dass ich eine Gehbehinderung habe,
dann müssen wir immer laut lachen.
Etwas anderes steht mir auf der Stirn geschrieben.