Zeitenwende
Eine Weltbürgerin kann
eine Frau nie mehr werden,
denn die Welten sind viele
und sind beherrscht von Kriegen.
Ich bin eine Erdbewohnerin,
mit im Osten begrabenen Wünschen,
die mit Veilchen und Katzen plaudert
über den Abgang des Menschen.
Im Gräuel der immerwährenden Kriege
Es gibt noch Regen, Sonne,
Kartofeln, echte Freunde,
es gibt uns.
Gib mir einen Kuss, bitte.
Wir zähmen Viren, bekämpfen
Krebs und Klimaverbrechen,
freuen uns auf die Vermählung der Kinder.
Nun gibt mir einen Kuss endlich.
Du pfanzt vorsichtig in die Erde
Samen, die zarte Hofnung
auf keimenden Frieden tragen.
Dein Kuss ist herrlich.
Sanft drückst du jedes Körnchen
mit einem meiner Bleistifte.
Damit wollte ich schreiben. Doch
eine Gemüseernte wäre Poesie pur.
Bald werden wir uns wieder
wie in meiner Kindheit wärmen,
indem wir unsere Kamine
mit Gedichtbänden befeuern.
Möglichkeitsgrad
Time, space,
neither life nor death is the answer.
And of man seeking good,
doing evil. Ezra Pound
Too many cats were manipulated
as if they were The Cat of Schrödinger.
Parallel universes feed mystic flm scripts,
few understand how GPS works.
Schools teach creationism instead of Darwin,
we fear ourselves.
Und auch ich bin eine Zeit lang Schrödingers Katze
oder zuweilen Erwin selber, seines Geistes Widerschein,
der leere Raum, der nicht leer ist oder sein kann,
die Formen, in denen er gefasst wird,
ihre Gründe, so zu werden
in tiefer Trübsal ihrer eigenen Zeit.
Gedenk ich nur der Vielfalt mehr als der Einmaligkeit,
auch wenn sie sich nicht widersprechen.
Wäre ich Gestalterin der Einsamkeit,
anmaßend gegenüber der Sonne, die sie geschafen hat.
Der Groll der Sonne über das Licht, über sich selber,
über die grelle helle Vergangenheit, als alles
oder, sagen wir, vieles begonnen hat.
Die Zeit verwischt nicht, die Zeit heilt nichts,
die Zeit ist nur eine Dimension der Träume.
Vorgeschobene Gründe, Flucht,
die müden Monde unter meinen Augen
verraten die gespenstischen Ursprünge der Sonne.
Multiversen, unsere Unfähigkeit
durch Worte zu begreifen, mit Sprache zu gestalten.
So dachte Schrödinger, der sie so zum ersten Mal benannte.
Seitdem fanden wir nicht viel mehr heraus,
seitdem feiern wir die Quantentheorie und die DNA,
und wie verliebt sich Sinne und Denken verstärken.
Nur dass wir es nicht zugeben oder nicht erkannt haben.
Eine Alkalibatterie lässt uns visuell,
verknüpft und sinnlich leben,
tagtäglich sinnlicher, weil technischer.
Wir haben Bomben, Energie, Genetik,
ein Multiversum der Verantwortungen.
Wir haben jede Menge Gefahren,
die wir selbst verschulden,
und auch andere,
werden als Spezies nicht lange da sein.
Doch wir haben alle Möglichkeiten
zu erleben.
Elementare Bedürfnisse
Rohstofe unter der Sonnenlinse,
Photonen-Bombardement auf Gestein,
Lichtfut verfüchtigt alles,
lässt Bahnen frei für mehr als nur einen Gott.
Jupiter zieht sich zurück, und es entstehen Erden,
Neptune, Merkure und so weiter,
Gaia wird später Maria brauchen
und Luna,
der Mond ist wahrscheinlich bisexuell.
Hauptsache Gefährte,
Hauptsache,
das Taumeln wird zahmer,
Anziehungskraft, atemfähige Luft,
heftig, immer heftiger die Stürme.
Stabilisieren, stabilisieren,
die Einsamkeit bringt den Tod,
jeder braucht Gefährten,
und freien Horizont,
allein ist es nicht zu schafen.
(Apollo 17, Houston,
dafür ist es noch zu früh.)
Die Zeit rennt uns nur davon.
Komm, stabilisieren,
gebären oder kollidieren
mit einem anderen Körper.
Aus den Trümmern der Vereinigung
wird ein neuer Partner entstehen.
Nun endlich Umarmung
zweier Tänzer, im Einklang,
dann neue Schritte,
einer geht auf Distanz,
liefert die nötige Stabilität.
Versuch und Irrtum,
feine Abstimmung der Beziehung,
komplex und erschreckend.
Sonne, Mond und Sterne,
ohne sie keine Erde,
keine Kinderlaternen.
Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Begnadete Vielfalt des Zufalls,
die uns rettet.
Der Trost des Quittengelees
für Achim Braun
Meine albanische Freundin denkt, sie sei
auf ihren Mann allergisch, nachts
im Ehebett bleibt ihr die Luft weg.
Ich habe sie lange Jahre nicht getrofen,
ihre Rosen blühen in meinem Garten
jedes Jahr bis zum Advent.
Viele Kilometer trennen uns, daher virtuell
gemeinsam machen wir heute Gelee aus Quitten.
Unsere Daumen schmerzen beim Schneiden,
viel zu viel haben wir Kartofeln geschält,
den Kindern die Daumen gedrückt
und auf Ungerechtigkeiten geschossen.
Die Quitten sind hart, doch leisten sie
wenig Widerstand und duften herrlich.
Wenigstens die auf meiner Seite
des Bildschirms. Viel zu oft vergesse ich,
wo sich die andere Seite befndet.
Albanien ist überall und grenzt nicht
immer ans Meer, so fehlt uns Luft nachts,
nicht weil wir uns in der Flut befnden,
nur wegen der Vorahnung, dass sie kommt.
Der Mann meiner Freundin versteht
ihre Allergien nicht, wie meiner.
Unsere Männer können nicht aufhören
uns zu lieben. Wir ersticken
wegen Mördern auf weißen Pferden
und versuchen unsere Träume
in den Armen unserer geliebten Menschen
zu retten. Jede Nacht
schleicht sich unter unsere Haut die Panik,
dass es den Kindern nicht gut gehen wird,
dass wir ohnmächtig bleiben
während Wasser und Dürre zusammen steigen,
dass Liebe nicht reicht, damit es Zukunft gibt.
Wir würden es gern dem Alter zuordnen,
dem Gaspreis, oder unserer eigenen Schwäche.
Noch möchten wir uns stark fühlen,
irgendeine Kontrolle haben,
wenigstens über die Konsistenz der Konftüre.
Aber wir wollen Gelee machen,
und dieses wird erheblich klarer
als jede Marmelade, auch klarer als
Marmelade, die Konftüre heißt, laut
administrativer Verordnung. Es ist Herbst,
auch der unsere, Bäume werden prächtig
und kahler, Rauch steigt auf und
vermischt sich mit dem Duft der Wolken,
die der Dampf der gekochten Quitten bildet.
Auf dem Balkan mischen wir nie Gelatine
in den Zucker, der Saft soll sich genügen,
kein Geschmacksverstärker, auch nachdem wir
schon ewig weit unserer Geburtsorte wohnen.
Das Gelee gießen wir um, in kleine Gläschen,
langsam wird es kälter und so eindeutig fester.
Gold hat die Farbe der Sonne und die von Weizen,
Olivenöl, Honig, Mais, Kartofeln, Marillen, Birnen
und Quitten. Das ist hundertprozentig sicher,
auch wenn es Gold früher als sie im Universum gab.
Strahlend feucht sind unsere Augen im Licht des
Quittengelees. Vielleicht trösten wir den Winter.
Sofronievas Gedichte in diesem Heft wurden alle auf Deutsch verfasst. Zeitenwende wurde nach dem Entstehen im Frühjahr 2022 auf Bulgarisch und Englisch geklont. Der Trost des Quittengelees und Im Gräuel der immerwährenden Kriege entstanden im Sommer 2022 und liegen nur auf Deutsch vor. Elementare Bedürfnisse, 2017 auf Deutsch geschrieben, wurde 2018 von der Autorin ins Bulgarische und 2020 ins Englische übertragen und veröfentlicht. Möglichkeitsgrade entstand 2018 auf Deutsch und Englisch gleichzeitig und wurde 2020 auf Englisch
publiziert.