Nach den Themenschwerpunkten „Archive in Rumänien (I) und (II)“ (2018) und „Archive in Kroatien“ (2022) stehen im vorliegenden Heft ausgewählte Archivbestände, Sammlungen, museale Darstellungen sowie Forschungsprojekte in Slowenien mit deutschem Bezug im Mittelpunkt. Die Beiträge stellen allerdings nur den ersten Teil des Themenschwerpunkts dar: Aufgrund der großen Zahl an Texten wird dieser in Heft 1.25 weitergeführt. Zugunsten einer internen Kohärenz in den Einzelheften wurden die Beiträge geografisch aufgeteilt. In der aktuellen Ausgabe werden Archive und Forschungsvorhaben mit Bezug auf die historische Untersteiermark/Spodnja Štajerska vorgestellt, während im zweiten Teil der Schwerpunkt auf Laibach/Ljubljana und der Krain/Kranjska sowie auf der Gottschee/Kočevska liegt.
Es gibt mehrere Gründe, warum wir uns für die Weiterführung archivischer Themenschwerpunkte entschieden haben. Positive Rückmeldungen bestätigen, dass sie für Forscher:innen im deutschsprachigen Raum als wertvolle Informationsquelle dienen und gleichzeitig einen grenzüberschreitenden Austausch zwischen Institutionen, Wissenschaftler:innen und Interessierten ermöglichen.
Wie in zahlreichen anderen Ländern Südosteuropas sind die Verbindungen zur deutschen Sprache und Kultur auch in Slowenien vielfältig und regional sehr unterschiedlich. Zahlreiche Gebiete, die historisch unter habsburgischer oder deutscher Herrschaft standen, oder (auch) durch deutschsprachige Einwohner besiedelt waren, gehören heute gänzlich oder teilweise zur Republik Slowenien. Dies betrifft die ehemaligen habsburgischen Kronländer Krain und Steiermark (nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Slowenien und Österreich aufgeteilt) sowie den südlichsten Streifen von Kärnten/Koroška, Teile des österreichischen Küstenlandes wie auch innerhalb von Krain die ethnisch-sprachlich heterogene, aber während des Nationalsozialismus zur „deutschen Sprachinsel“ stilisierte Region Gottschee/Kočevska. Die Geschichte der deutschsprachigen Gottscheer Bevölkerung geht – ebenso wie im ehemaligen Siedlungsgebiet Zarz/Sorica – auf das Mittelalter zurück.
Die Bereiche Kulturpolitik und Erinnerungspolitik haben im unabhängigen Slowenien einen holprigen Weg hinter sich. Die Schwierigkeiten resultieren unter anderem aus den komplexen und regional sehr unterschiedlichen Dynamiken des einstigen Zusammenlebens sowie aus Erfahrungen und Fragen von Mehrheit-Minderheit-Verhältnissen, Unterdrückung und Besatzung. In einem Staat, in dem die Angehörigen der Titularnation bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und erneut während des Zweiten Weltkriegs – wenn auch mit regional unterschiedlicher Intensität – Germanisierungs-, Magyarisierungs- oder Italianisierungtendenzen ausgesetzt waren und im ersten wie auch im zweiten jugoslawischen Staat oft marginalisiert wurden, lag der Schwerpunkt der Geschichtsforschung und der Etablierung einer gesamtslowenischen Erinnerungskultur seit der staatlichen Unabhängigkeit weitgehend auf den Slowenen. Entwicklungen in jüngster Zeit zeigen jedoch ein verstärktes Interesse an einer über sprachlich-kulturelle Grenzen hinausgehenden Annäherung auch in diesem Bereich.
Wie bei den vorigen verwandten Themenschwerpunkten soll auch hier betont werden, dass kein allumfassender Überblick aller Bestände, Sammlungen und Forschungsprojekte anvisiert wird. Vielmehr möchten wir punktuell auf Archive und Projekte hinweisen, die die Vielfalt der Themen in den einzelnen Regionen veranschaulichen.
Die im aktuellen Heft vorliegenden Beiträge führen uns in die historische Untersteiermark. Die vom slowenischen Historiker Janez Cvirn als „Festungsdreieck“1 bezeichneten Städte Marburg/Maribor, Cilli/Celje und Pettau/Ptuj wiesen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine deutschsprachige Mehrheit unter ihren Einwohnern aus. Die deutsche Sprache nahm in dieser Region in Politik, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Bildung eine dominante Rolle ein. Die Archive in Maribor und Celje beherbergen dementsprechend eine Fülle von deutschsprachigen Beständen, die in das Mittelalter zurückreichen und derer Auflistung und detaillierter Beschreibung man nur durch lange Beiträge gerecht werden könnte. Aus Platzgründen erscheinen in der Druckversion daher nur kürzere Texte; die ergänzten Fassungen mit detaillierten Tabellen können Sie online auf der Webseite der Spiegelungen unter https://spiegelungen.net finden.
Im ersten Beitrag bietet Boštjan Zajšek einen Überblick über die wichtigsten deutschsprachigen Bestände im Regionalarchiv Maribor (Pokrajinski arhiv Maribor). Dabei stellt er Bestände und Sammlungen aus verschiedenen Bereichen vor.
In ihrem gemeinsamen Aufsatz veranschaulichen Alja Lipavic Oštir und Jerneja Ferlež die Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen bei der Recherche über den Lebensweg ausgewählter Personen in der Geschichte Maribors und analysieren die vielfältigen – mal spärlichen, mal umfangreichen – schriftlichen Spuren, die diese hinterlassen haben.
Auch aus der Stadt Celje kommt ein Beitrag: In seinem Aufsatz führt Aleksander Žižek durch die vielfältigen deutschsprachigen und deutschbezogenen Bestände im Historischen Archiv Celje (Zgodovinski arhiv Celje).
Als Vorgeschmack auf den regionalen Schwerpunkt des nächsten SPIEGELUNGEN-Heftes können Sie zudem unter den wissenschaftlichen Berichten über ein Erschließungsprojekt von historischen Bildern zur Gottschee im IKGS-Fotoarchiv lesen.
Ergänzend zu den in großen Mengen aufbewahrten Archivbeständen in physischer Form ist auch die erfreuliche Entwicklung zu erwähnen, dass in Slowenien mehrere, durch staatliche Gelder finanzierte Erschließungs- und Digitalisierungsprojekte durchgeführt werden. Zahlreiche Projekte präsentieren auch für die Erforschung von Themen mit deutscher beziehungsweise österreichischer Relevanz wertvolle Quellen. An dieser Stelle sollten nur ausgewählte Projekte erwähnt werden, die für Historiker:innen und andere Wissenschaftler:innen sowie Ahnenforscher:innen von besonderem Interesse sein können: Die Digitale Bibliothek Sloweniens (Digitalna Knjižnica Slovenije) der Nationalen und Universitätsbibliothek (Narodna in univerzitetna knjižnica) in Ljubljana verfügt über eine stets wachsende Sammlung an historischen Zeitungen, Büchern und Handschriften sowie an Bildern, Landkarten und Musik (inklusive Aufnahmen) aus den eigenen Beständen auf https://www.dlib.si/. Vor allem an Historiker:innen orientiert sich das Portal Sistory, Geschichte Sloweniens (Zgodovina Slovenije) des Instituts für Neuere Geschichte (Inštitut za novejšo zgodovino) in Ljubljana, mit digitalisierten Beständen zu Sloweniens Geschichte aus dem Archiv der Republik Slowenien, dem Historischen Archiv Ljubljana sowie weiteren Institutionen wie Museen und Bibliotheken auf https://www.sistory.si/. Zu den weiteren Online-Sammlungen und Datenbanken, die auch in den Beiträgen erwähnt werden, gehört unter anderem Kamra – Digitalisiertes Kulturerbe der slowenischen Regionen (Digitalizirana kulturna dediščina slovenskih pokrajin). Die Website www.kamra.si wird von der Zentralbibliothek Celje verwaltet und enthält Dokumente wie auch Fotografien aus den Sammlungen kultureller Institutionen in ganz Slowenien.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
- Janez Cvirn: Das „Festungsdreieck“. Zur politischen Orientierung der Deutschen in der Untersteiermark (1861–1914). Wien 2016; im Original: Trdnjavski trikotnik. politična orientacija Nemcev na Spodnjem Štajerskem, 1861–1914. Maribor 1997. ↩︎