Mit fundiertem Wissen und unter Heranziehung umfangreichen Materials untersucht Gundel Große in ihrem Buch Literaturgeschichte im Prozess (1990–2000). Die Auseinandersetzung rumänischer Literaten mit der Zwischenkriegszeit (ursprünglich Dissertation, Jena 2016) die unter veränderten politischen und kulturellen Bedingungen wieder aufgenommene Rezeption von literarischen Werken und öffentlichen Diskursen aus der Zeit von 1918 bis 1940 in zwei traditionsreichen rumänischen Zeitschriften im ersten, herausfordernden Jahrzehnt nach der Revolution von 1989.
Die Wahl der Autorin fällt einerseits auf die 1867 in Jassy (rum. Iași) gegründete Zeitschrift Convorbiri literare [Literarische Gespräche], die mit einigen Unterbrechungen (1916‒1918, 1944‒1970 sowie Anfang der 90er-Jahre) bis heute erscheint. Nach einer langen Zeit in Bukarest zwischen 1885 und 1944 ist sie wieder in Jassy beheimatet. Andererseits wählt die Autorin die Zeitschrift Viața românească [Das rumänische Leben], die ebenfalls in Jassy gegründet wurde und dort zwei Jahrzehnte erschien (1906‒1916 und 1920‒1930). Seit 1930 ist allerdings Viața românească in Bukarest angesiedelt. Somit deckt die vorliegende literaturgeschichtliche Untersuchung zwei literarische Felder ab, die trotz einiger Gemeinsamkeiten jeweils eine andere Tradition verpflichten, verschiedene Ressourcen mobilisieren und in Konkurrenz zueinanderstehen. Es überrascht jedoch, dass eine traditionsreiche und prestigeträchtige Wochenzeitschrift wie România literară [Literarisches Rumänien] nicht stärker in den Fokus der Forschung gerückt ist. Dies ist umso erstaunlicher, da viele wesentliche Debatten des betrachteten Zeitraums hier ihren Ausgangspunkt nahmen oder ausgiebig weitergeführt wurden. Zudem trugen die engen Verbindungen des Chefredakteurs Nicolae Manolescu zur Universität Bukarest, wo er als Professor für rumänische Literaturgeschichte tätig war, zum Verein der Schriftsteller Rumäniens sowie zu bürgerlichen Bewegungen wie Alianța civică [Bürgerliches Bündnis] und zur Politik dazu bei, der Zeitschrift deutlich mehr Sichtbarkeit zu verleihen. România literară hatte, im Gegensatz zu Convorbiri literare und Viața românească, nach 1989 nicht mit Engpässen zu kämpfen und konnte sich bis heute als Wochenzeitschrift behaupten, während Convorbiri literare zu einer Monatszeitschrift wurde (Viața românească entschied sich für das monatliche Format schon vor 1989). Eine Erklärung für die Auswahl der beiden untersuchten Zeitschriften wird nicht gegeben. Es liegt jedoch nahe zu vermuten, dass die Einbeziehung der Zeitschrift România literară sowie weiterer literarischer Publikationen – allein im Jahr 1991 wurden 35 Zeitschriften unter der Ägide des Vereins der Schriftsteller Rumäniens herausgegeben – die Struktur der Arbeit erheblich verändert und eine lückenlose, bis ins Detail reichende Analyse erschwert hätte. Darüber hinaus verschwanden in den darauffolgenden Jahren die wichtigsten Kontrahenten der prominenten Bukarester Zeitschrift România literară, zum Beispiel die Zeitschrift Contrapunct [Kontrapunkt], Caiete critice [Hefte für Literaturkritik], Contemporanul – Ideea europeană [Der Zeitgenosse – Die europäische Idee] oder Literatorul [Der Literat], was einen erweiterten Vergleich erschwert hätte. Eine 2012 an der Universität der Unteren Donau in Galatz (rum. Galați) verteidigte Dissertation von Zanfir Ilie mit dem Titel Reflectarea fenomenelor literare în presa românească între anii 1990–2000 [Widerspiegelung literarischer Phänomene in der rumänischen Presse zwischen 1990 und 2000] konzentriert sich auf die oben genannten prominenten Zeitschriften, behandelt jedoch nahezu alle literarischen Zeitschriften der genannten Epoche, sowohl aus Rumänien als auch aus der Republik Moldau. Methodologisch bleibt die Arbeit jedoch unscharf und historisch verhaftet, was ihre Brauchbarkeit stark einschränkt. (Zanfir Ilie veröffentlichte seine Dissertation ein Jahr später unter dem leicht abgewandelten Titel Fenomenul literar în presa românească între anii 1990–2000 [Das literarische Phänomen in der rumänischen Presse zwischen 1990 und 2000] im Verlag Timpul, Jassy. Gundel Große scheint davon keine Notiz genommen zu haben, was sich aber nicht nachteilig auf ihre Untersuchung auswirkt.)
Dieselbe Abgrenzung der Zeitspanne ermöglicht Gundel Große 2016 in der ursprünglichen Version und 2023 in der aktuellen Überarbeitung einen wesentlich distanzierteren Blick auf die Schwierigkeiten sowie die damit verbundenen Naivitäten und Fehler bei der Aufarbeitung des komplexen literarischen und historischen Erbes der ersten beiden demokratischen Jahrzehnte der Zwischenkriegszeit, die ab 1938 in Rumänien in eine rechtsextreme Diktatur mündete. Die Autorin bemüht sich, eine tiefgreifende literatursoziologische Perspektive auf die rumänische Transition zu einer funktionellen Demokratie und Marktwirtschaft in den 1990er-Jahren zu entwickeln. Dabei gelangt sie zu wichtigen Erkenntnissen bezüglich der Pressekrise von 1993, die durch hohe Produktionskosten, die Privatisierung staatlicher Druckereien und den Wegfall von Subventionen ausgelöst wurde und besonders Nischen-, Kultur- und Literaturzeitschriften hart traf. Der Studie liegt zudem eine diskursanalytische Methode zugrunde, die darauf abzielt, die hinter den Texten stehenden Interessen zu identifizieren und Positionen zu umstrittenen Themen besser herauszuarbeiten. Sie untersucht einen Gesamtdiskurs, der mehrfach sozio-historisch verankert ist, und bietet dadurch einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Literatur und Gesellschaft in der Übergangszeit 1990‒2000. Das Jahr 2000 markiert einen Wendepunkt, da in diesem Jahr die unabhängige Wochenzeitschrift Observator cultural [Kulturbeobachter] ins Leben gerufen wurde, die das literarische Feld in den kommenden Jahren maßgeblich prägen sollte.
Um ein besseres Verständnis für die Themen zu ermöglichen, die für die rumänische Gesellschaft im ersten Jahrzehnt nach dem Sturz des Ceaușescu-Regimes von Bedeutung waren, wird der Untersuchung ein literaturgeschichtlicher Teil vorangestellt. Dieser Abschnitt soll ein breites Publikum mit rumänischen Autoren der Zwischenkriegszeit wie Mircea Eliade, Emil Cioran, Mihail Sebastian, Nae Ionescu, Constantin Noica, George Călinescu und Eugen Lovinescu sowie mit literarischen Kreisen und Ideen der Zwischenkriegszeit vertraut machen. Ebenfalls wird erläutert, warum das Interesse für diese historische Epoche nach der Wende so groß war: Rumänien versuchte politisch wie kulturell wieder an seine Demokratietradition anzuknüpfen. Viele Autoren der Zwischenkriegszeit wurden wiederentdeckt, neu ediert und ausführlich kommentiert – es gab keine Index-Listen mehr, und ein großer Nachholbedarf war deutlich spürbar. Die Veröffentlichung der Gesamtausgabe des Tagebuchs des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Mihail Sebastian prägte die Debatten der 1990er-Jahre maßgeblich, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit der Verstrickung rumänischer Intellektueller in antisemitisches und faschistisches Gedankengut. Gundel Große zeichnet präzise nicht nur die ideologischen Spannungsfelder in der Zwischenkriegszeit nach, sondern auch jene zur Zeit der ersten Rückbesinnung auf diese Epoche in den 1960er- und 1970er-Jahren, unmittelbar nach dem stalinistischen Jahrzehnt in Rumänien, sowie nach der Wende, als eine zensurfreie Auseinandersetzung sowohl mit der Zwischenkriegszeit als auch mit deren Interpretation während des Kommunismus möglich war.
Im eigentlichen Kern der Untersuchung, der eine detailreiche Textanalyse umfasst, wird deutlich, welche Verzerrungen bei der Wiederaufwertung der Zwischenkriegszeit aufgetaucht sind und woran sie lagen. Das Verdienst der Arbeit liegt zweifellos im Nachweis der weiterhin verschleppten Revision des literaturgeschichtlichen Rahmens, so wie dieser in den 1940er-Jahren von George Călinescu gesetzt wurde. Andererseits wird gezeigt, dass deutlich offenere Ansätze, die bei dem Literaturkritiker Eugen Lovinescu in der Theorie des Synchronismus (1924‒1925) vorhanden sind, von den Literaturkritikern des Aufbruchsjahrzehnts nach 1989 auf ihre zeitgenössische Anwendbarkeit nicht hinterfragt werden, denn eine simple Anerkennung ihrer heutigen Relevanz reiche nicht aus, um sie produktiv einzusetzen. Sie werden nicht mit neuen wissenschaftlichen Impulsen gepaart. Gundel Große gelingt es somit, die Utopie einer Rückkehr zu den Quellen der Zwischenkriegszeit präzise zu diagnostizieren. Diese Utopie ist nicht nur dem anfänglichen Enthusiasmus geschuldet, sondern deutet auch auf eine Versteinerung der kritischen Reflexion hin. Diese Reflexion ist größtenteils von ausländischen Debatten und Entwicklungen abgekoppelt, theoretischen Ansätzen gegenüber feindlich gesinnt und neigt dazu, abgedroschene Themen wie „das nationale Spezifikum“ mit denselben alten Argumenten erneut aufzutischen.
Insofern zeichnet sich die Zeit zwischen 1990 und 2000 in vielerlei Hinsicht als ein „verlorenes“ Jahrzehnt ab. Darüber hinaus ging es in dieser Zeit ziemlich „wild“ zu: In drei Fällen – beim Chefredakteur der Convorbiri literare, Cassian Maria Spiridon, sowie bei Gabriel Stănescu und Constantin Mihai in derselben Zeitschrift – deckt Gundel Große Plagiate und verschleierte Bezüge auf. Sehr bedenklich ist auch die Tatsache, dass bis heute die Werke der Literaturhistorikerinnen Isabela Vasiliu-Scraba und Dora Mezdrea regelrecht ausgeplündert werden, während ihren Autorinnen keine Anerkennung durch die Aufnahme in Nachschlagewerke wie das Dicționarul General al Literaturii Române [Allgemeines Wörterbuch der Rumänischen Literatur] gegönnt wird. Auch in Viața românească findet Gundel Große unverständliche und verwaschene Textpassagen beim Chefredakteur Caius Traian Dragomir. Jedoch fällt der Vergleich zwischen Convorbiri literare und Viața românească eher zugunsten der letzteren aus. Der Bukarester Zeitschrift fällt es etwas leichter, ihre Tradition loszulassen, diese nicht überzubewerten oder unkritisch zu präsentieren. Während Convorbiri literare ein politisches Profil anstrebt und sich ideologisch schnell positioniert, beschäftigt sich Viața românească eher mit der Herausgabe von bisher unveröffentlichten Dokumenten von Autoren der Zwischenkriegszeit wie Mircea Eliade, Eugen Ionescu, Petru Comarnescu, Arșavir Acterian und Mircea Vulcănescu und verzichtet auf übereilte Reaktionen.
Insgesamt handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um einen wertvollen Forschungsbericht, der nicht narrativ, sondern streng analytisch vorgeht und zu einer kritischen Übersicht sowohl über die Zwischenkriegszeit als auch über die näher liegende Übergangszeit (rum. perioada de tranziție) mit ihren Klärungs- und Profilierungsbedürfnissen gelangt. Zu erwähnen wären nur wenige Versehen und Druckfehler, die jedoch nicht sinnentstellend sind und daher nicht alle aufgezählt werden. Unüblich ist die Verwendung der modernen, walachischen Graphie des Vornamens „Mihai“ für Schriftsteller wie Mihail Sebastian und Mihail Sadoveanu. Auch sind manche biografischen Informationen über Kritiker der Wendezeit nicht aktualisiert worden. Ein Dialog mit dem Werk Ideengeschichte Rumäniens von Mădălina Diaconu (2021) fehlt, dennoch gehören beide Bücher zweifelsohne in die Bibliografie jeder Arbeit, die sich mit der Aufarbeitung der rumänischen Zwischenkriegszeit beschäftigt.
Gundel Große: Literaturgeschichte im Prozess (1990–2000). Die Auseinandersetzung rumänischer Literaten mit der Zwischenkriegszeit. Berlin: Frank & Timme 2023. 212 S.