https://doi.org/10.82486/sp.2025.10.470

Josef Franz Thiel: Die Filpwarisch Sprooch

Ein kommentiertes Wörterbuch

Lokale Sprachvarietäten, die das dialektale Kolorit einer etablierten Hochsprache auffächern, mögen vielleicht ein eng begrenztes Spezifikum darstellen, dem sprachgeschichtlich nur in seltenen Fällen eine tragende Rollenfunktion in der Entwicklung der Sprachkultur einer zum Standard erhobenen Hochsprache zuteil wird. Ein anderer Aspekt ist die grundsätzlich kommunikative Funktion der Sprache, die unsere Wirklichkeitsperzeption auf mehreren Ebenen, in der Wahrnehmung des unmittelbaren Lebensumfeldes, der Umwelt, von zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zur jeweils gültigen Gesellschaftsform bestimmt. Ohne ihr dynamisches Merkmal der verkehrenden Funktion ist die kommunikative aber nicht denkbar. Ein reger Kultur- und Sprachkontakt in der heute nordserbischen Provinz Woiwodina führte in der für diese Besprechung gegenständlichen Siedlungsgeschichte von mehr als zweieinhalb Jahrhunderten zu zwar verschiedenartigen Sprachformen; diese sind dennoch ein Sammelbecken für Kulturwerte, die einer gemeinsamen Grundlage entspringen. 

Seine bis ins hohe Alter gesammelte Lebenserfahrung ermöglicht es Josef Franz Thiel, durch die aufgenommenen Eintragungen in seinem Werk Die Filpwarisch Sprooch. Ein kommentiertes Wörterbuch darauf aufmerksam zu machen, inwiefern ein im gegenseitigen Völkerverständnis stattgefundener Kulturtransfer zum Entstehen einer im deutschen Dialekt gesprochenen lokalen Sprachvarietät beigetragen hat: „Dr Pàtschkr war uf dem gleiche Prinzip ufbaut wie die siidsèrwische Opánke“. (S. 132) Neben der hochsprachlichen Übersetzung werden den dialektalen Eintragungen zusätzlich mundsprachliche Umschreibungen hinzugefügt und bedarfsweise, falls auf lokale Gewohnheiten und Praktiken bezogen oder mit regionalen historischen Erscheinungen im Zusammenhang stehend, auch Erläuterungen in der Hochsprache. Auf diese Weise wird den Lesern sowohl eine gewisse historische Zeit nähergebracht als auch ein Einblick in die kulturellen Verhältnisse seinerzeit gewährt. Der aus dem Ungarischen abgeleiteten Bezeichnung für einfache Arbeitsschuhe, bocskor, die bei Feldarbeiten benutzt wurden, setzt Josef Franz Thiel in der Eintragung im filipowarischen Dialekt ebenso noch die Bezeichnung für das entsprechende Schuhwerk der Serben hinzu und erinnert so an Gegenstände, die gemeinsame kulturelle Traditionsstränge symbolisieren. 

Der Versuch, einen lokalen Dialekt des im Nordwesten der serbischen Provinz Woiwodina, das im zum Ortsteil der Gemeinde Odžaci (dt. Hodschag, ung. Hódság) im Bezirk West-Batschka gehörenden Dorf Bački Gračac (dt. Filipowa, ung. Szentfülöp) gesprochene Deutsche, linguistisch fachwissenschaftlich vorzustellen, wird der Ausbildung und Berufung des Verfassers entsprechend um die Bedingungen für das Entstehen dieses Dialekts erweitert. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, werden Einblicke in einen historisch determinierten Kulturaustausch geboten. Zu diesem Zweck werden sowohl einzelne Daten zur theresianischen Siedlungszeit als auch Angaben zur Zusammensetzung der deutschsprachigen Siedlergruppen vorgestellt. Dabei erscheint die deutsche Sprache der Einwanderer in die pannonische Ebene selbst schon als eine aus verschiedenen dialektalen Sprachformen zusammengesetzte Sprache. Insofern baut Josef Franz Thiel seine Untersuchung zum filipowarischen Dialekt unter der Berücksichtigung zunächst der regionalen Sprachunterschiede unterschiedlicher deutscher Siedlergemeinschaften auf, um dann Entlehnungen und Ableitungen mit fremdsprachlichem Einfluss aussondern zu können. Letztlich schließt der Autor die Einflussnahme seiner persönlichen sprachlichen Kompetenzen auf die Wahrnehmung des in Filipowa gebräuchlichen deutschen Dialekts nicht aus; schenkt er dieser Möglichkeit doch einen gesonderten Abschnitt (Meine Sprachvariante, S. 18–19). Aber unabhängig davon bietet die der Aussprache lautlich angepasste Kodifizierung der Eintragungen ein gelungenes Vorgehen, um einen dialektalen Sprachkorpus als sprachliche Sonderform, die eigenen grammatischen Regeln gehorcht, darzustellen. 

Das dem alphabetischen Wörterverzeichnis (S. 35–191) vorangestellte Kapitel Gedanken zur filpwarisch Sprooch (S. 13–30) stellt einen historischen Abriss der Genese der Mundart dar, deren Ursprung eng mit einzelnen Aspekten der Siedlungsgeschichte von Filipowa in Zusammenhang gestellt wird. Damit bietet Josef Franz Thiel gleichzeitig einen Zugang zum sprachlichen Korpus an, den er beschreiben möchte. Paradigmatisch wählt er einen vergleichenden Ansatz, gestützt auf seine in der afrikanischen Mission im Kongo gesammelten Erfahrungen. Die daraus geschöpften Erkenntnisse zu den linguistischen Besonderheiten der afrikanischen Sprachsysteme ermöglichten es, sprachliche Grundsätze bei der Aussprache zu erkennen. Die seinerzeit auf Tonbandaufnahmen erstellte Dokumentation erleichterte es dem sprachwissenschaftlich interessierten Verfasser, seine Aufmerksamkeit bei Forschungen der eigensprachlichen dialektalen Sprachvariante zu schenken. Im kontrastiven Ansatz werden zunächst die dialektalen Spezifika von der Hochsprache abgegrenzt und dabei auf Unterschiede hingewiesen, die auf lexikalischer, phonetischer und morphologischer Ebene bestehen. Verantwortlich für die Ausbildung des dialektalen Sprachbestands macht der Autor zwei Umstände: Zum einen ist es „die sozio-ökonomische Situation der Einwohner“ (S. 21) und zum anderen das Ausbleiben einer geregelten deutschen Schriftsprache unter den deutschen Ansiedlern. Berücksichtigt man allerdings die vom Verfasser, dem historischen Zeitrahmen entsprechend, beschriebenen Bedingungen, dann erhält man auch einen klaren Einblick in die kausalen Verhältnisse der angemerkten Aspekte, die sich nicht nur gegenseitig bedingten, sondern einen Kulturtransfer förderten. 

Im Unterkapitel Zur Entstehung der Wörterliste (S. 23f.) finden sich zudem die Kriterien, nach denen die Erstellung des Wörterverzeichnisses erfolgte. Wenngleich das kommentierte Wörterbuch nicht darauf ausgerichtet sein kann, und es auch nicht beabsichtigt, einen „Filpwaer Duden“ (S. 23) zu erstellen, definiert es sich natürlich im Verhältnis zur Hochsprache; Verwendung und Stellung von a) im Hochdeutschen existierenden Wörtern, die in Filipowa in Gebrauch waren, b) Form und Bedeutung von Wörtern im Filpwarischen, die es im Hochdeutschen nicht gibt, c) Wörtern mit identischer Bedeutung im Dialekt und in der Standardsprache, denen kulturell allerdings eine gesonderte Stellung im Alltagsleben zukam (Hàlftr, S. 81), sowie d) fremdsprachigen Lehnwörtern. Insofern ist Josef Franz Thiels Die Filpwarisch Sprooch als Brücke zu verstehen, die Sebastian Wildmanns Filipowaer Mundart (Filipowaer ARGE: Haßloch, 1998) um die Verbindung zur standardisierten Hochsprache ergänzt. Für die mundartlichen Besonderheiten, für die Aussprache, die Verwendung von grammatischen Kasus und des Geschlechts, die Zeitformen und die Verwendung verschiedener Pronomina wird ein linguistisch-fachwissenschaftlicher Rahmen gebildet. Seine zusätzliche Sonderstellung erhält Thiels filpwarisches Wörterbuch nicht zuletzt durch Lemmata, deren etymologische Aufschlüsselung gleichzeitig ein Hinweis auf die multikulturelle Grundlage ist, die zur dialektalen Ausformung der gegenständlichen deutschen Sprachvariante geführt hat, wie zum Beispiel die Eintragung Bóófl, die als Ausschussware auf das hebräische bafel (babel) zurückgeführt wird. (S. 53) Ebenso versteht sich das Wörterbuch den Ausführungen des Verfassers zufolge aber auch als Aufruf zu weiterführenden Untersuchungen, um möglichen Verwandtschaften zwischen Wörtern unterschiedlicher Sprachen nachzugehen. Schließlich wird deutlich, dass die Eintragung Hayduck (S. 84) sowohl in der türkischen als auch in der ungarischen Sprache ihre Entsprechung findet. Da die Bedeutung in den Sprachen sich aber unterscheidet, steht es dem Verfasser nicht fern, den im Deutschen semantisch nahestehenden Ausdruck Haudegen vergleichend heranzuziehen und dessen Anverwandtschaft aus kulturkritischer Sicht in den Raum zu stellen. 

Neben den technischen Angaben zu den Abbildungen, der zitierten Literatur, dem Lebenslauf des Autors und seinem akademischen Werdegang, mit denen die Rahmenbedingungen für das Verständnis von Josef Franz Thiels Werk geschaffen werden, bietet der Abschnitt Das Ende von Filipowa ǀ Ein Textbeispiel (S. 31–34) zwar ein illustres sprachliches Exempel, ergänzt aber gleichzeitig die Wörterliste. Die im Beispieltext erwähnten und im Wörterverzeichnis nicht aufgenommenen Toponyme sowie ausgebliebenen serbischen Entlehnungen respektive serbischen Entsprechungen zu den etymologisch nichtdeutschen Lemmata lassen auf zukünftige Forschungen hoffen. 

Josef Franz Thiel: Die Filpwarisch Sprooch. Ein kommentiertes Wörterbuch. Wien: Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich, Eigenverlag 2023. 223 S.