In der ersten Folge der SPIEGELUNGEN-Podcastreihe „Zeitzeugnisse“ geht es um Leben und Erbe von Annemarie Ackermann. 1913 in Parabutsch, heute Ratkovo, in der serbischen Batschka geboren, flüchtete sie 1944 über Österreich nach Deutschland und wurde 1953 die erste Bundestagsabgeordnete mit donauschwäbischen Wurzeln.
Florian Kührer-Wielach spricht mit Ria Schneider, der Tochter Annemarie Ackermanns, und mit Dr. Gudrun Hackenberg, der Autorin der 2024 bei danube books erschienenen Biografie „Das Geschenk der leeren Hände. Annemarie Ackermann – eine Biografie“. Im Mittelpunkt stehen Herkunft, Flucht, Neubeginn, politisches Engagement und die Frage, wie persönliche Erinnerung und historische Forschung zusammenwirken.
Die Podcastfolge zum Nachlesen
Auftakt: Zeitzeugnisse und Annemarie Ackermann
Florian Kührer-Wielach: Herzlich willkommen zur ersten Folge unserer SPIEGELUNGEN-Podcastreihe „Zeitzeugnisse“. In dieser Serie sprechen wir mit unseren Gästen über verschiedene Formen der Zeitzeugenschaft. Mein Name ist Florian Kührer-Wielach. Ich bin Historiker, Herausgeber der SPIEGELUNGEN und einer der Hosts dieser neuen Podcastreihe.
Zum Auftakt widmen wir uns dem Leben und dem Erbe von Annemarie Ackermann, der ersten Bundestagsabgeordneten mit donauschwäbischen Wurzeln. Sie wurde 1913 als Annemarie Eisenmann in Parabutsch, heute Ratkovo in der serbischen Batschka, geboren. 1944 flüchtete sie über Österreich nach Deutschland, wo sie in Landau in der Pfalz eine neue Heimat fand. 1953 zog Ackermann über die CDU-Landesliste Rheinland-Pfalz in den Bundestag ein, dem sie bis 1961 und noch einmal 1965 angehörte. Sie starb 1994 in Königswinter.
Um über ihr Leben, die Umstände von Flucht und Neubeginn und ihr Wirken als Politikerin zu sprechen, habe ich zwei bestens informierte Gäste eingeladen: Ria Schneider, die Tochter von Annemarie Ackermann, und Dr. Gudrun Hackenberg, Autorin des Buches „Das Geschenk der leeren Hände. Annemarie Ackermann – eine Biografie“, das 2024 bei danube books in Ulm erschienen ist.
Gudrun Hackenberg: Mein Name ist Gudrun Hackenberg. Ich habe Philosophie und Erwachsenenbildung studiert. Mein Interesse gilt besonders geflüchteten und entrechteten Menschen. Da mein eigener biografischer Hintergrund teils donauschwäbisch, teils schlesisch ist, hat mich diese Biografie besonders motiviert.
Der Ausgangspunkt war eine Donauschwaben-Reise, organisiert von Herrn Dr. Kührer-Wielach und, glaube ich, Traian Almașan. Dort haben Ria und ich uns mehr oder weniger zufällig kennengelernt. Ria stellte sich vor und erwähnte ihre Mutter. Da dachte ich mir schon: Das ist eine interessante Geschichte, da frage ich irgendwann einmal nach. Während Corona habe ich dann tatsächlich nachgefragt – und so kam es zu dieser Biografie.
FKW: Ja, auch herzlich willkommen, Ria Schneider.
Ria Schneider: Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Auch ich gehöre noch der älteren Generation an, die ihre Kindheit in der alten Heimat verbracht hat. Mit zwölf Jahren sind wir geflüchtet. Das will ich jetzt nicht ausführlich erzählen, nur so viel: Von da an hat sich vieles in meinem Leben geändert. Ich habe die ganze Tragik, viele Horrorgeschichten und riskante Abenteuer erlebt, die viele andere Flüchtlinge ebenfalls durchmachen mussten.
Ich hatte dabei immer das Gefühl: Meine Mutter schafft das mit uns. Sie war mit drei Kindern und einer Kinderfrau unterwegs. Sie hat nie gejammert und war nie verzweifelt. Sie war eine starke Frau und hat uns alle gut über die Runden gebracht. Für mich war sie ein Beispiel dafür, wie man so etwas bewältigen und durchhalten kann.
Das hat sich später fortgesetzt. Ich merkte, dass sie nicht wie andere Mütter nur „Heimchen am Herd“ war. Sie betätigte sich in sozialen Einrichtungen und nahm Anteil am politischen Geschehen. Das ist auch ein wenig auf mich übergegangen. Ich bin Jahrgang 1932, arbeite immer noch – ehrenamtlich natürlich – und betätige mich als Mundartforscherin.
FKW: Also viel zu tun, nach wie vor?
RS: Viel zu tun. Es wird nie langweilig.
Wie aus einer Begegnung ein Buch wurde
FKW: Vor einigen Jahren gab es diese Reise, bei der ich tatsächlich Reiseleiter sein durfte. Dort habt ihr euch kennengelernt, und daraus entstand die Idee zu diesem Buch. Gudrun, wie bist du dann dazu gekommen, wirklich zu sagen: „So, ich schreibe jetzt ein Buch über Annemarie Ackermann“?
GH: Von Ria habe ich erfahren, was ihre Mutter geleistet hat. Mir war es ein Anliegen, da tiefer einzusteigen. Mehrere Dinge fand ich besonders interessant: Annemarie Ackermann war selbst entwurzelt und hat es dennoch geschafft, anderen Heimat zu schaffen oder Heimat anzubieten. Sie hat, wie man heute sagen würde, Räume geöffnet, in denen Menschen einander begegnen konnten – und das in einer Zeit, in der so etwas noch gar nicht selbstverständlich war.
Sie hatte keine Berührungsängste mit dem öffentlichen Raum, sondern hat ihn immer wieder beansprucht: im Bauernverein, wo sie Gedichte rezitierte, ebenso später auf der politischen Bühne, wo sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Beeindruckt hat mich auch ihr großer Pragmatismus: ihr Umgang mit Leid, ihre Unerschütterlichkeit angesichts ungeheuerlicher Erfahrungen und zugleich ihr Humor.
Sie machte immer wieder einen Witz und gab auch gekonnt zurück, wenn sie beleidigt wurde. Zum Beispiel sagte sie einem österreichischen Grenzer: „Bei uns zu Hause war nicht der Misthaufen vor der Haustür.“ So redete sie. Selbstmitleid habe ich bei ihr nicht festgestellt, obwohl ihre Geschichte durchaus Anlass zu nachvollziehbarem Selbstmitleid gegeben hätte.
Sehr beeindruckt hat mich auch ihre Großmutter, die „Omami“ Rosina, die Annemarie Ackermann den Rücken stärkte und für sie da war, nachdem sie sehr früh Waise geworden war. Diese Stärke hat sie sicher auch von ihr mitbekommen. Interessant fand ich außerdem die Geschichte mit dem ältesten Sohn, der eigentlich der Sohn ihrer Schwester war. Nach dem Tod der Schwester heiratete Annemarie Ackermann deren Mann, um den Sohn aufzuziehen. Auch der Lebensweg dieses Sohnes Otto, der leider nicht gut ausging, hat mich sehr beschäftigt.
Es waren also so viele Schlaglichter, dass ich mir sagte: Ich bin selbst ein bisschen – manche gestehen es mir zu, nicht alle – donauschwäbischer Herkunft, und ich finde es einfach interessant, dass eine Frau mit einer Fluchtbiografie nach sieben Jahren einen solchen Weg hingelegt hat. Außerdem höre ich mir Geschichten sehr gern an, schreibe sie gern nieder, lese sie gern und gebe sie gern weiter.
Kindheit, Familie und frühe Prägungen
FKW: Diese Geschichte hast du nun aufgeschrieben. Beginnen wir am Anfang: 1913 wird Annemarie Ackermann in Parabutsch in der Batschka geboren. Wie du schon gesagt hast, verliert sie sehr früh ihre Eltern: den Vater im Ersten Weltkrieg, die Mutter kurz darauf. Ihre Großmutter wird ihre erste und wichtigste Bezugsperson. Man könnte sagen: Sie bekommt eine Familie geschenkt. Und auch ihr späteres Leben beginnt in gewisser Weise sehr pragmatisch, denn sie heiratet ihren Schwager. Was ist da passiert?
RS: Er war ein hoffnungsvoller Medizinstudent und noch nicht approbiert, als er Annemaries Schwester heiratete. Als diese im Kindbett starb, kam er an diesem Tag mit seinem Diplom aus Graz nach Hause. Für Annemarie führte kein Weg daran vorbei: Sie sprang für ihre Schwester ein und fühlte sich dem verpflichtet, was sie ihr am Sterbebett versprochen hatte – für das Kind zu sorgen und den Schwager zu heiraten.
Schwergefallen ist ihr das offenbar nicht. Er war ein hübscher junger Mann und von seinem Beruf überzeugt. Bald zogen sie aus dem Dorf weg, weil er sich als Zahnarzt weiterbildete. Sie gingen nach Novi Sad. Dort war er weit und breit der einzige Zahnarzt und bald sehr bekannt. Aus den umliegenden Dörfern kamen die Leute zu ihm: „Zum Doktor Ackermann, da wissen wir die Adresse, da gehen wir hin.“
Er behandelte nicht nur seine Landsleute. Er sprach auch Ungarisch und Serbisch und machte keinen Unterschied. Er hatte serbische und ungarische Kollegen; das Verhältnis war eng. Die Familie war bald wohlsituiert. Meine Mutter konnte es sich leisten, Hausangestellte zu haben, und musste sich nicht allein um die Kindererziehung kümmern. Zwei kleinere Geschwister kamen noch dazu; dann war das Haus mit vier Kindern voll. Meine Mutter lebte ihre Interessen: Sie musizierte gern, machte Handarbeiten, war gern in Gesellschaft, sang im Chor und spielte in einer Theatergruppe. Das änderte sich erst, als die Situation so gefährlich wurde, dass wir eines Tages flüchten mussten.
Die Batschka zwischen Alltag, Minderheitenpolitik und Krieg
FKW: Annemarie Ackermann wurde noch in der Donaumonarchie geboren, als Untertanin der Habsburger, wenn man so möchte. Die prägende Zeit in der Batschka verbrachte sie aber vor allem im Königreich Jugoslawien. Über diese Zeit heißt es oft, dass das Zusammenleben – zumindest auf politischer Ebene und im Umgang mit Minderheiten – schwieriger wurde. Wenn ich es richtig verstehe, hatte die Familie Ackermann auf persönlicher Ebene aber zunächst keine großen Schwierigkeiten.
RS: Nein, sie hatte keine großen Schwierigkeiten. Meine Mutter war sehr gern und immer wieder in Österreich. Sie verfolgte auch politisch, wie es dort zum sogenannten Anschluss kam. Für sie war es zunächst noch einfacher, hin- und herzureisen. Schwieriger wurde es, als sich der Zweite Weltkrieg auch bei uns bemerkbar machte. Man sollte sich äußern und nicht nur Anteil nehmen am Schicksal der „Reichsdeutschen“. Wir sagten „Reichsdeutsche“, wir waren die „Volksdeutschen“. Man sollte auch dazu beitragen, die Front zu stärken. Das wurde dann problematisch.
Der Jugoslawienfeldzug begann gewissermaßen vor unserer Haustür. Da war ich acht Jahre alt. In dieser Notzeit, in der niemand wusste, wie es weitergehen sollte, übernahm meine Mutter – wie ich erst später erfahren habe – für den Deutschen Kulturbund in Novi Sad sogar, Waffen zu schmuggeln. Das ist uns später natürlich auf die Füße gefallen.
Mein Vater war in dieser Zeit in den Karpaten eingesetzt, als Reserveoffizier und Sanitätsoffizier. Er war also weg von zu Hause. Meine Mutter brachte uns Kinder schnell ins Heimatdorf, musste selbst aber in Novi Sad bleiben. Sie war als Luftschutzwartin verpflichtet und engagierte sich in der Stadt. Unser Vater wusste davon nichts, bis es schließlich so weit kam, dass wir flüchten mussten.
GH: Interessant ist auch, dass es zwei Gruppen gab: die einen, die geflüchtet sind – die Flucht begann konkret am 7. Oktober 1944 –, und die anderen, die blieben, weil sie sagten: Eine Flucht sähe wie ein Schuldeingeständnis aus. Wir haben nichts zu verlieren, wir haben nichts getan, wir haben nichts verbrochen.
Letztlich wurden aber praktisch alle der Komplizenschaft mit den nationalsozialistischen Besatzern verdächtigt. Viele, die geblieben sind, landeten in Lagern. Das ist nicht die Erfahrung, die deine Mutter oder deine engere Familie gemacht hat, Ria, aber sie kam sehr häufig vor. Ich glaube, eine Tante hat diese Erfahrung gemacht, wenn ich mich richtig erinnere?
RS: Ja, die dann nicht rechtzeitig gegangen ist.
FKW: Gibt es über diese Zeit in den Archiven viel zu Annemarie Ackermann? Sie war damals ja noch ein unbeschriebenes Blatt. Worauf stützt du dich für diese Zeit im Buch – vor allem auf die Erzählungen von Ria Schneider?
GH: Ja, im Wesentlichen auf Rias Erzählungen. Ich habe sie dann mit historischen Darstellungen abgeglichen. Über Annemarie Ackermann selbst gibt es für diese frühe Zeit eigentlich nichts.
RS: Nein, sie ist nicht öffentlich als Volksrednerin oder Ähnliches aufgetreten. Das war nicht ihre Art.
FKW: Sie hat sich offenbar beim Schwäbisch-Deutschen Kulturbund engagiert, aber unauffällig oder zumindest nicht in den Akten.
RS: Man kam dort zusammen, musizierte, spielte Theater, traf sich bei Bällen und kulturellen Veranstaltungen. Sie wirkte überall mit. Im Rückblick höre ich oft, dort habe es Europa im Kleinen schon gegeben. Natürlich spitzte sich zuletzt das Verhältnis zum Staatsvolk immer stärker zu. Es gab Schikanen; man wollte die Deutschen nicht hochkommen lassen.
Die Schwaben hatten ein anderes Selbstverständnis: „Schaffe, schaffe, Häusle bauen“ war ihnen wichtiger, als große Reden zu schwingen. Im Grunde war man unpolitisch.
FKW: Das nützte am Ende nichts. Es kam zumindest zu einer kollektiven Vereinnahmung, die wenig Rücksicht auf Einzelmeinungen nahm. Bei Annemarie Ackermann können wir diese Einzelmeinungen heute kaum noch nachvollziehen. Man kann aber wohl sagen, dass sie als eher unpolitischer Mensch nicht besonders stark mit der großen ideologischen Veränderung befasst war.
RS: Sie pflegte gern deutsches Volksliedgut. Es gab Heimatdichter und Mundartdichter, die sie gerne vortrug oder empfahl. Man las damals Adam Müller-Guttenbrunn und anderes. Das ist aber nichts, was man ihr später als nationalistische Einstellung vorwerfen kann.
Ich sage es, wie es ist: Ich erinnere mich, dass uns abends vorgelesen wurde. Da war „Lederstrumpf“ dabei und vieles andere, was man Kindern abends vor dem Schlafengehen anbot. Einmal war auch ein Buch mit dem Titel „Mutter, erzähl von Adolf Hitler“ dabei. Das wurde uns ebenfalls vorgelesen. Für uns stand das damals neben „Lederstrumpf“, deutschen Heldensagen und anderem, was Kinder interessierte. Wir fanden nichts dabei. Unsere Kinderfrau hat das vorgelesen.
Flucht 1944: Trennung, Ungarn und der Weg nach Österreich
FKW: Das Problem war: Im Unterschied zu „Lederstrumpf“ war Adolf Hitler leider Realität. Dann kam der Moment des Aufbruchs. Können Sie sich daran erinnern? Ich glaube, Annemarie Ackermann und Vater Ackermann flüchteten getrennt beziehungsweise auf unterschiedlichen Routen.
RS: Ganz genau war es so: Meine Mutter hatte erfahren, dass ihr Mann, also unser Vater, nicht an der Front eingesetzt werden durfte, wenn fünf Kinder da waren. Also sorgte sie dafür, dass sie schwanger wurde. Sie fuhr zu ihm an die Front in die Karpaten. Er freute sich sehr und weinte, weil sie so tapfer war; es war ja auch riskant. Als es später hieß, wir müssten auf die Flucht gehen, war sie schwanger. Er durfte tatsächlich heimkommen und die Uniform ausziehen.
Er fühlte sich aber verpflichtet, im Dorf in unserem Haus eine Sprechstunde einzurichten. In einem Zimmer machte er einen kleinen Behandlungsraum, um deutsches Militär zu behandeln, das vorbeikam oder in der Nähe stationiert war. Das machte er kostenlos. Als es hieß, wir gingen auf die Flucht, sagte er: Selbstverständlich mache ich mit. Er packte seinen Röntgenapparat – damals etwas sehr Wertvolles –, Medikamente und anderes ein.
Aber er fuhr nicht mit uns auf dem Wagen, den wir von der Dorfgemeinschaft gestellt bekommen hatten. Er half uns beim Aufladen und sagte dann, er bleibe noch kurz da, um die zwei Schweine schlachten zu lassen. Außerdem holte er meinen ältesten Bruder, also seinen Sohn, damals 14 Jahre alt, aus dem Internat in Futok. Wir wollten uns dann Richtung Donau treffen; die Route führte Richtung Baja.
Dann wurde es ein einziges Chaos. Er erreichte uns nicht mehr, die Straßen waren verstopft. Wir kamen in Baja nicht über die Donaubrücke, weil das Militär auf dem Rückzug war. Also fuhren wir auf seltsamen Umwegen donauaufwärts: ohne ärztliche Versorgung, ohne Treckführer, ohne Plan. So verloren wir uns völlig aus den Augen.
Später hielten wir uns in Ungarn auf einem Bauernhof versteckt, wo meine Mutter als Stallmagd arbeitete. Weil sie perfekt Ungarisch konnte, sagte irgendein Bürgermeister: „Wir könnten Sie brauchen, als Bürohilfe. Sie müssen nur Ihren Namen ändern und einen ungarischen Namen annehmen.“ Da sagte sie: Alles, nur das nicht. Mein Mann würde uns nie wiederfinden, wenn wir nicht mehr denselben Namen haben. Wie sollte das Rote Kreuz uns dann finden?
Sie weigerte sich. Nach den Wahlen in Ungarn, als die Kommunisten siegten und die Kleinlandwirte-Partei verlor, kam die Parole auf, alle Flüchtlinge und alle Deutschen in Ungarn sollten ebenfalls in Lager gesteckt werden. Da sagte sie: Das machen wir nicht mit. Jetzt haben wir es so weit durchgehalten. Sie verkaufte Schmuck; Zahngold hatte sie auch noch in einem Beutel. Dann fand sie Schleuser und bezahlte sie teuer, damit sie uns über die grüne Grenze nach Österreich brachten.
FKW: Eine wilde Flucht, die im Buch gut nachzulesen und offenbar durch Erinnerungen und vielleicht auch Aufzeichnungen gut zu rekonstruieren war. Am Ende landen Teile der Familie Ackermann in Österreich. Gudrun, wie geht es dann weiter? Es werden ja schwere Jahre. Was hast du darüber gefunden?
GH: Zunächst ist festzustellen, dass Flucht bei ihr sehr gut als weibliche Erfahrung sichtbar wird. Flucht, Vertreibung oder Deportation sind sehr häufig weibliche Erfahrungen. Diese Perspektiven bleiben in der Geschichtsschreibung oft außen vor. Hier haben wir im Grunde eine Innenperspektive auf diese weibliche Erfahrung.
FKW: Nachvollziehbar – vor allem, weil Frauen oft allein mit den Kindern auf der Flucht waren.
GH: Mich hat beeindruckt, wie sie den Wagen mit dem Kindermädchen und den Kindern allein gelenkt hat. Wertvolle Gegenstände, etwa Schmuck, waren in Brote eingebacken. Wenn man etwas brauchte, holte man es wieder heraus.
FKW: Aber das Röntgengerät war nicht eingebacken; so ein großes Brot gab es dann nicht. [lacht]
RS: Ich glaube, das hatte mein Vater unterwegs verkauft. Er hatte sich dem Militär anschließen wollen, weil es schneller durchkam. Aber dort wurden sie eingekreist. Mein Bruder Otto, mein Stiefbruder, war dabei.
FKW: Der war also mit dem Vater unterwegs. Annemarie Ackermann war mit zwei Kindern unterwegs und mit einem dritten Kind schwanger. Sie bekommt dieses Kind dann in Österreich?
RS: Ja. Wir waren bei Wien gelandet, in einem Krankenhaus in Mödling. Die Geburtsstation war im Keller. Während eines Luftalarms bekam sie dort ihr Kind.
GH: Damit sind wir bei deiner Frage, wie es in Österreich weiterging. Vorher waren sie ja in Ungarn gewesen.
FKW: War Österreich eigentlich schon das Ziel oder war Deutschland das Ziel?
RS: Österreich war zunächst das Ziel, weil wir Verwandte in Wien hatten. Aber auch die waren aufs Land geflüchtet. Sie boten uns zwar eine Wohnung in einem Mietshaus an, dort war aber bereits eine andere Flüchtlingsfamilie untergebracht. Wir wurden dort ausgebombt, kamen in einen Außenbezirk von Wien und wurden auch dort ausgebombt. Als die Sowjetarmee Wien erreichte und die Wiener weiße Fahnen aus den Fenstern hängen ließen, waren wir wieder auf der Flucht, diesmal Richtung Salzburg. Das erreichten wir aber nicht. Wir landeten schließlich im Mühlviertel und wussten nichts von unserem Vater.
Wir waren im russischen Sektor von Wien gelandet und wurden von Bekannten aufgenommen. Inzwischen hatten wir erfahren, dass unser Vater sich in Oberösterreich bei Neusatzern gemeldet hatte. Irgendwie hatte sich herumgesprochen, dass er dort gelandet war. Meine Mutter wollte aus dem sowjetischen in den amerikanischen Sektor, was damals sehr schwierig war. Es gelang uns schließlich. Sie ließen Ausweise fälschen, verkleideten sich und unternahmen ganz riskante Dinge, damit wir über die Demarkationslinie kamen. Dort erwartete uns unser Vater.
FKW: Wo stieß der Vater wieder zur Familie?
RS: Zuerst in Wimsbach in Oberösterreich. Dann stellten wir fest: Wenn wir illegal eingewandert waren, bekamen wir keine Ausweise, keine Lebensmittelmarken, gar nichts. Also mussten wir ins Lager gehen. Freiwillig gingen wir in eines dieser schäbigen Barackenlager in Linz. Dort waren vorher Zwangsarbeiter untergebracht gewesen; es waren die VÖEST-Werke, die früheren Hermann-Göring-Werke. Riesige Baracken, verlaust und verwanzt.
Mein Vater sollte dort in der Sanitätsbaracke als Zahnarzt arbeiten. Aber kaum jemand unter den Lagerinsassen interessierte sich für Zähne oder Zahnbehandlungen. Die Menschen versuchten zu überleben. Die Cleversten waren Schwarzhändler; alle wollten vor allem nicht verhungern.
Österreich, Landau und der Weg in die Politik
FKW: Es folgen Jahre in Österreich, in Linz und Oberösterreich, an mehreren Orten. Schließlich trifft Annemarie Ackermann die Entscheidung, dass die Familie nicht in Österreich bleiben, sondern nach Deutschland gehen soll. Wie abenteuerlich sie diesen Plan vorantreibt, lässt sich im Buch gut nachlesen; das verraten wir hier vielleicht nicht im Detail.
GH: Der Grund ist aber wichtig: Als Flüchtling konnte man damals in Österreich kaum Arbeit bekommen, außer beim Schuttwegräumen oder Steineklopfen. Für die Familie war es nicht möglich, sich beruflich zu etablieren. Deshalb sagte sie: Wir müssen nach Deutschland. Hätte es in Österreich eine Möglichkeit gegeben, sich beruflich etwas aufzubauen, wären sie wahrscheinlich dort geblieben.
FKW: Trotzdem beginnt noch einmal ein neues, gewissermaßen drittes Leben: in Landau in der Pfalz. Und dort geht es dann aufwärts.
RS: Sie fand einen Weg, dass wir in Landau landen konnten. Das war französische Besatzungszone, und dort gab es eine Sperre: Man nahm keine Flüchtlinge mehr auf. Auf Schleichwegen setzte sie es trotzdem durch. Sie fuhr hin, bat den Landrat eindringlich und sagte: Wir wollen Ihnen nicht zur Last fallen, wir sorgen für uns selbst, lassen Sie uns doch. Schließlich klappte es.
FKW: Ihr war es dann offenbar ein Anliegen, sich rasch zu integrieren. Sie ging wirklich proaktiv in die Gesellschaft hinein: Einerseits engagierte sie sich für Vertriebene, andererseits brachte sie sich sofort vor Ort ein.
RS: Sie war dem Landrat dankbar, dass er diese Zuzugsgenehmigung ausnahmsweise ausgestellt hatte. Dann leistete sie im Landratsamt Dolmetscherdienste, weil sie perfekt Serbisch und Ungarisch konnte. Dort konnte man sie brauchen, und so kam sie zur Geltung. Man dachte: Diese Frau können wir brauchen, die laden wir ein, wenn wir nach Mainz fahren, wo gerade die Wahllisten für den nächsten Bundestagswahlkampf aufgestellt werden.
FKW: Das heißt, sie kam mehr oder weniger zufällig auf diese Liste? Man hat sie gewissermaßen als Quotenfrau daraufgesetzt – kann man das so sagen?
GH: Das glaube ich fast nicht. Ich glaube, es gab einen Moment, der sie qualifizierte: Es gab Kritik an Adenauer, und sie verteidigte ihn irgendwie frei heraus. Das wurde ihr sehr positiv ausgelegt.
RS: Sie hat sich in die Debatte eingemischt.
GH: Genau. Dann kam sie auf die Liste. Sie wurde nicht einmal gefragt, ob sie überhaupt daraufstehen wollte. Dazu gibt es Dokumente: Sie war einfach auf der Liste und sagte sinngemäß: Jetzt, wo ich draufstehe, ist es mir auch recht. Aber gefragt hat mich keiner.
RS: Man setzte sie auf Platz zehn, der ziemlich aussichtslos war. Da sagte man wohl: Sie ist eine Frau, das können wir brauchen; sie ist Flüchtling, das können wir brauchen; und katholisch ist sie auch, das können wir ebenfalls brauchen.
GH: Außerdem könnten ihre Sprachkenntnisse von Nutzen gewesen sein.
RS: Ungarisch, ja. Aber auf dieser Veranstaltung waren diese Sprachkenntnisse wohl nicht ausschlaggebend.
GH: Auf der Veranstaltung nicht, aber später kamen sie ihr natürlich zugute. Sie war eine der wenigen, die diese Sprachen konnte.
Im Bundestag: Ausschüsse, Quellen und politische Praxis
FKW: Dann kommt dieser große Wahlerfolg, und plötzlich bedeutet Platz zehn auf der Liste ein Mandat im Bundestag. Annemarie Ackermann rutscht fast zufällig in diese Rolle und ist von 1953 bis 1961 tatsächlich im Deutschen Bundestag aktiv, unter anderem in drei Ausschüssen: Sie kümmert sich um Vertriebenenfragen, sitzt im Lastenausgleichsausschuss und interessanterweise auch im Verteidigungsausschuss. Die ersten beiden Bereiche liegen nahe. Aber warum kam sie in den Verteidigungsausschuss?
GH: Sie selbst hat das, glaube ich, nicht angestrebt. Aber Frauen aus ihrem Wahlkreis wollten wissen, wie es ihren Söhnen als Soldaten geht: wie sie untergebracht sind, was mit ihnen passiert. Frau Ackermann kümmerte sich also auch um die Bedingungen in den Kasernen: wie sie ausgestattet waren, wie die Soldaten versorgt wurden.
Dazu gehört die Geschichte, dass Soldaten sagten, sie bekämen zu wenig zu essen und müssten zusätzlich Geld für Essen ausgeben. Dann unternahm sie selbst einen Flug und stellte fest, dass Fliegen tatsächlich sehr hungrig macht. In Fürstenfeldbruck wurde ihr, glaube ich, ein Flug mit dem Düsenjet angeboten, um kennenzulernen, wie so etwas ist. Sie und eine weitere Abgeordnete waren die Einzigen, die dieses Angebot annahmen. Hinterher sagte sie: Ja, das macht wirklich hungrig.
FKW: Das zeigt sehr schön, in welchem Spektrum sie arbeitete. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses bekam sie einerseits wieder eine Art Mutterrolle: Man schickte sie hin, um nachzusehen, wie es den Söhnen in dieser neu gegründeten Armee geht. Andererseits war sie – wie damals, als sie als erste Frau in der ganzen Region den Führerschein machte und mit dem Auto herumfuhr – diejenige, die gemeinsam mit ihrer Kollegin in den Düsenjet stieg, während die Herren offenbar darauf verzichteten. Das ist Mut und zugleich ein völliges Abweichen vom Klischee: Man hätte erwartet, dass sie am Boden bleibt und sagt, das sei nichts für sie.
GH: Die meisten nahmen wohl an, ihnen werde hinterher schlecht sein und sie würden völlig bleich zurückkommen. Aber dem war nicht so. Die beiden Frauen waren rosig und frisch – und sprengten damit wieder ein Klischee.
FKW: So ähnlich legte sie offenbar auch ihre Mandate an: sehr pragmatisch, wie ihr Leben überhaupt, vielleicht auch auf eine gewisse Art mütterlich – wenn man ihr das so zuschreiben darf –, aber zugleich mit einem ständigen Durchbrechen klassischer Rollenbilder.
GH: Genau, in dieser Ambivalenz bewegte sich das Ganze. Es waren übrigens mehr als drei Ausschüsse; sie stehen im Buch. Drei werden meist genannt, aber sie war in mehreren. Allerdings war sie nicht in allen regelmäßig präsent. Im Lastenausgleichsausschuss und im Vertriebenenausschuss war sie wirklich kontinuierlich dabei, in anderen Ausschüssen weniger regelmäßig.
RS: Das hast du recherchiert.
FKW: Das ist die Zeit, in der du wirklich auf Quellen zurückgreifen konntest. Was hast du gemacht, um die politische Biografie zu rekonstruieren?
GH: Ich war im Pressearchiv des Bundestags und habe die Ausschussprotokolle der Ausschüsse gelesen, in denen Annemarie Ackermann saß. Das war ergiebig, weil sie in mehreren Ausschüssen vertreten war. Dadurch gibt es verschriftlichte Dokumente. Allerdings hat sie sich nicht sehr häufig geäußert. Es gab Ausschussmitglieder wie Elisabeth Lüders, Maria Probst oder Margot Kalinke, die sich verbal sehr stark eingebracht haben. Annemarie Ackermann war zurückhaltender. Ich musste oft lange blättern, bis ich etwas fand, das sie gesagt hatte. Das war interessant: Sie war wohl etwas schüchtern, sagte aber durchaus immer wieder etwas – nur eben nicht sehr häufig.
RS: Von ihren Kolleginnen war sie sehr geschätzt. Ich habe später noch einmal mit einer ihrer Kolleginnen gesprochen, die später Ministerin in Baden-Württemberg wurde. Sie schwärmte von ihr: wie zuverlässig sie war, wie gut sie mitarbeitete, wie korrekt und pünktlich sie war. Es gab auch einen Verein der ehemaligen Bundestagsabgeordneten. Sie trafen sich später regelmäßig in Godesberg oder anderswo, und dort war sie ein gern gesehener Gast – auch als sie schon mit Krücken ging. Einmal habe ich sie sogar mit dem Rollator hingefahren. Zwischen früheren Kolleginnen und Kollegen zeigte sie sich gern und unterhielt sich mit ihnen.
Rednerin, Brückenbauerin und Konflikte in der Landsmannschaft
FKW: Sie war also eher an der Schnittstelle zu den Wählerinnen und Wählern tätig als jemand, die sich im Bundestag am Redepult exponierte. Reden konnte sie offenbar, vor allem spontan; nur waren das andere Bühnen als der Bundestag selbst.
RS: Bei großen Heimattreffen der Heimatvertriebenen habe ich sie als Rednerin in großen Hallen und vor riesigem Publikum erlebt. Sie fesselte die Leute wirklich. Sie konnte immer wieder etwas Humoristisches einwerfen oder in die Mundart wechseln. Das Publikum war gefesselt. Diese Gabe hatten nicht viele der Herren.
GH: Auch bei Wahlveranstaltungen war sie eine sehr gute Rednerin. Sie sprach frei und kam gut an.
FKW: Umso interessanter ist, dass sie später fast vergessen wurde. Wenn man dein Buch liest, wird deutlich, dass sie im Vergleich zu anderen Exponenten in der Landsmannschaft und in ihrer Gruppe schon zu Lebzeiten in den Hintergrund rückte.
RS: Ja, ja.
FKW: Und später auch in der Erinnerung. Woran kann das liegen? Sie war eine gute Rednerin und blieb den Menschen, die sie gesehen und gehört hatten, sicher im Gedächtnis. Warum spricht man erst jetzt, so viel später, wieder intensiver über sie?
RS: Es war der Neid der Politiker, also der vertriebenen Vorsitzenden aus den eigenen Reihen. Sie trat anders auf und kam beim Publikum sehr gut an. Das war irgendwie Neid.
GH: Neid könnte eine Rolle gespielt haben. Aber ich glaube, auch das Rollenbild war ein anderes. Bei den Donauschwaben war es sicher nicht üblich, dass eine Frau in die Mitte tritt und einfach sagt, was sie denkt. Das dürfte einzelne Landsleute irritiert haben. Sie vertrat nicht das klassische Rollenbild.
Außerdem vertrat sie Ansichten, die wohl nicht immer en vogue waren. Sie setzte stärker auf Einheit: darauf, mit einer Stimme zu sprechen, ob es nun um Ungarn, Rumänien, Serbien oder andere Herkunftsgebiete ging. Zugleich stellte sie fest, dass die Menschen in Deutschland oft überhaupt nicht wussten, wer die Donauschwaben sind und woher sie kommen. Innerhalb der donauschwäbischen Gesellschaft legte man dagegen großen Wert auf saubere Trennungen, weil die einzelnen Gruppen unterschiedliche Geschichten hatten. Jede Gruppe identifizierte sich so stark mit ihrem eigenen Schicksal, dass man das nicht in einen Topf werfen wollte.
Annemarie Ackermann versuchte dagegen, das Verbindende herauszukristallisieren, um verständlich zu werden und Brücken zur deutschen Bevölkerung zu bauen. Sie zeigte auch Empathie mit den Deutschen, die nun Menschen aus Ost- und Südosteuropa aufnehmen sollten, die ihnen fremd waren, und die auch noch Lastenausgleich organisieren sollten. Sie sah: Das ist für die Aufnehmenden ebenfalls nicht einfach. In diesem Sinn war sie eine Brückenbauerin – zwischen Landsmannschaften, aber auch zwischen Vertriebenen und deutscher Gesellschaft.
Ich glaube, gerade das sahen manche Landsleute nicht gern, weil sie stärker separierten und die eigene Kultur erhalten wollten. Bis heute ist es wohl ein Thema, ob man eher Einheit oder eher Differenz in den Vordergrund stellt. Für Annemarie Ackermann war dieses Brückenbauen extrem wichtig, um wirklich anzukommen. Es gibt ein schönes Statement von ihr: Jammern wir unserer Jugend doch nicht dauernd vor, was wir einmal besessen haben, sondern gehen wir beherzt in dieses neue Land und gestalten es gemeinsam mit den Deutschen, die hier ansässig sind.
FKW: Sie hatte also viele Fähigkeiten einer Vollblutpolitikerin, auch wenn sie eher zufällig Politikerin wurde. Vielleicht fehlten ihr aber die Netzwerke, die Männer aufgebaut hatten – das, was man in der Politik „Hausmacht“ nennt. Das ist wahrscheinlich wenig herauszulesen?
GH: Aus Gesprächen und Unterlagen ergibt sich, dass sie in gewisser Weise frustriert war. Sie hatte das Gefühl, innerhalb der Community nichts bewegen zu können. Die Männer, die in den Landsmannschaften das Sagen hatten – teilweise ist das, glaube ich, bis heute so –, konkurrierten stark miteinander, hielten letztlich aber doch zusammen. Das ist ein Widerspruch. Wenn sie etwas einbrachte, war es für sie als Frau schwierig, Anklang zu finden, weil sie diesen Zusammenhalt und dieses Netzwerk nicht hatte. Ein solches Netzwerk gab es für sie nicht.
RS: Eine Zeit lang war sie Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Jugoslawien. Aber sie gab das freiwillig wieder ab, weil sie sagte: Das sind solche Betonköpfe, mit denen kann ich die Ziele nicht verfolgen, die notwendig wären, um uns besser zu integrieren und in die Zukunft zu führen.
GH: Interessant ist, dass sie wirklich an einer Schnittstelle stand. Sie bekam mit, was die deutsche Bevölkerung brauchte und welche Informationen sie über diese Menschen vielleicht benötigte. Zugleich kannte sie die andere Seite, weil sie selbst eine von, wie sie sagte, „diesen Typen“ war, die eingebürgert wurden. Diese Schnittstellenfunktion hatte sie. Ich glaube aber, dass man sie nicht wirklich anerkannte oder nicht in ihrer Bedeutung sah.
RS: Viele wollten unter sich bleiben und ihr eigenes Süppchen kochen. Schön war für sie dann die USA-Reise: Dort wurde sie von den Donauschwaben eingeladen, in allen Bundesstaaten herumgereicht und sehr aufgenommen. Interessant war für sie auch, nach Afrika mitzukommen. Dort ging es um ganz andere Themen, etwa darum, die soziale Stellung der Frauen kennenzulernen und mitzuwirken, dass sich etwas verbessert.
GH: Das war ebenfalls bemerkenswert. Als CDU-Politikerin war sie nicht auf CDU-Leute fixiert. Sie war sehr offen und schloss eine gute Freundschaft mit Lucie Beyer, die SPD-Mitglied war. Die beiden erlebten in Afrika einiges gemeinsam und gewannen gemeinsame Erkenntnisse. Insgesamt war Annemarie Ackermann nicht verschlossen, sondern sehr offen.
Politische Bilanz: Lastenausgleich, Einbürgerung und ein neues „Wir“
FKW: Vielleicht half ihr dieser Pragmatismus auf der Wirkungsseite mehr, als er ihr parteipolitisch nützte. Wer Brücken in viele Richtungen schlägt und nicht immer ganz auf Linie ist, macht es sich parteipolitisch nicht leichter. Was kann man vorbringen, wenn man nach ihrer politischen Bilanz fragt? Was waren ihre Erfolge und Verdienste? Wo hat sie, und das war sicher ihr Ziel, etwas vorangebracht?
RS: Sie half sehr den Vertriebenen in Österreich. Diese fühlten sich von ihrer Politik allein gelassen. Es gab zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg einen Schwabenverein, weil viele Donauschwaben schon vorher in Österreich Fuß gefasst hatten. Aber die Vertriebenen in Österreich sahen mit Verwunderung und Unverständnis auf die Vertriebenen in Deutschland: Dort gab es Lastenausgleich, mit der Zeit auch Privilegien und staatliche Unterstützung. In Österreich hatten sie das alles nicht. Meine Mutter kämpfte sehr dafür. Sie legte sich mächtig ins Zeug, sprach mit österreichischen Stellen, mit Landeshauptleuten und in Wien – und erreichte viel.
GH: In Deutschland wirkte sie im Lastenausgleichsausschuss an der Festsetzung der Bemessungsgrundlage mit. Es gab Sitzungen bis in die Nacht, tage- und wochenlang; das müssen regelrechte Marathons gewesen sein. Sie wies darauf hin, dass viele völlig falsche Vorstellungen davon hatten, wie die Donauschwaben gelebt hatten. Manche dachten, sie hätten in Hütten gelebt, auf schlechtem Grund und Boden. Da war sie aktiv, um eine ordnungsgemäße Bemessungsgrundlage durchzusetzen.
Ein weiteres wichtiges Feld war die Einbürgerung der Flüchtlinge aus dieser Zeit nach Deutschland. Das war keine Selbstverständlichkeit. Viele hatten ja formal eine andere Staatsbürgerschaft und waren rechtlich keine Deutschen. Im Parlament gab es Stimmen, die fragten, warum man diese Menschen einbürgern solle. Einer, ich glaube Ritter von Lex, soll sinngemäß gesagt haben, man könne doch nicht verlangen, dass man diese ganzen „Typen“ einbürgere. Darauf echauffierte sie sich und sagte: „Typen? So eine Type bin ich auch.“ Sie setzte sich sehr dafür ein, dass die Einbürgerung geschah. Das muss man ihr hoch anrechnen; es ist eine Errungenschaft mit Wirkung bis heute.
FKW: War das auch eine Motivation für dich, dieses Buch zu schreiben: zu zeigen, wie man für Flüchtlinge, Vertriebene und Integration wirkt?
GH: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass hierzulande gar nicht so bekannt ist, dass Vertriebene und Flüchtlinge aus Ost- und Südosteuropa keineswegs mit offenen Armen empfangen wurden. Man wollte sie vielfach nicht haben. Obwohl sie deutsch waren, wirkten sie fremd: Sie hatten Gebräuche anderer Länder angenommen, aßen andere Gerichte, sahen anders aus, trugen andere Trachten. Viele fanden nicht, dass sie dazugehörten. Auch wenn sie Deutsch sprachen, war vieles anders. Man wollte nicht selbstverständlich, dass sie eingebürgert wurden.
Oft stellt man sich vor, alle seien dann irgendwie zusammen gewesen und hätten sich gleich gemocht. So war es nicht. Annemarie Ackermann sagte selbst: Leider mochte uns keiner. Wir kamen nach Landau, und niemand mochte uns. Als sie fragte, wann man denn gemocht oder akzeptiert werde, bekam sie die Antwort: Wenn du zwanzig Jahre auf dem Friedhof liegst, könnte es klappen. Dann lebt man natürlich nicht mehr. Es gibt ähnliche Vorstellungen, nach denen erst ein paar Generationen auf dem Friedhof liegen müssten, bevor man akzeptiert wird.
FKW: In deinem Buch heißt es, sie habe an einem neuen „Wir“ gearbeitet. Das ist eine schöne Formulierung. Ich habe den Verdacht, dass das wirklich ihr Anliegen in der Integration war: dieses „Wir“ auszubauen, umzubauen, zu transformieren. Es kamen unglaublich viele Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler; dieser Zustrom hörte ja nicht auf. Man tritt als Flüchtling nicht einfach einer Gesellschaft bei, man verändert sie auch mit.
Dafür steht sie: Sie stellt sich hin und sagt gewissermaßen, wir sind jetzt wir – nicht ihr und ich, sondern wir gehören zusammen. In einem oft schwierigen Interpretationsfeld von Volksdeutschtum hat sie vielleicht das Beste für eine Gesellschaft herausgeholt, ohne sich ideologisch zu verzetteln.
RS: Kann man so sagen.
FKW: Das ist unglaublich viel. Es hat vielleicht mit ihrem Pragmatismus und mit einer gewissen Distanz zur Ideologie zu tun. Sie war kein sehr ideologischer Mensch.
RS: Nein, das kann man nicht sagen.
GH: Sie stellte auch fest, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist. Man wird nicht nur integriert; man muss selbst auch etwas tun. Es ist ein Prozess zwischen der aufnehmenden Gesellschaft und der Gesellschaft, die dazukommt.
FKW: Aber sie war auch streng mit ihren Landsleuten. Sie sagte: Integriert euch.
GH: Ja. Sie sagte: Tut euch nicht leid, und schaut nicht immer nur zurück, sondern auch nach vorne. Das ist vielleicht ihre größte Besonderheit – und etwas, das manche bis heute nicht tun. Im Buch beleuchte ich auch eine Art Zeitzuflucht, die aus dem Trauma heraus entstehen kann. Für eine verletzte Seele kann es tröstlich sein, auf eine Zeit zurückzublicken, in der angeblich alles schön war.
Aber die Anforderungen heute wären andere: Wenn wir als Geflüchtete ankommen und integriert werden, müssen wir auch für diese Staatsform kämpfen, in der wir jetzt leben – für die Demokratie. Wir müssen uns hier starkmachen und überlegen, welche Werte wir mitgebracht haben und was wir in die jetzige Gesellschaft einbringen können. Womit können wir sie befruchten? Solche Dinge hätte Annemarie Ackermann mit Sicherheit vertreten.
Frauenpolitik und Rollenbilder
FKW: War sie eigentlich Feministin?
GH: Das ist eine gute Frage. Sie hat sich natürlich nie als Feministin bezeichnet. Es kommt darauf an, wie man Feministin definiert. Wie definierst du das?
FKW: Ich definiere das jetzt gar nicht. Ich frage mich, wie sie damit umging. Sie hatte Frauenthemen und vertrat sie lautstark. Andererseits bemerkte sie immer wieder die gläserne Decke. War die Emanzipation an sich ein Antrieb für sie, oder hat sie darüber vielleicht gar nicht in diesen Begriffen nachgedacht?
GH: Ich denke schon, dass sie darüber nachgedacht hat. Sie interessierte sich stark für Frauenthemen und trat einem Verein bei, der Frauen ermutigen wollte, sich politisch zu betätigen, sich einzubringen oder wenigstens wählen zu gehen – dem Verein der Wählerinnen, glaube ich. In dieser Richtung war sie aktiv. Ob man das speziell feministisch nennen soll, weiß ich nicht. Aber es war sehr demokratisch gedacht: nicht nur für Männer, sondern für alle.
FKW: Wahrscheinlich hätte sie gesagt, sie sei keine Feministin.
GH: Damals hätte sie das wohl nicht so gesagt. Vielleicht würde sie es heute sagen.
Das Buch: romanhafte Biografie und Zeitgeschichte
FKW: Gibt es noch Aspekte, die wir hier besprechen sollten? Ich frage das in meinem Podcast gern: Haben wir etwas vergessen? Es gibt natürlich noch viel zu sagen, aber das kann man nachlesen. Jetzt wäre noch Gelegenheit, etwas hinzuzufügen oder auch auf das Buch selbst hinzuweisen.
GH: Das Buch ist als romanhafte Biografie geschrieben. Ich habe versucht, Lebendigkeit hineinzubringen. Zugleich sind die wissenschaftlichen Fakten fundiert. Ich denke, dass es gut zu lesen und spannend ist. Manche sagen, sie hätten es an einem Tag durchgelesen.
RS: Das hat mein Sohn auch gemacht. Dieses Kunststück hast du vollbracht: Es ist keine reine Biografie, sondern zugleich ein Stück Zeitgeschichte – auch für Menschen, die sich für Politik interessieren oder hier Nachholbedarf haben.
GH: Interessant ist, dass das Buch ein großes historisches Panorama öffnet. Vor dieser Zeitgeschichte erlebt man die Biografie und lernt en passant die zeitgeschichtlichen Fakten. Es ist nicht trocken; man bekommt diese Zusammenhänge einfach mit.
FKW: Man sieht, dass du einordnest, Vergleiche ziehst, immer wieder kurz hinauszoomst von der Biografie auf die allgemeine Ebene und den Kontext erklärst. Man erfährt also vieles, was nicht nur mit Annemarie Ackermann selbst, sondern auch mit den Umständen der Zeit zu tun hat.
Und einem bleibt fast die Luft weg, wenn man bedenkt: 1913 in der Batschka geboren, noch unter ungarischer Krone, und gut 80 Jahre später stirbt sie als ehemalige bundesdeutsche Abgeordnete. Ich frage mich oft, was Menschen sagen würden, wenn man ihnen im Voraus sagte: Pass auf, was du jetzt vor dir hast. Gerade jemand, der in dieser Zeit geboren wurde und schon einen Weltkrieg erlebt hatte – wenn man ihr vielleicht zur Hochzeit gesagt hätte: Ich kann dir deine Zukunft voraussagen. Manchmal will man es vielleicht gar nicht wissen.
RS: Unglaublich, es ist einfach unglaublich. Und du hast eine schöne Mischung gefunden, sodass es auch für Leser spannend wird, die sich im Grunde nicht mit diesem Thema beschäftigt haben.
GH: Ich hoffe, dass mir das gelungen ist: dass man die Dinge einordnen kann. Ich denke schon.
RS: Die Donauschwaben sind ja verschrien dafür, dass sie keine Bücher lesen. Da gibt es doch dieses Gedicht [unklar], in dem es heißt: Wenn das Buch ein Schinken wäre, dann könnten wir es schätzen und verstehen. Es sei auch nicht so nützlich wie Fensterputzen oder sonst etwas. Man könne seine Zeit also auch mit anderem verbringen als mit Lesen.
FKW: [lacht] Da darf jeder selbst entscheiden, ob er oder sie dazu steht. In diesem Fall würde ich aber empfehlen, das Buch doch zu lesen. Es ist auch kein Schinken, sondern relativ schlank: gut lesbar, kurzweilig und zugleich ein erreichbares Ziel. In kompakter Form kann man darin unglaublich viel lernen – auch wenn man kein Donauschwabe oder keine Donauschwäbin ist und keine vertriebenen Großeltern oder Eltern hat. Es ist ein Buch für alle, die verstehen wollen, was Europa war, was es ist und was es vielleicht in ganz veränderter Form wieder einmal sein kann.
GH: Danke, Florian.
FKW: Ich danke euch auch.
Abschluss
FKW: Das war unsere erste Folge der SPIEGELUNGEN-Podcastreihe „Zeitzeugnisse“ über das Leben der donauschwäbischen Politikerin Annemarie Ackermann. Zu Gast bei mir waren ihre Tochter Ria Schneider und ihre Biografin Dr. Gudrun Hackenberg.
Ihr Buch „Das Geschenk der leeren Hände. Annemarie Ackermann – eine Biografie“ erhalten Sie im gut sortierten Fachhandel sowie direkt beim danube-books-Verlag. Ausführlich mit Ria Schneider hat sich auch Lilia Antipow für das HDO-Magazin 2024 unterhalten. Das Magazin widmet sich dem Thema „Pionierinnen, Visionärinnen, Kämpferinnen – Frauen aus dem östlichen Europa“ und ist auch online abrufbar.
Hinweis: Dieses Transcript wurde mit Hilfe von KI erzeugt und von uns redaktionell überarbeitet.
Gudrun Hackenberg: „Das Geschenk der leeren Hände“ bei danube books
HDO-Journal 2024: „Pionierinnen, Visionärinnen, Kämpferinnen – Frauen aus dem östlichen Europa“
Redaktion: Florian Kührer-Wielach
Produktion: Paula Ruppert
Verwendete Musik:
Alexander Borodin, Streichquartett No. 2, D-Dur; Interpreten: Musopen String Quartet (Lizenz: PDM 1.0)
Eine Produktion des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, gefördert durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Weitere Beiträge in Text, Bild und Ton finden Sie unter www.spiegelungen.net.
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