https://doi.org/10.82486/sp.2026.10.2970

Helen Oplatka-Steinlin: 130 Jahre Glarner Exporthandel

Wer den Begriff „Wirtschaftsgeschichte“ ausschließlich mit nüchternen Firmenbilanzen und Statistiken assoziiert, die für Laien oft nur schwer nachvollziehbar sind, wird durch die zweibändige Monografie von Helen Oplatka-Steinlin eines Besseren belehrt. In ihrem Werk, einer gelungenen interdisziplinären Symbiose von Wirtschafts-, Politik- und Kulturgeschichte, porträtiert die Autorin die Entwicklung einer mittelständischen Schweizer Kattundruckerei und ihrer Handelsbeziehungen nach Südosteuropa und darüber hinaus. Hinter dem bescheiden als Firmengeschichte formulierten Buchtitel verbirgt sich ein umfassendes Porträt in einem breiten Kontext. Neben dem umfangreichen, eingängig geschriebenen Text illustrieren zahlreiche Zitate aus dem Firmenarchiv und reproduzierte Bild-, Dokumenten- und Sachquellen exemplarisch ein Kapitel europäischer, zum Teil globaler Verflechtungsgeschichte.

Der Schweizer Kanton Glarus besteht geografisch aus dem Einzugsgebiet des Flusses Linth und gilt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert als am stärksten industrialisierte Region der Eidgenossenschaft. Die schwierigen topografischen Verhältnisse mit extremen Höhenunterschieden auf einer relativ geringen Gesamtfläche und die geringe Bodengüte lenkten die Glarner Bevölkerung bereits frühzeitig zu nichtagrarischen Erwerbsquellen. Eine lohnenswerte ökonomische Option boten unter diesen Voraussetzungen die Textilproduktion und -veredelung. Zahlreiche exportorientierte Firmen entstanden im 18./19. Jahrhundert in Glarus. Eine von ihnen war die 1803 ins Leben gerufene Handelsgesellschaft Luchsinger & Streiff, die sich ab 1823 auf die Tuchdruckerei verlegte. Über eine in Triest gegründete Tochterfirma etablierte sie sich erfolgreich im Orienthandel.

Die Teilung der Firma (1836) und eine Rezession in den 1840er-Jahren führten zu erheblichen Verlusten, von denen sich das Unternehmen erst in den 1860er-Jahren wieder regenerierte. In jener Zeit avancierte Südosteuropa zu einem geografischen Ausfuhrschwerpunkt. Die Glarner Textildruckerzeugnisse gelangten über Wien in die Vereinigten Fürstentümer Moldau und Walachei und ins südliche Russländische Reich, etwa nach Bessarabien und Odessa. Ein zweiter Ausfuhrstrang führte über Italien in die multiethnischen europäischen Provinzen des Osmanischen Reichs, wo insbesondere in Saloniki (gr. Thessaloniki) eine erhöhte Nachfrage bestand.

In der Langzeitperspektive wird deutlich, wie sich ökonomische Gesamtkonjunkturen, aber auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen auf das Wohlergehen der Firma auswirkten. Die Autorin geht in diesem Zusammenhang beispielsweise sowohl auf Ausfuhrzölle der Schweiz als auch auf Einfuhrzölle mancher Zielländer ein. Durch geschicktes Agieren von drei Generationen an der Spitze des Familienunternehmens gelang es über Jahrzehnte, manche Hindernisse zu umschiffen. Die Krisen des frühen 20. Jahrhunderts, die Balkankriege, der Erste Weltkrieg, Grenzveränderungen und die Gründung neuer Nationalstaaten auf den Ruinen der zerfallenen Imperien setzten hingegen den etablierten Handelswegen ein Ende. Hinzu kam der kulturelle Wandel, etwa die neuen Kleidungsordnungen in der Türkischen Republik unter Kemal Atatürk. Wie viele der Glarner Textilunternehmen musste auch die Firma Streiff in dieser Rezessionsphase ihre Produktion einstellen: 1927 erfolgte deren Liquidation. Geblieben ist ein wohlgeordnetes Unternehmensarchiv, heute im Glarner Wirtschaftsarchiv verwahrt, anhand dessen Beständen sich die Entwicklung der Firma, ihr Aufbau, ihre inneren Betriebsabläufe und ihre Außenbeziehungen minutiös nachvollziehen lassen.

Besonders eindrucksvoll sind die Beschreibungen der Geschäftsreisen von Firmenangehörigen oder Handelsvertretern im südosteuropäischen Raum. 1848 etwa machte sich Rudolf Streiff von Triest auf den Weg nach Griechenland und ins Osmanische Reich, bis nach Beirut. Er stellte bei der Kundschaft im Orient eine starke Nachfrage nach „grellen Farben“ fest.

Nicht selten unterbrachen Kriege und Krankheiten die wirtschaftlichen Aktivitäten – etwa der Ausbruch der Cholera, der Krimkrieg, der Russisch-Türkische Krieg von 1877 oder die Balkankriege. Außerdem wirkten sich die jeweiligen politischen Verhältnisse unmittelbar auf die Behandlung von Handelsreisenden aus. Das Vorgehen der Habsburger gegen die ungarischen Aufständischen 1848/49 bedingte etwa, dass Fritz Streiff 1851 tagelang in Orschowa (rum. Orșova) auf eine Einreisegenehmigung ins Fürstentum Walachei warten musste. Solche Erschwernisse kamen zu den von der Natur vorgegebenen Problemen einer Reise in den Südosten hinzu. Auf seiner Reise kam Streiff unter anderem in die moldauischen Städte Galatz (rum. Galați) und Jassy (rum. Iași). Beiläufig erfahren die Leser aus den zeitgenössischen Briefen und Berichten von landestypischen kulturellen Gewohnheiten und Brauchhandlungen der bereisten Gegenden. Neben ihrem reinen Informationsgehalt vermitteln solche Textauszüge auch schlaglichtartige Einblicke in die Stereotypenwelt westlicher Betrachter.

Nach dem Pariser Frieden von 1856 wurde Bessarabien, das Land zwischen Pruth und Dnjestr, als Absatzmarkt interessant; dort waren seitens der Kunden insbesondere Blumenmuster gefragt. Die zahlreichen, in hervorragender Bildqualität wiedergegebenen Musterzeichnungen und Stoffmuster belegen eindrucksvoll, wie sich die Produktion auf die neuen Märkte in Südosteuropa einstellte. An die Stelle herkömmlicher Blumenmotive traten orientalistisch beeinflusste Dekore. In der Tat veränderte sich auch die Palette der verwendeten Druckfarben – von gedeckteren Tönen hin zu den „grellen Farben“, die Rudolf Streiff angesprochen hatte. Auch die Produktion von Kopftüchern – motivisch abgestimmt auf die religiöse Orientierung der christlichen, muslimischen oder jüdischen Abnehmerschaft und auf regionale Besonderheiten – erweiterte das südosteuropäische Sortiment der Firma. Belgrad und Odessa spielten nach dem Ende des Krimkriegs eine wachsende Rolle als Marktorte.

In ihrer Darstellung der Firmengeschichte folgt Helen Oplatka-Steinlin im Wesentlichen einer chronologischen Ordnung mit einer Reihe sachbezogener oder regionalspezifischer Einschübe. Der erste Band widmet sich der Zeit von der Firmengründung bis ins letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, während der schmalere zweite Band hier einsetzt und die weitere Geschichte bis zur Einstellung der wirtschaftlichen Aktivitäten schildert. Im Anhang listet die Autorin die von ihr rezipierten Archivquellen und Forschungsarbeiten auf. Eine Abfolge historischer Landkarten des südosteuropäischen Raums visualisiert die territorialen Veränderungen, die dort im Untersuchungszeitraum erfolgten. Ein Einlegeblatt mit den genealogischen Verhältnissen der Firmendynastie macht es Außenstehenden leicht, die Familienbeziehungen der erwähnten Protagonisten nachzuvollziehen.

Die detailreiche Darstellung der Firmengeschichte und ihrer internationalen Verflechtungen auf der Grundlage der Glarner Überlieferung ist ein außergewöhnliches Werk – eine ästhetisch vermittelte Firmengeschichte, die aufzeigt, wie stark die unterschiedlichen Teile Europas und auch die benachbarten Kontinente im 19. und im frühen 20. Jahrhundert wirtschaftlich interagierten. Das zweibändige Werk von Helen Oplatka-Steinlin steht als ein geschlossenes Firmenporträt für sich, eröffnet aber auch Perspektiven für weitere historische und kulturwissenschaftliche Forschungen. Textilkunde, Konsumgeschichte, Ottoman Studies – dies sind nur drei der zahlreichen anschlussfähigen Disziplinen, die dem Rezensenten auf Anhieb in den Sinn kommen. Die intensiven Handelsbeziehungen dieses Schweizer Betriebs nach Südosteuropa haben sicherlich auch dort Spuren hinterlassen. Es wäre also durchaus reizvoll, die Textilbestände regionaler Museen in Rumänien, der Republik Moldau und der Ukraine zu sichten sowie in den Überlieferungen der dortigen Archive Belege für die Beziehungen zu ermitteln. Mit Sicherheit waren Glarner Textilien auch beispielsweise in den Haushalten wohlhabenderer deutscher Kolonisten in der Dobrudscha und in Bessarabien in Gebrauch. Da sie motivisch und farblich an die regionalen Geschmacksnormen angepasst waren, dürfte den Konsumenten die Herkunft aus der Schweiz möglicherweise gar nicht bewusst gewesen sein. In der Regel fragen auch in der heutigen globalisierten Wirtschaft Konsumenten nur selten danach, woher die von ihnen benutzten Textilien und Kleidungsstücke stammen, ob aus Ländern Fernasiens, aus Bangladesch oder aus der Türkei…

Helen Oplatka-Steinlin: 130 Jahre Glarner Exporthandel. Band 1: Luchsinger & Streiff. Gebr. J. & J. R. Streiff. Zum Textildruckschaffen von 1803 bis 1890. Glarus: Baeschlin 2025. 364 S.; Band 2: Gebr. J. & J. R. Streiff. Gebr. J. & J. H. Streiff. Zum Textildruckschaffen von 1890 bis 1927. Glarus: Baeschlin 2025. 197 S.