Den Osteuropäer gibt es genau so wenig, wie es den homo sovieticus nie geben konnte. Während hinter „Osteuropäer“ lediglich „eine Bequemlichkeit für Außenstehende, ein Sammelbegriff, hinter dem sich ein ganzes Nest von Stereotypen verbirgt“ (Andreas Neumann), steht, stellt der kommunistisch angestrebte, einst moderne Mensch den gescheiterten soziopolitischen Homogenisierungsversuch zur Schaffung eines „Kollektivsingulars“ (Klaus Gestwa) dar. Beide theoretischen Konstrukte – jenes eines Osteuropäers und eines homo sovieticus – stehen im Widerspruch zu dem, was die Länder im ehemals geopolitischen Block Osteuropas und insbesondere Rumänien auszeichnet: Vielfalt – ethnische wie auch religiöse. Genau hier setzt der Sammelband Ethnische Minderheiten in Rumänien im 20. und 21. Jahrhundert an. Darin vereint das Herausgeberduo Hans-Christian Maner und Rainer Ulrich fünf Fachbeiträge über die kleinen Minderheiten im Überblick sowie über historische und über zahlenstarke Ethnien. Eingebettet in den gesellschaftspolitischen Kontext, wird neben der Relevanz der jeweiligen Minderheit auch der Umgang mit ihr durch den Staat sowie die Mehrheitsbevölkerung beleuchtet.
Der aktuelle Bezug des Buchthemas ist gegeben: Heute führt Russland einen atavistischen Krieg, der anfangs vorgeblich zum Schutz der russischsprachigen Minderheit in der Ukraine und nun zur Rückführung einer bestrittenen slawisch-ukrainischen Minderheit in das russische Mutterland dienen solle, um folglich an ihr einen kulturellen Ethnozid zu begehen. Das führt uns nicht etwa die Bedeutung der Ethnien für einen Diktator vor Augen, sondern deren Relevanz für die Menschen. Die Geschichte Osteuropas und insbesondere Rumäniens ist keine langer königlicher Erbdynastien. Es ist die Geschichte von armenischen Kaufleuten, jüdischen Dichtern, ungarischen Beamten, Zipser Holzarbeitern, rumänischen Hirten, Lipowaner Fischern, unterdrückten Roma, deutschen Patriziern, Bauern und vielen anderen mehr.
Der Werdegang Rumäniens, ausgehend von zwei vereinigten Fürstentümern mit einem geringen jüdischen Bevölkerungsanteil von vier Prozent hin zum Staat moderner Prägung am Anfang des 21. Jahrhunderts – mit zwischendurch fast 30-prozentigem Anteil ethnischer Minderheiten in der Zwischenkriegszeit –, war lange von der vordringlichsten Aufgabe geleitet, einen neuen Ursprung für sich als Nationalstaat zu finden. Dementsprechend wechselvoll verlief die Minderheitenpolitik zwischen Inklusion über „mitwohnende Nationalitäten“ hin zur Exklusion. Wird sie in der EU zur Normalität?
Über Diskriminierung, Integration und Assimilation führt einleitend Hans-Christian Maner an Zusammenhänge zwischen Nationalismus- und Minderheitenforschung heran. Er klärt den feinen Unterschied zwischen ethnischer und nationaler Minderheit und beschreibt den Wandel der Begriffsbedeutung in Rumänien wie auch in internationalem Kontext. Der Autor benennt die 19 staatlich anerkannten Ethnien. Knapp, aber auch für Ortsunkundige gut verständlich geht er auf weniger bekannte Minderheiten ein. Es ist, als lese man an der Siedlungskarte ethnischer Minderheiten in Rumänien sowie deren demografischen Veränderungen die neuere Geschichte im Umfeld Rumäniens ab.
Mariana Hausleitner zeichnet das stetige Ringen um Anerkennung und Einbürgerung sefardischer Juden und der Aschkenasim auf, was mit äußerem Druck erst nach den Friedensverträgen von Paris 1919 schrittweise gelang, um dann von Faschisten wieder aufgehoben zu werden. Die Autorin schafft es auf insgesamt nur 14 Seiten zudem, mit dem Narrativ vom Tod als einem Meister aus Deutschland aufzuräumen: In Großrumänien lebten damals mehr Juden als im Deutschen Reich, und es waren maßgeblich Rumänen, die sich ihrer entledigten – in Massakern, Pogromen, Todeslagern in Transnistrien und später durch Verkauf nach Israel. Man könnte meinen, die Täter waren Faschisten und später Kommunisten. Tatsächlich aber beschreibt die Historikerin das krasse Missverhältnis zwischen ethnischer Minderheit und Mehrheitsbevölkerung auf dem aktuellen Stand der Forschung.
Während der Vertrag von Versailles 1919 keinen nachhaltigen Frieden zwischen Deutschland und Frankreich schuf, konnte jener von Trianon 1920 keine Regelung finden, die Ungarn und Rumänien befriedete. Er war Ausgangspunkt eines 100-jährigen oszillierenden Verhältnisses „zwischen den Extremen Ablehnung und Regierungsbeteiligung“ (S. 55) von ungarischer Minderheit und rumänischem Staat, wie es Ralf Thomas Göllner auf den Punkt bringt. Vertane Chancen und die Grenzverschiebungen von 1920 sowie 1940 führten zu massiven Fluchtbewegungen nicht nur bei der ungarischen Minderheit. Göllner räumt zudem mit einer unter Ungarn verbreiteten These auf: „Auch wenn sich die ‚Kleine Kulturrevolution‘ nicht in erster Linie gegen die Minderheiten richtete, war das Ergebnis eine tiefe ethnische Spaltung des Landes und der Gesellschaft“ (S. 65) durch Ceaușescu. Beispielsweise sollten außerhalb der angestammten Heimatregion verordnete Arbeitsstellen vorrangig den Menschen aus seinem sozialen Umfeld entwurzeln und in Abhängigkeit vom Staat versetzen. Damit fehlten zum Beispiel ungarische Lehrkräfte an ungarischen Schulen – als (willkommener) Nebeneffekt und nicht als Hauptmotiv. Gezielt benachteiligt war die gesamte Gesellschaft des Landes, was jedoch unter den Minderheiten besonders rasch und krass spürbar war. Einmal mehr ist festzustellen: Die Minderheitenpolitik einer Regierung ist ein Gradmesser für deren Demokratieverständnis für die Mehrheitsbevölkerung.
Eine weitreichende doppelte Loyalität macht Konrad Gündisch als Leitmotiv in der Politik der Minderheit der Deutschen in Rumänien aus. Er zeichnet mit viel Empathie die Alltagsfolgen einerseits für das solidarische Zusammenleben in den diversen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen und andererseits für die Loyalität zu dem Staat, in dem sie lebten. Verhängnisvolle Ausnahme war die Phase ab 1931, als sich Deutsche nach vertraglich unerfüllten Minderheitenrechten und wirtschaftlich existenziellen Benachteiligungen zunehmend dem (externen) Deutschen Reich zuwandten, das sie für eigene Zwecke zu instrumentalisieren wussten. Das sei „durch die jahrhundertelang gepflegte Abschottung gegenüber Nachbarn anderer Herkunft, anderen Standes oder anderen Glaubens“ (S. 96) begünstigt worden. Zum Neuanfang rief der von Nazis geschasste Politiker Hans Otto Roth seinen deutschen Landsleuten am 31. August 1944 zu: „Die Treue zum Staat war durch Jahrhunderte unverrückbare Grundlage unseres völkischen Lebens. […] Darum stellen wir uns loyal auf den Boden der neugeschaffenen Ordnung“. (S. 99) Doch das dafür erforderliche übergreifende „Wir-Gefühl“ hatte sich nicht einstellen können und wurde von der nationalkommunistischen Diktatur hintertrieben. Das Konzept der doppelten Loyalität ging nicht mehr auf, und die Deutschen wurden zu einer mutmaßlichen Minderheit auf Abruf.
Als sei es eine von Gott gegebene Gewissheit, wurden in Rumänien Roma wie Sklaven sowohl in orthodoxen Klöstern als auch vom Landadel noch lange nach Verbot der Leibeigenschaft gehalten – teilweise bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch werden Roma gesellschaftlich marginalisiert und ausgegrenzt. Marian Luca gelingt es, objektiv zu erklären, was nicht nur in Rumänien schwer zu akzeptieren ist: das Ausmaß der Tabuisierung der ethnischen kulturellen Rechte – sowohl staatlich als auch gesellschaftlich. Aufgrund fehlender maßgeblicher Fürsprecher wurden Nichtdiskriminierungsgesetze und -maßnahmen erst im Nachgang des EU-Beitrittes in die Wege geleitet, obwohl Antirassismus eine vorformulierte Beitrittskondition war. 2020 hat die Europäische Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Rumänien eingeleitet, da Rassismus im Strafrecht noch keine Berücksichtigung gefunden hatte. Während andere um verbesserte Minderheitenrechte kämpfen, bemühen sich Roma um uneingeschränkte Menschenrechte.
Das vorliegende Buch zeichnet anhand mehrerer Volkszählungen demografische Veränderungen ethnischer Minderheiten auf und ordnet ihnen Ursachen bei Staat und Gesellschaft zu. Akteure und Eckdaten sind klar zuordenbar, womit Lesern selbst der Neueinstieg in die Thematik möglich ist. Mit seinen 142 Seiten ist das Sachbuch kein allumfassender Wälzer, sondern veranschaulicht die zeitgleichen Entwicklungen verschiedener Ethnien im gleichen geografischen Raum. Auf diese Art wird der Leserschaft im Vergleich deutlich, von welch unterschiedlichen Faktoren das Verhältnis von Minderheits- und Mehrheitsbevölkerung abhängt und dass es keineswegs eine Konstante ist, auf die (demokratische) Bürger keinen Einfluss hätten.
Dem Konzept des Buches folgend, wird auf die Entwicklung der jeweiligen ethnischen Minderheiten in Rumänien eingegangen. Ein editorisches Nachwort über ihre Zusammenarbeit in den noch recht jungen staatlichen Institutionen würde das Buch abrunden. Beispielsweise würdigte Ende 2022 das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien gemeinsam mit der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien den parlamentarischen Abgeordneten der Föderation der jüdischen Gemeinschaften in Rumänien Silviu Vexler mit der Honterusmedaille. In der Laudatio hob dessen Abgeordnetenkollege und Freund Ovidiu Ganț die Gesetzesvorhaben hervor, die im gemeinsamen Schulterschluss zum Wohle von Minderheiten durchgesetzt werden konnten. Sein Engagement erklärte Vexler mit dem Satz: „Ich glaube sehr stark an die Idee der Normalität“.
Hans-Christian Maner, Rainer Ulrich (Hgg.): Ethnische Minderheiten in Rumänien im 20. und 21. Jahrhundert. Herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Mainz 2024. 142 S.