Die Ernennung von Temeswar (rum. Timișoara) zur Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2021 – ursprünglich gemeinsam mit Neusatz (sr. Novi Sad) (Serbien) und Elefsina (Griechenland) – wurde von zahlreichen publizistischen Initiativen begleitet. Dazu gehört auch der von Victor Neumann herausgegebene englischsprachige Sammelband, der hier angezeigt wird. Aufgrund der COVID-19-Pandemie beschloss das Europäische Parlament, das Kulturjahr für Neusatz auf 2022 und für Temeswar und Elefsina auf 2023 zu verschieben. Dieser Umstand wurde zum Anlass genommen, den umfangreichen Band von Armin Heinen, einem ausgewiesenen Kenner der rumänischen Geschichte, ins Deutsche übersetzen zu lassen. Diese Fassung, die seit Frühjahr 2023 auch als Online-Publikation zur Verfügung steht, enthält im Gegensatz zum englischsprachigen Band einige kurze Hinweise auf die Anfänge dieses Publikationsprojekts. Ausgangspunkt war demnach der 2015 in Bukarest erschienene Band Istoria Banatului. Studii privind particularitățile unei regiuni transfrontaliere [Geschichte des Banats. Studien zu den Besonderheiten einer grenzüberschreitenden Region], dem ein Jahr später eine überarbeitete und erweiterte Auflage folgte. Beide Ausgaben wurden anlässlich der Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Einnahme der Stadt durch die kaiserlichen Truppen unter Prinz Eugen von Savoyen herausgegeben. Ein wiederkehrendes Moment der Jubiläums-Veranstaltungen war die Darstellung der Ereignisse von 1716 als Ausgangspunkt für die Entwicklung Temeswars und des Banats zu einem besonderen, dezidiert europäischen Kulturraum, der durch das friedliche Zusammenleben verschiedener ethnischer und konfessioneller Gruppen geprägt war. Diese Besonderheit, die auch in der Metapher des „melting pot“ im Titel der englischsprachigen Version anklingt, bildete auch einen inhaltlichen Schwerpunkt des Bid Books zur Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas, dessen Konzeption maßgeblich durch das von Victor Neumann seit Mitte der 1990er-Jahre in einer Reihe von Publikationen gezeichnete Bild geprägt wurde. Darin wurden die ethnische Vielfalt und Toleranz der Bevölkerung des Banats und vor allem seiner Hauptstadt Temeswar als Nährboden für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft dargestellt, die einen Gegenpol zu den auf Assimilation zielenden Initiativen der zentralistischen rumänischen Regierungen seit 1918 bildete. Gleichzeitig soll nicht verschwiegen werden, dass das multikulturelle Erbe der Stadt, insbesondere die barocken Baudenkmäler und die um die Wende zum 20. Jahrhundert errichteten Gebäude, die als visuelles Bindeglied zum mitteleuropäischen Raum fungieren, zu wichtigen Bestandteilen des city branding von Temeswar geworden sind.
Die Stärkung des Bewusstseins für die historisch gewachsenen Besonderheiten des Banats wird in der englischen und noch stärker in der deutschen Übersetzung des Bandes von Victor Neumann als wichtiger Schritt in eine europäische Zukunft dargestellt, in der Regionen eine Schlüsselrolle spielen sollen. Dies gilt insbesondere für das Banat, das zu Rumänien, Serbien und Ungarn gehört. Diese Konstellation beeinflusste auch die Konzeption des Bandes durch die Einbindung von elf Spezialistinnen und Spezialisten aus den Bereichen Geschichte, Kunst- und Architekturgeschichte, die an Universitäten, Museen und Forschungseinrichtungen in Rumänien (Temeswar, Arad und Karansebesch, rum. Caransebeș), Serbien (Neusatz, Werschetz, sr. Vršac, und Belgrad, sr. Beograd) und Ungarn (Szeged und Sárospatak) tätig sind. Die Zusammenführung von Wissenschaftlern, die Historiografien vertreten, die teilweise sogar in Konkurrenz zueinanderstehen und auch aufgrund von Sprachbarrieren außerhalb der Region kaum rezipiert wurden, zählt sicherlich zu den positiven Aspekten der beiden Übersetzungen, denen ein Vorwort von Răzvan Theodorescu (1939–2023), Kunsthistoriker und langjähriger Vizepräsident der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, vorangestellt wurde. Die deutsche Ausgabe enthält darüber hinaus einleitende Überlegungen von Armin Heinen zu den methodischen Herausforderungen einer europäischen Regionalgeschichte des Banats. Die einzelnen Kapitel behandeln Themen aus der Geschichte der Region nicht monografisch. Sie unterscheiden sich auch in Umfang und Ausführlichkeit. Grundsätzlich wurde eine chronologische Abfolge der Beiträge angestrebt, die jedoch nicht durchgängig eingehalten wurde. Von den insgesamt 23 Kapiteln stammen zwölf aus der Feder Neumanns. Diese haben den Charakter von Essays mit überwiegend sparsamem wissenschaftlichem Apparat. Im Gegensatz dazu stehen andere Beiträge, die mit einer Fülle von Tabellen und Quellenmaterial aufwarten.
In einem ersten Block von vier Kapiteln beschreibt Neumann die Entwicklung des Banats im 18. Jahrhundert. In einem Teil des Kontinents gelegen, in dem sich seit dem Mittelalter die kulturellen Strömungen des orthodoxen Byzanz mit denen des katholischen Mitteleuropa vermischten, erscheint diese Region als ein Laboratorium der Modernisierung. Die von Eugen von Savoyen, Maria Theresia und Joseph II. unter den besonderen Bedingungen (Fehlen eines Adels, Existenz von Unternehmergruppen etc.) initiierten fortschrittlichen Maßnahmen wie die Ansiedlung unterschiedlicher ethnischer Gruppen interpretiert Neumann als Manifestation der europäischen Aufklärung. Die im vierten Beitrag untersuchten Maßnahmen, die unter Joseph II. als „Revolution von oben“ umgesetzt wurden, interpretiert Neumann als wichtige Schritte zur Etablierung einer kosmopolitischen, toleranten bürgerlichen Kultur, dargestellt am Beispiel von Temeswar und Lugosch (rum. Lugoj). Der Autor bezieht sich in seinen Ausführungen wiederholt auf die 1780 erschienene Banat-Beschreibung des Polyhistors Francesco Griselini (1717–1787), die das bis heute wirkmächtige Narrativ von der Verwandlung einer „terra deserta“ unter habsburgischer Herrschaft in eine blühende Region maßgeblich geprägt hat. In einer Randnotiz weist Neumann darauf hin, dass die deutsche Übersetzung des italienischen Originals des Griselini-Berichts von dem berühmten Mineralogen und einflussreichen Freimaurer Ignaz von Born (1742–1791) angefertigt wurde.1 Dieser Aspekt hätte sicherlich etwas mehr Raum in den Ausführungen verdient, zumal von Born selbst sehr ernüchternde Schilderungen der Situation in der Banater Hauptstadt vorliegen. Diese haben im Sammelband leider keine weitere Würdigung gefunden.2
Im Mittelpunkt der beiden folgenden Beiträge von László Majanucz stehen die Bevölkerungsmaßnahmen im Rahmen der an kameralistischen Konzepten orientierten habsburgischen Landesausbaupolitik, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem siebten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts liegt, an dessen Ende (1778) der zivil verwaltete Teil der Provinz in die ungarische Komitatsverwaltung überging und 1781 Temeswar zur einzigen königlichen Freistadt der Region erhoben wurde. Die Darstellung dieser administrativen Veränderungen mit einem Ausblick auf den Wandel der Bevölkerungsstruktur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgt auf der Grundlage reichen Quellenmaterials aus Wiener und Budapester Archiven. Darüber hinaus werden Ergebnisse der ungarischen Forschung präsentiert, die aufgrund der Sprachbarriere bisher nur selten rezipiert wurden.
Im nächsten Cluster stehen die verschiedenen materiellen Manifestationen des Landesausbaus beziehungsweise die in seinem Gefolge entstandenen Kunstwerke im Mittelpunkt. Gabriel Szekely behandelt die Architektur der königlichen Freistädte Temeswar und Arad und erweitert damit den Vergleichsrahmen über die eigentlichen Grenzen des Banats hinaus. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf den Bauten des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Arad einen bemerkenswerten Aufschwung erlebte. Die Entwicklung im ländlichen Raum bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wird vom Architekten Teodor Octavian Gheorgiu beschrieben, der ein Nebeneinander verschiedener Siedlungstypen feststellt. Ihre Gestalt war das Ergebnis von Planungen, die einerseits übergeordnete Vorgaben berücksichtigten, andererseits aber auch auf konkrete topografische Situationen und ethnische Konstellationen reagierten. Die Barockkunst im Banat wird anschließend von Mihaela Vlăsceanu behandelt, die die wichtigsten Denkmäler der verschiedenen Gattungen sowie die Übernahme der aus Mitteleuropa importierten Formensprache und Ikonografie im Bereich der griechisch-orthodoxen Bildkünste und Architektur vorstellt. Die Rezeptions- und Austauschprozesse im Bereich der griechisch-orthodoxen, serbischen und rumänischen Gemeinden werden ebenfalls von Adrian Negru behandelt, der nicht nur die wichtigsten Zentren und Werkstätten vorstellt, die in diesem Prozess eine führende Rolle spielten, sondern auch den Blick auf die Rezeption und Transformation künstlerischer Impulse aus der Ukraine und Mitteleuropa öffnet. Ein großes Manko der Publikation ist der spärliche Abbildungsapparat. Pläne und Fotos der wichtigsten Denkmäler fehlen leider, um die detaillierten Ausführungen nachvollziehen zu können.
Die folgenden Beiträge befassen sich mit den Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert, wobei kleinere inhaltliche Cluster erkennbar sind. Zum einen geht es um das Bildungswesen. Grozdanka Gojkov stellt die Entwicklung unter habsburgischer Verwaltung dar, Aron Kovács jene in der Zeit der Doppelmonarchie. Die Revolution von 1848–1849, die einen ihrer dramatischen Momente in der Belagerung der Banater Hauptstadt im Sommer 1849 hatte, wird von Miodrag Milin thematisiert. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die ethnisch-konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen der serbischen und der ungarischen Bevölkerung. Die Konflikte zwischen der deutschsprachigen, kaisertreuen Stadtbevölkerung und den ungarischen Anhängern des Aufstandes, die weit über 1848 hinauswirkten, werden in dem Band allerdings nicht dezidiert thematisiert. Einzelne Details der Auseinandersetzungen finden sich in den Beiträgen von Victor Neumann, der neben den unterschiedlichen Nations- und Staatsvorstellungen auch die deutschsprachige Presse und politische Kultur sowie vor allem die Reformen und die politische Emanzipation der Juden im Banat behandelt. Der Erste Weltkrieg, dessen Ausgang für das Banat dramatische Folgen hatte, insbesondere die territoriale Aufteilung zwischen Rumänien, Jugoslawien und Ungarn, wird in zwei Beiträgen behandelt. Slobodan Bjelica präsentiert die Perspektive der serbischen Geschichtsschreibung auf diese Zeit des Umbruchs, während Vasile Dudaș die kurzlebige Banater Republik und die Rolle des Banats in den Pariser Friedensverhandlungen darstellt.
Die Geschichte des Banats und seiner Hauptstadt unter rumänischer Oberherrschaft von 1919 bis zur Gegenwart wird in fünf Kapiteln mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten behandelt. Im Mittelpunkt steht das Fortwirken eines von Toleranz geprägten bürgerlichen Selbstbewusstseins, das als positiver Gegenpol zum aufkommenden Ethnonationalismus und Antisemitismus in Rumänien dargestellt wird. Als leuchtendes Beispiel für diesen besonderen Geist verweist Neumann auf die Interventionen Temeswarer Intellektueller beim Metropoliten von Siebenbürgen Nicolae Bălan (1882–1955) und von Politikern wie Constantin Dinu Brătianu (1866–1948) und Iuliu Maniu (1873–1953) bei Marschall Ion Antonescu, die 1942 die Rücknahme der Pläne zur Deportation der Juden bewirkten. Ob der Beginn der Proteste im Dezember 1989, die zum Sturz der Ceaușescu-Diktatur führten, eine Folge der besonderen Zivilkultur in Temeswar war, bleibt ebenso fraglich wie der von Neumann verwendete Begriff der „rumänischen Revolution“.
Auch wenn das Ziel des Bandes, das über Jahrhunderte gewachsene multiethnische und multikonfessionelle Mosaik des Banats als Erfolgsmodell darzustellen, gerade vor dem Hintergrund des Erstarkens nationalistischen Gedankenguts besonders lobenswert erscheint, darf nicht übersehen werden, dass in dem Band an vielen Stellen Fakten falsch dargestellt oder ausgeblendet und Forschungsansätze, die eine andere Perspektive auf die Entwicklung in der Region verfolgen, ignoriert wurden. Dies gilt insbesondere für die Darstellung der Entwicklung im 18. Jahrhundert in den deutlich in der Tradition der Geistesgeschichte stehenden Texten von Neumann und für den Beitrag von Vlăsceanu. Im letztgenannten Text wird der hl. Nepomuk als Bischof von Prag vorgestellt, der 1729 von Papst Bonifatius XIII. heiliggesprochen wurde. (S. 171 englische Fassung, S. 200 deutsche Fassung) Johannes von Nepomuk war Generalvikar des Erzbischofs von Prag und wurde von Papst Benedikt XIII. zur Ehre der Altäre erhoben. In mehrfacher Hinsicht problematisch ist auch der Umgang mit den Personennamen in diesem Beitrag. Bei der Vorstellung der Temeswarer Domkirche, für deren Entwurf vermutlich der Leiter des Wiener Hochbauamts, Joseph Emanuel Fischer von Erlach, verantwortlich zeichnete, findet sich zunächst die Formulierung: „Das Gebäude ist […] dem großen Architekten Johann Fischer von Erlach zugeschrieben worden“. (S. 193 deutsche Fassung, S. 165 englische Fassung) Wenige Zeilen später begegnet die Namensvariante „Emanuel (sic) Bernhardt Fischer von Erlach“, bei der es sich offensichtlich um eine Verballhornung der Namen der beiden berühmten österreichischen Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach (Vater) und Joseph Emanuel Fischer von Erlach (Sohn) handelt. Der Name des Sohnes wird dann überraschenderweise auf derselben Seite im Anmerkungsapparat richtig wiedergegeben, allerdings in einer Passage, die zahlreiche inhaltliche Fehler aufweist: „Formale und stilistische Analogien lassen sich bei einigen Kirchen beobachten, für die Joseph Emanuel Fischer von Erlach verantwortlich zeichnete, so in Greuze, wo er eine Kirche für die Pauliner erbaute, oder in Sasvar, wo er zusammen mit Jean Joseph Charmant einen Palast für Maria Theresia errichtete“. Der Ort Greuze existiert nicht, ebenso wenig wie der erwähnte Palast. Jean Joseph Charmant war kein Architekt, sondern ein Maler, der die Deckendekoration der neu erbauten Kirche des Paulinerklosters in Schoßberg (ung. Sásvár, slow. Šaštín) ausführte. Besonders misslich ist, dass diese augenfälligen Fehler in beiden Übersetzungen unverändert aus der Originalpublikation übernommen wurden. Nicht minder problematisch – aber aus anderen Gründen – ist die Wiedergabe weiterer Personennamen im Beitrag von Vlăsceanu. Neben falschen rumänisch-deutschen Mischformen wie Frederick Cadusch (S. 169 englische Fassung, S. 198 deutsche Fassung) statt Franz Cadusch finden sich Neuschöpfungen wie „Jean Deschan of Montcassel“ (S. 170 englische Fassung) beziehungsweise „Jean Deschan von Montcassel“. (S. 200 deutsche Fassung) Gemeint ist hier der im lothringischen Montcassel geborene spätere Administrationsrat und Leiter mehrerer Banater Behörden Johann Anton de Jean (Deschan) Hansen (1686–1760). Dieser war, wie in der englischen Übersetzung richtig angegeben, der Stifter der Pestsäule auf dem Temeswarer Domplatz, der heutigen Piața Unirii. In der deutschen Fassung wird fälschlicherweise Johann Anton de Jean Hansen als „Entwerfer“ des Denkmals genannt.
Ein grundsätzliches Problem, insbesondere in den Beiträgen von Neumann, sind retrospektive Projektionen, zum Beispiel: „Wie Prinz Eugen von Savoyen wurde Claude Florimond de Mercy in Frankreich geboren und trat als Freiwilliger in die österreichische Armee ein“. (S. 32 englische Fassung, S. 36 deutsche Fassung) Claude Florimund Graf Mercy wurde 1666 in Longway im Herzogtum Lothringen geboren, das bis 1766 zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Somit trat er als Untertan des Kaisers in dessen Heer ein. Prinz Eugen wurde zwar in Paris geboren, war aber familiär mit den spanischen und österreichischen Habsburgern, den französischen Bourbonen und den deutschen Häusern Wittelsbach und Baden-Baden verbunden. Er trat in den kaiserlichen Dienst ein, weil seine Familie in Frankreich in Ungnade gefallen war und er dort keine militärische Laufbahn einschlagen konnte.
Aus mehreren Gründen problematisch sind die Ausführungen zum ehemaligen Domplatz in Temeswar. (S. 34 englische Fassung, S. 40f. deutsche Fassung) Neumann stellt den im 18. Jahrhundert angelegten zweiten repräsentativen Platz innerhalb der Festungsmauern als Vertreter des Corso, einer städtebaulichen Innovation des Barock, dar. Die Planer der Stadtanlage hätten dort einen Raum für die Interaktion verschiedener sozialer und ethnischer Gruppen geschaffen. Die Menschen profitierten schließlich von diesen Begegnungen. „Ihr Denken wurde freier, sie waren besser informiert, und sie erwiesen sich im Vergleich zu jenen Menschen, die in geschlossenen Städten lebten, als durchaus offener. Zu diesem Bild passt, dass Juden – die vielleicht am stärksten unterdrückte Bevölkerungsgruppe des mittelalterlichen Europas – in Timișoara die Möglichkeit erhielten, auch in der Innenstadt selbst zu wohnen, nicht nur in den Vororten. Als Gegenleistung für bestimmte Steuern und ein ärztliches Attest erhielten jüdische Handwerker, Kaufleute und Händler das Recht, sich in unmittelbarer Nähe des Korsos niederzulassen.“ Hier wurde offensichtlich die umgangssprachliche Bezeichnung der Temeswarer Flaniermeile als Korso (rum. Corso) auf die Situation im 18. Jahrhundert übertragen. Die vormalige Lloyd-Zeile, heute Piața Victoriei, entwickelte sich in Etappen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ausgehend von dem Theater, das Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe des ehemaligen Peterwardeiner Festungstors errichtet wurde. Die Bezeichnung Corso bezieht sich auf die Via del Corso in Rom, die ihren Namen von den Pferderennen erhielt, die dort während des Karnevals stattfanden. In der barocken Architekturtheorie ist der Typus des Corso unbekannt. Plätze und Straßen dienten in dieser Epoche vor allem der Repräsentation und als Rahmen für Paraden und Prozessionen. Diese Prinzipien prägten auch die Planungen für die Banater Hauptstadt, die städtebaulich dem Typus einer Garnisonsstadt entspricht. Dementsprechend bestimmten militärische Überlegungen die Gestalt und das Leben im Inneren der Festung. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Festungstore vor Einbruch der Dunkelheit verschlossen. Innerhalb der Festung durften sich zunächst nur katholische Gruppen niederlassen. Nach den dramatischen Ereignissen der Pest von 1739 und den aufständischen Erhebungen in der Region wurde diese Regelung etwas gelockert. In der Folge durfte sich auch die privilegierte Gruppe der orthodoxen Serben in der Festung niederlassen. Noch prekärer war die Lage der beiden jüdischen Gemeinden. Sie erhielten zunächst einen Gewölberaum im ehemaligen osmanischen Stadttor, der als Erinnerung an den Einzug Prinz Eugens erhalten geblieben war, zur Nutzung als Synagoge. In Anlehnung an Moritz Löwy (1854–1908), der seine Geschichte der Juden in Temeswar (1890) vor dem Hintergrund des aufkommenden Antisemitismus schrieb, deutet auch Neumann die Überlassung des Raumes als Zeichen toleranter Gesinnung. Ausgeblendet wird dabei, dass unter Maria Theresia, die für ihre Intoleranz gegenüber nichtkatholischen Konfessionen berüchtigt war, auch Protestanten aus dem Banat deportiert wurden. Während des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740–1748) wurden die Temeswarer Juden mehrmals aufgefordert, die Stadt zu verlassen, durften aber nach Zahlung einer drastisch erhöhten Toleranzsteuer zunächst bleiben. Die ablehnende Haltung der Kaiserin dokumentiert ein Plan, der ihr 1749 bei einem Treffen mit ihren Beratern vorgelegt wurde und die Errichtung eines „Judenquartiers“ gegenüber dem Raitzen Rathaus/Serbisches Rathaus vorsah. Die Kaiserin lehnte das Projekt ab und vermerkte persönlich auf dem Plan, „in der statt will sie (d. i. die Juden) nicht haben“.3 Der „Judenhof“ wurde schließlich in den folgenden zwei Jahrzehnten realisiert. Diese Episode verdeutlicht, dass das heute viel beschworene Zusammenleben der Ethnien und Konfessionen in Temeswar weniger das Resultat einer aufgeklärten Politik der habsburgischen Herrscher war, sondern vielmehr aus langwierigen Verhandlungen auf lokaler Ebene hervorging. Die Deportationen aus verschiedenen Teilen der Monarchie in das Banat sowie die in den letzten beiden Jahrzehnten in der Forschung aufgeworfene Frage nach der Vergleichbarkeit der Strategien gegenüber dem Banat mit dem Vorgehen der Seemächte in ihren überseeischen Besitzungen bleiben in dem Sammelband von Neumann auch ausgeklammert. Die Beschäftigung mit diesen Fragen würde allerdings die Möglichkeit eröffnen, die Regionalgeschichte des Banats im Sinne des von Armin Heinen in seinem Vorwort formulierten Desiderats in den größeren Zusammenhang einer Globalgeschichte zu stellen.
Victor Neumann (ed.): The Banat of Timișoara. A European Melting Pot. London: Scala Arts and Heritage Publishers 2019. 495 S.
Victor Neumann (Hg.): Das Temeswarer Banat. Eine europäische Regionalgeschichte. Übersetzung und Übertragung aus dem Rumänischen und Englischen von Armin Heinen. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg 2023. 588 S. https://doi.org/10.1515/9783111010960