Facetten der Erinnerung
Geboren 1933, wurde ich mit zehn Jahren zu Führers Geburtstag auf den Führer in Berlin vereidigt. Eine Aufführung, die kein Ende nahm. Wir halbflüggen Buben harrten stundenlang in Habtachtstellung im Hof der Evangelischen Schule in Fogarasch aus. Linke Hand an der Hosennaht. Rechter Arm erhoben zum Führergruß.
Ich hielt stand, indem ich mit der linken Hand den rechten Arm stützte. Wer es nicht schaffte, fiel um. Er wurde vom Hordenführer weggeschleift und unter dem kühlen Portal der Evangelischen Kirche gelagert, mit der die Schule den geräumigen Hof teilte.
Die Kluft verehrten wir wie ein höheres Wesen. Sie bestand aus dem Braunhemd, der Köperbluse. Die wurde am Kragen von einem schwarzen Halstuch mit dem geflochtenen Lederring zusammengehalten. Dazu gehörte die schwarze Kniebundhose aus Rips. Der Leibriemen hatte ein vernickeltes Koppelschloss, geziert von der Siegesrune in Gold. Am linken Ärmel war eine Armbinde mit Hakenkreuz zu tragen.
Nun gehörte ich als Pimpf zum Jungvolk der Deutschen Jugend in Rumänien, der DJ. Beneidet rundum wurde ich, weil ich der einzige war, der ein Käppi hatte. So hieß bei uns die Sommermütze als Schiffchen. Das Fahrtenmesser im Holster schuldete ich dem einen Zentimeter über dem Mindestmaß im Weitsprung. Ich schaffte bei der Pimpfenprobe 351 cm, und hielt den Atem zwei Sekunden länger an als gefordert: eine Minute, zwei Sekunden. Wobei mir die Augen aus den Höhlen traten.
Endlich erscholl der Befehl: »Rührt euch. Weggetreten.« Ehe wir im Stechschritt davonmarschierten, dröhnten wir im Chor in den Hof die »Schwertworte der Jungvolkjungen«:
Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu.
Das war ich von nun an: hart, schweigsam und treu.
Im November wurde ich aufgeboten zu einem Kampflager in Schenk.
Ein ehernes Programm hielt uns von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends am Laufen, so dass ich im Stehen schlafen lernte. Noch war es dämmrig, als wir halbnackt zum riesigen Kirchhof liefen, um uns unter scharfem Kommando mit den Morgenübungen abzuplacken. Bekleidet waren wir allein mit der schwarzen Turnhose, dazu barfuß. Die noch bettwarmen Oberkörper dampften, ausgeliefert der frostigen Morgenluft. Mit uns rannte als erster im Zug der Bannführer, oberster Kopf von Bann II, einem Gau der Deutschen Volksgruppe in Rumänien. Halbnackt auch er, mit behaarter Brust. Aber bitte, in Stiefeln. Von hinten machte uns der Hordenführer die Hölle heiß mit spukhaften Lauten, dass wir die Tuchfühlung mit der schwarzen Stiefelhose des Anführers nicht einbüßten. Der Hordenführer hüpfte zwar nicht in Stiefeln, aber in Wollsocken dahin. Während uns die nackten Fußsohlen an den Steinfliesen festfroren.
Es folgte das »Bettenbauen« im Schlafsaal, erster Stock. Eine Falte auf einer der Pritschen, und das Bettzeug flog uns samt Strohsack gegen die Köpfe, die wir doch nach dem Frühstück unten lechzten.
Der Tag galt ausgewalzten Kampfspielen in Feld und Wald. Erst nach stundenlangem Heranschleichen kam es endlich zur »Feindberührung«. Wir Jungvolksjungen hatte am linken Handgelenk einen Wollfaden, rot oder schwarz. Auf Befehl stürzten wir uns aufeinander. Jeder wählte sich einen Widersacher oder wurde vom Gegner überfallen. Man grapschte voller Angst und Zorn nach dem Wollfaden an der Linken des Gegenspielers. Riss der Faden, war der Feind bezwungen. Gefallen im Kampf um die deutsche Ehre. Er blieb tot liegen.
Zurück zu müder Abendstunde führten wir die Marschkolonne an, die jüngsten, die Pimpfe. Wir gaben das Schrittmaß vor. Ein Befehl mit Augenmaß. Als letzte dahinstolpernd, wären wir verlorengegangen, nie angekommen.
Beim Abendtisch musste reihum jeder von uns ein selbstgebasteltes Verschikelchen zum Besten geben, ehe der Befehl »Zündung!« erscholl. Das hieß: Wir hatten uns rundum die Hand zu reichen. Dann erst durften wir löffeln.
Ich sprach meine zwei Reimzeilen mit kritischem Unterton zum Obertisch hin, der bestückt war mit betressten schwarzen Uniformen: »Besser als das Betten bauen ist, das Essen zu zerkauen.« Niemand klatschte.
Nach dem Abendbrot, uns fielen die Augen zu, ging das Kulturprogramm über die Bühne, genannt »heimische Pflegnis«. Dabei wurden wir – ausgelaugt durch den rüden Tag und bereits im Halbschlaf – angehalten, unseren »Grips« anzustrengen, die »Grütze« im Kopf auszuspucken! Anbefohlen wurde zum Beispiel, dass wir uns »lebende Bilder« ausdachten. Die so dargestellt werden mussten, dass der Sinn der stummen Gestik in Worten zur Sprache gebracht wurde, von den Zuschauern gedeutet, erraten werden konnte. Bis zu drei Buben durften sich in ihren Fantasien ergehen und das Erdachte als lebendes Bild vorstellen. Ich selbst trat allein auf. Niemand vermochte auszubuchstabieren, was ich meinte: Im Stehen schlafen wie ein Pferd, dem das Wiehern vor Müdigkeit vergangen ist.
Wie das? So etwa – die Lampen wurden bis auf eine gelöscht: Dastehen, allein auf weiter Flur, im Schlafrock der Köchin, mit geschlossenen Augen, leise schwankend, die Hände gefaltet. Doch schnarchen schnarchte ich nicht. Niemand erriet mich. Ich wurde nicht belobigt, als ich mich zu erkennen gab. Ich wurde vermahnt. Der höchste Führer selbst, der Bannführer, drückte mir den Besen in die Hand, dessen Stiel höher war als ich. Gefordert wurde als mannhafter Appell vom Führer aus Berlin: Ich sollte den Saal kehren, mutterseelenallein.
Geklammert an den Besen, fand man mich schlafend, aufrecht. Der Saal blieb halbgekehrt …
23. November 2022
79 Jahre später, Kampflager Groß-Schenk, November 1943.