https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1515

Fragmente aus Brunnentore

Und heute, am Ende meiner Zeit beginne ich abermals jene Jahre eines frühkindlichen Gedächtnisses zu bewohnen; Szentekersztbánya. Die Hütte zum Heiligen Kreuz. Den vagen Silhouetten entspringen Figurinen, aus Scherenschnitten entstehen Begebenheiten, das Nachsinnen verdichtet sich zum Gedenken. Vier Jahre bloß. Ende 1940, nach dem Wiener Schiedsspruch, zogen wir weiter. übersiedelten nach Kronstadt.

Pfarrhof Rothberg. Im Advent 2021. Allein.

Ich notiere:

›Ich hänge jener frühen Zeit der Biographie nach, die inzwischen über achtzig Jahre zurückliegt. Lese mich in die Erinnerungen ein mit einer Tristesse, die einen an den totenstillen Nachmittagen hier im Pfarrhaus heimsucht.

Stochere in Titeln herum: Die Krippe auf dem Todesstreifen, abgeschmackt, schnulzig; Dotterblumen und Froschhaxen, zu forsch; Das Szekler Brunnentor, konfus, zu vage …

Der Pfarrhof, 1762, ist überwölbt von Dunkelheit. Die Stuben des Hauses liegen im Dunkeln. Allein im äußersten Winkel der Studierstube blinkt die abgeblendete Tischlamp. Wo ich verweile.

Rothberg, Mons rubens, die Basilika datiert von 1225.

Ich gehe auf die neunzig zu. Die Hälfte meiner Lebenszeit habe ich hier verbracht.

Einundfünfzig Pfarrer vor mir sind seit der Reformation mit ihren Familien in diesem Haus ein- und ausgegangen, durch verschwiegene Türen vieler Generationen. Eine Geheimtreppe führt unter einer Falltür in eines der fünf Kellergewölbe. Oft war Flucht geboten.

Ich selbst bin der letzte evangelische Pfarrer. Im Dorf. Im Haus.

Doch weiß ich es zu werten, dass das riesige Areal des Hauses mir zugesellt ist, mir gewidmet ist, allein mir allein.

Der ich, zwei Jahre, ja mehr, in einer Sieben-Quadratmeter-Zelle zugebracht habe, ohne Hofgang. Drei Schritt auf, drei Schritt ab. Als man mich entließ, Silvester 1959, konnte ich nicht mehr geradeaus gehen.‹

Ich klappe das Diarium zu.

Seit mehr als dreißig Jahren ruht der vergessene Text. Wir holen ihn ans Tageslicht.

Zu was er neuerlich wird, weiß niemand zu sagen. Erzählung, Roman? Schon die Sprache! Dieses strudelnde Mittendrin und Drumherum der biographischen Anfänge wird in einer Redeweise befragt, die zugerichtet ist durch das zerklüftete Wissen einer ganzen Lebenszeit. Es bleibt zwangsläufig die gegenwärtige Sprache, allenfalls durchstochen mit namentlichen Einsprengseln von ehedem.

Ferner! Bei jedem Text steht lange vorher fest: Der erste Satz. Die letzte Szene.

Ja, gut! Es bleibe der usrprüngliche Anfang: »Wenn das Schicksal viereckig wird, entsteht ein Hotelzimmer.« Das ist ein Wort, das ich irgendwo aufgeschnappte hatte. Doch es passt.

Zimmer und Schicksal gelten einem Herrn im Ledermantel mit Reisetasche. Dieser Herr ist mein Vater Felix Schlattner. Der jedes Mal, ehe eines von uns Geschwistern das Licht der Welt erblickte, auf eine zwielichtige Geschäftsreise entwich und unsichtbar wurde. Sich im Hotel »Zum Polarstern« in Kokelburg einigelte und sich dort per Telegramm über die Geburt aufklären ließ. Heim kehrte er beflügelt mit Schmuck und Rosen für die Mutter; und mit dem neuesten Typ Kinderwagen, zum Beispiel Brenabor.

Nicht nur der erste Satz steht fest, sondern auch die letzte Szene. Und somit das letzte Wort: »Topfenknödel«.

Augenfällig ist, dass alles zu einer weidlichen Erweiterung des Niedergeschriebenen hinstrebt, sich offenkundig eine Zunahme an Wort und Bild andeutet, abzeichnet.

Roman?

Dagegen: Vermieden sei das Mehr als Aufblähung, als Anschwellung.

Ob das alles unter einen Hut gebracht werden kann?

Dennoch! Vielleicht blüht mir eine letzte Unternehmung.

Doch alles dieses, ebenso der morgige Tag: sub conditione Jacobeae. »Wenn der Herr will, werden wir noch leben und dies oder jenes tun.«

Der Wehrturm der Kirchenburg ragt fristlos in die Nacht.

I.

Es geschah in Szentkeresztbánya am Heiligen Abend, beim Krippenspiel in der katholischen Kirche, dass ich mich Hals über Kopf in sie verliebte. Irénke. Anders war es plötzlich als ansonsten: Wo wir zwei uns gewohnheitsmäßig freuten, wenn sich unsere Wege kreuzten.

Die Bibel, die für alles Menschenwürdige einen Namen hat, nennt das Verklärung.

Sehr anders und jäh anders, was mich überkam, was als Verklärung über mich kam: Es kribbelte im Bauch. So dass ich das Hemd hob und nachsehen wollte, was für Flöhe sich dort tummelten. Nichts. Kein Flohbiss. Unsere Marika, das Dienstmädchen, schenkte mir reinen Wein ein: Ez a szeretet! Das ist die Liebe.

Schon am Nachmittag, als unsere Mutter das Schulmädchen Irénke in die Maria der Heiligen Nacht verwandelte, bei uns im Wohnzimmer, da schien es mir, als sei sie nicht mehr das Nachbarkind von gestern. In flimmernder Schönheit blitzte und blinkte es um sie. Gekleidet in ein himmelblaues Gewand, das von unserer Mutter kunstvoll gerafft und schick in Falten gelegt wurde, erkannten wir das Mädchen von nebenan kaum noch. Bass erstaunt war unsere Marika, die dralle Magd, und ebenso verwundert die gute Nachbarin, Frau Schuster Änn. Und sogar der prosaische Bruder Kurtfelix rief aus: »Was hamm mir da. Einen Engel?«

Mit sprachlosen Augen erblickte jeder das seine. Und nicht das Menschenkind Irénke von vorher.

Mir klopfte das Herz lauthals. Sie muss es gespürt haben: Wie dies mein Herz klopfte. Denn sie guckte mich an, wie verliebte Mädchen im Kino dreinschauen.

Und völlig geschehen war es um mich, als sie am Heiligen Abend in der Kirche vorne im Stall zu Bethlehem bei der Krippe das Jesuskind wiegte im Kranz der Kerzen. Unverkennbar: Ein Heiligenschein umgab ihr Haupt. Ich sah es mit meinen Augen. Dass meine forschen ungarischen Spielkameraden aus Feld und Wald als Hirten niederknieten oder als tapsige Engel dahinstapften und ihre paar Worte mit Ach und Krach hervorstotterten, das bemerkte ich, ohne es zu sehen oder zu hören.

Tags darauf wurde diese winterliche Liebe auf dramatische Weise besiegelt. Ich lud sie ein zu einer Schlittenpartie, nur sie allein, ohne Aranka. Und sie folgte, nur sie, Irénke.

Mit meinem Lenkrodel rasten wir den Berg hinunter ins Dorf.

Wo eben am Anger die Kerzen der riesigen Tanne entzündet worden waren. Über Stehleitern und an langen Stäben war je eine brennende Kerze bis in die Spitze des Lichterbaums gelangt, an der sich die anderen Kerzen entzündeten.

Alles war auf den Beinen. Die Pelzmützen der Männer waren bereift vom Frost. Die Frauen hielten dickwollige Umschlagtücher um Kopf und Schultern geschlungen, gesprenkelt von Schneeflocken. Die roten Fäustlinge der Kinder schwebten in der Dämmerung wie Christbaumkugeln. Der dampfende Atem der vielen Münder umgab den Fuß der Tanne mit einer schimmernden Hülle. Der lila Priester stimmte eben auf Ungarisch »Stille Nacht, Heilige Nacht« an, als wir mit unserem Gefährt heruntergerast kamen.

Wir waren auf dem Rodel zusammengewachsen. Ich lenkte vorne. Sie saß hinter mir wie im Traum. Einen halben Kopf höher als ich, konnte sie über meine Mütze hinwegsehen. Doch ohne etwas zu erspähen. Der scharfe Fahrtwind trieb ihr die Tränen in die Augen.

So auch mir. Nur dass ich die Augen zukniff und Bruchstücke dieser fatalen Talfahrt mitbekam.

Sie hatte mich mit beiden Armen umfasst. Sie hielt mich fest mit ihren Armen. Ihre Knie in kratzigen Wollstrümpfen klammerten sich an mich. Ihre nackten Hände rührten an mein Kinn. Es verschlug mir den Atem. Und das sollte so bleiben.

Alle Welt drehte sich vom Tannenbaum weg. Die frommen Gesichter begafften unseren Rennschlitten. Der immer rascher hinabjagte. Sturmwind zerrte mir den Wollschal vom Hals.

Und da …! Das Lenkrad gehorchte nicht mehr. Wir sausten auf den Schneehaufen zu, der dem Baum vorgelagert war. Sorgsam war der Schnee rundum weggekehrt worden und umlagerte den Platz in weißen Wällen. Ein weiträumig kahlgefegter Bezirk war um die Riesentanne entstanden, schwarz von Menschen.

Der Schnee stäubte, als wir wie ein Fidschi-Pfeil durch den getürmten Haufen schossen. Jählings ragte vor uns die Tanne auf. Wir bohrten uns in den illuminierten Tannenbaum. Sternaugen funkelten.

Männer schimpften, Kinder klatschten dumpf mit den Fäustlingen, kreischende Frauen stoben auseinander. Die Stille Nacht zerbarst in tausend Splitter. Der anhebende Gesang überschlug sich, verschliss in unheiligem Gezeter.

Der Priester hob die Arme, rief »Ho, ho!«

Und wedelte Weihrauch über uns.

Brennende Kristalle pikten mein Gesicht. Tannennadeln zwackten die Backen. Sehen sah ich nichts mehr unter der Maske von Eis und Schnee.

Und sie, die Herzensbraut? Irénke?

Sie duckte sich in meinem Rücken wie hinter einem Schild. Ich beschützte sie mit Leib und Leben. Bloß die Äste der Tanne hatten sie unsanft gestreift, ihr die Mütze vom Kopf gerissen.

Die Nadelzweige klatschten mir ins Gesicht. Ich bremste mit den Skistiefeln. Die Füße fuhren in das Astwerk, wo der Schlitten stecken blieb. Kerzen wurden gekappt. Andere Kerzen züngelten. Es knisterte.

Ja! Ich hatte sie beschirmt an Leib und Seele. Ihre Lippen berührten meinen Nacken.

Kerzen zischten. Die Riesentanne fing Feuer. Sie brannte lichterloh.

Damit war diese große Liebe besiegelt.

Erst der Wiener Schiedsspruch trennte uns.

II.

An Sonntagen im Hochsommer verlagerte sich die Teekessel-Corona an den Bach. Der in trägen Windungen die Wiesen gegen Szeklerburg durchfließt. Dort, wo einer der Mäander sich nahezu selbst berührt, gab es einen kreisförmigen Wiesengrund, a német úri emberek. Von dem die Einheimischen wussten: Jenes abgezirkelte Stück Grasland war nicht zu betreten. Hier wurde deutsch gesprochen. Allein der Schafhirt weidete in stillem Einvernehmen diesen Fleck mit seinen Lämmern ab.

Für alles war gesorgt.

Eine Quelle löste sich aus einer Grasmulde und spendete erquickliches Wasser. Eine Feuerstelle war nahe dem Ufer von Schlackensteinen eingefasst. Es war das einzige, das an die Fabrik erinnerte.

Die Rucksäcke mit all dem Tausenderlei an Komfort hatte ein Eselskarren herbeigebracht. Der Treiber war der Großvater der Nachbarskinder, der Árpád-Bácsi. Der es sich außerhalb der Räkelwiese bequem machte, im Schatten seines Esels. Dort bekam er Zigaretten zugesteckt und wurde reichlich mit Pálinka bewirtet.

Mit von der Partie waren die beiden Schwestern Bardócz, Irénke und Aranka, ohne dass man das sonderlich bemerkte. Die Schwestern gehörten zu unserem Haus. In kecken Höschen plantschten sie mit den Füssen im wärmlichen Wasser des Baches. Irénke, die Ältere, hatte die Zehennägel mit rotem Lack bepinselt.

Den beiden Mädchen ging ich aus dem Weg. Auch weil ich mit anderen Kindern verbandelt war, die aus der Stadt in die Ferien gekommen waren. Doch Irénke, mir heimlich zugetan, mied ich mit Bedacht. Wir fühlten es: Niemand durfte wissen, wie gut wir uns waren. Im Ohr hatte ich das Lied der Mutter, das sie als einziges sang, als sie sonst nicht mehr sang, und dessen erste Strophe ich auswendig wusste:

Willst du dein Herz mir schenken

So fang es heimlich an

Dass unser beider Denken

Niemand erraten kann…

Man genoss die Natur in vollen Zügen, mit kindlicher Vergnüglichkeit.

Die Erwachsenen wussten noch Bescheid über die Spiele von jeher: Sackhüpfen, Eierlaufen, Der rote Fuchs geht herum, Häschen in der Grube, oder holpriger: Der Kaiser schickt Soldaten aus.

Und Kinderlieder verirrten sich gewagt bis in den Bass manchen Mannes: Hoppa, hoppa, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,  Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum …

Nichts fehlte: vom Rostbraten bis zur Ziehharmonika.

Verdutzt sahen wir, dass über den Grill mit den Bratenstücken Rotwein geschüttet wurde und dabei eine Flamme blau aufzischte. Auf Spirituskochern brodelten in irdenen Töpfen Krebse und wurden krebsrot. Die hatten findige Männer mit stinkigem Fleisch unter dem Wurzelwerk des Ufers herausgelockt. Thermosflaschen mit Muckefuck kugelten zwischen den Rucksäcken herum. Muckefuck, das Wort gefiel uns Buben am besten. Aber auch anderes an Kaffeearten klingt im Ohr: Malzkaffe, Zichorie, und das Vornehmste: Franck-Kaffee, schokoladenfarben, in blau-braunen Schachteln.

Zerbrach eine Thermoskanne, so ergötzten wir Buben uns an gewölbten Spiegelscherben, die unsere Gesichter zu Fratzen verzerrten.

Es wurde zum Tanz aufgespielt. Der gefältelte Balg der Ziehharmonika erging sich in virtuosen Voluten.

Die molligen Weisen der eigenen Tänze waren bloß Ohrenschmaus. Niemand verspürte in den Beinen den Aufruf zum Gehopse. Wer im Gras der zweiten Mahd lagerte, rollte sich bloß im Dreivierteltakt von Schatten zu Schatten.

Als aber die Hora staccato aufsprang, der rumänische Spitzentanz, fuhr das allen in die Glieder. Männer und Frauen schnellten in die Höhe, umfassten sich mit gestreckten Armen an den Schultern und begannen zu schaukeln, die Frauen mit geschlossenen Augen. Von den beflügelten Gestalten löste sich manch eine entrückte Miene und flatterte himmelwärts. Der Kreis aus wogenden Brüsten und wabbelnden Bäuchen rotierte ungestüm. Indessen die Füße dahinwirbelten und Gräser mit Stumpf und Stiel herausrissen, nickende Blumen abzwackten, dass deren bunte Köpfe davonflogen.

Für uns Kinder war auf dem Wiesenstück kein Bleiben mehr. Wir entwichen in den Bach, spürten wohlig den sandigen Grund, tunkten uns in den rostbraunen Fluten, spritzten die quiekenden Mädchen an. Und guckten und gafften verstohlen hinüber zu der ausgelassenen Gilde der Tanzbeflissenen.

Dann: Die Stakkato-Musik brach jäh ab, die verschlungene Runde fiel auseinander und jeder sank hin ins Gras, wo er geradestand.

Der Abend klang friedlich aus, Glück macht müde. Zusammengehörige sammelten sich in Gruppen: Kind und Kegel, Vater und Mutter, Junggesellen und Kriegskameraden, wenige Omas. Alles fand sich unter dem Hut eines besinnlichen Abendliedes, sei es: Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf mein Grab, vallera …

Oder: Am Brunnen vor dem Tore.

Alte Kameraden fehlte nicht. Bei den Zeilen:

Kameraden, hoch die Tassen bis zum Morgenrot.

Wir leben nur so kurze Zeit und sind so lange tot …

übertönte das Schnupfen der Nasen das leise Geplätscher des Baches.

Und als Letztes immer:

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen,
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget,
Der weiße Nebel wunderbar.

Der Tag neigte sich. Aus den Wiesen stiegen die Nebel weiß.

Der Himmel verfärbte sich. Keine Sternlein.

Die Sterne wurden überblendet durch die Lohe aus den Schloten der Fabrik.

Was wunderlich anmutete, fast grimassenhaft, waren riesige Steine mit rostroten Mondgesichtern. Die sich mitten im Bach breitmachten und dem Gerinne bockig gewundene Wege wiesen. Um sie herum war das Wasser tiefer. Árpád-Bácsi warnte: »Figyelni, vigyázni!« Man verliere den Grund unter den Füssen!

Wollte man hingelangen, hieß es schwimmen. Noch schwieriger war, wollte man einen der Riesenbrocken erklettern. Sie waren rund und glatt. Hockte man endlich oben, war selbst das keine reine Freude. Man konnte nach allen Seiten abrutschen.

Wissende sprachen von Findlingen.

Unser Ota hatte das erklärt. Wo nunmehr Wiesen und Wälder das Land kleideten, waren vorzeiten Gletscherströme dahingeschlittert. Entsprossen den fernen Karpaten, waren sie bepackt mit Brocken und Geröll. Als die Eismassen schmolzen, waren die Huckepack-Steine liegengeblieben, verirrte Findlinge wie Donnerkeile oder Seeigel oder Felskugeln.

Unserem Bruder Kurtfelix gelang das Wunder. Ohne schwimmen zu können, gelangte er zu den Felsgebilden. Wie er die geschliffenen Flanken erklommen hatte, wie er an deren Rundungen emporgekraxelt war, wer mochte es wissen? Plötzlich hockte er auf dem Scheitel der Felsenkuppel und rief, die Hände trichterförmig vor dem Mund: »Hier bin ich!« Alle Köpfe drehten sich zu ihm, die Gesichter richteten sich nach der Knabenstimme in bauchiger Höhe. Nach Augenblicken des Schweigens ergab sich ein Drunter und Drüber aufgekratzter Ausrufe von: »Schau an, der Bub vom Felix, tollkühn!«, bis: »So klein und kann schon schwimmen!« Und nicht zuletzt die Frauenstimme: »Woher hat der niedliche Teufelsbraten die Flügel genommen?«

Der Bub vom Felix bescherte den Staunenden noch einen echten Moment der Bestürzung: Er ließ sich herabrutschen und plumpste ins Wasser.

Diesmal stürzte unser Vater davon mit dem Schreckensschrei: »Der Junge kann nicht schwimmen!«

Die Mutter? Sie kommt nirgend vor…

Doch ehe der Vater ihm die rettende Hand hinstrecken konnte, hatte Kurtfelix – ohne schwimmen zu können – festen Boden unter den Füßen gewonnen.

Das ging viele Sonntage so und ähnlich zu, bei mir bewahrt zwischen Rückschau und Einbildung.

Doch was als Bild und Geste einmalig geblieben ist, sich dem inneren Auge über achtzig Jahre erkennbar eingeprägt hat, ist das Erlebnis um Irénke am Wiesenbach damals.

Ein Psalmwort drängt sich mir auf, wie ich mich dem Damals nähere. Die kiloschwere Bilderbibel, die wir als Knaben gemeinsam schleppen mussten – ich muss selbst heute mit beiden Händen zugreifen, um sie heben zu können:

Ein Psalm Davids, nach der Weise der Lilien vorzusingen.

Gott, hilf mir; denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist;

ich bin im tiefen Wasser, und die Flut will mich ersäufen.

Es ist neuerlich ein Erweis dessen, was ich als Theologe bekanntmache: Die tausendjährigen Worte der Bibel sind keineswegs Erdichtungen von einst, vielmehr gelebte Gegenwart, faszinierende Auslegungen zum Erdenwallen heute.

In der Geschichte, die folgt, ging mir das Wasser oft bis an die Kehle und darüber, ich verlor den Grund unter den Füßen, und die Fluten drohten mich zu ersäufen.

Am Ufer hockte ich und ließ die Füße im Bach schlenkern. Ich war allein. Die übrigen Kinder klaubten Himbeeren am Waldesrand. Hinter mir lärmten die Erwachsenen zwischen Singsang und Larifari. Unweit schlief der Nagyapu. Der Esel graste beflissen so, dass er seinem Gebieter Schatten spendete.

Da geschieht es. Zu Tode erschrocken, traue ich meinen Augen nicht. Zwischen den Findlingen treibt Irénke dahin im Auf und Ab. Sie ist es. Mit entstelltem Gesicht taucht sie für einen Atemzug auf. Das Herz bricht mir. Jäh versinkt sie in den Fluten. Mir bleibt das Herz stehen. Sie rappelt sich auf. Sie wird sichtbar, hechelt, keucht, schnappt nach Luft. Versucht sich mit zuckenden Händen an den monströsen Stein zu klammern. Umsonst. An den glitschigen Rundungen rutschen die Hände ab. Sie geht unter. Mit einem Sprung bin ich mitten im Bach. Ohne zu überlegen, wate ich fuchtelnd auf die Steinblöcke zu! Ich verliere den Grund unter den Füßen. Keine Sekunde der Gedanke: Ruf die Erwachsenen. Schwimmen kann ich nicht. Aber was die Mutter mir beigebracht hat, ist: Wassertreten. Indem man aufrecht im Wasser in raschen Schlägen die Knie hochzieht, wird so viel an Wasser verdrängt, dass der Kopf an der Oberfläche bleibt. Unsere Mutter schaffte das so meisterhaft, dass sie die Hände nicht zur Hilfe nehmen musste, sondern die Fingerspitzen in Backenhöhe aus dem Wasser ragen ließ.

Ohne zu zögern, beginne ich wie besessen zu strampeln. Wie ist mir bange, dass Irénke nicht mehr aufkommt. Dass wir uns nie mehr zwischen den Kukuruzstengeln ihres Garten verstecken würden, nie mehr in der Scheune im Heu liegen könnten mit heißen Händen, nie mehr… Wassertreten. Es hilft. Ich gelange zu den Steinen. Wo ist sie? Nichts, nirgend. Hatte sie die Flussfrau geholt, von der die Bardócz-Néni tuschelte? Die strähnige Flussfrau, der es nach jungen Mädchen gelüstet. Oder hatte sie der Bach weggeschwemmt, zum Schwarzen Meer hin?

Was nun? Was tun? Fragen fallen über mich her. Es ist, als stächen die Bienen vom Herrn Schuster nach mir.

Sie suchen, gewiss! Doch wo sie suchen im trüben Wasser. Ich angele mit Händen und Füßen in die Tiefe. Vergeblich! Ich angele nach nichts. Unsinnige Redensarten hallen mir im Ohr. Die Malytante winkte ab: »Alles für die Katz.« Warum Katz? Die Mutter sprach manchmal von »vergeblicher Liebesmüh«! Ich bin bereit zu jeglicher Liebesmühe. Der Otata hatte Ähnliches gesagt, wenn auch anders: »Nicht im Trüben fischen.« Heißt das nicht eindeutig: Es ist alles umsonst? Ich drehe mich um mich selbst im Strudel der Knie und Füße.

Während ich zwischen den hünenhaften Steinbrocken, die mich zu erdrücken drohen, hin und her wanke, schießen mir wieder die Tränen in die Augen. Jäh wische ich die Tränen weg. Oder sind es die Wassertropfen? Nun gerade: Im Trüben fischen! Was heißt das? Wie geht das? Ich weiß es: Tauchen mit offenen Augen. Das hatte ich in der Waschschüssel geübt. Doch wo beginnen? Ich überlege blitzschnell. Von unten herauf. Ich lasse mich kurz abwärts treiben. Schon bin ich mit offenen Augen unter der Oberfläche. Es kitzelt. Trübe Schatten, doch kein Mädchen. Nichts. Nichts als Trauer. Ich muss Luft schnappen, tauche auf. Verwirrt schließe ich die Augen vor zu viel Helle und Licht. Das Treten über der Untiefe wird hilfloser, die Beine erlahmen, der Mut sinkt dahin. Nochmals; und nochmals.

Es kam anders.

Ehe ich mich versah, umfasste sie mich von hinten. Sie hängte sich an meine Schultern, umschloss meinen Hals. Sie nieste, keuchte, schluchzte. So fest klammerte sie sich an mich, dass mir der Atem wegblieb. Mit letzter Kraft zog sie sich an mir empor, ragte über meinen Kopf hinaus. Das hilfreiche Wassertreten versagte den Dienst. Uns beide konnte ich nicht halten. Zu schwer war die Last zweier Körper. Ich sackte in die Tiefe. Mein Kopf ging unter.

Ich hielt den Atem an.

Doch auch das hatte ich geübt, in der Waschschüssel: mit angehaltener Luft unter Wasser auszuharren. Ich harrte aus. Mit zusammengebissenen Lippen und zerspringendem Herzen. Inzwischen hatten wir in inniger Umschlingung die Mitte des Baches erreicht. Da spürte ich Grund unter den Füßen. Im selben Augenblick streckte ich die Beine und stieß mich ab. Ich schoss in die Höhe.

Beide hatten wir nunmehr unsere Münder in der frischen Luft. Die wir einsogen. Sie atmete mit geschlossenen Augen, das Gesicht ruhte auf meiner Schulter. Ich, vor mir das ganze Tal voll Luft, atmete wie ein Blasebalg.

Ich schleppte das Mädchen ans Ufer. Vergessen wir nicht; Ich noch nicht in der ersten Klasse. Sie schon in der dritten. Es galt, die betörende Fracht ja nicht zu verlieren. Als ich einige Male gestolpert war, ihre baumelnden Füße gerieten wie Klöppel zwischen meine Beine, nahm ich sie Huckepack. Ihre Schenkel umfingen meine Hüften. Ihre rotbetupften Zehen spürte ich im Schritt. Ihre Arme hatte sie um meine Brust geschlungen. Die Hände trafen sich wie im Gebet.

Behutsam erklomm ich die Stufe zum Ufer. Ich beugte mich weit vor, vergrößerte die Stützbasis. Wir schwankten, aber wir brachten es fertig. Ich spürte ihre zitternde Haut auf meinem nackten Rücken, triefend vor Nässe, spürte den Bauch, spürte die bebende Brust, ja ihren Herzschlag.

Sie! So ganz bei mir wie nie.

Niemand hatte etwas mitbekommen.

Ich legte Irénke dem Großvater zu Füßen. Der Alte setzte sich auf. Bedächtig rieb er sich den Schlaf aus den Augen. Erfrischte seine Lebensgeister mit einem hörbar glucksenden Schluck Pálinka. Sein Esel hatte uns schon bemerkt. Und begriffen, was hier gespielt wurde. Er ließ den Schweif kreisen. An dessen buschiger Spitze flatterte Irénkes Gewand, ein Fähnchen, ein einfaches, leichtes Kleid mit roten Tupfen.

Ich entwand dem Esel das Kleid und zog ihm dazu seinen Kotzen unter den Vorderhufen weg. Das zitternde Kind hüllte ich in das raue Fließ. Sie hockte darin wie in einem Winterzelt. Nach einer Weile, alle drei schwiegen wir, bat sie Seltsames: Ich möge ihr ein Glas Wasser bringen: »Egy pohár vizet, kérlek!«

Ich brachte es: Ein Glas Wasser.

Ohne viel Verwunderung, nein, keineswegs verwundert, besah der Großvater das Menschenkind im Gras am Bachrand.

»Ein Häufchen Unglück«, hätte unsere Mutter bemerkt, wäre sie vorbeigekommen. Sie kam nicht vorbei.

Der Alte kraulte seinen Schnauzbart. Ungarisch sagte er: »Ja, ja, die Leute meinen, das seien gefährliche Steine.« Er ergänzte, es klang gleichmütig: »Az emberek nem tudják. Itt a Holle anyó kútbejárata!« – »Sie wissen es nicht: Hier ist das Tor zum Brunnen der Frau Holle.«

Der Alte fuhr ungerührt fort:

»Hättest du, úrfi, sie nicht fortgebracht, wäre ihr auch so nichts zugestoßen. Die gute Frau Holle hätte sie zu sich genommen.«

Irénke erhob sich, sie war zu Atem gekommen.

Sie trat vor mich hin. Die graue Decke fiel von ihren Schultern. Sie strich einige Haarsträhnen aus der Stirne, schnipste Tropfen von ihrer nackten Brust. Sie beugte sich zu mir. Ein weniges. Ich war gewachsen. Ich reichte ihr bis an die Augen.

Sie umarmte mich. »Du bist gewachsen«, sagte sie!

Sie küsste mich.
Sie küsste mich nicht auf den Mund.
Sie ergriff meine Hand. Und küsste die Hand.