https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.928

Außerschulische Möglichkeiten der Sozialisation für ungarndeutsche Kinder und Jugendliche

Die Ergebnisse zweier Meinungsumfragen

Im vorliegenden Beitrag wird erörtert, wie Traditionspflege, Identitätsstiftung1 und Bewahrung der deutschen Standardsprache und Kultur2 unter den Ungarndeutschen durch den außerschulischen Sozialisationsprozess in Ungarn unterstützt werden. Zur außerschulischen Sozialisation3 stehen den Kindern und Jugendlichen deutscher Abstammung in Ungarn zahlreiche Möglichkeiten und Chancen zur Verfügung. Im Folgenden wird ein Überblick über die Tätigkeiten und Initiativen von kulturellen Vereinen und Institutionen gegeben, des Weiteren werden die Ergebnisse zweier Umfragen4 dargestellt, in denen die Attitüden5 von LehrerInnen des Deutschen als Minderheitensprache,6 ungarndeutschen Eltern und Mitgliedern einer ungarndeutschen Tanzgruppe (in Saar, ung. Szár) mithilfe von Likert-Skalen7 untersucht wurden.8 Die den beiden Erhebungen zugrundeliegende zentrale Forschungsfrage ist, ob sich durch die Einstellungen beziehungsweise Meinungen der befragten PädagogInnen, Eltern und Tanzgruppen-Mitglieder ein positives oder negatives Bild in Bezug auf die außerschulischen Sozialisationsmöglichkeiten in Ungarn abzeichnet.9 Die Hypothese der AutorInnen ist, dass sich aus den erzielten Ergebnissen ein positives Bild ergeben wird.

Am Anfang steht eine kurze Darstellung des ungarndeutschen Schulwesens, in dem ungarndeutsche Jugendliche eine solide zweisprachige Bildung genießen, die die Grundlage für weitere Beschäftigungen mit der deutschen Sprache und Kultur schaffen kann. Die darauffolgenden Kapitel behandeln – um das Fallbeispiel der Saarer Tanzgruppe ergänzt – die Möglichkeiten der außerschulischen Sozialisation ungarndeutscher Kinder und Jugendlicher (Landesrat, Heimatmuseen, Lehrpfade) sowie diesbezügliche Meinungen der an Aktivitäten Beteiligten. Die abschließende Zusammenfassung resümiert die Einstellungen der befragten Ungarndeutschen zu Nützlichkeit und Wirkung der durch sie in Anspruch genommenen außerschulischen Sozialisationsmöglichkeiten.

Das ungarndeutsche Schulwesen10

Die Angehörigen der deutschen Nationalität11 in Ungarn haben das Recht,12 die deutsche Muttersprache in den Bildungseinrichtungen frei zu verwenden. Laut der Regierungsverordnung aus dem Jahr 2012 gibt es gegenwärtig im ungarndeutschen Schulwesen drei Schultypen, in denen die SchülerInnen Unterricht in ihrer deutschen Muttersprache erhalten können: im (1) muttersprachlichen und (2) zweisprachigen Programm beziehungsweise im (3) sprachunterrichtenden Programm. Der Unterricht in der Minderheitensprache in den sogenannten Nationalitätenschulen fängt schon in der ersten Klasse an.13 Deshalb müssen Eltern rechtzeitig eine Entscheidung bezüglich der Schulwahl treffen.14 Gemäß dem Minderheitengesetz ist der Nationalitätenunterricht an einer Schule zu garantieren, wenn die Eltern von mindestens acht SchülerInnen einer Minderheit ihren Wunsch nach Nationalitätenunterricht äußern.15 Aus der folgenden Tabelle wird ersichtlich, wie viele Kinder und Jugendliche im Schuljahr 2021/2022 ungarndeutsche Bildungseinrichtungen besucht haben.

Von der jüngeren Generation der Ungarndeutschen, die sich noch in der formalen Bildung (vom Kindergarten bis zum Universitätsstudium) befindet, wird im Laufe der primären Sozialisation die Landessprache Ungarisch als Erstsprache erworben und als dominante Sprache verwendet.16

EinrichtungstypIn der Trägerschaft deutscher NationalitätenselbstverwaltungenAnzahl der Kinder und JugendlichenIn staatlicher oder kirchlicher TrägerschaftAnzahl der Kinder und Jugendlichen
Kindergarten332.95413211.362
Grundschule17369.73318338.633
Mittelschule1831.201151.767
Insgesamt7213.88833051.762

Tab. 1: Anzahl der Kindergartenkinder und SchülerInnen in ungarndeutschen Bildungseinrichtungen im Jahr 2021/22 in Ungarn19

Die deutsche Standardsprache wird überwiegend nicht in der Familie, sondern in den Bildungsinstitutionen erlernt.20

In den oben genannten Schultypen kommen die SchülerInnen je nach Schultyp in unterschied­lichem Maße mit der deutschen Standardsprache in Berührung, vornehmlich in den Schulfächern Deutsch als Minderheitensprache21 und Landes- und Volkskunde [der Deutschen] sowie in weiteren auf Deutsch unterrichteten Schulfächern.

Möglichkeiten der außerschulischen Sozialisation
ungarndeutscher Kinder und Jugendlicher

Für die Prägung der ethnischen Identität sind ungarndeutsche Vereine und Organisationen von großer Bedeutung, denn in diesem Umfeld können Werte zwar informell, doch zielgerecht vermittelt werden.22 Die folgenden Vereine und Institutionen verfolgen das Ziel, das Kennenlernen und den Erwerb der deutschen Standardsprache und der ungarndeutschen Dialekte, die ungarndeutsche Identitätsstiftung sowie die Kultur- und Traditionspflege der Ungarndeutschen im außerschulischen Sozialisationsprozess zu fördern.

Die Zielgruppe des 1998 gegründeten Vereins für Ungarndeutsche Kinder (VUK) sind in erster Linie Kinder im Grundschulalter (Jahrgänge 1 bis 8), die entweder deutscher Abstammung sind oder sich für die ungarndeutsche Kultur interessieren.23 Für sie werden jährlich Sommercamps, Wettbewerbe und Sprachkurse organisiert, aber es werden auch Programme für Kindergartenkinder und kleinere Kinder angeboten (Babyecke, Kinderecke24). Die Jugendleiterbildung findet jedes Jahr zweimal in einer ungarndeutschen Ortschaft statt. Bei diesen Zusammenkünften steht die methodische und sprachliche Weiterbildung der Jugendlichen im Mittelpunkt die Basis für die Organisationsteams der Sommercamps und weiterer Veranstaltungen. Familienwochenenden werden jährlich veranstaltet, um Familien eine Möglichkeit zum Austausch zu bieten. Gleichzeitig werden Empfehlungen zur Förderung der zwei- oder mehrsprachigen Erziehung gegeben, denn beim Ausbau der Identität spielt die Sprache eine bedeutende Rolle. An den Familienwochenenden werden unterschiedliche Programme wie Theatervorführungen, gemeinsames Tanzen, Basteln und Musizieren angeboten. Die Mitgliederzahl beträgt zurzeit 32 Familien, während 25 Jugendleiter bei der Organisation der Programme helfen. Neben den inländischen Kooperationspartnern verfügt der VUK auch über einen Partner in Deutschland: das Kinder- und Jugendcafé Ostbevern.25

Die Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher (GJU) wurde 1989 in Fünfkirchen (ung. Pécs) gegründet. In der GJU findet die Jugendarbeit in sogenannten Freundeskreisen statt, gegenwärtig gibt es davon 15, mit zirka 500–600 Mitgliedern.26 Die Zielgruppe ihrer Programme sind Jugendliche und junge Erwachsene ungarndeutscher Abstammung. Zum Jahresprogramm gehören Fußballturniere, Bustouren, Camps, Fahrradtouren und Vorsilvesterpartys. An diesen Veranstaltungen können sowohl die Mitglieder des Vereins als auch andere interessierte Jugendliche teilnehmen. Bei den erwähnten Veranstaltungen wird das Knüpfen von regionen- oder sogar länder- und nationalitätenübergreifenden Kontakten dadurch gefördert, dass die Bus- und Fahrradtouren immer in Regionen führen, in denen mehrere Minderheiten zusammenleben (zum Beispiel ins Burgenland, nach Sathmar (rum. Satu Mare, ung. Szatmár), ins Komitat Branau (ung. Baranya vármegye). Die internationale Vernetzung ist für die GJU von großer Bedeutung, dies zeigt auch ihre Mitgliedschaft in der Dachorganisation Jugend Europäischer Volksgruppen seit 1991, einem »Netzwerk von Jugendorganisationen der autochthonen und nationalen Minderheiten in Europa«.27

Das Ungarndeutsche Kultur- und Informationszentrum und Bibliothek (Kurzform: Zentrum) organisiert seit Oktober 2004 Veranstaltungen und Programme im Haus der Ungarndeutschen (HdU)28, so zum Beispiel das »TaschenTheater« und »Märchen aus dem Koffer«29 sowie landesweite Projekte wie »Blickpunkt«30, »Abgedreht!« und »TrachtTag« zur Förderung des vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Ungarndeutschen.31 Auf zwei Zentrum-Projekte, nämlich »Abgedreht!« und »TrachtTag«, soll kurz eingegangen werden. »Abgedreht!« ist ein ungarndeutsches Jugendfilmfest mit einem Wettbewerb für die SchülerInnen in der Sekundarstufe II und wurde im Jahr 2006 vom Zentrum gestartet. Bei diesem Projekt bilden maximal fünf SchülerInnen ein Team und drehen mithilfe eines/einer ProjektleiterIn (PädagogIn oder Eltern) einen maximal zehnminütigen deutschsprachigen Film mit dem Ziel, aus ihrer Perspektive zu zeigen, was sie über die deutsche Nationalität in Ungarn denken. Beliebte Themen der Filme sind die Vergangenheit (in erster Linie die Ansiedlung und die Vertreibung), die Gastronomie, die Identität, die Traditionspflege, Sitten und Bräuche sowie der Dialekt- und Sprachgebrauch der Ungarndeutschen.32 Eines der beliebtesten Zentrum-Programme ist der »TrachtTag«. Ziel der Initiative ist jedes Jahr seit 2015, an einem vom Zentrum festgelegten Wochentag ein Kleidungsstück der authentischen ungarndeutschen Volkstracht anzuziehen oder ein Accessoire anzulegen und dieses mit der Alltagskleidung zu kombinieren. Die TeilnehmerInnen können dadurch zeigen, dass die Vergangenheit ein wichtiger Bestandteil der Gegenwart der Ungarndeutschen ist. Der »TrachtTag« stößt jedes Mal auf eine positive Resonanz bei den ungarndeutschen Familien, Vereinen, Kindergärten und Schulen.33 In den Schulen werden als begleitende Programme oft Ausstellungen und gemeinsame Spaziergänge in Tracht vor Ort organisiert.34

Laut der Soziologin und Anthropologin Györgyi Bindorffer ist die Musik- und Tanzkultur ein wichtiger Faktor der Identität, denn durch sie kann auch nach dem Verlust der Muttersprache, des ungarndeutschen Ortsdialekts, ein Teil der individuellen und kollektiven Identität weitertradiert werden.35 Der Landesrat der ungarndeutschen Chöre, Kapellen und Tanzgruppen (Kurzform: Landesrat) wurde 1996 ins Leben gerufen. Sein Ziel ist »die Bewahrung der ungarndeutschen Identität, die Pflege der Muttersprache und des musikalischen Erbes sowie die Weitergabe der kulturellen und religiösen Traditionen«.36

Der Landesrat der ungarndeutschen Chöre, Kapellen und Tanzgruppen
Der Landesrat der ungarndeutschen Chöre, Kapellen und Tanzgruppen

Zurzeit gibt es im Dachverband 110 Chöre, 59 Kapellen und 100 Tanzgruppen. Damit ist der Landesrat mit circa 7.500 Mitgliedern eine der größten Zivilorganisationen der Ungarndeutschen. Die Organisation besteht aus fünf Sektionen: Chor-, Kapellen-, Tanz-, Kirchenmusik- und Jugendsektion. Der Landesrat veranstaltet im Rotationssystem Landesqualifikationswettbewerbe für die Kulturvereine, im Rahmen derer Chöre, Kapellen oder Tanzgruppen von Fachleuten bewertet werden. Der Landesrat pflegt auch Kontakte zu zahlreichen Partnerorganisationen im deutschsprachigen Raum wie der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, dem Weltdachverband der Donauschwaben, dem Freundeskreis Schwäbische Musik e. V., der Österreichischen Landsmannschaft und dem Verband der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich.

Die Jugendsektion engagiert sich gezielt für die junge Generation. Die größte Veranstaltung der Jugendsektion ist das Schwabenjugendtreffen, das jährlich jeweils in einer anderen Ortschaft, im Heimatort eines Mitgliedvereins, organisiert wird. Die Initiative wurde mit der Absicht gestartet, die musikalische und tänzerische Bildung von Jugendlichen in der Gemeinschaft durch Erfahrungsaustausch und Kooperation zu fördern, wobei auch die Verwendung der deutschen Muttersprache durch Workshops und Unterhaltungsprogramme angestrebt wird.37

Seit 2020 finden regelmäßig fachliche Fortbildungen mit der Teilnahme von Mitgliedorganisationen und ExpertInnen statt, bei denen die Wiederbelebung der kulturellen Bräuche im Mittelpunkt steht.38 Die Harmonikawoche, die Tanzwoche oder das Treffen der ungarndeutschen Familienmusiker sind weitere gefragte Veranstaltungen unter den Jugendlichen, die von den anderen oben erwähnten Sektionen des Landesrats geleitet werden.

Das Fallbeispiel der Saarer Tanzgruppe

Zur Veranschaulichung dessen, welche gemeinschafts- und identitätsbildende Kraft der Tanzkultur innewohnt, wurde für diesen Aufsatz die Saarer Tanzgruppe ausgewählt, da die Anzahl ihrer Mitglieder im Vergleich zur Anzahl der DorfbewohnerInnen relativ groß ist: Das ungefähr 1.700 Einwohner zählende Dorf Saar verfügt über eine zurzeit circa 100 Mitglieder im Alter von 8 bis 64 Jahren zählende Tanzgruppe.

Die Saarer Tanzgruppe wurde 1998 gegründet, um die örtliche Gemeinschaft der Jugendlichen durch das Tanzen zu stärken. Die Tanzgruppe ist nicht exklusiv auf ethnischer Basis organisiert.

Um mehr über die Einstellungen der Mitglieder zur ethnischen Identitätsstiftung zu erfahren, wurde eine Onlinebefragung in der Altersgruppe 12–33 durchgeführt39, an der sich 35 Mitglieder beteiligten (n=35). Die Antworten bestätigten, dass dieser Kulturverein zur Wiederbelebung, Erforschung und Bewahrung von Traditionen beiträgt. Auf einer sechsstufigen Likert-Skala40 bewerteten die Befragten die Wichtigkeit der traditionsbewahrenden Bestrebungen mit dem Durchschnittswert 5,4.41 Das bedeutet, dass die Befragten mit der Aussage voll einverstanden waren.

Von den Aktivitäten der Gruppe wurden die Vorführung thematischer Tänze (35 Mitglieder), die Bewahrung der Ortstracht (32 Mitglieder), die Sammlung lokaler Tanzschritte und die Nachwuchsförderung (je 27 Mitglieder), die Vorstellung der Brauchhandlungen im In- und Ausland und das Organisieren von traditionsbewahrenden Veranstaltungen als bedeutungsvoll empfunden (je 23 Mitglieder). Als für die Identitätsstiftung entscheidende Ereignisse wurden die jährlich organisierte Tanzgala, die Teilnahme am internationalen Folklorefestival »Europeade« oder das ­Wiederbeleben der traditionellen Saarer Hochzeit erwähnt. Die genannten Events verbinden sowohl kulturelle als auch sprachliche Faktoren der ethnischen Identitätsstiftung, denn an den erwähnten Veranstaltungen spielen die deutsche Sprache beziehungsweise der ungarndeutsche Ortsdialekt durch autochthone SprecherInnen oder durch ritualisierte Dialekttexte eine wichtige Rolle. 18 Befragte behaupteten, dass sie ihre deutschen Sprachkenntnisse bei den Veranstaltungen aktiv verwenden können, zehn Mitglieder verfügten über passive Deutschkenntnisse, von denen sie während der Tanzproduktionen, Auslandsreisen und Partnerschaftstreffen Gebrauch machen konnten. Als wichtigste Triebfedern für die Mitgliedschaft in der Tanzgruppe wurden – unabhängig vom Eintrittsalter, das bei den Befragten zwischen 4 und 15 Jahren variierte – die Gemeinschaftszugehörigkeit und die Liebe zum Tanzen erwähnt (je 27 Mitglieder).

Heimatmuseen und Lehrpfade sind wichtige Bestandteile der außerschulischen Erziehung und Bildung ungarndeutscher Kinder und Jugendlicher in Ungarn. Mehr als 141 ungarndeutsche Heimatmuseen bieten eine Möglichkeit, Geschichte, Alltagsleben und Kultur der Ungarndeutschen kennenzulernen.

Ungarndeutsche Heimatmuseen und Lehrpfade
Ungarndeutsche Heimatmuseen und Lehrpfade

In den Heimatmuseen ­werden für die SchülerInnen museumspädagogische Beschäftigungen mit dem Ziel angeboten, Kindern und Jugendlichen die Vergangenheit der deutschen Nationalität und die Brauchhandlungen der einzelnen Ortschaften mit einem Lernerlebnis durch ­verschiedene Gruppen-Beschäftigungen erfahrbar zu machen. Themen, die in den außerschulischen Volkskundestunden behandelt werden, sind zum Beispiel alte Kinderspielzeuge und Berufe, Religion, Gastronomie, Volkstracht oder Brauchhandlungen wie das Christkindlspiel der Ungarndeutschen. Als Aktivitäten werden Spaziergänge in den Ortschaften organisiert, bei denen die SchülerInnen Bekanntschaft mit dem Baukulturerbe, den Sehenswürdigkeiten und Denkmälern der jeweiligen ungarndeutschen Siedlung machen.42

Dank der Initiative der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) aus dem Jahr 2015 entstanden in Ungarn 14 ungarndeutsche Lehrpfade,43 die die Förderung und Stärkung der ungarndeutschen Identität und das Kennenlernen von Kultur, Werten und dem ungarndeutschen Ortsdialekt der jeweiligen ungarndeutschen Gemeinde, in der sich die Lehrpfade befinden, zum Ziel haben.

Eine Gruppe von Kinder beim Betrachten von Fotografien, die an einer Wand hängen.

Die einige hundert Meter langen Lehrpfade besitzen alle eine ungarndeutsche Thematik, einen eigenen Grundgedanken und ein eigenes Leitmotiv. Sie bestehen aus sieben bis acht Lehrpfadschildern und Tafeln, einige auch aus interaktiven Installationen. Die Lehrpfadschilder sind auf Deutsch, Ungarisch und auch im ungarndeutschen Ortsdialekt beschriftet, was dazu beitragen kann, die Kenntnisse der SchülerInnen in Bezug auf die Standardsprache und den Dialekt zu erweitern .44 Die Lehrpfade gelten als beliebte Ziele für Klassenfahrten und Projekttage ungarndeutscher Schulklassen.45 Zu den jeweiligen Lehrpfaden wurden Begleithefte mit Aufgaben zu den einzelnen Stationen zusammengestellt. Die SchülerInnen haben so die Möglichkeit, diese Hefte während des Spaziergangs mithilfe der PädagogInnen auszufüllen und später im Volkskundeunterricht weiter zu bearbeiten.46

Außerschulische Sozialisation aus der Sicht der PädagogInnen und Eltern
Außerschulische Sozialisation aus der Sicht der PädagogInnen und Eltern

Gegenstand einer Online-Umfrage, die von Juli bis Oktober 2022 in Ungarn47 durchgeführt wurde, waren die Meinungen, Ansichten und Attitüden zur außerschulischen Sozialisation ungarndeutscher NationalitätenpädagogInnen (n=77) und Eltern (n=61), deren Kinder eine deutsche Nationalitätenschule in Ungarn besuchen.48 Durch die Erhebung wurde auch die Relevanz der von ungarndeutschen kulturellen Vereinen organisierten Programme und Projekte sowie der ungarndeutschen Heimatmuseen und Lehrpfade ermittelt.49 Im ungarischsprachigen Fragebogen gab es sowohl offene als auch geschlossene Fragen , darüber hinaus wurde der Grad der Zustimmung und Ablehnung zu den Einstellungsobjekten mit Hilfe von vierstufigen Likert-Skalen50 untersucht.

Laut der Ergebnisse der Erhebung halten sowohl PädagogInnen als auch Eltern die außerschulische Erziehung für wichtig (Durchschnittswert der Skala bei den PädagogInnen: 3,7; bei den Eltern: 2,9). Obwohl die Eltern mit den in Ungarn erreichbaren außerschulischen Sozialisationsmöglichkeiten weniger zufrieden sind als die LehrerInnen (Durchschnittswert bei den LehrerInnen: 3,1; bei den Eltern: 2,6), können beide Ergebnisse als eine positive Beurteilung interpretiert werden, was die am Anfang dargestellte Hypothese validiert. Von den PädagogInnen und von den Eltern wurden folgende Möglichkeiten der außerschulischen Sozialisation erwähnt: Mitgliedschaft in Tanzgruppen und Chören, Teilnahme an Theateraufführungen, Minderheitencamps und Ausflüge sowohl in ungarndeutschen Gemeinden als auch in deutschsprachigen Ländern; Besuch von Heimatmuseen, Lehrpfaden, Bibliotheken, örtlichen Nationalitätentagen und Dorffesten; Erziehung in der Familie unter anderem im ungarndeutschen Ortsdialekt und die Bewahrung der ungarndeutschen Sitten und Bräuche. Ein Viertel der Eltern (n=15) konnte jedoch keinen Ort der außerschulischen Sozialisation benennen.

Die außerschulischen deutschen Nationalitätenprogramme werden in den meisten Fällen von den LehrerInnen und der Schulleitung gemeinsam und/oder von der örtlichen ungarndeutschen Selbstverwaltung geplant und organisiert.51 39 Prozent der befragten PädagogInnen organisieren in einem durchschnittlichen Schuljahr vierteljährlich Programme außerhalb der Schule.

Fast alle LehrerInnen (n=70) haben schon mit ihren SchülerInnen an einer deutschsprachigen Theateraufführung der DBU (Deutsche Bühne Ungarn) in Seksard (ung. Szekszárd) und fast drei Viertel der LehrerInnen (n=51) an einem vom Zentrum organisierten Programm teilgenommen. Bevorzugte Zentrum-Programme waren »Abgedreht!«, »TaschenTheater«, »Märchen aus dem Koffer«, »Blickpunkt« und »TrachtTag«.

Die häufigsten außerschulischen Aktivitäten der letzten fünf Jahre waren im Durchschnitt einen halben bis einen Tag dauernde Ausflüge und Projekttage in ungarndeutschen Gemeinden, wo die SchülerInnen die Möglichkeit hatten, Sehenswürdigkeiten wie Burgen, Schlösser, Friedhöfe, Kalvarienberge, Heimatmuseen, Lehrpfade, Kirchen und Ausstellungen zu besichtigen sowie die Kultur und die Traditionen des Ortes (wie das Backen von Krapfen, das Tragen von Trachten und die Teilnahme am Schlachtfest) kennenzulernen. Populäre Reiseziele der Befragten waren deutsche Gemeinden sowohl in Ungarn – zum Beispiel Fünfkirchen (ung. Pécs), Hajosch (ung. Hajós), Güns (ung. Kőszeg), Ödenburg (ung. Sopron), Sankt Andrä (ung. Szendendre) und Tscholnok (ung. Csolnok) – als auch in Österreich, zum Beispiel Frauenkirchen, Kittsee, Krottendorf und Mönchhof.

Die Mehrheit der LehrerInnen (62 Prozent, n=48) besucht in jedem Schuljahr mit ihren SchülerInnen Heimatmuseen. 18 Prozent (n=14) organisieren nur alle paar Jahre, 17 Prozent (n=13) aber jedes Schulhalbjahr einen Heimatmuseumsbesuch.

Laut der Antworten der Umfrage befinden sich die meistbesuchten ungarndeutschen Heimatmuseen in Gereschlack (ung. Geresdlak), Totis (ung. Tata), Waschludt (ung. Városlőd) und Wudersch (ung. Budaörs).

Bei der Auswahl eines Lehrpfads als Reiseziel spielen die Entfernung zur Schule, die leichte Zugänglichkeit, Empfehlungen von KollegInnen sowie das persönliche Interesse und die Neugierde der LehrerInnen eine wichtige Rolle. In der Regel werden Lehrpfade besucht, die sich in der Nähe der Schule befinden. Lehrpfade, die weiter entfernt liegen, werden meistens nur dann besucht, wenn dort auch ein ergänzendes Programm stattfindet. Die meistbesuchten ungarndeutschen Lehrpfade liegen nach der Umfrage in Baje (ung. Baja), Feked (ung. Feked), Nadasch (ung. Mecseknádasd) und Sankt-Iwan bei Ofen (ung. Pilisszentiván).

Bei der Organisation außerschulischer Nationalitätenprogramme verursachen den PädagogInnen folgende Faktoren Probleme: Zeitmangel (hauptsächlich aufgrund der Arbeitsbelastung der LehrerInnen), fehlende finanzielle Ressourcen, Schwierigkeiten bei der Terminvereinbarung, mangelnde Motivation und mangelndes Interesse seitens der (häufig überlasteten) SchülerInnen und ihrer Eltern. Trotz dieser Probleme sind die LehrerInnen für die Organisation der Programme sehr offen (Durchschnittswert der Skala: 3,6).

Die Mehrheit der Eltern (n=33) hat die Möglichkeit und den Bedarf, mit ihren Kindern und mit der Familie deutsche Nationalitätenprogramme zu besuchen. Ein Viertel der befragten Elternteile (n=14) hat schon mit ihrem Kind an einer deutschsprachigen Theateraufführung und ein Drittel (n=20) an einem vom Zentrum organisierten Programm teilgenommen, wobei der »TrachtTag« als die beliebteste Veranstaltung galt. Weitere Programme, die in den Antworten oft genannt wurden, waren unter den ungarndeutschen Familien außerdem die örtlichen Schwabenbälle, Schwabentage und Erntefeste in Ungarn.

Sowohl die befragten PädagogInnen wie auch die Eltern waren der Ansicht, dass durch die außerschulischen Nationalitätenprogramme am häufigsten das Kennen­lernen der ungarndeutschen Sitten und Bräuche unterstützt werden könne. Diese Programme seien nach Meinung der Befragten maßgeblich für die Stärkung der ungarndeutschen Identität, das Kennenlernen ungarndeutscher Organisationen und das Erlernen der deutschen Standardsprache, allerdings würden ungarndeutsche Dialekte durch diese Programme nur wenig bis gar nicht vermittelt.

Die LehrerInnen und Eltern schätzen die Einstellungen ihrer SchülerInnen/Kinder gegenüber den außerschulischen Programmen als eher offen ein (Durchschnittswert sowohl bei den LehrerInnen als auch bei den Eltern: 2,8) und sind der Ansicht, dass die SchülerInnen viel Spaß an den außerschulischen Programmen haben (Durchschnittswert bei PädagogInnen: 3,4; bei Eltern: 2,9).

Schlussfolgerungen

Laut unserer Untersuchung spielt über die Familie als primärem Sozialisationsort hinaus auch die Schule als sekundärer Sozialisationsort eine bedeutende Rolle im Leben der ungarndeutschen Kinder und Jugendlichen. In diesem Beitrag wurde versucht, jene Vereine vorzustellen, die als Träger der sekundären, außerschulischen Sozialisation ungarndeutsche Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihre deutschsprachigen Kompetenzen und kulturellen Kenntnisse zu erweitern beziehungsweise zu vertiefen. Da von den außerschulischen Veranstaltungen nicht nur Kinder und Jugendliche betroffen sind, wurden in je zwei Umfragen Vereinsmitglieder, PädagogInnen und Eltern zum Nutzen der außerschulischen Programme befragt. Anhand der dargestellten Ergebnisse kann unsere Hypothese bestätigt werden: Die Einstellungen und Meinungen der befragten Vereinsmitglieder, PädagogInnen und Eltern zu außerschulischen Sozialisationsmöglichkeiten sind in Ungarn positiv.

Sowohl die Saarer Tanzgruppe als auch die Tätigkeit ihrer Dachorganisation bestätigen die Annahme, dass Orte der ethnischen Identitätsstiftung sowohl auf lokaler als auch auf landes- und länderübergreifender Ebene vorhanden sein sollten, damit sich die außerschulische sprachliche und kulturelle Sozialisation der Jugendlichen mit Erfolg vollziehen kann.

Nach der Ansicht der PädagogInnen und Eltern spielen die in diesem Beitrag dargestellten kulturellen Vereine, Institutionen (Zentrum, HdU, LdU, VUK, GJU, Landesrat) beziehungsweise ihre Initiativen und Aktivitäten (wie »Abgedreht!«, »Blickpunkt«, »TrachtTag«, Schwabenjugendtreffen) in der pädagogischen Arbeit der ungarndeutschen Bildungseinrichtungen und im Leben der ungarndeutschen Familien eine wichtige Rolle, weil sie durch ihre Tätigkeit die außerschulische Erziehung und Sozialisation der ungarndeutschen Kinder und Jugendlichen unterstützen. Obwohl die Mehrheit der Befragten mit den in Ungarn erreichbaren außerschulischen Sozialisationsmöglichkeiten zufrieden ist und sie die außerschulische Sozialisation als wichtig erachtet, ist der Ressourcen-, Zeit- und Motivationsmangel der PädagogInnen ein komplexes bildungspolitisches Problem, dessen Lösung noch aussteht.

  1. Unter Identität verstehen wir das Selbstverständnis einer Person als eigenständiges Individuum, einschließlich ihres Selbstbildes und ihres Selbstbewusstseins. Das Identitätsgefühl – das unter anderem vom Alter, vom Geschlecht, von der ethnischen Zugehörigkeit und den Sprachkenntnissen des Individuums abhängig sein kann – beeinflusst, wie man sich selbst als Individuum und im Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Vgl. Jack C. Richards, Richard Schmidt: Longman Dictionary of Language Teaching and Applied Linguistics. London 42014, S. 268f. ↩︎

  2. Die materielle und geistige Kultur der Deutschen musste nach der politischen Wende (1989) in Ungarn vielerorts mithilfe der lokalen und nationalen Selbstverwaltungen und Vereine wiederbelebt werden. Der Umstand, dass Elemente der materiellen und geistigen Kultur (Bräuche, Lieder usw.) in unterschiedlichem Umfang im Alltag der ungarndeutschen Familien vorhanden sind und zum Teil durch die Akteure der lokalen deutschen Minderheitenselbstverwaltungen und -vereine tradiert werden, ist ein Indiz für ihre Folklorisierung. Aus demselben Grund kommt der tradierten Funktion von Sprache und Kultur an schulischen und außerschulischen Lern- und Begegnungsorten eine eminente Rolle zu: Schulische und außerschulische Sozialisationsprozesse unterstützen und ergänzen die familiäre Sozialisation, tragen zur Aufrechterhaltung der ungarisch-deutschen Mehrsprachigkeit und zur Stärkung der kulturellen Identität bei. ↩︎

  3. Sozialisation bezieht sich auf den Prozess der Internalisierung, durch den Menschen zu Mitgliedern bestimmter Kulturen werden und lernen, wie man als Mitglied dieser Kultur handelt, denkt und fühlt. Unter Sprachsozialisation wird die primäre Sozialisation in der Familie, aber auch die sekundäre Sozialisation verstanden, die sich auf spezielle Formen und Verwendungen der Sprache (zum Beispiel in der Schule) beziehen. Vgl. Jack C. Richards, Richard Schmidt: Longman Dictionary, S. 535. In diesem Beitrag wird Sozialisation als zeitgenössische Sozialisation verstanden, bei der die primäre Sozialisationssprache die ungarische Standardsprache ist und die kulturelle Sozialisation von Familie zu Familie und von Gemeinde zu Gemeinde variiert. ↩︎

  4. Auf die Vorstellung der bei den Erhebungen verwendeten Fragebögen wird aus Umfangsgründen verzichtet. ↩︎

  5. Unter Attitüden (auch Einstellungen) werden positive, negative oder neutrale Bewertungen bzw. bewertende Urteile des Einstellungsobjektes (wie Menschen, Gruppen, Ideen und weitere Kategorien von Objekten der sozialen Welt) verstanden. Die Wichtigkeit der Einstellungen liegt darin, dass sie das Verhalten des Individuums und die Wahrnehmung der Welt beeinflussen können. Vgl. Geoffrey Haddock, Gregory R. Maio: Einstellungen. In: Klaus Jonas, Wolfgang Stroebe, Miles Hewstone (Hgg.): Sozialpsychologie. Berlin 2014, S. 197–229. Zur Definition von Einstellungen bzw. Spracheinstellungen vgl. noch u. a. Astrid Adler, Albrecht Plewnia: Möglichkeiten und Grenzen der qualitativen Spracheinstellungsforschung. In: Alexandra N. Lenz, Albrecht Plewnia (Hgg.): Variation – Normen – Identitäten. Berlin/Boston 2018, S. 63–97; Birte Arendt: Wie sagt man hier? Bewertungen von Dialekt, Regionalsprache und Standard im Spannungsfeld regionaler Identität und sozialer Distinktion. In: Gerd Antos, Thomas Niehr, Jürgen Spitzmüller (Hgg.): Handbuch Sprache im Urteil der Öffentlichkeit. Berlin/Boston 2019, S. 333–352; Barbara Soukup: Sprachreflexion und Kognition. Theorien und Methoden der Spracheinstellungsforschung. In: Gerd Antos, Thomas Niehr, Jürgen Spitzmüller (Hgg.): Handbuch Sprache im Urteil der Öffentlichkeit. Berlin/Boston 2019, S. 83–106. ↩︎

  6. Die Bezeichnung »LehrerInnen des Deutschen als Minderheitensprache« (DaM-LehrerInnen, ung. német nemzetiségi tanár) wird nur in Ungarn gebraucht. LehrerInnen des Deutschen als Minderheitensprache sind im Gegensatz zu DaF-LehrerInnen qualifiziert, außer Deutsch als Fremdsprache auch Deutsch als Minderheitensprache (d. h. die diatopische Varietät des Deutschen in Ungarn und im deutschsprachigen Ausland), Literatur der Deutschen in Ungarn und Landes- und Volkskunde der Deutschen in Ungarn zu unterrichten. ↩︎

  7. Die Likert-Skala ist eine mehrstufige Skala zur Messung von Einstellungen, Meinungen und Beurteilungen, die auf der Selbsteinschätzung der Befragten beruht. Die Skala beinhaltet Aussagen, die den Grad der Zustimmung bzw. Ablehnung des Einstellungsobjektes abdecken können. Vgl. Rensis Likert: A Technique for the Measurement of Attitudes. In: Archives of Psychology 140 (1932), S. 1–55. ↩︎

  8. An dieser Stelle möchten sich die Verfasserinnen bei allen Befragten für ihre Teilnahme an der Fragebogenerhebung herzlich bedanken. ↩︎

  9. Die Relevanz des Beitrags besteht darin, dass er einen Einblick in die außerschulischen sprachlichen und kulturellen Sozialisationsbereiche der Deutschen in Ungarn gibt. Objektive Daten über den Gegenstand dieses Beitrags wurden durch zwei Befragungen von drei Zielgruppen (Lehrpersonen, Eltern und Mitglieder von kulturellen Vereinen) erhoben und analysiert. ↩︎

  10. Obwohl der Beitrag auf die außerschulische Sozialisation fokussiert, sind grundlegende Angaben bezüglich des ungarndeutschen Schulwesens unerlässlich, da außerschulische Sozialisationsprozesse im Bereich der deutschen Sprache und Kultur in Ungarn in der Regel auf in der Schule erworbenen (sprachlichen) Kompetenzen und (kulturellen) Kenntnissen aufbauen bzw. diese ergänzen. Zum ungarndeutschen Schulwesen vgl. Elisabeth Knipf-Komlósi, Márta Müller: Sprachfördermaßnahmen zur Erhaltung der deutschen Sprache in Ungarn. In: Ulrich Ammon, Gabriele Schmidt (Hgg.): Förderung der deutschen Sprache weltweit. Berlin/Boston 2019, S. 483–500. ↩︎

  11. Die deutsche Nationalität (auch Deutsche, Ungarndeutsche, [Donau-]Schwaben) ist in Ungarn die zweitgrößte Nationalität nach den Roma. Laut den letzten Volkszählungsdaten aus dem Jahr 2011 gehören 185.696 Personen zur deutschen Nationalität in Ungarn. 38.248 Personen gaben Deutsch als Muttersprache an und 95.661 Personen verwendeten Deutsch im Familien- und Freundeskreis. Aus linguistischer Sicht ist die deutsche Nationalität eine Sprachinselminderheit, da ihre Angehörigen seit Jahrhunderten in Isolation vom deutschsprachigen Raum leben, ihre Minderheitensprache und Kultur jedoch bewahren konnten. Vgl. Anasztázia Bojer u. a.: 2011. évi népszámlálás. 3. Országos adatok. [Volkszählungsdaten 2011. 3. Landes­daten]. Budapest 2013, S. 20–21. <http://www.ksh.hu/docs/hun/xftp/idoszaki/nepsz2011/nepsz_03_00_2011.pdf>, 25.6.2022; Gerhard Seewann: Deutsche, (Donau-)Schwaben, Ungarndeutsche. In: SPIEGELUNGEN. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 15 (2020) H. 2, S. 27–34, hier: S. 27; Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt. Berlin/München/Boston 2015, S. 334–341; Claudia Maria Riehl: Deutsch als Minderheitensprache. In: Lubin Studies in Modern Languages and Literature 45 (2021) H. 1, S. 7−20, hier S. 8−9. In dem Beitrag wird der Begriff ›Nationalität‹ verwendet, da in Ungarn der Begriff ›nationale Minderheit‹ durch das Gesetz Nr. CLXXIX/2011 durch den Begriff ›Nationalität‹ ersetzt wurde. Vgl. dazu: Gesetz Nr. CLXXIX/2011 In: Magyar Közlöny [Ungarisches Amtsblatt] 154 (2011), S. 37924−37942. ↩︎

  12. Vgl. Gesetz Nr. CXC/2011 In: Magyar Közlöny [Ungarisches Amtsblatt] 162 (2011), S. 39622−39695, hier: S. 39622. ↩︎

  13. Vgl. Verordnung des Ministeriums für Humanressourcen Nr. 17/2013 (III.1.) 8. § (4ba), <https://njt.hu/jogszabaly/2013-17-20-5H>, 5.11.2022 ↩︎

  14. Vgl. Regierungsverordnung Nr. 20/2012 (VIII.31.) 22. §, <https://net.jogtar.hu/jogszabaly?docid=a1200020.emm>, 5.11.2022 ↩︎

  15. Vgl. Nr. CLXXIX. Minderheitengesetz 2011. 22.§ (5), In: Magyar Közlöny [Ungarisches Amtsblatt] 154 (2011), S. 37866−37950, hier: S. 37874. ↩︎

  16. Vgl. Elisabeth Knipf-Komlósi: Ein Umriss zur deutschen Sprachminderheitenforschung der Gegenwart. In: Ingeborg Geyer, Barbara Piringer (Hgg.): Sprachinseln und Sprachinselforschung heute. Internationale Tagung vom 23. bis 24. November 2018 aus Anlass 45 Jahre Verein der Freunde der im Mittelalter von Österreich aus besiedelten Sprachinseln. Wien 2021, S. 11–27, hier: S. 19. ↩︎

  17. Im ungarischen Bildungswesen umfasst die Grundschule die Jahrgänge 1 bis 8. ↩︎

  18. Unter dem Begriff »Mittelschule« werden in Ungarn die Bildungseinrichtungen verstanden, die Unterricht für die Jahrgänge 9 bis 12 anbieten. Im ungarischen Schulsystem sind diese Bildungseinrichtungen die sogenannten Gymnasien, Fachgymnasien und Fachschulen. Diese Bildungsebene wird im Deutschen als Sekundarstufe II bezeichnet. ↩︎

  19. Die Angaben der im Jahr 2022 von anderen Trägern übernommenen Bildungseinrichtungen sind nicht inbegriffen. Die in der Tabelle vorgestellten Daten wurden vom Ungarndeutschen Pädagogischen und Methodischen Zentrum zur Verfügung gestellt. Zur Zeit der Fertigstellung dieses Beitrags waren die Daten des Schuljahres 2022/23 noch nicht zugänglich. ↩︎

  20. Laut der Kategorisierung von Ammon gehören die ungarndeutschen Schulen zu den Sprachgruppen- und Siedlerschulen, da sie zur »[…] Erhaltung und Pflege von Deutsch als Muttersprache bei deutschsprachigen Minderheiten« dienen. Ulrich Ammon: Entwicklung des Deutschunterrichts in nicht deutschsprachigen Ländern. In: Armin Burkhardt, Hugo Steger, Herbert Ernst Wiegand (Hgg): Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Deutsch als Fremdsprache. Berlin/New York 2001, S. 68–83, hier S. 69. ↩︎

  21. Laut Berend hat diese Unterrichtsform heutzutage die Aufgabe, nicht nur »Kenntnisse und Kompetenzen in der deutschen Sprache« zu vermitteln, vielmehr leistet sie auch einen Beitrag zur »Stärkung bzw. Herausbildung der minderheitentypischen Identität«. Nina Berend: Kann Deutsch als »Minderheitensprache« unterrichtet werden? Überlegungen zu einem aktuellen Problem. In: Zeitschrift für Mitteleuropäische Germanistik 3 (2013) H. 1, S. 13–28, hier S. 16. ↩︎

  22. Vgl. Zsuzsanna Gerner: Identität – soziales Netzwerk – nationale Stereotype. Zur Identitätsbildung und Identitätsforschung in den deutschen Sprachinseln in Ungarn. In: Nina Berend, Elisabeth Knipf-Komlósi (Hgg.): Sprachinselwelten. Entwicklung und Beschreibung der deutschen Sprachinseln am Anfang des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main et al. 2006, S. 149–173; Györgyi Bindorffer: »Wir Schwaben waren immer gute Ungarn«. Budapest 2005. ↩︎

  23. Vgl. die Website von VUK, <https://vukinder.hu/uber-uns/>, 9.28.2022. ↩︎

  24. Bei den regelmäßigen Treffen können Eltern und Kinder an deutschsprachigen Programmen (zum Beispiel an Kinderkonzerten) teilnehmen. ↩︎

  25. Vgl. Kinder- und Jugendcafé Ostbevern, <http://wordpress.kjw-ostbevern.de/das-team/>, 20.10.2022. ↩︎

  26. Aufgrund der freundlichen Mitteilung der Büroleiterin der GJU, Zsuzsanna Ritzl, und der Informationen von der Website der GJU, <https://www.gju.hu/>, 28.9.2022. ↩︎

  27. Vgl. die Website von YEN JEV, <http://www.yeni.org/de/what-is-yen/>, 20.10.2022. ↩︎

  28. Offizielle Website des HdU: <http://hdu.hu/>, 24.6.2022. ↩︎

  29. Bei den 40–45 Minuten langen Produktionen von »TaschenTheater« und »Märchen aus dem Koffer« führen die SchauspielerInnen der Deutschen Bühne Ungarn (DBU) deutsch-ungarische interaktive Märchen für Kinder auf, der Besuch ist frei. Vgl. <https://www.zentrum.hu/de/2021/09/taschentheater-das-tapfere-schneiderlein-2/>, <https://www.zentrum.hu/de/2018/11/marchen-aus-dem-koffer-der-lowe-und-der-hase/>, 25.11.2022. ↩︎

  30. »Blickpunkt« ist ein Online-Fotowettbewerb, an dem jeder mit Fotos, Postkarten und Archivbildern zu ungarndeutschen Themen teilnehmen kann. Die besten Bilder werden in dem Blickpunkt-Wand- und Tischkalender veröffentlicht. Vgl. <http://blickpunkt.hu/>, 25.11.2022. ↩︎

  31. Vgl. die Website vom Zentrum, <http://www.zentrum.hu/de/>, 24.6.2022. ↩︎

  32. Zum Abschluss des Projektes werden in Budapest am sogenannten Kinotag alle Filme vor Publikum gezeigt. Zu den öffentlichen Filmvorführungen sind alle TeilnehmerInnen des Projektes sowie alle Interessierten eingeladen. Die GewinnerInnen erhalten insgesamt 1000 Euro Preisgeld, Bücher und offizielle Abgedreht!-T-Shirts. Jurymitglieder sind Fachleute aus den Bereichen Film, Germanistik und ungarndeutsche Volkskunde. Vgl. Abgedreht! DVDs aus dem Jahr 2006 und 2015 sowie die Website des Projektes: <http://abgedreht.hu/>, 27.6.2022. ↩︎

  33. Vgl. <https://www.zentrum.hu/de/2022/03/29-april-trachttag-2022/>, 27.6.2022. ↩︎

  34. Vgl. Bianka Faluhelyi: TrachtTag, TrachtenLeben, <https://www.zentrum.hu/de/2022/05/trachttag-trach
    tenleben/>, 27.6.2022; Klara Schmidt: TrachtTag in der Roten Schule, <https://www.zentrum.hu/de/2022/05/trachttag-in-der-roten-schule/>, 27.6.2022. ↩︎

  35. Vgl. Györgyi Bindorffer: »… mit der Schrammelmusik aufgewachsen« – Volkskultur als Repräsentationsform der ethnischen Identität bei den Ungarndeutschen. In: Csilla Schell, Michael Prosser (Hg.): Fest, Brauch, Identität – Ünnep, szokás, identitás. Ungarisch-deutsche Kontaktfelder. Beiträge zur Tagung des Johannes-Künzig-Instituts 8.–10. Juni 2005. Freiburg 2008, S. 1–14. ↩︎

  36. Vgl. die Website des Landesrats, <https://landesrat.hu/de/ueber-uns/>, 28.9.2022. ↩︎

  37. Vgl. die Website des Landesrats, <https://landesrat.hu/de/jugendsektion-veranstaltungen/>, 28.9.2022. ↩︎

  38. Vgl. ebd. ↩︎

  39. Die Tanzgruppe besteht zu 80 Prozent aus den Mitgliedern dieser Generation. ↩︎

  40. Auf der Skala bedeutete 1 = gar nicht zutreffend, 6 = sehr zutreffend. ↩︎

  41. Durchschnittswerte werden in dem Beitrag auf eine Dezimalstelle gerundet angegeben. ↩︎

  42. Vgl. <http://heimatmuseum.hu/hu/tajhazak>, 29.6.2022, <https://www.heimatmuseum.hu/de/fur-die-besucher-de/muzeumpedagogia/fuer-paedagogen/museumsstunde>, <https://varosloditajhaz.hu/muzeumpedagogia/>, 29.6.2022. Zur Darstellung der einzelnen ungarndeutschen Heimatmuseen vgl. Gabriella Jaszmann (Hg.): Häuser, die uns erzählen. Ungarndeutsche Heimatmuseen und Heimatstuben. Budaörs 2008. Unter den 141 ungarndeutschen Heimatmuseen gibt es auch einige, die nur als Ausstellungsort fungieren, die Mehrheit jedoch leistet einen bedeutenden Beitrag zur Sozialisation. ↩︎

  43. Von den Lehrpfaden wurden nur jene gezählt, die sich in einer Ortschaft befinden. Es gibt nämlich auch einen ungarndeutschen Lehrpfad auf dem Gelände des Valeria-Koch-Bildungszentrums in Fünfkirchen (ung. Koch Valéria Iskolaközpont, Pécs). Vgl. Antje Goltz: Ungarndeutscher Lehrpfad auf dem Gelände des Valeria-Koch-Bildungszentrums eingeweiht, <https://www.zentrum.hu/de/2022/04/ungarndeutscher-lehrpfad-auf-dem-gelaende-des-valeria-koch-bildungszentrums-eingeweiht/>, 29.6.2022. Zum Zeitpunkt, als der Beitrag verfasst bzw. die Fragebogenerhebung durchgeführt wurde, gab es zwölf ungarndeutsche Lehrpfade in Ungarn, daher wurden die Fragen mit Blick auf ebendiese 12 Lehrpfade erstellt. Seitdem wurden zwei weitere Lehrpfade eingeweiht: in Moor (ung. Mór) und in Seksard (ung. Szekszárd). <https://ldu.hu/aktuelles/aktuelles/auf-den-spuren-der-tausendguten-erbschaft>, <https://ldu.hu/aktuelles/aktuelles/auf-den-spuren-der-schaffenskraft-der-ahnen>, 6.2.2023. ↩︎

  44. Vgl. Maria Erb: A nyelvi tájkép új elemei: magyarországi német tanösvények [Neue Elemente der Sprachlandschaft: ungarndeutsche Lehrpfade]. In: Anna Borbély (Hg.): Nemzetiségi nyelvi tájkép Magyarországon [Sprachlandschaft der Nationalitäten in Ungarn]. Budapest 2020, S. 89–107. ↩︎

  45. Vgl. Mária Erb: Magyarországi német tanösvények. Egy sikeres és követendő kezdeményezés [Ungarndeutsche Lehrpfade. Eine erfolgreiche und nachahmenswerte Initiative]. In: Barátság 25 (2018) H. 4, S. 9372–9376, hier: S. 9373. ↩︎

  46. Vgl. János Horváth: Dynamisch entfaltet sich das Netzwerk ungarndeutscher thematischer Wege: Neue Lehrpfade entstehen in der Branau und im Donauknie, <https://lehrpfad.hu/dynamisch-entfaltet-sich-das-netzwerk-ungarndeutscher-thematischer-wege-neue-lehrpfade-entstehen-in-der-branau-und-im-donauknie/>, 30.08.2023. Die Darstellung der einzelnen Lehrpfade mit den Begleitheften, die kostenlos heruntergeladen werden können, sind auf der gemeinsamen Website der Lehrpfade unter <https://lehrpfad.hu/> (29.6.2022) erreichbar. ↩︎

  47. Fragebögen wurden im Komitat Batsch-Kleinkumanien (ung. Bács-Kiskun vármegye), Branau (ung. Baranya vármegye), Eisenburg (ung. Vas vármegye), Komorn-Gran (ung. Komárom-Esztergom vármegye), Pest (ung. Pest vármegye), Raab-Wieselburg-Ödenbug (ung. Győr-Moson-Sopron vármegye), Tolnau (ung. Tolna vármegye), Weißenburg (ung. Fejér vármegye), Wesprim (ung. Veszprém vármegye) und in Budapest ausgefüllt. ↩︎

  48. Die Teilnahme an der Fragebogenerhebung war freiwillig, alle Daten der Empirie wurden anonymisiert. ↩︎

  49. Am Ende des Fragebogens wurden die ProbandInnen auch nach ihren Sozialdaten befragt. Von den befragten PädagogInnen (5 Männer, 72 Frauen) arbeiten 71 Personen an Grundschulen und 6 an Gymnasien in Ungarn. Die Berufserfahrung liegt zwischen zwei und 50 Jahren, die durchschnittliche Berufserfahrung liegt bei 26 Jahren. Die Mehrheit der PädagogInnen (n=55) fühlen sich der ungarndeutschen Nationalität zugehörig. Die Kinder (24 Jungen, 37 Mädchen) sind nach den Angaben ihrer Eltern zwischen 6 und 16 Jahre alt (Durchschnittsalter: 11 Jahre) und besuchen die 1. bis 10. Klasse. Weniger als die Hälfte der Eltern (n=25) halten sich für Ungarndeutsche. ↩︎

  50. Auf der Skala bedeutete 1 = gar nicht zutreffend, 4 = sehr zutreffend. ↩︎

  51. Auf die Vorstellung der Rolle dieser Personen in der außerschulischen Sozialisation wird aus Umfangsgründen verzichtet. ↩︎