https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.979

Bilddokumentation zum Südostdeutschen Wandervogel im IKGS-Fotoarchiv

Eine Auswahl

Das Fotoarchiv des IKGS, das nachweislich seit 1953 historische Fotografien, Ansichtskarten und weitere Bildmaterialien aufbewahrt, beherbergt heute mehr als 14.000 Einheiten, vor allem Bilder, die schwerpunktmäßig das Leben und die Lebensräume der deutschen und deutschsprachigen Minderheiten in Südosteuropa dokumentieren. Ein beträchtlicher Teil der Fotografien hat einen Bezug zu Siebenbürgen. Unter ihnen befindet sich auch eine kleine Sammlung von 214 Bildern zu verschiedenen Richtungen der Jugendbewegung der Deutschen in Rumänien, die aus Privatbesitz willkürlich zusammengetragen wurde und Fotografien von 1910 bis 1938 enthält. Sie halten Momentaufnahmen von Aktivitäten verschiedener Gruppen fest, darunter des Wandervogels, der Banater Bauernjugend, des siebenbürgisch-sächsischen Jugendbundes, der Artamanen,1 der Adler und Falken, der Deutschen Volkspartei in Rumänien, der Deutschen Jugend in Rumänien, der Nationalen Arbeitsfront und der Deutschen Arbeiterschaft Rumäniens.

Die Bildersammlung befindet sich aktuell in Bearbeitung. Dabei wurden im Jahr 2022 die Fotografien aus dem ursprünglichen Album, in das sie eingeklebt worden waren, herausgelöst und in spezielle Fotohüllen eingeordnet, die eine langfristige Sicherung und Bestandserhaltung der Originalfotografien ermöglichen. Die Bilder werden mit Signaturen versehen, und fortlaufend in das Feinverzeichnis des IKGS-Fotoarchivs aufgenommen. Dabei sollte auch die Rechtslage der Fotografien geklärt werden. Da sie, wie erwähnt, zum Großteil aus Privatbesitz stammen, und die Sammlung keinerlei Dokumentation zu den ursprünglichen Besitzern beziehungsweise zu den Fotografen enthält, ist die Rechteklärung schwierig. Deshalb ist das IKGS für jegliche Hinweise seitens der Leser der SPIEGELUNGEN dankbar.2

Zusammengestellt wurden die Bilder von der Arbeitsgemeinschaft für südostdeutsche Volks- und Heimatforschung, bei der Friedrich »Fritz« Cloos (1909–2004) eine leitende Rolle spielte, und die die Sammlung dem IKGS überlassen hat. Wie im Begleitbrief erwähnt, erhebt die Arbeitsgemeinschaft keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn

[e]s fehlen vor allem Bilder aus der »Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien«. Besonders aus der Gruppe um Fritz Fabritius und Nikolaus Hans Hockel (sic!) sind sehr wenige Bilder vorhanden. Das Gleiche gillt (sic!) auch für die konservative Richtung um Dr. Hans-Otto Roth und Dr. Kaspar Muth.

Cloos selbst war eine stark umstrittene Persönlichkeit, der in den 1930er-Jahren als NS-Funktionär, vor allem als Gau- und Landesjugendführer von 1934 bis 1935, danach als Chef der Deutschen Jugend, tätig war. Später lebte er in Deutschland, wo er als Auslandsagent der Securitate die Arbeitsgemeinschaft als Tarnorganisation für seine Aktivitäten führte.3 In dieser Funktion verbreitete er in Publikationen und auf Tagungen Narrative, in denen er die nationalsozialistischen Sympathien sowie den Antisemitismus unter den Rumäniendeutschen herunterspielen und ideologisch vollkommen unkritische Selbstdarstellungen von Zeitzeugen als Hauptquellen der Geschichtsschreibung heranzog.

Dessen ungeachtet stellt diese fragmentarische Bildersammlung eine wertvolle historische Quelle dar, indem sie vielfältige Kultur-, Sport- und Freizeitaktivitäten dokumentiert und zahlreiche wichtige Persönlichkeiten porträtiert. Zudem lassen sich auf den Fotografien die Prozesse der Nazifizierung und Gleichschaltung verschiedener Organisationen ablesen.

Die 1896 am Gymnasium in Steglitz (heute ein Ortsteil Berlins) entstandene Wandervogel-Bewegung zielte unter dem Einfluss von Neuromantik und Neuidealismus auf die (Wieder)herstellung einer Lebensart in enger Verbindung mit der Natur und übte damit Kritik an der damals vorherrschenden industrialisierten und urbanisierten Lebensform.4 Die Bewegung, die zum Großteil aus Schülerinnen und Schülern aber auch in wachsendem Maß aus Studentinnen und Studenten bestand, breitete sich im deutschsprachigen Raum, etwa in den deutschsprachigen Anteilen der Schweiz, aus, und erreichte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch Siebenbürgen. Vermittelt wurde die Idee vor allem von Lehrern, die im Ausland studiert und dort die Wandervogel-Bewegung kennengelernt hatten, darunter vom Schäßburger (rum. Sighișoara) Lehrer Theodor Fabini (1852–1922). Rasch gründeten sich Ortsgruppen in Klausenburg (rum. Cluj-Napoca), Kronstadt (rum. Brașov), Hermannstadt (rum. Sibiu) und an weiteren Orten, die meistens von Gymnasiasten getragen wurden.5

1918 wurde der Siebenbürgische Wandervogel im Königreich Rumänien gegründet, ab den 1920er-Jahren entstanden vermehrt auch Mädchengruppen.

Wandervogelgruppe aus Hermannstadt 1927 auf Sommerfahrt.6
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.8
Sonntagsfahrt des Kronstädter Wandervogels 1928
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.118
Wandervogel, Jungmädchengruppe, Hermannstadt 1933
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.17
Hermannstädter Wandervögel bei den Kriegsgräbern vom Hammersdorfer (rum. Gușterița)
­ Heldenfriedhof 1931
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.14
Anmarsch zum Wandervogeltreffen in Schäßburg/Siebenbürgen 1932
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.37
Der Wandervogel aus Kronstadt und Mediasch auf Fahrt und im Winterlager um 1929
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.303.8
Winfried Schenker7 auf Jungenfahrt mit dem Hermannstädter Wandervogel
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.18
Der Wandervogel aus Kronstadt und Mediasch auf Fahrt und im Winterlager um 1929
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.27
Ausflug auf die »Plesch-Plesa« 29./30.6.1929 des Hermannstädter Wandervogels
IKGS-Fotoarchiv, Signatur: SIE 33.20

Die Gründung des Banater Wandervogels erfolgte um 1927, bei der Nikolaus Hans Hockl (1908–1946) eine zentrale Rolle spielte. Die Arbeitsgemeinschaft Siebenbürger und Banater Wandervogelgruppen entstand im selben Jahr; aus ihr ging 1929 der Bund südostdeutscher Wandervögel als Zusammenschluss aller rumäniendeutscher Wandervogel-Gruppen hervor.

Die Karpaten boten nicht nur eine Kulisse für die Freizeitgestaltung, sondern waren auch vielfältige Erlebnisräume für Kinder und Jugendliche: Ausflüge, Zelt­lager, Treffen mit anderen Ortsgruppen sowie Arbeitseinsätze gehörten zu den Aktivitäten, die in der Zwischenkriegszeit regelmäßig organisiert wurden. Unter den bekannten Wandervogelmitgliedern befanden sich unter anderen Alfred Bonfert (1904–1993), der spätere Vorsitzende der Deutschen Volkspartei Rumäniens, und Albert Klein (1910–1990), der später Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien wurde.

Das politische Klima der 1930er-Jahre und die verstärkte Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie mündeten in die Gleichschaltung der Wandervogel-Bewegung durch die eigene Führung, in einem Akt der Selbstgleichschaltung. In mehreren Etappen, beginnend mit der erzwungenen Durchführung der sozialen Arbeit im Rahmen der Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien, wurde die Wandervogel-Bewegung als solche aufgelöst und in den siebenbürgisch-deutschen Jugendbund einverleibt.

Die hier gezeigten Bilder stellen eine Auswahl der Aktivitäten des Südostdeutschen Wandervogels in Siebenbürgen aus dem Zeitraum 1927–1933 dar. Auf ihnen stehen kleinere und größere Kinder beziehungsweise Jugendliche im Mittelpunkt, aber auch die Leiter der Gruppen sind zu sehen.

Sie zeigen wichtige Elemente der außerschulischen Sozialisierung rumäniendeutscher Kinder in der Zwischenkriegszeit, einschließlich deren ideologischer Beeinflussung.

Die Pflege von Kriegerdenkmälern, Soldatengräbern und die Pflege der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg spielte allgemein eine wichtige Rolle bei der Wandervogel-Bewegung in der Zwischenkriegszeit.8

  1. Die völkische Artamanen-Bewegung, 1923 (formal 1926) in München gegründet, setzte sich die Neukolonisierung der östlichen, überwiegend von Slawen bewohnten Gebiete durch die Etablierung von utopischen »arischen« landwirtschaftlichen Arbeitsdiensten und Kolonien zum Ziel. ↩︎

  2. Falls Sie Hinweise zu den hier veröffentlichten Fotografien haben, bitten wir Sie, die Autorin dieses Textes und Leiterin des IKGS-Fotoarchivs PD Dr. Angela Ilić unter zu kontaktieren. ↩︎

  3. Über Cloos’ Vergangenheit und Aktivitäten vgl. u. a. William Totok: Geschichtspolitische Beeinflussung des Auslands durch die Securitate. In: Florian Kührer-Wielach, Michaela Nowotnick (Hgg.): Aus den Giftschränken des Kommunismus. Methodische Fragen zum Umgang mit Überwachungsakten in Zentral- und Südosteuropa. Regensburg 2018, S. 359–386. ↩︎

  4. Vgl. z. B. Barbara Stambolis: Autonomie und Selbstbestimmung: der Wandervogel vor dem Erstem Weltkrieg. In: G. Ulrich Großmann, Claudia Selheim, dies.: Aufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung. Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 2013, S. 36–42. ↩︎

  5. Andreas Möckel: Umkämpfte Volkskirche. Leben und Wirken des evangelisch-sächsischen Pfarrers Konrad Möckel (1892–1965). Köln, Weimar, Wien 2011, S. 65–70. ↩︎

  6. Unter den Bildern werden die ursprünglichen Bildunterschriften wiedergegeben. ↩︎
  7. Winfried F. Schenker (1909–1942, vermisst an der Ostfront). Schenker war Landesjugendführer, Kreis­leiter Hermannstadt und Sonderbeauftragter für das Buchenland in der Volksgruppenführ

    ung. ↩︎
  8. Vgl. z. B. Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Göttingen 2015, S. 60f. ↩︎