https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.999

»Alltagsleben und interethnisches Zusammenleben im Banat im 20. Jahrhundert«:

Erfahrungen der Feldforschungsarbeit und Schlussfolgerungen eines Forschungsprojekts

Das Konzept

Das Projekt »Alltagsleben und interethnisches Zusammenleben im Banat im 20. Jahrhundert« (»Banatica«)1 fokussiert auf die Auswirkungen bedeutender historischer Ereignisse und Phänomene auf das Alltagsleben der Deutschen aus dem Banat im 20. Jahrhundert. Hierzu zählen unter anderem die beiden Weltkriege, die Machtergreifung des kommunistischen Regimes und dessen radikale Umgestaltung der rumänischen Gesellschaft, die Massenauswanderung der Deutschen aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland und nach Österreich, der Sturz des Ceaușescu-Regimes im Dezember 1989 sowie der postkommunistische politische und wirtschaftliche Übergang. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Erinnerungen und Bedeutungen, die Deutsche aus dem Banat diesen historischen Ereignissen und deren Einfluss auf das Schicksal ihrer Familien beimessen. Ein zentrales Ziel der Forschungsarbeit besteht in der Zusammenstellung und Analyse von zwei Arten von Quellen: Zum einen wurden von den Mitgliedern des Projektteams mündliche Interviews durchgeführt, zum anderen private Fotosammlungen als Träger des generationenübergreifenden Gedächtnisses der betreffenden Familien gesichtet.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Analyse der Dynamik interethnischer Beziehungen im Banat. Insbesondere die Beziehungen zwischen Deutschen und anderen ethnischen Gruppen im Banat wurden untersucht, um zu verstehen, wie sich das Bild des »Anderen« im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Region seit dem 18. Jahrhundert
ein ethnisches, religiöses und kulturelles Mosaik darstellt, sind die Projektleiter der Meinung, dass es für das Verständnis der Identitätsnarrative verschiedener Nationalitäten, die im Banat während des 20. Jahrhunderts lebten, wichtig ist, darauf zu achten, wie Bilder des »Anderen« das Selbstverständnis einer bestimmten ethnischen Gruppe beeinflussen.

Neben der Erforschung der Alltagsgeschichte der Deutschen im Banat und der interethnischen Beziehungen in der Region verfolgte dieses Projekt weitere Ziele: Zum einen erhielt eine Gruppe von Studenten und jungen Forschern aus Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ung. Kolozsvár), Hermannstadt (rum. Sibiu, ung. Nagyszeben) und Temeswar (rum. Timișoara, ung. Temesvár, sr. Темишвар) die Möglichkeit zu lernen, wie man mündliche Interviews führt und auswertet sowie visuelle Quellen analysiert. Zudem sollte mit einer Einführung in die Geschichte der Deutschen aus dem Banat das Interesse an diesem Thema unter der jungen Generation von Historikern gefördert werden. Zum anderen wurde durch Digitalisierung eine bedeutende Anzahl von Bildquellen aus privaten Sammlungen gesichert und Forschern sowie Studenten zugänglich gemacht. Schließlich sollte durch Ausstellungen auch breiteren Teilen der Öffentlichkeit die Geschichte des Alltagslebens der Deutschen im Banat sowie das vielfältige kulturelle Erbe des Banats nahegebracht werden.

Methodisch zielte das Projekt darauf ab, eine alternative Sichtweise auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu vermitteln, die sich von der vorherrschenden, in der rumänischen Öffentlichkeit etablierten »großen Geschichte« unterschied, da sich diese zu stark auf die Perspektive von Eliten und staatlichen Institutionen konzentriert.2

Hinter den Ereignissen der »großen Geschichte« verbergen sich stets auch die Handlungen, Empfindungen und Hoffnungen der »gewöhnlichen« Menschen, die oft nur als gleichgültige Akteure und bloße Empfänger der von Eliten gefällten Entscheidungen betrachtet werden. Eine solche Sichtweise unterschätzt jedoch die Bedeutung der Handlungen und Reaktionen, der Empfindungen, des Leidens und des kollektiven Gedächtnisses der »gewöhnlichen Menschen«.3 Dieses Projekt sollte den »anonymen« Akteuren der Geschichte eine Stimme verleihen, damit sie ihre Geschichte in Interviews und Bildern erzählen konnten.4 Das Schicksal der Banater Deutschen und ihrer Gemeinschaften erfuhr im vergangenen Jahrhundert nämlich dramatische Umwälzungen.

Das Konzept dieses Projekts orientierte sich an der Alltagsgeschichte im Sinne des deutschen Historikers Alf Lüdtke. Er betont, dass die Geschichte des Alltagslebens sich auf »die Handlungen und Erfahrungen derjenigen konzentrieren sollte, die oft als »gewöhnliche Menschen« bezeichnet werden.5 Das Projekt verfolgte also das Ziel, das Leben dieser Menschen im Banat zu erforschen und ihre Erfahrungen und Handlungen im Kontext wichtiger historischer Ereignisse zu verstehen. Durch die Betrachtung der Perspektive dieser Akteure konnte eine alternative Sichtweise auf die Geschichte entstehen, die das kollektive Gedächtnis der Gemeinschaften im Banat widerspiegelte.

Um die persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen der Menschen in Bezug auf die entscheidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren, bediente sich das Projektteam zweier methodologischer Ansätze. Für die Durchführung der Interviews wählte es die Methodik des »lebensgeschichtlichen Interviews« nach Robert Atkinson, wie sie in dessen Monografie The Life Story Interview beschrieben wird.6 Diese Art von Interviews ermöglichte es den Forschern, zu verstehen, wie die Banater Deutschen »ihre eigenen Erfahrungen rekonstruieren und ihnen durch Erzählungen Bedeutung verleihen«.7 Durch Interviews mit Angehörigen unterschiedlicher Altersgruppen und sozialer Schichten wollte das Team verstehen, wie die Mitglieder der deutschen Minderheit im Banat ihre Identitätsnarrative aufgebaut hatten, indem sie verschiedenen historischen Ereignissen Bedeutung verliehen und ihre eigene Identität im Verhältnis zu anderen ethnischen Gruppen im Banat entwickelten. Darüber hinaus sollten die Interviews Einblick »in grundlegende kulturelle Bedeutungen, Innensichtweisen auf eine Gemeinschaft und die Dynamik des kulturellen Wandels« im 20. Jahrhundert geben.8

Die Interviews konzentrierten sich auf folgende Fragekategorien:

1. Fragen, die sich auf den privaten Bereich konzentrierten (das heißt Fragen zu Kindheit und Erwachsenenalter, zu Schlüsselmomenten in der Lebensgeschichte aus Perspektive des Familienlebens, zur Sinnstiftung in der eigenen Biografie, Beschreibung der Rhythmen des Alltags);

2. Fragen zum Lebensalltag des Befragten und seiner Familie, zu wichtigen historischen Ereignissen wie dem Zweiten Weltkrieg, der Deportation in die Sowjetunion, der Installation des kommunistischen Regimes, der Kollektivierung, der Bărăgan-Deportation, des Prozesses der Auswanderung nach Westdeutschland und Österreich, der Revolution von 1989;

3. Fragen im Zusammenhang mit der Gemeinschaft und den sozialen Veränderungen, die sie durchlaufen hat (Definition von Gemeinschaft und Identität, Rolle der Sprache, Beziehung zu anderen ethnischen Gruppen);

4. (falls zutreffend) Fragen zu alten Fotos und Familiendokumenten, die für die Familiengeschichte oder die Geschichte der Gemeinde relevant waren (der Interviewte wurde gebeten, über deren Herkunft und Bedeutung zu sprechen).

Die Fotos und Dokumente aus Familiensammlungen sowie die Geschichten ihrer Besitzer über die eigene Beziehung zu diesen Artefakten waren wichtig, um zu ver­stehen, wie sich Erzählungen über Wendepunkte in der Geschichte von Gemeinschaften/Familien artikulierten. Daher musste das Projektteam einen methodischen Ansatz finden, der es ermöglichte, die Oral-History-Quellen und die visuellen Quellen als tief verflochtene Erinnerungs- und Identitätsnarrative zu betrachten, die in einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Für die Analyse der Fotos, die während der Feldforschungsphase des Projekts eingescannt wurden, verwendete das Team den theoretischen Ansatz des britischen Historikers Peter Burke, wie er in dessen Werk Eyewitnessing: The Uses of Images as Historical Evidence beschrieben wird.9 Burke weist darauf hin, dass Historiker dazu neigen, visuelle Quellen in ihrer Arbeit unterzubewerten und spricht ironisch von einer »Unsichtbarkeit des Visuellen«.10 Durch die Analyse von Bildern könne man nicht nur den Alltag der Menschen in verschiedenen historischen Epochen besser verstehen, sondern auch Schlüsselaspekte ihrer Kultur erfassen: Wie die Menschen Bilder erschaffen, betrachten und wahrnehmen – das alles seien Aspekte, die in das Konzept der »visuellen Kultur« einer Epoche einbezogen sind.11

Zum Ablauf des Projekts

Das Projekt umfasste drei Phasen:

1. Die erste Projektphase (1. Mai – 31. Juli 2022) bestand aus Vorbereitungen des Projektteams für die Feldforschungsarbeiten sowie die Definition und Prüfung der Methodik in Bezug auf die Projektaktivitäten.

In dieser Phase konzentrierte sich das Projektteam auf die Anpassung des Interview-Fragebogens und der Interview-Richtlinien an die kulturellen Besonderheiten der Deutschen im Banat. Der erste Fragebogen wurde im Mai 2022 mit fünf experimentellen Interviews getestet. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse dieser Interviews wurde der Fragebogen modifiziert und ein anderer Ansatz für Themen wie die traumatische Erinnerung an die Deportation in die Sowjetunion und die Bărăgan-Steppe umgesetzt. Während dieser Phase wurden die Befragten gebeten, ein Feedback zu einer Liste von Fragen zu geben, sie sollten äußern, inwiefern diese Fragen auf das eingingen, was aus ihrer Sicht Schlüsselthemen der Geschichte ihrer Gemeinschaften oder Familien waren.

Das Team beschloss ebenso, den ursprünglichen Fokus zu ändern und den kulturell aktiveren deutschen Gemeinden im Banat mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wie zum Beispiel in Sanktanna (rum. Sântana, ung. Újszentanna; Kreis Arad) und Groß Sankt Nikolaus (rum. Sânnicolau Mare, ung. Nagyszentmiklós; Kreis Timiș). Die Auswahl der Gemeinden zielte darauf ab, Interviews mit Menschen aus verschiedenen Teilen des Banats (sowohl aus der Ebene als auch aus dem Bergland) zu führen, wobei die kulturellen und dialektalen Unterschiede zwischen den Banater Schwaben und den Banater Berglanddeutschen berücksichtigt wurden. Das Projektteam versuchte, auch verschiedene Altersgruppen und soziale Gruppen abzudecken.

2. Die zweite Projektphase (1. August – 30. November 2022) umfasste die Durchführung von Interviews, deren Transkription sowie das Einscannen alter Fotos und Dokumente aus privaten Sammlungen.

Im Zeitraum vom 1. August bis zum 30. November 2022 führte das Projektteam insgesamt 29 Interviews durch und scannte 642 alte Fotos und Dokumente ein. Die Interviews wurden von den Teammitgliedern anhand des Interview-Leitfadens durchgeführt, der bereits in der ersten Projektphase erstellt worden war. Die meisten Interviews fanden in den Gemeinden Temeswar, Arad, Reschitz (rum. Reșița, ung. Resicabánya), Groß Sankt Nikolaus, Billed (rum. Biled, ung. Billéd) und Sanktanna statt.

Bei der Kontaktaufnahme und der Auswahl der geeigneten Personen spielten lokale Akteure wie aktive Mitglieder des Demokratischen Forums der Deutschen – Regionalforum Banat und des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen oder einfach nur Personen, die am kulturellen Leben der jeweiligen Gemeinde beteiligt waren, eine wichtige Rolle für die Feldarbeit des Projektteams. Es gelang, Interviews mit sogenannten Netzwerkgruppen in Groß Sankt Nikolaus und Reschitz zu führen. Diese Gruppen, die mehr als vier Mitglieder einer Gemeinschaft versammelten, ermöglichten es dem Projektteam, einige Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Erinnerungsnarrative einer lokalen Gemeinschaft zu ziehen und Unterschiede bezüglich der Erzählungen zwischen den einzelnen Gemeinschaften zu beobachten.

Vom 26. bis 27. September 2022 organisierte das Team einen Workshop, an dem Mitglieder des Projekts, Studenten und eingeladene Forscher teilnahmen. Ziel des Workshops war es, die bis Ende September gesammelten Interviews und Fotos zu analysieren und zu diskutieren, wie dieses Material in Wert gesetzt werden könnte.

In den Monaten Oktober und November 2022 führte das Teamprojekt die letzten Interviews durch und schloss den Transkriptionsprozess ab. Das Projektteam entwarf auf der Grundlage der Interviews Metadaten für jede Fotografie. Diese Metadaten-Notizen beschrieben hauptsächlich den Ort und das Jahr, in dem das Bild aufgenommen wurde, gaben aber auch Informationen über die auf dem Bild anwesenden Personen und den Kontext der Entstehung (sofern diese Informationen verfügbar waren).

3. Die dritte Projektphase (1. Dezember – 31. Dezember 2022) konzentrierte sich auf die Organisation und Analyse der durchgeführten Interviews und des gesammelten Bildmaterials sowie die Aus- und Verwertung der in den vorherigen Projektphasen gesammelten Daten.

Im letzten Monat des Projekts sortierte das Team die Interviews und das Bildmaterial in digitale Ordner und analysierte erneut deren Inhalte. Eine Auswahl der Fami­lienbilder und Dokumente wurde bearbeitet, um sie für eine Open-Air-Ausstellung in Temeswar im Rahmen des Programms »Kulturhauptstadt Europas« zu verwenden.

Die Ordner mit Tondokumenten und Transkriptionen sowie mit Fotos und alten Dokumenten wurden in zwei Datenbanken zusammengetragen, die der Forschung zur Verfügung stehen und in zukünftigen Ausstellungen für ein größeres Publikum genutzt werden sollten. Darüber hinaus wurden digitale Kopien dieser beiden Datenbanken an lokale Gemeinschaften übergeben, die in den Prozess der Feldforschung einbezogen waren, damit sie in Zukunft für die Erstellung von Monografien ihrer Städte oder Dörfer oder andere Formen der öffentlichen Geschichte verwenden werden können.

Erfahrungen der Feldforschung und Schlussfolgerungen

Die erste Herausforderung im Umgang mit Oral-History-Interviews und dem Sammeln von Bildmaterial aus privaten Sammlungen besteht darin, den richtigen Weg zu finden, um eine Gemeinschaft für die Ziele des Projekts zu öffnen und die Menschen für die Zusammenarbeit zu interessieren. In diesem Prozess war es wichtig, unsere Ziele klarzumachen, und den zukünftigen Interviewpartnern Garantien über die ethischen Standards unserer Forschung zu geben. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass unsere Forschung einen tiefen Eingriff in die Privatsphäre der Menschen bedeutet, war es für den Erfolg des Projekts sehr wichtig, einen Standard guter Praxis im Umgang mit den Betroffenen zu definieren und festzulegen.

In diesem Prozess war es von zentraler Bedeutung, eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Teammitgliedern auf der einen Seite und den Eigentümern privater Sammlungen beziehungsweise den Interviewpartnern auf der anderen Seite aufzubauen. Kulturschaffende aus der Gemeinde oder aktive Mitglieder des Demokratischen Forums der Deutschen – Regionalforum Banat und des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen haben sehr dazu beigetragen, die Gemeinden für unsere Feldarbeit zu öffnen.

Trotz dieser sehr wertvollen Unterstützung stießen wir auf Fälle, in denen Menschen sich weigerten, ein Interview zu gewähren. In anderen Fällen erklärten sie sich zu einem Interview bereit, waren aber der Ansicht, dass die Fotos und Dokumente ihrer Privatsammlung zu privat seien, um sie Forschern oder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Während der Interviews identifizierte das Projektteam mehrere Themen, über die ein Teil der Befragten aufgrund traumatischer Erlebnisse Schwierigkeiten hatte zu sprechen oder die Tatsache äußerte, dass das Thema in der Familie zumindest für einige Zeiträume eher ein Tabu gewesen sei.

Dies war vor allem bei der Deportation des größten Teils der aktiven Bevölkerung der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion im Januar 1945 oder bei der Deportation einiger Familien von Deutschen im Banat, die von 1951 bis 1956 im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen der Sowjetunion und Titos Jugoslawien in die Bărăgan-Steppe verschleppt worden waren, der Fall. Nur zwei der 29 interviewten Personen wurden selbst in die Sowjetunion oder in die Bărăgan-Steppe deportiert, doch waren bei 22 der Befragten die Eltern oder Großeltern von Deportationen betroffen. Die beiden Personen, die die Abschiebung persönlich erlebt hatten, zeigten sich offen, über diese Erfahrung zu sprechen, ohne ihre Antworten auf unsere Fragen auf die eine oder andere Weise einzuschränken.

Als jedoch die Kinder der Deportierten gefragt wurden, wie die Erinnerung an diese traumatischen Ereignisse von einer Generation auf die nächste übertragen wurde, sagten die meisten dieser Befragten, dass ihre Eltern während der kommunistischen Zeit eine Abneigung gehabt hätten, über das Thema offen zu diskutieren, und zwar wegen der möglichen Risiken, die solche Diskussionen ihrer Meinung nach für ihre Familien mit sich bringen konnten. Man kann also sagen, dass in diesem Fall das generationenübergreifende Gedächtnis aus Angst vor Konsequenzen für die eigene Familie oder wegen der aus diesen Erlebnissen resultierenden Traumata von den Betroffenen selbst zensiert wurde.

In einigen Fällen entschieden sich die Eltern auch nach 1989 dafür, aufgrund der Schmerzen, die durch diese Erinnerungen verursacht wurden, nicht über das Thema zu sprechen. Beispielhaft dafür ist Renée Renard (geboren 1962 in Temeswar), die erst mehr über die Geschichte ihres in die Sowjetunion deportierten Großvaters erfuhr, nachdem sie von ihrer Großmutter eine Kiste mit Dokumenten und Fotos geerbt hatte.

So erzählte Renée Renard vom Schweigen über diese traumatische Vergangenheit und von der aufschlussreichen Erfahrung, eine Schachtel zu öffnen, die die geheimen Erinnerungen an die Deportation ihres Großvaters in die Sowjetunion enthielt:

Ich habe 2012 angefangen, nach der Geschichte meiner Familie zu suchen, und dieses Thema hat mich erst gepackt, nachdem ich die Macht hatte, eine Holzkiste zu öffnen, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Ich erinnere mich, dass diese Holzkiste einen interessierten bemalten Deckel hatte, und jedes Mal, wenn meine Großmutter sie öffnete, fing sie an zu weinen. Obwohl ich immer neugierig war, was da ist, hatte ich viele Jahre nicht den Mut, es zu öffnen, obwohl ich schon ein erwachsener Mensch war. Viele, viele Jahre lang hatte ich nicht den Mut, diese Schachtel zu öffnen. Aber es kam ein Moment, in dem ich mehr über die Vergangenheit meiner Familie wissen wollte, vor allem, dass es in unserer Familie üblich war, nicht über die Vergangenheit zu sprechen. Also öffnete ich diese Schachtel und entdeckte dort die ganze Geschichte, indem ich alle Briefe über die Deportation meines Großvaters nach Russland las. Diese Gruppe von Briefen beginnt mit einem ersten, in dem mein Großvater meiner Großmutter und meiner Mutter (die damals 7 Jahre alt war) einen Abend vor der Deportation schrieb. Meine Großmutter wurde nicht abgeschoben, weil sie nachweisen konnte, dass sie französischer Abstammung war. Die Aufsteiger meiner Großmutter wanderten im achtzehnten Jahrhundert aus Lothringen ins Banat aus, während die Familie meines Großvaters ihren Ursprung im Schwarzwald hatte.12

Dieses Interview verdeutlicht die Bedeutung von Fotos und Dokumenten für das Gedächtnis der Deutschen im Banat, insbesondere in den Fällen einer verdrängten Erinnerung. Die Fotos aus privaten Sammlungen, die während unserer Feldforschung eingescannt wurden, spiegeln nicht nur die menschliche Erfahrung dieser dramatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wider, sondern auch die Vielfalt und Reichweite der verschiedenen Gemeinschaften, die sich mit den Deutschen im Banat identifizieren.

Die während der Feldforschung gesammelten Fotos veranschaulichen die fotografischen Methoden und den Gebrauch von fotografischem Material aus unterschiedlichen Zeiten. Ein Teil dieser Fotos wurde in professionellen Ateliers gemacht. Sie liefern uns Informationen zur Entwicklung der Fotografie als Massenkonsumgut sowie zu den Techniken und Methoden des Fotografierens. Die meisten Fotos sind jedoch von Amateuren aufgenommen worden. Diese Bilder bieten jenseits aller Zufälligkeit Einblicke in die Art und Weise, wie die damaligen Zeitgenossen ihr Umfeld wahrgenommen haben. Die privaten Aufnahmen liefern Einzelheiten dessen, was zu verewigen würdig erschien, zur Haltung, mit der sie erstellt wurden, und zum sofortigen Verwendungszweck. Dazu erhellt sich der Kontext, in dem die Bilder aufgenommen wurden, aus den Erzählungen der Eigentümer und ihren verschiedenen Anmerkungen zu den Fotografien. Ebenso berichten diese Quellen über die Weitergabe der Sammlungen an die nächste Generation und ihre Aufbewahrung. Mittels des Projekts wurden aus den Bildern privater Erinnerungen Vermittler eines kollektiven Gedächtnisses der Banater Deutschen, und es entstand eine Brücke zu ihren subjektiven Erfahrungen in Bezug auf unterschiedliche Zeiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Führen von Interviews und das Sammeln von Fotos und Dokumenten aus privaten Sammlungen eine interessante Verbindung zwischen den Erzählungen über die Erinnerung an wichtige historische Ereignisse und dem Bildmaterial in den Gemeinden der Deutschen im Banat in den Vordergrund rückt. Innerhalb dieser generationenübergreifenden Erzählungen erscheinen einige Themen regelmäßig als zentral, und diesen Themen fällt die Funktion zu, die historische Narration zu strukturieren. Eines davon ist die ständige Überbetonung der positiven Eigenschaften der Zwischenkriegszeit im Gegensatz zu denen der frühen Nachkriegszeit, die von Deportation und Konfiszierung des Eigentums geprägt war.

In Bezug auf die Erzählungen über die kommunistische Zeit gibt es einen Kontrast zwischen den traumatischen Erinnerungen an die Deportation in die Sowjetunion und in die Bărăgan-Steppe und einer ständigen positiven Aufwertung der Tatsache, dass zu dieser Zeit die deutschen Dörfer im Banat sehr gut erhalten waren, sie waren noch gut bewohnt und die Traditionen wurden gepflegt. Die Erzählungen über die 1980er- und 1990er-Jahre drehen sich um das Thema der Massenauswanderung und den Prozess der Entvölkerung der Gemeinden. Es gibt einige kausale Zusammenhänge zwischen der traumatischen Erinnerung an die 1940er- und 1950er-Jahre und der Entscheidung für die Emigration. Das Fortleben dieser traumatischen Erinnerungen erklärt das Ausmaß der Auswanderung während des Kommunismus und danach, als über 90 Prozent der Banater Deutschen das Land verließen, zumindest teilweise.

  1. Das Projekt wurde vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München vom 1.5.2022 bis zum 31.12.2022 durchgeführt und durch das Kulturwerk der Banater Schwaben e. V. aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Projektwebseite: <https://alltagsleben-banatica.ro/de/>. ↩︎

  2. Alf Lüdtke: Introduction: What Is the History of Everyday Life and Who Are Its Practitioners? In: ders. (Hg.): The History of Everyday Life. Reconstructing Historical Experiences and Ways of Life. Princeton 1995, S. 3–40, hier: S. 12. ↩︎

  3. Ebenda, S. 3f. ↩︎

  4. Alf Lüdtke, Thomas Lindenberger: Eigen-Sinn und Alltagsgeschichte. Ein Gespräch von Kornelia Kończal mit Alf Lüdtke und Thomas Lindenberger (2018), <https://eigensinn.hypotheses.org/>, 12.10.2022. ↩︎

  5. Lüdtke: Introduction, S. 3. ↩︎

  6. Robert Atkinson: The Life Story Interview. Thousand Oaks 1998. ↩︎

  7. Ders.: The life story interview. In: Jaber F Gubrium, James A. Holstein (Hgg.): Handbook of Interview Research: Context and Method. Thousand Oaks 2001, S. 121–140, hier: S. 126. ↩︎

  8. Clifford Geertz: The Interpretation of Cultures. New York 1973. ↩︎

  9. Peter Burke: Eyewitnessing: The Uses of Images as Historical Evidence. London 2001. ↩︎

  10. Ebenda, S. 9f. ↩︎

  11. Ebenda, S. 14. ↩︎

  12. Interview mit Renée Jeanette Renard, geführt von Sandra Hirsch in Temeswar, 22.10.2022. Die aufgezeichnete Erzählung wird hier ohne Änderungen wiedergegeben. ↩︎