https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.682

Krautköpfe für den Winter

Fragment aus dem Romanmanuskript »Die geheimen Seiten des Lebens«

Bukarest war die einzige Stadt im Land, in der Marie und Richard leben wollten. Gegen besseres Wissen fühlten sie sich in den Straßenschluchten in der Anonymität der Hochhäuser geborgen, die ihnen eine Freiheit gab, wie man sie in einem Dorf oder in einer Kleinstadt nicht haben konnte. Dieses Freiheitsgefühl war aber ein Irrtum, denn jedes Treppenhaus in den unzähligen Hochhäusern war nichts anderes als ein kleines Dorf, in dem man sich kannte und unter Umständen im Auftrag des Staates, aber auch aus purer Neugier genau beobachtete, und diese Hauptstädter in den Hochhäusern der aus dem Boden gestampften Randviertel der Stadt waren auch nichts anderes als ausgewanderte Bauern oder Kleinstädter, die sich unter günstigen Bedingungen, das heißt, im Besitz des begehrten Bukarester Personalausweises, in die geschlossene Stadt eingekauft oder eingemietet hatten und über ihre Arbeitsstelle oder die Wohnung in Bukarest zu Großstädtern wurden. Von den echten Großstädtern trennte sie die Gesinnung und die verborgene Sehnsucht nach der dörflichen Heimat, die sich oft darin materialisierte, dass auf den kleinen Balkonen der Hochhäuser Tomaten und Paprika angebaut oder Fässer mit eingelegtem Kraut gehalten wurden, die Ende März zu stinken begannen, so dass alle Bewohner im weiteren Umfeld wussten, dass die Sauerkrautsaison dem Ende zuging und das Frühjahr kam.

Marie und Richard waren Zugewanderte aus der Kleinstadt Heimbrich in Siebenbürgen, und auch sie besaßen ein Krautfass, in das sie im Herbst ganze Krautköpfe einlegten, die sie im Winter als Krautwickel, als Szekler Gulasch oder Klausenburger Kraut aßen, lauter Speisen, die man auch an mehreren Tagen hintereinander mit Genuss essen konnte, ohne ihrer jemals überdrüssig zu werden.

Besonders beliebt waren an den Feiertagen die Krautwickel. Man konnte sie in großen Töpfen vorkochen und tagelang im Kalten auf dem Balkon halten im Falle, dass der Strom wieder einmal ausfiel.

Maries Mutter kochte sie auf die siebenbürgisch-sächsische Art, faustdicke Krautwickel, und gab auch ein Stück Räucherspeck dazu; Marie, die schon als Studentin von ihrer Bukarester Vermieterin in die Geheimnisse der rumänischen Kochkunst eingeführt worden war, machte die Krautwickel höchstens daumengroß und gab Tomatenmark dazu, wie es das Rezept für rumänische Krautwickel aus dem Regat (Altreich) vorgab. Jede Familie schwor darauf, dass ihre Krautwickel, die man einfachheitshalber in der Landessprache Sarmale nannte, die besten seien, und in den meisten Fällen servierte man sie mit Sauerrahm und Maisbrei, mit dem man das Gericht auch wunderbar verlängern konnte, dass es auch für Gäste reichte, mit denen man nicht gerechnet hatte und die an den Feiertagen immer kamen, ein weiterer Vorzug der Krautwickel in den Zeiten des Lebensmittelmangels.

Aufgewärmt schmeckten sie am besten.

Richard und Marie teilten sich die Arbeit: Richard schnitt die Strünke der auf dem Markt gekauften Krautköpfe aus, Marie salzte die Köpfe, sie legten sie mit Meerrettich ins Fass und übergossen sie mit lauwarmem Salzwasser, hielten das Fass unter dem Küchentisch, bis das Kraut zu gären anfing, und durchlüfteten das Krautwasser mit Hilfe eines Gummischlauches, in den Richard kraftvoll pusten musste. Dann stank die ganze Wohnung nach Sauerkraut, obwohl die Gärung kaum begonnen hatte. Nach drei oder vier Tagen schleppten Marie und Richard das Fass, in dem dreißig Krautköpfe Platz hatten, auf den Balkon, und wenn der erste Frost kam, wickelten sie es in eine alte Pferdedecke, wie Marie die groben, grauen Felddecken nannte, die sie zu diesem Zweck aus dem Haushalt der Eltern nach Bukarest mitgebracht hatten.

Sie waren keine Bauernkinder, aber die Not hatte sie gelehrt, die Überlebensstrategien der ehemaligen Landbewohner anzunehmen, um besser durch den Winter zu kommen. Dazu gehörte dann auch das Einkochen von Obst, Marmeladen und Kompotte, das Einlegen von Tomatenpaprika und Gurken, von Salz- und Essiggurken, die Herstellung von Tomatenmark und Zakuska, einer wohlschmeckenden Gemüsepaste, die man aufs Brot streichen konnte, die sich aber als Brotaufstrich für die Schulpause nicht eignete und den Erwachsenen ohnehin besser schmeckte als den Kindern. Hinzu kam auch noch das Trocknen von klein geschnittenen Möhren, Petersilie, Sellerie und sogar von Zwiebeln auf den Heizkörpern, weil auch das Gemüse manchmal in den staatlichen Läden fehlte, und das Braten oder noch besser Grillen von Auberginen und Paprika, die in Gläser eingelegt oder in einem Tiefkühlfach aufbewahrt wurden.

Marie und Richard legten die Wintervorräte gemeinsam an und sahen dann dem Winter, der hoffentlich nicht zu lange dauern würde, etwas gelassener entgegen. Auf dem Balkon hielten sie auch noch eine kleine Kiste mit Kartoffeln und einen alten Koffer, in dem einzeln in Zeitungspapier verpackte Äpfel und auch ein paar Birnen lagerten. Solange es in den Läden und auf den Bauernmärkten noch Gemüse und Obst zu kaufen gab, rührten sie die Vorräte mit Ausnahme der Kartoffeln nicht an.

Im Frühherbst 1982 stellte Richard fest, dass das leere Krautfass samt dem Stein, der oben auf die Köpfe gelegt wurde, aus ihrem abgeschlossenen Kellerabteil verschwunden war. Er hörte sich bei den Nachbarn um, und auch sie vermissten ihre Krautfässer. Ein Diebstahl dieser Art war bis dahin nicht vorgekommen, und erst wussten sie nicht, ob sie darüber lachen oder weinen sollten, denn ein Krautfassdiebstahl war entweder ein Bubenstreich oder einfach nur lächerlich. Einer der Nachbarn aber berichtete, dass er ein Krautfass habe kaufen wollen und in der ganzen Stadt keines gefunden habe. In der Provinz sähe es in den Läden auch nicht anders aus, auf dem Schwarzmarkt gäbe es ebenfalls keine, und so könne er in diesem Herbst kein Kraut einlegen. Verdammt noch mal! Diese Arschlöcher! Wenn ich die erwische!

Die Diebe wurden aber nicht erwischt, und die Krautfässer vom Wohnblock D8 blieben verschwunden.

Marie und Richard bekamen vom Blockverwalter, ihrem Nachbarn auf der Etage, sein Zweitkrautfass für eine Saison geliehen, und damit war das Problem für sie gelöst. Irgendwie fand sich immer ein Ausweg. Es ging auch so. Merge şi aşa.

Die Krautköpfe kaufte Richard an einem der nächsten Tage von einem Bauern aus Olteniţa an der Donau, und sie legten sie ein.

Richard war an diesem Nachmittag übel gelaunt. Mein ausgewanderter Arbeitskollege und seine Frau, sagte er, überlegen in München, ob sie einen Zweitwagen anschaffen sollen, und wir stellen Überlegungen an, wie wir uns für ein geliehenes Zweitkrautfass revanchieren könnten!

Darüber brauchst du gar nicht nachzudenken, sagte Marie. Zwei Krautköpfe für die Nachbarn, oder ich backe einen Kuchen. Oder beides.

Am Abend waren sie müde, erschöpft, und redeten kaum noch miteinander. Sie waren froh, dass das Kraut im Fass war, und eine gewisse, unbegründete Zuversicht machte sich breit: Sie würden auch in diesem Winter zurechtkommen. Die Kinder würden essen, was auf den Tisch kam, auch wenn ihnen das Sauerkraut nicht besonders schmeckte. Sie konnten den Reis und das mehr angedeutete als vorhandene Hackfleisch essen und das Kraut übriglassen; irgendwie würden sie satt werden, notfalls noch ein Marmeladenbrot verlangen. Emma und Tomi waren keine schlechten Esser, aber sie waren dann doch etwas wählerisch, und wenn ihnen etwas nicht schmeckte, waren sie sehr schnell satt.

Richard rauchte noch eine Zigarette, dann gingen sie zu Bett.

Vor dem Einschlafen überlegte Marie, dass an diesem Tag noch etwas hätte erledigt werden müssen. Aber was war das nur? Sie versuchte sich zu erinnern, und es fiel ihr auch wieder ein: Richard hatte vorgehabt, am Vormittag während seiner Arbeitszeit für seine Eltern die Besuchervisa für Westdeutschland von der deutschen Botschaft abzuholen. Als Marie ihn danach fragen wollte, schlief er schon, und sie störte ihn nicht mit einer Frage, auf die es jetzt um diese späte Stunde nicht mehr ankam. Wahrscheinlich war alles glatt gelaufen, und er hatte die Visa bekommen.

Sie schliefen tief und traumlos.

Aus der Securitate-Akte des Gärtner Richard (Gabriel)

321/DR

5 oct. 1982

strict secret

exemplar unic

001253

Note

Die Quelle TVG informiert uns, dass der Genannte Gärtner Richard, Sohn des Wilhelm und der Edith, geb. am 2. Februar 1943 in Heimbrich, Kreis Sibiu, als Projektingenieur beim Nationalen Wasserwirtschaftsamt beschäftigt, wohnhaft in Bucureşti, Aleea Tg. Neamţ Nr. 10, Wohnblock D8, Apt. 46, Bezirk 6,

am 5. Oktober 1982 um 9.20 Uhr die Botschaft der BRD in Bukarest (das Objekt „Gaby“) aufgesucht hat.

Lt.: Unterschrift unleserlich