https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.684

Eine Ankunft

Sie war gerade angekommen. Sie war viele Stunden geflogen, hatte zwischen den einzelnen Flugetappen lange warten müssen, hatte sich von Rollbändern und Rolltreppen von einer Etage zur andern fahren lassen, hatte Mühe gehabt, sich in den bereits sehr vollen Shuttle-Bus zu quetschen, ohne von den bereits darin befindlichen Reisenden erdrückt zu werden, und so den Ausgangsterminal des Flughafens, den sie seit bald 20 Jahren nicht mehr betreten hatte, zu erreichen. Dort hatte sie, wie ihr schien, endlose Minuten auf ihr Gepäck zu warten. Es zog von überall, und ein leichter Kälteschauder durchfuhr ihren ganzen Körper, als würde es sie frieren oder als stünde sie im Fieber.

Als ihr Koffer endlich auf dem Rollband zu sehen war, war sie beinahe ganz allein geblieben. Lediglich eine jüngere Frau stand etwas abseits in der Halle und hielt ein Kind an der Hand. Die Frau telefonierte mit jemandem und schien sehr aufgeregt zu sein und nichts von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Die gerade Angekommene hätte schon Hilfe gebraucht, den Koffer vom Rollband herunterzuheben, aber sie wollte die fremde Frau nicht mitten im Gespräch stören, das sehr wichtig schien. Das Kind – ein etwa 7-jähriger Junge mit dunklem Teint – sah ihr unverfroren in die Augen und streckte ihr die Zunge heraus. Witzbold, dachte sie und schnitt ihrerseits eine Grimasse, obschon ihr gar nicht danach zumute war. Sie fühlte ihre ganze Erschöpfung, die sich in den vergangenen Tagen ihrer bemächtigt und während der endlosen Flüge nur noch zugenommen hatte. Und die Erschöpfung schien sich nun in Empörung über die ungewohnte und völlig unerwünschte Hinfälligkeit ihrer Selbst zu verwandeln, und sie dachte daran, dass das helle Blaugrau ihrer Augen, davon das eine, je nachdem, wohin ihr Blick sich richtete, immer leicht nach innen verschoben wirkte, sich verschleierte und sich regelrecht verdunkelte, dass man meinte, ihre Iris wäre dunkelbraun oder gar schwarz. Es kam aber auch vor, dass ihre Augen sich noch mehr aufhellten, und dann wusste sie mit großer Bestimmtheit, dass etwas in ihrem Körper nicht stimmte und sie eine Krankheit ausbrütete. Das durfte jetzt auf gar keinen Fall geschehen, dachte sie kopfschüttelnd, nicht jetzt!

Sie verharrte vor dem Rollband und ließ den Koffer an sich vorbeiziehen, denn ihr fehlte die Kraft, ihn zu packen und hochzuheben. Sie stand da und wartete, bis das Gepäckstück ein zweites und ein drittes Mal an ihr vorbeizog. „Hai odată, cucoană,[1] Sie können hier nicht ewig stehen und dem Koffer zusehen, nu suntem aici la Lunaparc, das hier ist kein Vergnügungspark, kein Karussell, doamnă,[2] bitte“, hörte sie eine heisere Stimme hinter sich. „Irgendwann muss Schluss sein auch für unsereins! Irgendwann muss Feierabend sein, verflixt nochmal, ce naiba, cucoană,[3] was zum Geier!“ Sie wandte den Kopf und sah einen Mann hinter sich stehen. Er trug einen dunkelblauen Arbeitsanzug, einen sogenannten Overall, und dazu eine Schirmmütze mit der Aufschrift personal terestru.[4] Er war bereits älter, vielleicht Rentner, möglicherweise hätte er gar nicht mehr arbeiten müssen in Anbetracht seines Alters, dachte sie, aber vielleicht hatte er eine kleine Rente, oder vielleicht fiel ihm zuhause die Decke auf den Kopf, wie man zu sagen pflegt, wenn man nichts mit sich selbst anzufangen weiß, oder vielleicht hatte er einfach Angst, zuhause in eine Depression, in ein schwarzes Loch zu fallen und sich selbst endgültig zu verlieren. So wie es ihr beinahe ergangen wäre, als man ihr nahegelegt hatte, doch in Rente zu gehen und die ganze Fliegerei mit dem schwarzen Köfferchen den Jüngeren zu überlassen. In den Ruhestand treten, was immer das auch bedeuten mochte. Ihre Freundinnen meinten, für sie gelte doch eher die Wendung, in den Unruhestand gehen, hatte sie doch immer das Sesshafte, Bodenständige gemieden und war unstet in der Welt hin- und hergezogen, immer von Neugierde getrieben und auf der Suche nach neuer Herausforderung. Darüber waren Jahre und Jahrzehnte vergangen, Menschen, die sie an ihrer Seite wähnte, waren entschwunden, sie selbst fand sich zwar immer auf neuen Wegen wieder, aber stets allein.

Das Rollband war abgestellt worden, und ihr Koffer blieb in einiger Entfernung vor ihr liegen. „Puteați sa lasați sa vina pana la mine“[5], knirschte sie die Wörter der fremden Sprache, die sie seit langer Zeit weder gehört noch gesprochen hatte, mühsam hervor und warf dem Flughafenangestellten einen kurzen Blick zu. Ihre Augen glommen dem Mann dunkel vor Wut entgegen. „Cucoană, ich bitte Sie, mein Tag war lang …“ Der Mann erreichte das Rollband, hob den Koffer hoch und stellte ihn neben sie. „Geht doch“, murmelte sie halblaut, „va mulțumesc, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen wirklich, Sie können sich nicht vorstellen, wie erschöpft ich bin, diese Fliegerei …“ „De, cucoană,[6] ich könnt es ja verstehen … der Tod sucht Sie zuhause, klingelt vergeblich an Ihrer Tür … Sie treiben sich in der Weltgeschichte herum! Păi, așa să tot pleci de acasă[7]… So kann es auch gehen“, fügte der Mann hinzu, und plötzlich mussten beide lachen. Und sie hörte das Lachen der anderen Frau, jener Frau, die sie an einem anderen Flughafen und zu anderer Zeit zurückgelassen hatte und deren Lachen ihr so viel Freude gemacht hatte, weil es klang wie das Rauschen des Meeres und das Tosen des Windes und das Tönen der Harfe. Sie standen damals am Meeresgestade von Norderney, und der Wind fuhr durch ihre Haare. Sie spürte die heftige Bewegung des Windes und wie er sich in ihren damals beinahe schulterlangen Strähnen verfing, als wären es die Finger ihrer Geliebten gewesen, die sich mit beiden Händen gerne in ihren Haaren festkrallte, wenn sie sich küssten. Der Wind strich über ihre Haut und sprühte Wassertropfen über ihre Körper, während sie neben- und übereinander auf dem groben Sand des Nordseestrandes lagen und sich liebten, als wäre es zum ersten und zum letzten Mal, als hätte es vorher und nachher keinen Tag und keine Stunde mehr für sie beide gegeben. Und immer wieder ertönte das Lachen der Freundin, riss den Wind in Stücke, entblößte das Gestade, die Körper, die Gefühle, legte alles offen, unweigerlich und endgültig, und am Schluss kam immer die gleiche Frage, die gleiche Bitte; „Du bleibst? Bleibe doch …“

Sie schüttelte unwillig den Kopf, als wollte sie lästige Webe vor ihrem Gesicht loswerden. Sie dachte an die neue Frau, die genauso lachte, wenn sie ihr Koseworte oder gar Gedichte in den Telefonhörer raunte, sich in ihr Gehör und von dort in ihren ganzen Körper schlich, sich dort verbarg und sich für immer einzunisten schien. Dann sah sie das Gesicht, die Gestalt der früheren Geliebten, die sie stets mit offenen Armen empfangen hatte, ganz gleich wie lange sie fort gewesen war. „Du meine Wartende, Du, Du Geduldige, Du“, pflegte sie zu sagen, während die Geliebte sie mit „Sei willkommen, Hetaera Esmeralda aus den Träumen“ begrüßte. „Da, așa e! … aveți drep…tate“[8] – sie sprach das letzte Wort mit einer langen Pause zwischen der ersten und der zweiten Silbe aus so, als wollte sie überlegen, ob sie das Wort auch richtig erinnert hätte ‒ „Im Grunde haben Sie recht, ich trickste den Tod aus mit meiner ständigen Fliegerei“, sagte sie mit etwas rauer Stimme und wandte sich vom Flughafenangestellten plötzlich ab. Auch griff sie nach der Halterung ihres Koffers und riss ihn an sich, dass sie sich selber über die Wucht ihrer Bewegung wunderte. Sie schüttelte noch einmal den Kopf, denn sie vernahm das Lachen der Neuen, in das sich manchmal ein brüchiger Stimmsplitter mischte und an fratzenhaftes Gelächter gemahnte. Das Lachen einer Künstlerin, einer Theatermacherin, einer unverbesserlichen Spaßmacherin, einer Hampelfrau. Sie musste schmunzeln, als sie dieses Wort dachte, und wandte sich noch einmal nach dem Flughafenangestellten um, der ihr plötzlich leid tat und um den sie sich vielleicht hätte sorgen müssen. „Domnule, domnule, va rog,“[9] rief sie dem Mann hinterher und winkte ihm sogar mit der freien Hand zu. „Wollen wir …, ich meine, darf ich Sie auf einen Kaffee, auf einen Tee einladen? Das würde Ihnen vielleicht gut tun, va face bine“, sagte sie etwas stockend und blickte dem Mann in die Augen. Sie spürte, dass sie etwas schielte und lächelte dabei etwas verlegen. „Păi, cucoană, de … o pălincă sau o bere mi-ar prinde mai bine, ca să fiu sincer“[10], entgegnete der Mann, blieb stehen und wartete, dass sie an ihn herantrat, dann nahm er ihr den Koffer ab und winkte sie an sich vorbei in Richtung Ausgang. Sie traten durch die automatische Schiebetür und wurden von dem Lärm des Warteraumes überrollt. Der Mann deutete mit dem Kopf nach links in Richtung des Flughafen-Cafés, an das sie sich undeutlich zu erinnern glaubte. Sie hatten vereinbart, dass sie sich nie woanders als im Bahnhofs- oder Flughafen-Café verabschieden würden so, als sei es nur für ein paar belanglose Stunden und nicht für mehrere Wochen oder gar Monate. Und es war jedes Mal sie gewesen, die die Geliebte im Café zurückließ, um sich zur Abfertigung oder auf den Bahnsteig zu begeben. Und obschon sie wusste, dass die andere durch das Vitrinenfenster ihr noch sehr lange nachblickte, drehte sie sich niemals um, winkte niemals zurück, ließ kein Halstuch oder Taschentuch im Fahrtwind aus dem geöffneten Zugfenster flattern. Entschlossenen Schrittes ging sie davon, sie spürte, wie sich ihr Rücken mit jedem Schritt noch mehr versteifte so, als zöge sich etwas in ihrem Innern zusammen, wie in der Kindheit, wenn sie spät abends aus dem Dunkel des exotischen Gartens ihrer Mutter ins Licht der Veranda stürzte und das deutliche Gefühl nicht loswerden konnte, jemand säße ihr im Nacken, jemand verfolgte sie, würde sie hetzen und jagen und würde er sie einholen, würde er sie sicher auf den Boden und sich auf ihren gebrechlichen Körper werfen und sie unter seinem ekelhaften Körper langsam zerquetschen. Stets erreichte sie die Veranda atemlos und mit heftig klopfendem Herzen, und sie wusste nicht, ob es abgründige Angst oder himmelhoch jauchzende Freude war, die ihr derart zusetzte. Abgründige Angst und himmelhoch jauchzende Freude zerrissen ihr Innerstes jedes Mal, wenn sie sich von der Geliebten trennen musste, wenn sie wusste, dass jene auf ihrem Platz am Café-Tisch mit gesenktem Kopf sitzen blieb und ihr blicklos, gefühllos, ohne Handzeichen, nur mit dem Schmerz im Herzen in Gedanken nachhing. Und jedes Mal schwor sie, es würde das letzte Mal sein, dass sie fortging. Sie war eine Unstete, das wusste sie, und sie wusste auch, dass Unstete keine Wurzeln schlagen konnten, schon gar nicht im flüchtigen Sand von Norderney oder Cordoba oder der Algarve.

Sie setzten sich an den einzigen freien Tisch, den sie finden konnten, der Mann stellte ihren Koffer neben ihren Stuhl und ging sofort an den Tresen, wo er sich einen Schnaps bestellte und ein Bier dazu. Er wollte schon zum Tisch zurückkehren, als ihm einfiel, dass er für die Frau nichts bestellt hatte. Er sah zu ihr hinüber, hob die Schultern und machte mit beiden Händen eine fragende Bewegung. Sie sagte ziemlich laut: „Quiero un cafe, por favor[11]…ach, einen Kaffee, ich meine o cafea, da, por favor … va rog![12]“ „Sie haben Glück, cucoană, dass ich viele Jahre in Spanien gearbeitet habe, wissen Sie, beim Erdbeerenernten, und auch sonst habe ich jede Scheißarbeit dort gemacht, nur um den Kindern, meinen puradei,[13] Geld schicken zu können und der Frau, die ewig krank war …“ Der Mann vom Bodenpersonal ließ den Kopf hängen und starrte in sein leeres Schnapsglas. Als er den Kopf hob und der Frau ins Gesicht sah, meinte sie einen goldenen Schimmer in seinem linken Auge wahrzunehmen. Seine linke Hand lag auf der Tischplatte und mutete sie plötzlich so verloren an, als wäre die Hand dieses Fremden ein loses Blatt, ein herrenloser Hund oder ein liegengelassener Liebesbrief. Sie legte ihre rechte Hand auf seine Linke. Sie saßen vollkommen reglos voreinander und fanden aus ihrer Wortlosigkeit nicht heraus. Sie spürte die raue Haut seiner Finger und dass diese kalt waren und sie hob seine Hand von der Tischplatte und legte sie in ihre linke Hand und hielt sie so mit beiden Händen fest, wie das erkaltete Vogelherz, das sie vor vielen Jahren als Kind einmal tatsächlich zwischen ihre Hände genommen und versucht hatte, es wieder zum Schlagen zu bringen, nachdem sie gesehen hatte, wie die Katze der Nachbarn einen flügellahmen Spatzen mit den Krallen aufgeschlitzt und das Vogelherz herausgerissen hatte. Der Spatz hing noch an seinem Herzen, als sie es zum Schlagen hatte bringen wollen. Der Nachbarsjunge war herbeigeeilt und hatte ihr das Herz aus den Händen geschlagen, und als sie ihn angesehen hatte, waren ihre Augen dunkel wie die Nacht geworden und die Wut hatte in ihrem Gesicht gestanden und ihre hübschen Züge zu einer furchtbaren Fratze verzerrt, dass der Junge vor Entsetzen das kleine Vogelherz im Staub zertreten hatte und schreiend davongerannt war. Sie wusste, dass Schmerz und Wut sie überwältigen konnten, aber sie wusste, dass allein ihre Augen eine solche Verdunkelung des Sinnes und der Sinne zeigen würden, denn niemals, niemals würde sie deswegen weinen, nicht damals und nicht später, nicht um das herausgerissene, gekränkte kleine Vogelherz, nicht um ihre eigene missbrauchte, gekränkte Integrität, nicht um das Leben manches geliebten Menschen. Und wie schon einmal, als ein ihr beinahe fremder Mann im Verborgenen nach ihrer Hand gegriffen und sie gleich wieder losgelassen hatte, ließ sie die Hand des Flughafenangestellten auf die Tischplatte sinken und sagte beinahe tonlos: „Ma scu-zați … domnule[14], ich habe mich irgendwie … vergessen.“

Die neue Geliebte stand plötzlich hinter ihr, öffnete weit die Arme und umfing ihren ganzen Körper, beugte sich über ihre Schultern zu ihrem Gesicht und berührte ihre Wange, dann ihren Mund mit den Lippen und lachte wie das Rauschen des Meeres und das Tosen des Windes, und dazwischen barst ein Stimmsplitter entzwei. „Esmera Elvira dʽAgostinez, mi amor, Querida de mis sueños,[15] da bist du endlich! Komm, meine Liebste, lass uns, lass uns endlich nachhause gehen.“

(Dezember 2022/Januar 2024, Kronstadt)


[1] Rumänisch: Mach schon, Weib.

[2] Rumänisch: Frau.

[3] Rumäniasch: Was zum Teufel, Frau!

[4] Rumänisch: Bodenpersonal.

[5] Rumänisch: Sie hätten ihn doch bis zu mir vorfahren lassen können.

[6] Rumänisch: Tja, Frau.

[7] Rumänisch: So lohnt sich’s von zuhause wegzugehen.

[8] Rumänisch: Ja, Sie haben Recht.

[9] Rumänisch: Mein Herr, mein Herr, ich bitte Sie!

[10] Rumänisch: Tja, Frau, nun… ein Schnaps oder ein Bier täte mir besser, um ehrlich zu sein.

[11] Spanisch: Ich möchte einen Kaffee, bitte!

[12] Rumänisch: einen Kaffee, bitte!

[13] Rumänisch: Bankert (Pl.)

[14] Rumänisch: Entschuldigen Sie mich, mein Herr.

[15] Spanisch: Esmera Elvira dʽAgostinez, meine Liebe, Liebste meiner Träume.