https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.687

Unter Kokosnüssen

Es ist gedeckt für sechs Personen, die Stoffservietten sind als Schwäne gefaltet. Das Essen darf keine Flecken hinterlassen, weil unsere Hemden weiß und unsere Hosen, sogar unsere Unterwäsche aus Stoffen gemacht sind, die man nur chemisch reinigen darf. Die dünnen Porzellantassen sind nach unten gedreht und werden nachher vom Servicepersonal für uns richtig hingestellt. Das Besteck ist poliert. Rund um die Speiseveranda ist gemähtes Gras, aus dem zehn Stunden am Tag mehrere Arbeiter die fallenden Palmenblätter rauspicken und in den Gartenwagen schmeißen. Ich nehme mir vor, die Namen der Arbeiter zu lernen. Der Pool ist zu warm, um darin zu schwimmen. Zu Weihnachten werden wir zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

Fünf Minuten später haben wir unsere Plätze schon eingenommen. Wir riechen nach Blumenextrakt, und unsere Haare sind in raue Leinentücher eingewickelt. Zum Mittagstisch kommen wir in Bademänteln, manche haben Kopfweh, und es ist nicht leicht zu sagen, ob wir sehr krank oder sehr gesund wirken. Die Luft ist heiß und feucht hier im Dezember. Aber zu Weihnachten werden wir zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

„Wie war deine Anwendung?“, fragt mich Regina. Heute sitzt sie mir gegenüber. Sie ist blass, ihr Blick voller Angst und nach innen gekehrt wie immer. Ich lächle schmal. Meine matten Zähne absorbieren das Licht: „Das war wieder mal sehr schön. Meine Masseurin hat gesagt, dass ich entspannt bin, dabei hat sie breit gelächelt mit ihren unglaublich weißen Zähnen. Dann hat sie mich gehoben und umgedreht. Dabei haben wir auf Deutsch geplaudert.“ „Das ist gut, wenn sie Deutsch können“, sagt Regina, „sonst könnten wir uns mit denen nicht verständigen.“ Wir lachen. Regina kippt beinah um, so schwach sind wir vor wohlriechenden Ausdünstungen. Sie hebt einen Fuß und balanciert sich in die Sitzposition zurück. Unsere Füße sind gequetscht und spitz vom vielen Lackschuhtragen. „Unsere Masseurinnen haben so schöne breite Füße, hast du das bemerkt?“, sagt Regina. „Herrlich.“ Aber zu Weihnachten werden wir zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

Tagsüber reden wir über die Anwendungen. Wie die Öle an der Stirn uns vulnerabel gemacht haben, sodass wir weinen mussten, obwohl wir sonst immer sehr hart und emotionslos sind, weil es bei unseren Berufen und unseren Leben gar nicht anders ginge. Jemand muss den Leuten zeigen, wo es langgeht. Sonst gibt es keinen Fortschritt, wie im Kommunismus. Ulli liest gerade die Biografie von Elon Musk, und dort steht im Grunde das Gleiche. Ulli und Carsten sind das Paar, das vor einer Woche angekommen ist. Regina und ich sind hier seit Oktober. Wir verlängern unseren Aufenthalt alle paar Tage, da wir uns nicht entscheiden können, ob es sich lohnt, mit der Business-Class zu fliegen. Aber zu Weihnachten werden wir zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

Natürlich hätten wir genug Geld für die Business-Class, aber Regina sagt, dass das einfach zu teuer ist. Dafür wohnt sie seit Wochen im luxuriösen Baumhaus. Wir wollen das Beste, nicht bloß das Teuerste. Aus diesem Grund habe ich letztens bei der lokalen Schneiderin nichts gekauft. Ihr Preis war zu hoch, und das wusste ich. Ich hätte ihr lieber einfach so ein wenig Geld gegeben. Aber für den Stoff fünf Euro zahlen ist zu viel. So sind wir bei manchen Sachen sehr sparsam, aber für das Beste würden wir alles geben. Und hier, in diesem Kontext, ist das Baumhaus das Beste.

Bis vor circa einem Monat wohnte ein bekannter Dichter im Baumhaus, aber er musste zusammenpacken und ausziehen.

„Er musste leider in einen kleineren Bungalow einziehen, denn ich habe die volle Summe bezahlt“, sagt Regina. „Angeblich ist er sehr berühmt.“

Regina wird jeden Abend von einem Angestellten zum Baumhaus begleitet, weil dieses exklusiv und abgelegen ist. Einmal hat sie wie am Spieß geschrien, weil sie dort eine Schlange gesehen hat. Im Baumhaus ist es die ganze Nacht sehr laut, die tobenden Wellen können nicht durch Ohropax annulliert werden. Die Sonnenuntergänge sind dafür vom Baumhaus aus herrlich. Es sind die gleichen Sonnenuntergänge wie überall, fühlen sich aber privat und ungestört an. Eine Woche vor Weihnachten wird Regina auf jeden Fall zurückkehren, um mit ihrer Familie zusammen zu sein, und dann werde ich für ein paar Tage ins Baumhaus einziehen. Dann werde ich auch zurückkehren, um mit meiner Familie zusammen zu sein.

Durch den Zaun sehe ich Kinder, die im Sand spielen mit leeren Plastikflaschen und Muscheln. Regina sieht sie wahrscheinlich vom Baumhaus aus. Dass unsere Eltern Ärztinnen waren, hat nichts damit zu tun, dass Regina und ich Anwältin und Ärztin sind. Wir hatten Biss und Talent. Ich spielte schon als Kind mit dem Stethoskop. Und wenn diese Kinder fleißig sind und gut Englisch lernen. Wenn sie sich genug anstrengen, wenn sie jeden Tag über die Gleise hüpfen, um in die Schule zu kommen. Wenn sie unterwürfig und brav bleiben, wenn sie Schuluniform tragen, dann dürfen sie nach Europa kommen, um mit uns und unseren Familien zusammen zu sein.

Es ist viel Arbeit, sich zu entspannen. Zum Mittagessen kommen wir in Schlapfen und Bademänteln, unsere Rücken sind mit Schlammpackungen bedeckt und unsere dritten Augen geöffnet. Es stellt sich heraus, dass tägliche Anwendungen mit ätherischen Ölen gegen die Angst nicht helfen. Wir haben viel zu verlieren.

„Wenn sie so weitermachen, werden Sie hundert Jahre alt!“, sagt eine Masseurin im Vorbeigehen zu Karsten, der aus seiner Kokospalatschinke am Teller einen Penis gebastelt hat.

Karsten ist nicht zufrieden. Ein paar Jahre länger leben ist nicht die Lösung. Der Todestag wird nur nach hinten verschoben. Andererseits hat er keine Wahl. Noch kann er die Unsterblichkeit nicht erwerben. Zu Weihnachten kehrt er zurück, um mit seiner Familie zusammen zu sein, aber nächstes Jahr kommt er wieder und so weiter.

Unsere Zimmer werden häufig geputzt. Hundertmal am Tag wird Sand entfernt. Die Masseurinnen und die Arbeiter sind freundliche, tüchtige Leute. Sie machen das sehr gut. Sie machen das schon seit 20 Jahren. Sie versuchen uns zwar ständig im Kleinen zu betrügen, aber das ist okay. Zu Weihnachten werden wir ohnehin zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

Die Suppe öffnet den Magen. Der Käse schließt den Magen. Der Brei zementiert den Magen. Ich scherze, dass ich letztes Mal zu wenige Bananenkekse bekommen habe und deshalb diesmal alle bekommen soll. Aber mein Scherz geht schief. Mein Wunsch wird, wie immer, ernst genommen. Dafür, dass meine Wünsche ernst genommen werden, bin ich überhaupt hierhergekommen. Und jetzt zappeln wir alle seit Minuten in der unangenehmen Atmosphäre. Ich versuche zu erklären, dass ich nicht wirklich alle Bananenkekse essen will. Es ist unmöglich zu erklären. Es ist nicht möglich, einen Scherz von einer Beschwerde zu unterscheiden. Ich fühle mich so einsam. Ich freue mich schon, dass ich bald zurückkehren werde, um mit meiner Familie zusammen zu sein.

Ein Mann steigt auf die Kokospalme. Ich trinke eine Kokosnuss. Der Koch drechselt eine Kokosnuss, um frische Kokosraspeln zu bekommen. Ulli sagt, dass die Einheimischen glauben, die Kokospalmen hätten Augen und die würden darauf achten, nie auf einen menschlichen Kopf zu fallen. Wir finden das alle toll, weil wir uns bisher schon gefürchtet haben. Wir essen etwas mit Kokosmehl und die Kokospalatschinken. Kokos nervt langsam. Aber zu Weihnachten werden wir zurückkehren, um mit unseren Familien zusammen zu sein.

Die Katzen fetzen sich auf dem Dach des Baumhauses. Regina sitzt drinnen. Wir waren noch nie auf der Straße, wir waren noch nie am Strand. Beim Frühstück sagt Regina, dass die Migrantenkinder in Deutschlands Schulen sich nicht schnell genug anpassen. Ich schau runter auf meinen Arm, der ist rot und geschwollen. Ich bekomme eine seltene Krankheit, die wir in Europa nicht kennen, und werde beim lokalen Arzt vorgelassen. Das hustende Kind schaut mir hinterher und fragt seine Mutter etwas in der Landessprache.

„Madam, Sie haben Glück gehabt“, sagt der Arzt zu mir, „wären Sie einen Tag später gekommen, müssten Sie ins lokale Krankenhaus.“ Ich nehme Schmerzmittel und Antibiotika. Alles vermischt sich. Die Mahlzeiten sind alle gut und alle ähnlich. Ich schlafe viel. Die Tage kann ich nicht mehr unterscheiden. Die Arbeiterinnen stellen einen riesigen weißen Weihnachtsbaum auf eine Lichtung zwischen Kokospalmen. Bis zum nächsten Weihnachten werde ich zurückkehren, um mit meiner Familie zusammen zu sein.