https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.725

Gedichte

Die Nacht der Wälder

Vor dem Spiegel, vor dem verfluchten Spiegel,

vor dem meine Großmutter ihr Haar kämmte,

kämmte den endlosen November,

kämmte den ewigen Nebel,

die brennende Scheune, die vergessenen Namen,

durchkämmte ihr Haar, bevor sie ganz

kahl wurde,

vor diesem Spiegel stehe ich jetzt und ziehe mich aus,

streife die durchnässten Kleider ab,

wie sie es getan hatten, bevor

sie in die Konservendose eintraten,

sie traten ein, ich floh aus Polen,

wollte kein Tagebuch, keine Erinnerung, keine Versöhnungsmaschine,

weil es kein Wort geben kann, für das ich mich selbst keilte,

und auch jetzt werde ich die Nacht nicht durchqueren,

das Tor steht offen, seit langem lässt es sich nicht schließen,

und zur Hangseite hin gibt es nicht einmal einen Zaun,

ich warte hier nackt,

kommt doch, ihr polnischen Wälder,

legt Feuer im Spiegel meiner Großmutter,

lasst das Fell der Wölfe rot entflammen,

verbrennen sollen sie, heulen,

noch weiß ich das aus den Kissen gekratzte Gebet,

gesegnet sei die Nacht der Wälder,

sei die Schlucht der Morgen,

und gesegnet seien alle unvollendeten Tage,

nur der Weg des Reisenden ist sein Tod,

ich will es,

ich will es,

spurlos werde ich verschwinden.

Leben wir noch, Lesbia?

Leben wir noch, Lesbia? Die Korridore geheimer Jahre

führten uns unter die Meere weiter außen, und wir glaubten,

dass Worte nie austrocknen und Vertrauen nie verloren geht.

Wir begehrten einander. Wir durchkämmten jede Fantasie,

küssten uns bei Tage und küssten uns bei Nacht.

Dein glühender Blick riss mich aus fremden Umarmungen,

und meine Lenden reizten dich mehr als die der anderen.

Doch die Zeit hat uns belogen, Lesbia! Oder wir uns selbst?

Schon damals herrschten Krieg und Not. Wir hätten

Waffen kaufen sollen, von den Männern mit Stiernacken.

Unsere Zeit liegt schon mit aufgerissenem Schädel im Osten,

die Lippen, die einst betörend küssten, schnappen idiotisch

nach einem abscheulichen Ameisenhaufen. Wir lebten, Lesbia!

Aber jetzt ist es an der Zeit, sich betrunken aus einem Fenster

auf den Jahrhundertasphalt zu stürzen. Wird es Schaulustige

geben? Was soll’s. Sie werden verschwinden, wir verdunsten.

Einreißen

1.

Klingelte das Telefon? Bekam ich eine Nachricht? Ich weiß es nicht mehr. Am Tag der Beerdigung regnete es in Strömen und die Trauerreden machten mich wütend,

am liebsten hätte ich jemandem eine reingehauen.

Des geheimnisvollen Gastmahls

mache mich heute teilhaftig.

Wann und wie, wollten alle wissen. Jemand sagte, es sei eine griechische Schicksalstragödie, jemand anderes, du habest alles minutiös geplant.

Des geheimnisvollen Gastmahls

mache mich heute teilhaftig.

Vom Wind geplagte Regenschirme zogen von der Leichenhalle zum Grab. Und siehe, angeführt von einem Priester, der in deinem Fall eine Ausnahme machte.

Des geheimnisvollen Gastmahls

mache mich heute teilhaftig.

Wie gebannt starrte ich auf die Kieselsteine vor mir. Schob sie mit der Schuhspitze hin und her. Ich traute mich nicht, die anzuschauen, die du zurückgelassen, denen du dein Totsein hinterlassen hattest, dass sie sich ewig fragen müssen, was haben wir gegen dich gesündigt, was haben wir dir angetan?

Des geheimnisvollen Gastmahls

mache mich heute teilhaftig.

Zum Schluss das Haus, wo du dich erhängt hattest. Gebäck und Krautwickel erwarteten die Gesellschaft. Bitte, nehmt, esst. Ich suchte die Stelle, wo du die Schlinge gebunden hattest, wo war die Stelle, der Haken, ich musste sie mit eigenen Augen sehen, um nicht an der Tat beteiligt zu sein.

2.

Dann die Fahrt zurück. In die Stadt, aus der du geflohen warst. Hinter meinen Augenlidern ratternde Finsternis. Ein acht Jahre langes Schweigen begann.

Wie nehmen wir Abschied von ihm,

den wir nie wieder sprechen können?

Noch ahnte ich nicht, dass hinter den Rippen erbsengroße Tumore in meiner Lunge wuchsen. Mit halbherzigen Dingen und Ängsten zog ich einen Tod groß, dass er sich zu deinem geselle. Wie die Namen der Vögel zu dir, als ich sie in den deutschen Wäldern für dich herbeispaziert hatte: Blaumeise, Buchfink, Buntspecht, Zaunkönig, Waldbaumläufer, Zilpzalp.

Wie nehmen wir Abschied von ihm,

den wir nie wieder sprechen können?

Damals wohnte ich in einem engen, dunklen Zimmer, das ich nur dann verließ, wenn ich nichts mehr zu essen hatte. Mein Fenster schaute auf die Feuerwand einer Bank mit einer Metalltreppe. Gegenüber dröhnte den ganzen Tag ein schrecklicher Apparat. Sein riesiges Maul erinnerte mich an einen Fleischwolf. Ich werde nie erfahren, was das für eine Maschine war, was in ihr vorging, wie ich nie wissen werde, was deine selbstmörderischen Zellen der scheidenden Seele mitgeteilt hatten, als die Luftröhre sich verschloss, die Zuckungen das Rückgrat brachen, aber es dauerte noch zehn-fünfzehn Minuten, bis die letzten lebenden Zellen in Panik geraten, der Reihe nach explodierten, der Herzstillstand eintrat und das Fleisch endlich ohne Seele zurückblieb.

Wie nehmen wir Abschied von ihm,

den wir nie wieder sprechen können?

In diesen zehn oder fünfzehn Minuten verstummten alle Laute und alle Buchstaben, die offenen und die geschlossenen, und überließen sich wieder der Angst, die die Welt erfüllt hatte, bevor der erste Buchstabe, der Beth, was Haus bedeutet, aus dem Licht geboren wurde, um allen anderen den Weg zu öffnen. Nun überließen sie sich wieder der Finsternis, das Haus blieb leer, sein Körper für immer stumm.

Wie nehmen wir Abschied von ihm,

den wir nie wieder sprechen können?

Damals setzte mein Schweigen ein. Was hätte der, der hiergeblieben ist, auch sagen können? Eine Krähe flog jeden Morgen auf den Baum gegenüber, durch das Fenster sah ich, wie sie auf dem Baum des Morgens ihr Gefieder putzte, erfreute mich an ihr, erfreute mich an meinen Liebsten. So blieb ich dieser Einöde treu, wie die Tschuktschen ihrem trostlosen Land. Aber wer hierbleibt, kann für nichts ein Zeichen sein, nur was ein Toter zurücklässt, ist ein Zeichen, und in jedem Zeichen haust ein anderer Tod.

3.

Ich lag mit rasiertem Brustkorb auf dem Operationstisch und wartete auf den Eingriff, zitterte vor Kälte, und doch ruhte ich in mir wie nie zuvor, denn ich durfte mein Leben endlich aus der Hand geben, konnte nichts mehr für mich tun.

Herr, als du auf das Kreuz gehoben wurdest,

erfüllte jedes Lebewesen Angst und Schrecken.

Wurde ich nach dir gefragt, schwieg ich. Umso öfter sprach ich zu dir. Zuerst fühlte ich Angst, die Angst der letzten Stunden, Angst vor dem Weg, den du gegangen warst. Ich rief mir in Erinnerung, wie du deine Hände, mit der Handfläche nach unten, unter die Schenkel schiebst, im Sitzen vor- und zurück schaukelst, etwas murmelst, was ich zu verstehen versuche, aber es gelingt mir nicht und am Ende umarmen wir uns.

Herr, als du auf das Kreuz gehoben wurdest,

erfüllte jedes Lebewesen Angst und Schrecken.

Dann trat Wut an die Stelle der Angst. Das erleichterte vieles. Wie oft und in welcher Weise hattest du mich in die Irre geführt, an dem akribisch inszenierten Theater deines Leidens verzweifeln lassen, richtige und falsche Botschaften gleichzeitig gesendet, mir das Gefühl gegeben, ich wäre nicht zu dir geeilt, wenn ich zu dir hätte eilen müssen, hätte mit dir nicht Wache gehalten, wenn du mich zu dir gerufen hattest, mit dir Wache zu halten, und als ich dann endlich bei dir ankam, lächeltest du nur und sagtest, es gebe und habe auch keinen Grund zur Sorge gegeben.

Herr, als du auf das Kreuz gehoben wurdest,

erfüllte jedes Lebewesen Angst und Schrecken.

Acht Jahre später ist es immer noch nicht so weit, dass der Schmerz in die Zeichen zurückkehrt und der, für den der Schmerz steht, in die Zeichen entlassen wird. Was müsste geschehen, damit der Schmerz einschläft in den Zeichen, wie Blumenzwiebeln in der Erde, wie das giftige Grün der Zypresse und des Efeus unter dem gütigen Schnee? Was müsste geschehen, damit aus der Leere, in die du dich geworfen hast, wie aus einem ausgetrockneten Brunnen das Wasser, die Gnade zu sickern beginnt?

Herr, als du auf das Kreuz gehoben wurdest,

erfüllte jedes Lebewesen Angst und Schrecken.

Und was bleibt dem, der Träger der Zeichen ist, aber für sich selbst nicht zum Zeichen werden kann? Wie nachts eine hungrige Mücke greift ihn der Dämon der leeren Tiefen an. Als Irrsinn summt er um seinen Kopf herum. Wie lächerlich ist doch der Bewohner des Körpers, wenn er das Netz der Worte in die Leere auswirft, und wie leer ist doch sein Schweigen. Nicht das Wort, nicht der Laut und nicht das Schweigen werden den Körper aus dem Körper, die Seele aus der Seele retten.

4.

Ostern, Gründonnerstag. Ich lese Kriegsberichte: In den Opfern aus den Massengräbern finden Gerichtsmediziner drei bis vier Zentimeter lange Metallpfeile, die sich, in den Körper eingedrungen, zu Haken biegen. Aus einer einzigen Granate werden achttausend solche Pfeile freigesetzt, sie bedecken das ganze Einschussgebiet.

Der Sünden bodenlose Tiefe umgibt mich,

ich ertrage nicht länger ihren Wellenschlag.

Wie Jonas aus dem Wal, rufe ich zu dir:

Führe mich aus dem Verderben!

Und während ich dies schreibe, fällt bereits ein schwerer Regen vom bleiernen, schwarzen Himmel. Genauso wie damals.

Der Sünden bodenlose Tiefe umgibt mich,

ich ertrage nicht länger ihren Wellenschlag.

Wie Jonas aus dem Wal, rufe ich zu dir:

Führe mich aus dem Verderben!

Ich wollte leben. Auch, als ich keine Luft bekam und nur flüstern konnte, es bringt mich um.

Ich wollte leben, bin hier, in diesem wasserarmen, halbfertigen Jenseits geblieben, an den Mangel genagelt, inmitten halbherziger Dinge, Ängste, bereit zu umarmen, wie der Sohn, der nicht um das väterliche Erbe bat, der nirgendwohin floh, nur der Herde hinterherrannte, das Dach flickte, sich mit wilden Tieren herumschlug, all das tat, was jeder Knecht genauso gut an seiner Stelle hätte verrichten können.

Der Sünden bodenlose Tiefe umgibt mich,

ich ertrage nicht länger ihren Wellenschlag.

Wie Jonas aus dem Wal, rufe ich zu dir:

Führe mich aus dem Verderben!

Hier bin ich nun. Es ist Krieg. Frauen werden vergewaltigt, Säuglinge ermordet.

Der Sünden bodenlose Tiefe umgibt mich,

ich ertrage nicht länger ihren Wellenschlag.

Wie Jonas aus dem Wal, rufe ich zu dir:

Führe mich aus dem Verderben!

Du siehst, du hörst das nicht mehr. Hilf mir, wenn du kannst, immer ein Dienender zu sein, und nie ein Betrüger, bis ich in das letzte Zeichen aufgenommen werde, das die Gemeinschaft der Körper ist, die erniedrigte Erde.