https://doi.org/10.82486/sp.2025.12.2577

Editorial 2/2025

„Wenn die Kunst des Aischylos, des Sophokles und dann auch des Euripides so stark politisch, genauer: auf die tieferen Probleme der attischen Bürgerschaft, auf das mentale Unterfangen ihrer Politik gerichtet war – wie kommt es dann daß sie noch auf uns so frisch und stark wirken kann? Daß sie uns als klassisch erscheint?“ Mit diesen Fragen leitete 2022 der Althistoriker Christian Meier ein Kapitel seiner Studie Die politische Kunst der griechischen Tragödie ein. Auch nach mehr als zweieinhalbtausend Jahren hat die künstlerische Ausdrucksform des Theaters, die soziale Aushandlungsprozesse auf die Bühne bringt, nichts an Relevanz eingebüßt. Das beweisen auch die Beiträge in dieser Ausgabe der Spiegelungen, die sich mit Theater(strukturen) im Wandel auseinandersetzen.

Ein historischer Rückblick auf das deutschsprachige Theater in Agram/Zagreb zu Beginn des 19. Jahrhunderts eröffnet den wissenschaftlichen Themenschwerpunkt: Milka Car (Universität Zagreb) untersucht anhand der feierlichen Aufführung des Stückes Das Taschenbuch von August von Kotzebue im Jahr 1818 imperiale Repräsentationsstrategien im Theater und füllt damit eine Lücke der Theatergeschichte. Die heute in Vergessenheit geratene Aufführung lässt Rückschlüsse auf die Rolle des deutschsprachigen Theaters als eines der zentralen Medien der Zeit und auf seine repräsentative Funktion im imperialen Kontext schließen. Nach diesem Fokus auf den Wendepunkt im postaufklärerischen Europa, der eine neue politische Ordnung mit zunehmend nationalen Diskursen etablierte, widmet sich der Aufsatz von Imre Zoltán (Eötvös-Loránd-Universität, Budapest) dem aktuellen Wandel der europäischen Nationaltheater im 21. Jahrhundert. Er analysiert das Konzept des Nationaltheaters im Kontext der Europäischen Union in einer globalisierten Welt. Einerseits werden die zwei extremen Positionen des Theaterhistorikers Dragan Klaić und des Theatertheoretikers Janelle Reinelt untersucht, andererseits nach Alternativen gefragt, indem Beispiele aus Schottland, Wales, Mannheim und einen gescheiterten Versuch in Budapest skizziert werden.

Judit Garai (Eötvös-Loránd-Universität, Budapest) widmet sich einem besonders wichtigen Aspekt des Wandels im Theater, indem sie eines der partizipativen Gemeinschaftstheaterprojekte in Ungarn vorstellt und die kunstbasierte partizipative Aktionsforschung und kollektive Theatermethoden in den Mittelpunkt rückt. Anhand zweier Produktionen des Szívhangok [Herztöne] Ensembles wird untersucht, wie lokale und persönliche Geschichten über soziale, politische und wirtschaftliche Prozesse und Themen, die regional beziehungsweise national relevant sind, im Theater reflektiert werden können.

Die Rubrik „Werkstatt“ blickt jenseits der Normen, wie es der Titel eines Beitrags nahelegt. Der Aufsatz von Soma Boronkay (Budapest, Berlin) ergänzt das Thema des Wandels mit einem neuen Aspekt, indem er den in Berlin lebenden ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó und seine filmisch geprägten und international anerkannten Theaterproduktionen in den Vordergrund rückt. Ähnlich wie Boronkay, der mit Mundruczó zusammenarbeitet, bietet auch Maria Ivanov (Staatliche Universität „Alecu Russo“, Bălți) einen internen Blick auf den Dramaturgen Dumitru Crudu aus der Republik Moldau, mit dem sie bei unterschiedlichen literarischen Projekten kooperiert. Ihr Beitrag untersucht den Typus des Unangepassten in ausgewählten Stücken von Crudu.

Der literarische Teil des Heftes setzt einerseits die Theaterthematik fort, andererseits widmet er sich vereinsamten Ichs. Die Auszüge aus Anna Teréks Unsichtbare Teenies setzen sich mit einem Thema auseinander, das sowohl in Serbien, wo das Stück aufgeführt und ausgezeichnet wurde, als auch in der ganzen Region hoch aktuell ist. Carmen Puchianus Dramolett widmet sich einem alternden Ich, dessen mehrsprachig geprägte Monologe um die eigene Entsorgung kreisen. Ilir Ferras und Jecker Lambrevas Texte kreisen ebenso um vereinsamte Ichs in Räumen des Dazwischens.

Ein Auszug aus dem gemeinsamen Stück von Zoltán Ágoston, Krisztián Ákli, Ildikó Frank, das in der Kulturhauptstadt Chemnitz aufgeführt wurde, lädt abschließend auf eine Zeitreise ein. Daran direkt anknüpfend reflektiert der erste Text des Kulturteils die Erfahrungen der Fünfkirchner Theatermacher in Chemnitz. Auch die international anerkannte siebenbürgische Autorin Elise Wilk reflektiert ihre persönliche Erfahrung beim Schreiben des mehrsprachigen Theaterstücks Union Palace, das in Salzburg uraufgeführt wurde und nun auch in Hermannstadt gespielt wird. Eine Hermannstädter Aufführung, die auch online zu sehen ist und ein bayerisch-siebenbürgisches Dazwischen geschaffen hat, stellen die Münchner Theatermacherinnen Katrin Diehl und Caitlin van Maas vor, während Iwona Nowacka die Freiheit des unabhängigen Theaters am polnischen Beispiel zu Zeiten politischen Rechtsrucks reflektiert und die Handlungsmöglichkeiten und die Wege des Widerstands der kulturellen Institutionen unter politischem Druck auslotet. Ihre Perspektive aus einem kulturellen und sprachlichen Dazwischen, indem sie mal Eastplaining, mal Westplaining betreibt, teilt sie mit vielen Autoren und Autorinnen, die zu diesem Themenschwerpunkt beigetragen haben und die das Theater als einen Raum des Dazwischens, der viele Freiheiten bietet, sich aber zu Zeiten politischen Drucks auch neue Handlungsräume schafft, präsentieren. Der Innsbrucker Schauspieler Gerhard Brössner erinnert sich in einem sehr persönlichen Text an seinen beruflichen Weg zum Deutschen Staatstheater Temeswar.

Unser Themenschwerpunkt, den Enikő Dácz und unser ehemaliger Fellow Gábor Schein gemeinsam betreut haben, veranschaulicht, wie zu Zeiten neuer Nationalismen auf der europäischen Bühne erfolgreich nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht und gemeinsame (Theater)Sprachen erschaffen werden.

Im Rahmen eines vom Kulturwerk der Banater Schwaben geförderten Drittmittelprojekts hat Eszter Stricker den im IKGS verwahrten Nachlass des Temeswarer Schriftstellers Robert Reiter erschlossen. Wie viele Deutsche in Rumänien wurde er 1944 auf Befehl der sowjetischen Behörden für mehrere Monate zur Zwangsarbeit in die UdSSR verbannt. In dieser schwierigen Lebensphase, in der ihm kulturelle Betätigung Mut und Kraft verlieh, schrieb er bewegende Briefe an seine Angehörigen. Einem vergleichbaren Schicksal widmet sich Doris Roth in ihrem Essay Erzähl von früher. Auch ihre siebenbürgische Großmutter wurde zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert und hat über diese Zeit Aufzeichnungen geführt, mit denen die Enkelin in einen Dialog eintritt, nachdem die Großmutter selbst nicht mehr befragt werden kann. Die Spiegelungen erinnern mit diesen beiden Beiträgen an das 80 Jahre zurückliegende Ende des Zweiten Weltkriegs und seine verheerenden, bis heute nachwirkenden Folgen.

Außerdem greift diese Ausgabe der Spiegelungen noch einmal das Kulturhauptstadtjahr 2025 der slowenisch-italienischen Doppel-Grenzstadt Nova Gorica und Görz/Gorizia/Gorica auf. Robert Devetak stellt in seinem historischen Essay in der Rubrik Wissenschaft die Rolle der Familie von Zahony für das lokale Wohlfahrtswesen heraus.

In der Rubrik „Aspekte“ präsentiert Kaja Širok das Projekt EPIC (European Platform for the Interpretation of the Century), während uns der Publizist und Verleger Hans Kitzmüller weitgehend vergessene historische Nachrichten aus Görz für die Gegenwart nahebringt und dabei insbesondere auf sprachlich-kulturelle Verflechtungen abhebt. In der Rubrik „Südosteuropäische Spuren in Bayern“ erinnert sich diesmal unser langjähriges Redaktionsmitglied Klaus Hübner an das „Rákóczi-Wasserl“, eine Quelle mit ungarischem Namen im niederbayerischen Landshut.

Wir hoffen, dass Sie bei diesem vielfältigen Angebot auch in dieser Ausgabe wieder Interessantes und Anregendes finden. Eine gute Lektüre wünscht Ihnen

Ihre SPIEGELUNGEN-Redaktion.