https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.1104

BLEISTIFTSKIZZEN

I.
MEDIASCH
(In mein Journal notiert zwischen 1966 und 1987)

Ein Hügel mitten in der Stadt. Meine Cabanna aus Holz klammert sich an keinen Horizont. Im hohen Gras kaum erkennbar der schmale, sich heraufschlängelnde Weg. Weiß- und Rotdorn winken, wechseln dann ins Unverbindliche. Sonne hat Regie übernommen, Vögel lärmen wie betrunken. Neu angestrichen der Tag, setzt seine Schellenkappe auf, erfreut sich sämtlicher Vorläufigkeiten. Im Haus alte Möbel, Ikonen, Bücher. Die hellbraunen Holzwände der Zimmer, in angenehmer Schlichtheit groß und hell, atmen. Sie haben den silbrigen Glanz eines Fohlens. In der Ecke ein Kamin aus rostbraunen Steinen.

Licht fällt von der Fensternische seitlich auf den Schreibtisch. Wörter tasten sich über das vor mir liegende Papier, wollen zusammenfinden, Sätze bilden. Gesehenes, Erfahrenes, Erinnertes. Gesichter werden wach.

Ich zeichne schreibend. Bleistiftskizzen.

Wolf von Aichelburg (Dichter, Komponist)

Ich folge seiner Einladung und besuche ihn in Hermannstadt. Er schenkt mir die Partitur zu einigen meiner Gedichte, die er für das Klavier vertont hat, spielt sie mir vor. Und ihn träumen Notenblätter. Hintergrund der Erlenpark, die weiche Rhythmik der Bäume. Malte ich ihn, würde ich alles Starre vermeiden und bald etwas schalkhaft Neckisches, bald ein Anflug kränklicher Hinfälligkeit, aber auch Nuancen von Durchhaltekraft in den feinen Gesichtszügen bemerken. Nach seiner Freilassung aus der Kerkerhaft bewahrt er noch immer die Lässigkeit jener Menschen, die, wie wenn nichts geschehen wäre, ihre Gepflogenheiten aus sicheren und glücklichen Zeiten beibehalten.

Obwohl beinahe 70, noch immer Ephebe mit sanften Bewegungen um Unauffälligkeit bemüht.

(Hermannstadt 1976)

Franz Storch (Schriftsteller, Journalist)
Die Skepsis seiner Rede. Der ihm eigene Respekt vor dem Schöpferischen, den Eigenwilligkeiten und Eigenarten jedes Schreibenden. Dichtes, gewelltes, leicht silbergraues Haar, fein gezeichnete Gesichtszüge, klares Profil, schmaler Nasenrücken. Ist es diese Nase, die mich an den schlittschuhlaufenden Referenten Walker auf dem Gemälde des schottischen Malers Sir Henry Raeburn erinnert? Die Nase spitz wie die Spitzen der Schlittschuhe, der durchgedrückte Rücken, die weit ausholenden energischen Bewegungen des Läufers auf dem Eis. Aus einer sich öffnenden dunklen Wolkenwand am Horizont wirft im Bild die Wintersonne einen roten (!) Farbton auf den gefrorenen See.

Es ist dies ein Bild von gleicher Subtilität wie das Eis, über dessen gefährlich spiegelglatte Fläche auch ein Chefredakteur wie er täglich gleitet, ohne dabei einzubrechen. Auf der Hut vor überall lauernder Gefahr.

(Bukarest 1976)

Dieter Schlesak (Schriftsteller, Redakteur)

Kein Mangel an Intuition und Instinkt, aber auch die Vorstellung, die sichtbare Person des Autors ist alles, und je größer die Selbstinszenierung, desto stärker die Resonanz im Literaturbetrieb. Gesteigerte Selbstwahrnehmung, begegnet sich gerne selbst, frönt dem pronominalen Egoismus. Wirkt oft etwas aufgesetzt, gemahnt dann an einen Schamanen, der vor allem will, dass andere seinen Worten glauben.

(Bukarest 1967)

Helga Reiter (Journalistin, Filmkritikerin)

Zynisch, rational, geistreich ohne Firlefanz. Herbe, luzide Lust am Wort. Neben der Kraft, die sie ausstrahlt, komme ich mir ungeschickt, zu jung, zu naiv vor und beschließe, das Rätsel unserer Freundschaft einfach hinzunehmen.

Es ist mir teuerste Freundschaft.

(Bukarest 1969)

Edmund Höfer (Fotograf, Künstler)
Hinter seiner sexuellen Begierde, hinter seinem bohemienhaften Leiden an Alltag und Kunst steckt die Suche nach dem Absoluten – eine namenlose Sehnsucht, zu wild für diese eingefrorene Zeit, in der wir leben.

Windhund. Raum ohne Wände seine Augen. Halten alles fest.

(Bukarest 1969)

Franz Heinz (Schriftsteller, Journalist)

Ist Stille, die streunt zwischen Distel und Mohn, zärtlich übers Feld gewoben wie das Braun des Ackers bei Perjamosch. Ist Silber der Pappeln am Ufer der Marosch. In den Fluss warf ein Stern ihm einen Anker zu – das Wort von Daheim und Zuhaus.

(Perjamosch 1966)

Alfred Kittner (Schriftsteller)

Seine großen Arbeiterhände behaupten, sie können Sterne streicheln, Hexen verführen. Sonderbarer Schwärmer, einer, der sein Geburtsjahr jungen Frauen nicht verschweigt.

Markante Portalfigur eines holzgeschnitzten Tores. Voller Trotz und Zuversicht. Hinter seinen Gedichten steht ungeschminkt die Wirklichkeit erfahrener Tage.

(Bukarest 1977)

Hexe auf Pegasusrücken (Schriftstellerin, Künstlerin)

Zauberin mit Gefühl für Farbnuancen. Doch auch im Schwarzen

Quadrat von Kasimir Malewitsch zu Hause.

Sie schreibt. Schreiben als Lösung, eine Balance herzustellen

zwischen Politik, Liebe und dreckigem Geschirr. Das Plasma Leben in

Sprache ordnen: Gedicht als Sauerstoffraum.

Ihr Bedürfnis, die Kreidestriche als Maßgaben des weiblichen Daseins,

die Lüge als Lebensform zu übertreten. Ignoriert den für all das zu

entrichtenden Preis.

Wildvogel in wahlheimatlicher Landschaft Siebenbürgen. In der Freude wehrlos erreichbar.

(Mediasch)

Frieder Schuller (Schriftsteller)

Fabelfreund mit weinfarbener Seele. Seine Unberechenbarkeit als zusätzliches Chaos in unserer grauen Alltagskiste – eine Überlebensstrategie?

Emotionale Lust am Schreiben. Manchmal dichten wir gemeinsam. Nehmen uns aber nicht die Zeit, das Geschriebene zu glätten. Wahn, Hoffnung, dass über die von uns jungen Autoren angerissenen Möglichkeiten sich die Literatur in unserem Land verändern könne.

Minotaurus, massig angelegt. Ein Mann mit dionysischem Körpergefühl, der versteht, gentlemanlike einen Wein zu wählen, mit Nonchalance zu fluchen und ein Gedicht zu zitieren, als trüge er ein Medusahaupt auf einer Silberplatte auf. Frauen verfallen ihm schnell. We Rose Up Slowly, zehren von den unwiderstehlichen Kräften des Mythos Literatur, vom Zauber der Musik, dem Scheinhaften der Malerei.

(Mediasch 1973)

Werner Söllner (Schriftsteller)

Feingliedrige Hände, das Gesicht ohne Härte, doch voller Nervosität. Gewelltes Haar, welches längs der Wangen fast bis auf die Schultern fällt. Die Stirn hoch. Ein kleiner, spitzer Schnurbart – möchte er die etwas freche, spöttische Art seines Trägers, der niemals um eine Replik verlegen ist, etwas betonen?

In seiner Bukarester Wohnung lange Gespräche in einer mit ihm und seiner Frau Dietle durchzechten Nacht, in denen wir gesellschaftliche Probleme hinterfragten. Morgens dann Frühstück mit einem Zitterrochen, schmal und lang, von stählerner Farbe, mit Elektrizität geladen, und mit einer Fußgängerin der Luft. »Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen kann«, gesteht diese mir, als sie einige Sommertage in meiner Mediascher Cabanna verbringt. Bei ihrer Abreise schenkt sie mir eine Bibel, darin ein Foto von ihr als Braut, in Seitenansicht fotografiert. Erkennbar nur das Profil, ihr blondes Haar und das weiße Kleid verschmelzen mit dem Weiß des Hintergrunds, lösen sich in Helle auf, verschwinden. Vorahnung ihres baldigen Suizids?

Monate danach. Dicht vor dem Fenster ihrer Bukarester Wohnung lässt ein Baum Dunkles noch dunkler erscheinen. Der Hof mit lehmiger, festgetretener Erde.

Du fehlst mir, Dietle. Aber in diesem Fehlen bist Du da.
(Bukarest 1976)

Während einer internationalen Tagung in München zum Thema »Rumäniendeutsche Literatur und die Securitate«, veranstaltet vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, begegne ich dem Fisch wieder. Alle Elektrizität ist von ihm gewichen, er legt sich selbst auf einen Präsentierteller, gesteht Vergangenes. Unzählige Gabeln stechen ihn an.

(München 2009)

Anemone Latzina (Schriftstellerin)

Mein Besuch in ihrer Bukarester Wohnung. Eben zurückgekehrt von einer Amerikareise, empfindet sie die Realität in unserem Land als eine erschreckende Hürde, die wieder einmal genommen werden muss. Denn sie ist die Norm, unmöglich, sie nicht in Frage zu stellen. Darüber sprechen wir. Auffallend, wie ihr Mann S. J. dem Thema ausweicht. Brauchten wir schalldichte Wände um uns, denke ich. Seine Art, mit ihr zu sprechen…, fast gewinne ich den Eindruck, er manipuliert sie. Ist er von der Art der schlauen, leisen Raubtiere, vielleicht auch derjenigen der Manipulatoren? Oder wachsen hier zu beiden Seiten eines verborgenen Risses nebeneinander zwei Pflanzen unterschiedlicher Gattung, die sich den günstigsten Boden ausgesucht haben?

Sie liest mir ihre neuesten Gedichte vor. Keine Dichterin, die leise spricht – sie lässt es krachen!

Dieser Mut, dem Leben zu widerstehen.

Anstatt schlecht gespannte Trommel zu sein, wechselt sie über zu den Perkussionen und den Schlägen, die man erhält, um kraftvoll und schrill zurückzuschlagen.

(Bukarest 1968)

Eduard Schneider (Literaturkritiker, Publizist)

Blauer Wasservogel. In allen Buchstaben daheim, fliegt er über die Brücken der Texte. Sucht in den Windungen des Stroms. Nimmt uns beim Wort.

(Temeswar 1970)

Eginald Schlattner (Theologe, Schriftsteller)

Krauses, leicht rotblondes Haar, etwas aufgeschwemmter Körper, undeutliche Gesichtszüge, eine kleine Wulstlippe schiebt sich Richtung Lust. Charmeur mit gesteigerter Selbstwahrnehmung, Hang zu dramatischen Helldunkel-Modellierungen. Schreibt an seinem ersten Roman.

Genuss von Gegenwart, als kenne er weder Sünde noch Buße.

Gesegnet mit Mutterwitz. In gesellschaftlicher Runde liefert er gerne, und das mit staunenswerter Virtuosität, Übungen zu schierem Wortgeklingel, gegründet auf der Kunst des Kalauers, mit unbedingtem Drang zur Wirkung. Seinem besten Freund – ein Träumeweber und Reliefmedaillon im oberen Bogenfeld der evangelischen Kirche – kaum ähnlich.

(Michelsberg 1987)

Claus Stephani (Schriftsteller)

Schwerfällig und verkrampft nach den Worten suchend, fehlt ihm jedwelche Leichtigkeit. Sein Lächeln wirkt schüchtern, zaghaft. Es bedarf keiner ausufernden Gespräche über Literatur oder Kunst, um eine zitternde Linie zu ahnen, die auf etwas Verborgenes, auf eine unergründbare, ungreifbare und schwankende innere Landschaft verweist.

(Bukarest 1969)

Ingmar Brantsch (Schriftsteller)

Die Gestalt übergroß, die langen Arme dünn und weiß, liegt er quer in der Welt. Lügen, Undank kränken ihn zutiefst, erreichen ihn frontal. Ein Verkannter, weltverwundet, nervenexzentrisch. Rabulistische Zwänge, oft stiernackig. Tischt nicht selten Kollegen öffentlich eine Mixtur aus Direktheit und peinlicher Entgleisung auf.

Doch ebenso humorvoll und sanft. Dann Paul Klees »Schellenengel« über ihm.

(Klausenburg 1968)

Herta Müller (Schriftstellerin)

Das Gesicht holzschnittartig, große Augen öffnen Innenraum. Persönlichkeitsanalytischer Blick, ein Ansatz, der auf psychologische Tiefenbohrung aus ist. In ihrem männerdominierten Freundeskreis wirkt sie wie ein ausgeprägtes Sinnbild für ihren eigenen mühseligen Weg zum literarischen Erfolg. ICH & ICH scheint dabei ihre Maxime zu sein.

Besuche sie in ihrer Temeswarer Wohnung, einem geräumigen Mehrzimmer­appartement in einem neuen Wohnviertel. Mein Staunen über so viel Raum. In dem Kreis junger Autoren, die sich, auf dem Fußboden sitzend, in »szenischer Anmutung« um sie scharen, ist nicht sie es, sondern Richard, der Regie führt und agiert, der auf den Auslöser drückt: Eine Aufnahme in Leuchtkastenformat, die mich in eigentümlicher Weise der eigenen Anwesenheit enthebt.

(Temeswar 1974)

Richard Wagner (Schriftsteller)

Vor- und Nachdenker. Das Wort seine Zunge. Fasziniert vom Reiz der Gefahr, hat stets den Tag mit all seinen Widersprüchen und Verwerfungen im Blick. Sichergeglaubtes wird in Texten entfremdet.

Etwas kleinwüchsig, karnevalesk in einen übergroßen Pullover geschlüpft, scheint er ein Ohr auf den Asphalt der Stadt zu legen, um auf dem anderen Ohr eine Flasche Wodka zu balancieren und sich genau im Zentrum des Spannungsfeldes wiederzufinden.

Hemdsärmelige Selbstironie. Oftmals Humor als Taktik und Verwirrung zur kreativen Strategie erklärt.

(Temeswar 1974)

Peter Motzan (Literaturkritiker, Übersetzer)

Was dem einen Musik ist, sind für ihn Worte auf einem Blatt Papier.

Spricht man mit ihm und hält dabei ein Buch in der Hand, hat man bereits die Nebenrolle. Er isst, trinkt, atmet Bücher. Bücher, ohne die keine Welt.

(Klausenburg 1969)

Franz Hodjak (Schriftsteller)

Als hörte ich Zamfir, der Panflöte zu Bach, Corelli und Telemann spielt: Dieses Zeithaben, diese Gelassenheit, Wartenkönnen, bis sich das Material Wort freigibt, Sprache sich findet!

Aber auch Bleigewicht. Feldstein. Berg.

(Klausenburg 1969)

Nach Jahren treffe ich ihn wieder bei einer Tagung des Internationalen Exil-P.E.N., Sektion deutschsprachige Länder – er sitzt in seinem Bart, verharrt in stoischer Ruhe gegenüber dem Treiben um ihn herum, mit der seltsamen Kopfhaltung eines Blinden, der auf Geräusche reagiert. Nirgendwo sonst ist mir das Alter einer Seelenlandschaft so direkt bewusst geworden.

(Bad Kissingen 2012)

II.

ULM 2023

Gewitterwind treibt den Geruch von Blättern zu meiner Terrasse. Irgendwo der Fluss, den alle Donau nennen. Der Münsterturm ein Schattenriss. Langsam kriecht das Licht hinter meine Lider, verschwindet. Altes Sackleinen die Nacht.

Zeitströme fließen unterirdisch. Ich träume, wie das Kind beim Untersuchen seiner Puppen entdeckt, dass sie alle aus Tuch und Seegras bestehen.

Wie gut ich diese Personen kannte, denen ich in Bukarest, Mediasch, Hermannstadt und Temeswar begegnete, soll hier nicht weiter erwogen werden. Jedenfalls waren sie meine Zeitgenossen. Damit wäre ein Weg vorgezeichnet, ohne programmatisch zu sein.