https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.1116

Gedichte

Spazier me rum

Für Tata

Poarta ramponiert
mehrfach abgeklebt
demontiert
Ornamente repatriiert

stimmungshoch
bidoane im Hinterhof
Minium-rot
unterm Staubmantel der Diktatur
parkiert

Skoda 1000 MB
PS auf der Kippe, Morgenpfiffe
Snagov in de Gosch
der Chef de Ekipa hechtet
in sein Kellerbüro

Flüche Cognac-juweliert
Rauchschwaden &
cafeluțe catifelate
die ganze Gaschka
rebelliert und diskutiert
mit der Leiter ufm Buckel

ohne Parteibuch
herausgekrabbelt

geh me weide
auf die Baustellen
la spitalul undeva
in die Parteigarage
pile câteva
unerhört verhört
Tschossy kommt übermorgen nach Temeswar

geh me weide
noch nit zhaus
so a gude Luft ufm Traiansplatz

a Koppweh vom kalten Rauch
Gleisbett schlooft
ti Schichtarbeiterinnen
ti Sechser
ti Haberers
ti Heldn der labyrinthischen Gassn
Fabric Underground

Schaufenster mignon, die Puppenfabrik im Hinterhof
häkelt Glückssträhnen auf FB,
geh me weide

Aus dem Rumänischen
poarta – Tor
bidoane – Kanister
pile câteva – Beziehungen
cafeluțe catifelate – feine Kaffees

Tanz in den Mai

Fabrikstadt & Stefania-Palais Temeswar

Die Elektrische rauscht durch den Flieder
de 1 Mai, kaum ein Gast
Rauchschwaden wabern
Mici-Teller Granate
ein Männchen an der Haltestelle
was willst noch desinfizieren
Venezia ohne Gondoliere

Marmorpaläste im Gras
so ein Affentheater auf der
Schapka
die Poarta Secession pur
schlägt Alarm

durchs makellose Vorzimmer
nach Anno dazugemalt
zwei, drei Generationen
tanzten in den Mai
Wände eingerissen
mal Ballsaal
dann Metzgerei der leeren Regale

die Diktatur wetzte die Messer
über die Theke wanderten
Haut und Knochen
Ausverkauf im Zeitungspapier

Underground an die Jugendstilbar
Tauben kicken mit Brotkrumen
urbane Melancholie
ohne Operette & Retroschal

Aus dem Rumänischen
de – zum
mici – Hackfleichröllchen
poarta – Tor

zeig uns noch einen Hinterhof cu Blick

ohne Sprachbarriere
in den Hinterhof cu Blick
die Klamotten stinken nach Fabrik
Regen prasselt aufs Kopfsteinpflaster
auf der Bank, Michelangelo
im Wolkenkoma
die Schaffnerin rüttelt am macaz
das Schienenbett hellwach
im Salon kitten Architekten
virtuelle Holzkirchen

Gräfin Mierbach blinzelt von der
brüchigen Fassade
smaragdgrüner Zerfall
auf Regina Elisabetas Technoball
Tauben, Krümel,
allerlei Schrittkombinationen

Azur an der Bega
das Waschmitteluniversum
un soi de basm

Aus dem Rumänischen
cu – mit
macaz – (Eisenbahn)Weiche
un soi de basm – eine Art Märchen

Texturtropfen aus dem Modern

Temeswar

Entree gelüstert, ungeliftet
die Decke ein lachsrotes Baiser
die Kuppel erdichtete der
Secessionscouturier
eine Muschel apricot
sie trägt ein Kleid mit Sommersprossen
mit Pepita und Tupfen gepfeffert

Ajour, Belle de Jour
alles günstig zu haben
die Preise unschlagbar
globalisierte Netzstrumpfhosen
Chiffon oder Seide
fürs Dirndl, duduies
ein Dutzend Abendkleider
Kirchweihaccessoires
im Retroglück erstickt

zur Anprobe in den Durcheinanderhof
ziselierte und zensierte die Chefin der Schneiderin
an der Singer-Nähmaschine
Gekicher, vergilbte Neckermann-
kataloge aus den Seventies, den Sixties
bei der Nahtlänge geschummelt

tanzen die Puppen am seidenen Faden
Hüte bordeaux, die Saison aus der
Schachtel überholt, sperrige Kleider
zwischen Steppdecken

Schweiß auf der Stirn
Klimawandel auch in Temeswar
über die Wendeltreppe
in den Keller geschlürft
Schwarzgold, ein Männerhemd aus Leinen
Folklore pur

das Modern im Zeitlupentempo
die Verkäuferinnen nicht aus der Ruhe zu bringen
kastanienbraune Welle, Minnitant
umkränzelte die Kundinnen
wie eine Bonbonniere
ein Temeswarer Ritual

am Eingang, der Ausgang
ein Sammelsurium Emaille
aus der Sommerküche
Schnitte und Schritte
durch die geschrumpfte
Wandelhalle

an Kornblumenkordeln entlang
durch fluffige & ausgelassene
Erdbeerkleider geschlüpft
Metamorp-hosen
mein Stoffreservoir
noch nicht erschöpft


ein Leinentraum für ein Trägerkleid
liegt auf dem Wohnzimmertisch
Tropfen für Tropfen
bei der Schneiderin war ich noch nicht

Aus dem Rumänischen
duduies – Fräuleinchen