https://doi.org/10.82486/sp.2026.06.2754

„… heraus aus den Rollen, hinein ins Leben“

Die Autorin Carmen Elisabeth Puchianu im Gespräch

Mit der Autorin Carmen Elisabeth Puchianu spricht Enikő Dácz über ihre Erfahrungen als Theatermacherin in Kronstadt/Brașov/Brassó und ihr Stück „Entsorgt. Theater des Ichs. Eine Carpatesca cum Persona mit Live-Musik und Videocollagen. One-Woman-Performance“, das im Heft 2.25 der SPIEGELUNGEN erschienen ist. 

Puchianu erzählt über ihre literarischen Anfänge, ihre Mehrsprachigkeit, das Theater als didaktisches Mittel, den Wechsel zwischen den Gattungen und ihre aktuellen literarischen Pläne. Sie geht auf die Frage ein, wie sich das alternde Ich des Stückes „Entsorgt. Theater des Ichs“ mit der Vergänglichkeit kämpft und dabei einen eigenen Ausweg aus dem „Zeitbrei“ findet, indem es sich in der Sprache „mumifiziert“. Ein Fragment aus dem Stück und lyrische Einschübe ergänzen das Gespräch. 

Carmen Elisabeth Puchianu, geboren 1956 in Kronstadt/Brașov/Brassó, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Bukarest und debütierte 1980 in der Zeitschrift Neue Literatur. Nach Lyrik- und Prosabänden erschien 2012 mit Patula lacht ihr erster Roman, 2019 folgte Die Professoressa. Ein Erotikon in gebundener und ungebundener Rede. Als Lektorin, Dozentin und ab 2017 Professorin in Kronstadt veröffentlichte Puchianu auch literaturwissenschaftliche und didaktische Schriften. Ihre literarische Tätigkeit wurde u. a. 1994 mit dem Debütpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes, 2007 mit dem Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes in der Kategorie Essay und Literaturkritik ausgezeichnet.

Die Podcastfolge zum Nachlesen

Enikő Dácz: Herzlich willkommen zu einer neuen SPIEGELUNGEN-Podcastfolge. Ich heiße Enikő Dácz und habe heute das Vergnügen und die Freude, mit Carmen Elisabeth Puchianu zu sprechen, die unseren SPIEGELUNGEN-Lesern und Leserinnen als Autorin und Germanistin bereits bekannt ist. Anlass zu unserem Gespräch ist unser letztes Heft, das sich dem Thema „Theater im Wandel“ bzw. „Theaterstrukturen im Wandel“ gewidmet hat und im literarischen Teil auch ihr kurzes Stück „Entsorgt. Theater des Ichs“ beinhaltet. Darüber und über ihr Engagement im theatralischen Bereich möchten wir uns heute unterhalten – mit einigen lyrischen Einschüben. Danke, liebe Carmen, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen.

Carmen Elisabeth Puchianu: Ich danke Ihnen, Enikő, dass Sie mich eingeladen haben und ich freue mich natürlich auf unser Gespräch.

ED: Zunächst möchte ich Sie vorstellen. Sie sind 1956 in Kronstadt/Brașov/Brassó geboren, studierten Germanistik und Anglistik an der Universität Bukarest und debütierten literarisch 1980 in der Zeitschrift „Neue Literatur“. 1991 veröffentlichten sie ihren ersten Gedichtband, „Das Aufschieben der zwölften Stunde auf die dreizehnte“ und nach weiteren Lyrik- und Prosabändern erschien 2012 mit „Patula lacht“ Ihr erster Roman. 2019 folgte „Die Professoressa. Ein Erotikon in gebundener und ungebundener Rede“. Neben Lyrik und Belletristik veröffentlichten Sie als Lektorin, Dozentin und ab 2017 als Professorin in Kronstadt auch literaturwissenschaftliche und didaktische Schriften. Seit 1999 sind Sie Herausgeberin der wissenschaftlichen Reihe der „Kronstädter Germanistik“; Ihre literarische Tätigkeit wurde unter anderem 1994 mit dem Debütpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes, 2007 mit dem Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes in der Kategorie „Essay und Literaturkritik“ ausgezeichnet. Letztes Jahr stellten sie sich auch als Zeichnerin vor. Seit 2022 sind sie im Ruhestand und leben als freischaffende Künstlerin in Kronstadt.

Nun beginnen wir unser Gespräch gleich mit Kronstadt, würde ich vorschlagen. Sie sind, wie gesagt, in Kronstadt geboren, leben auch heute da und haben ihr Berufsleben ebenso da verbracht und sind mehrsprachig aufgewachsen, was sich genreübergreifend auch in ihrem literarischen Schaffen widerspiegelt. Was bedeutet für Sie diese Mehrsprachigkeit in der literarischen Praxis?

CEP: Na ja, ich muss zugeben, dass ich sehr spät den Mut aufgebracht habe, mich literarisch zu meiner Mehrsprachigkeit zu bekennen beziehungsweise die Mehrsprachigkeit einzusetzen. Ursprünglich, als ich zu schreiben begonnen habe, stand ich eigentlich vor der Option, welche Sprache mir als zukünftige Autorin mehr bieten könnte. Ich habe in meiner Studienzeit tatsächlich in drei unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Texte verfasst. Dabei handelt es sich um Englisch, Deutsch und Rumänisch. Am liebsten hätte ich in meiner Jugend Englisch geschrieben. Ich habe dazumal schon den Versuch gemacht, einen Roman zu schreiben in englischer Sprache, wahrscheinlich auch unter dem sehr starken Einfluss meines Anglistikstudiums und meiner ganz besonderen Affinität zur Literatur von James Joyce. Ich kam dann ziemlich bald zu dem Schluss, dass ich im kommunistischen Rumänien keine Chancen hatte, einen Text in englischer Sprache irgendwo auf dieser Welt veröffentlicht zu bekommen und hab dann das Englische sozusagen als meine Adoptivsprache mehr oder weniger ad acta gelegt.

ED: Ich finde es sehr interessant, dass Sie sagen, dass Sie auf Englisch angefangen haben zu schreiben, weil ich vermutet hätte, dass Sie auf Rumänisch angefangen haben zu schreiben, weil sich das eigentlich vom Milieu her, wenn man in Bukarest Studentin ist, auch angeboten hätte. Rumänisch kam da gar nicht in Frage?

CEP: Nein, also in der Bukarester Zeit war das Rumänische zwar präsent für mich als teilweise akademische Sprache, es gibt Tagebuchnotate, die ich auf Rumänisch gemacht habe, aber der Hauptteil meiner Notizen, ganz egal ob das jetzt Lyrik oder Tagebuchnotizen gewesen sind, sind entweder Englisch oder Deutsch. Ursprünglich, als Schülerin, habe ich tatsächlich Deutsch geschrieben, dann kam das Englische dazu, versuchte tatsächlich, Deutsch zu verdrängen. Und bis heute habe ich die Gewohnheit beibehalten, hin und wieder englische Titel bei Gedichten zu verwenden oder das eine oder andere englische Wort einzustreuen. Um zur Mehrsprachigkeit zurückzukommen: Ich stamme aus einer tatsächlich dreisprachigen Familie. Ich habe als Kind gleichzeitig Deutsch, Rumänisch und Ungarisch sprechen gelernt. Ich könnte jetzt mit ihnen auch ohne weiteres Ungarisch sprechen, wenn sie das wollten.

ED: Das werden wir jetzt nicht versuchen, könnten wir natürlich, aber dann spränge uns die Hörerschaft ab.

CEP: Als Dichtersprache habe ich mich dann im Endeffekt für das Deutsche entschieden, weil Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre hatte ich auf die rumänischen Gedichte, die ich zeitgleich mit deutschen Gedichten an rumänische Fachzeitschriften eingesendet hatte, überhaupt kein Feedback erhalten. Während die Redaktion der „Neuen Literatur“ ziemlich prompt auf meine Einsendungen reagiert hat und mich ermutigt hat, Texte einzusenden. Meine Ausdrucksmöglichkeiten sind im Deutschen am besten, auch für mich als Schreibende. Ich habe mich dann sozusagen in der deutschen Sprache beheimaten können und habe erst spät in meiner Karriere entdeckt, dass man ohne weiteres auch die anderen Sprachen mitnehmen kann in so einen deutschen Textkorpus und ich finde das auch für mich äußerst interessant und spannend, auch im Hinblick auf die Leserschaft. Natürlich muss ich Rücksicht nehmen, dass zum Beispiel im deutschsprachigen Raum wenige Leserinnen und Leser Ungarisch verstehen oder Rumänisch und dann verwende ich entweder Fußnoten als Erklärungen oder ich baue die Erklärung dann in den folgenden Text ein. Was mich auch motiviert hat, mich zu diesen Spracheigenheiten des siebenbürgischen Sprachraums, hinzuwenden und – sagen wir so, vorbehaltlos einzusetzen, war zum Beispiel auch das, was Joachim Wittstock in seinen letzten Romanen gemacht hat, dass er ganz bewusst, meine ich, diese spezifische Redeweise der Siebenbürger wiedergegeben hat. Das hat mir dann auch diesen Rückhalt gegeben, dass das so richtig ist und man sich jetzt nicht davon beeinflussen lassen sollte, dass vielleicht die meisten Leser so eine Art puristisch deutsche Sprache erwarten.

ED: Und wann haben Sie das Theater entdeckt?

CEP: Das hatte ich am Anfang meiner Lehrerkarriere in Filipeștii de Târg entdeckt. Also ich habe immer schon Schultheater betrieben mit diversen Schülergruppen, die ich geleitet habe, wie gesagt, an der rumänischen Dorfschule ebenso wie an der Honterusschule. Aber für mich persönlich habe ich dann das Theater erst entdeckt, als ich gemerkt habe, dass es viel interessanter ist, eine Lesung ein bisschen abwechslungsreicher zu gestalten: mal mit musikalischer Untermalung, mal im Tandem mit jemand anderem lesen. Und mit der Zeit habe ich dann verstanden, dass eigentlich jede Art des Textes die Möglichkeit einer performativen Mitteilung enthält und so bin ich zum Theater gekommen. Also, ich bin in Sachen Theater eigentlich eine Autodidaktin. Ich habe das nicht wirklich studiert. Ich habe mich dann intensiver damit beschäftigt, auch an der Universität. Dort habe ich dann auch mit Studierenden gearbeitet. Ich habe das Theater auch als Unterrichtsmittel eingesetzt, weil ich immer mehr merken musste, dass die Sprachkompetenzen unserer Studierenden nicht mehr ausreichen, um selbstständig einen Text von A bis Z zu lesen und entsprechend zu rezipieren. Und dann habe ich versucht, ihnen über diese performative Schiene einen nicht nur geistigen, sondern auch einen körperlichen Zugang zum Text zu vermitteln und das hat zum Teil ganz gut geklappt. Natürlich gab es immer wieder Rückfälle, aber damit muss man im Pädagogischen immer rechnen.

ED: Sie hatten auch Gruppen, die jahrelang dann bestanden. Also das heißt, Sie haben schon Erfolge damit gefeiert in diesem pädagogischen Kontext und es würde mich sehr interessieren … Sie haben sicherlich den einen oder den anderen/ die eine und die andere Studentin auch langfristig zum Theater gebracht, oder wie kann ich mir das vorstellen?

CEP: Ja, ja, das stimmt. Also einer meiner ersten Schultheaterspieler ist seit langer Zeit Schauspieler, erfolgreicher Schauspieler am jüdischen Theater in Bukarest, Mircea Dragoman. Ich habe ihn ein wenig gecoacht für seine Aufnahmeprüfung in Temeswar an die Schauspielschule. Daran erinnere ich mich noch sehr genau. Er kam ein paar Mal zu mir nach Hause und wir haben uns da so eine kleine Geschichte einfallen lassen für seine Aufnahmeprüfung. Und die hat er auch bravourös bestanden. Er hat dann in Temeswar studiert und hat ein paar Jahre am Temeswarer Deutschen Staatstheater gespielt, und ist dann irgendwann nach Bukarest zum jüdischen Theater.

ED: Wie haben Sie die Stücke für diese Gruppen geschrieben, haben Sie mit den Studierenden zusammengearbeitet oder, wie lief die Arbeit ab?

CEP: Die meisten Stücke, die ich mit den Studis inszeniert habe, waren Adaptionen. Ausgehend von literarischen Texten, zum Beispiel, habe ich eine „Leonce und Lena“-Adaption unter dem Titel „Lena und Lena“ inszeniert, eine absolute Kurzfassung des Stückes, reduziert auf eine choreografische Geschichte, so eine Art Liebesbeziehung zwischen den zwei Mädels, während Leonce und Lena als zwei groteske, von uns gebastelten … na, sagen wir so, Marionettenpuppen auf der Bühne sitzen und dann am Schluss sozusagen als das Brautpaar zelebriert werden. Und habe dann versucht eben die Bewegung, die Choreographie mit dem Text zu einem akzeptablen Ganzen zusammenzustellen.

ED: Kommen wir nun zum bei uns veröffentlichten „Entsorgt. Theater des Ichs. Eine Carpatesca cum Persona mit Live-Musik und Videocollagen. One-Woman-Performance“. Das Stück haben Sie schon bei unterschiedlichen Anlässen auch in Rumänien aufgeführt. Und im Stück spielt Musik, wie sie bereits erwähnt, wie auch in anderen Ihrer Stücke, eine sehr zentrale Rolle. Man könnte auch sagen, es ist eigentlich eine Kooperation mit dem Duo Cristian. Was verbindet sie mit diesem Duo und wie arbeiten Sie mit diesen Musikern zusammen?

CEP: Ja, also mit Duo Cristian verbindet mich auch wiederum meine Lehrererfahrung. Paul Cristian war vor 30 Jahren mein Schüler und er war damals schon in meiner letzten Theatergruppe, obwohl er nicht unbedingt ein ausgesprochen theatralisches Talent hat, aber genau das hat mich immer gereizt: Auch mit Leuten Theater zu machen, die kein theatralisches Talent haben und ihnen zu zeigen, dass sie eigentlich auf der Bühne ganz anders agieren können und im Grunde alles machen können, was man auf der Bühne machen sollte. Paul hat ja Musik studiert, er ist Organist und Pianist und wir kennen uns also schon seit Ewigkeiten. Und was mir an diesem Duo gefällt … Also Elena und Paul sind ein Ehepaar, sie spielt die Violine, sie ja, sie haben ein besonderes Gespür für das, was ich auf der Bühne machen möchte. Und sie verstehen auf Anhieb, welche Art von Musik ich dafür brauche. Und wir haben inzwischen schon drei oder vier solche Kooperationen gehabt, wo ich auch vielleicht nur eine ganz einfache Lesung mache und dazu sekundiert werde von Musik. Und bei diesem Stück, „Entsorgt“ das habe ich vor dreieinhalb oder vier Jahren konzipiert, ich glaube, es sind gut vier Jahre, dass ich die Idee im Kopf hatte. Ich wollte unbedingt auch einmal allein auf die Bühne gehen ohne Partner und einfach aus mir heraus etwas performen. Und da ich damals tatsächlich vor der Verrentung stand und ein Dossier zusammenstellen musste, wieder einmal, habe ich mir immer vorgestellt: „Mein Gott, wenn es dann einmal so weit sein sollte, dass wir sterben, müssen wir wohl auch ein Dossier zusammenstellen, damit wir da hinüber können“. Also, ich hatte so ganz unterschiedliche Gedanken und Vorstellungen im Kopf und dachte: „Okay, das ist eine gute, eine gute Gelegenheit, damit auf die Bühne zu gehen und wer kann mir die passende Musik liefern? Ja, Duo Cristian“. Ich habe zwei Varianten der Inszenierung gehabt, die eine tatsächlich mit ihnen auf der Bühne und die andere Variante mit einem aufgezeichneten Soundtrack, weil ich damit auch rechnen musste, dass unsere Terminkalender nicht immer übereinstimmen und die Premiere in Reschitza/Reșița habe ich dann tatsächlich allein gemacht, mit ihnen als virtuelle Präsenz.

ED: Ich habe eine Version gesehen, wo sie dabei waren, das fand ich sehr schön, das hat sich schön ergänzt. Deswegen wollte ich damit beginnen, wie die Zusammenarbeit lief, aber das geht dann doch auf Ihr Theatermachen an der Uni zurück. Das Stück beschreibt, wie Sie gesagt haben, das Drama eines Ichs, das ein Dossier zusammenstellt, aussortiert und das auf einer aussichtslosen Suche ist nach sich selbst, würde ich sagen. Oder wie es selbst formulieren: Schluss mit dem Theater, heraus aus den Rollen, hinein ins Leben. Dabei braucht es gerade das Theater, um das Leben, um sich irgendwie ertragen zu können, würde ich mal wagen zu sagen. Was erhofft sich eigentlich dieses Ich des Stücks vom Leben? Ganz groß gefragt.

CEP: Im Stück selber ist ja die Figur an einem Scheidepunkt, sie muss alles aufräumen, sie muss sortieren, sie muss entsorgen, sie muss entscheiden, was sie behält und was nicht und womit sie eher punkten kann, denn irgendwo geht es ja auch darum in diesen Dossiers. Sie wissen das ja auch aus ihrer akademischen Tätigkeit: Damit etwas durchkommt, muss man möglichst viele Punkte formulieren und das ist jetzt das Dilemma: Habe ich genug Punkte, kann ich das Dossier erfolgreich einreichen oder reicht es nicht, werde ich am Ende entsorgt. Meine Stücke Enden immer so ein bisschen wie die Rumänen sagen, „în doi peri“, oder „în coadă de pește“. Oder anders: Das Ende bleibt immer offen und sehr viele meiner Leser sind unzufrieden damit und fragen dann, ja aber dann hättest du noch weiter etwas sagen können, dann hättest du noch weiterschreiben können, warum lässt du diese Enden immer so offen? In diesem Fall ist das Ende nicht ganz so offen, denn das Stück endet ja damit, dass die Figur wieder in ihre Hülle kriecht, sozusagen sich selbst entsorgt. Ja, und man kann das wie immer interpretieren. Es ist entweder ein letaler Schluss, der letale Moment, oder sie macht sich vom Acker …

ED: Ja, ich finde, das kann man unterschiedlich auslegen. Dazu kommen wir auch gleich noch, wie sie sich entsorgt, denn sie entsorgt sich nicht irgendwie, sondern auf eine sehr spezielle Art und Weise. Aber ich würde gerne noch ein bisschen bei diesem Gefühl bleiben, dass sie beschrieben haben: Da ist das Dossier, das muss man jetzt aussortieren, das ist auch eine Art Inventar, was macht man jetzt weiter und wie, wie schaut es aus und sie gerät dabei, es ist eine sie, das kann ich sagen, also dieses Ich gerät dabei in einen Zeitbrei, so wie sie es sagt. Und ich fand dieses Bild vom Zeitbrei sehr passend zu unserer aktuellen Gegenwart. Sie steckt in diesem Zeitbrei fest und kann da nicht raus. Und dadurch, dass wir das Ende auch besprechen werden, haben wir oder wie Sie schon vorausgesagt haben, ist es klar – sie kommt da nicht raus. Aber gibt es eine Chance, dass das Ich sich von sich aus diesem Zeitbrei selbst rausreißen kann und woran scheitert es dann?

CEP: Rein aus der Alltagspraxis heraus sollte es natürlich eine Möglichkeit geben, aus dem Zeitbrei auszusteigen, in dem Sinne, dass man erkennt, jetzt ist der Moment, wo ich mich neu orientieren, neu definieren muss und das auch kann und ich schlage eine neue Richtung ein, ich wähle einen neuen Weg oder was auch immer, ich versuche mich neu zu definieren. Die Idee mit diesem Zeitbrei kam mir eigentlich, ist mir jetzt bewusst geworden, da ich ja schon während der Pandemie dieses Stück im Kopf hatte, denn der Zeitbrei spielt unter anderem auch auf die Situation des Lockdowns und der damaligen Quarantäne 2020 und danach an. Ich erwähne das in einem der Monologe, da kommt das zum Ausdruck. Es ist schon wirklich so lange her eigentlich. Aber damals hatte ich wirklich diesen körperlichen Eindruck, dass man feststeckt, wie von Saugnäpfen angezogen. Man macht jeden Tag eigentlich dasselbe, mehr oder weniger Rituelle und insofern müsste es so einen Moment geben, wo man sich davon frei macht. Das Stück ist für mich auch privat symptomatisch geworden, denn es hat sich wirklich in dem Jahr, als ich das Stück uraufgeführt habe, 2022…., habe ich eine tiefgreifende persönliche, private Erfahrung gemacht und ich habe tatsächlich mein Leben seither komplett auf den Kopf stellen können und ich habe diese Phase des Aufräumens und des Entsorgens, des Selektierens, des Behaltens und des Wegwerfens in den letzten anderthalb Jahren wiederholt gemacht. Insofern bestätige ich die Möglichkeit, aus dem Zeitbereich aussteigen zu können.

ED: Dann schlage ich vor, dass wir auch atmosphärisch in das Stück ein bisschen eintauchen und – wie besprochen – Sie das ausgewählte Fragment vorlesen.

CEP: Ja, ich lese den dritten Monolog. Ich habe ein bisschen was gekürzt, damit es nicht so langatmig wird. Es geht also darum, dass sie weiter darüber sinniert, was dieses Dossier ihr alles antut:

Ich laufe mir die Füße ab mit diesem Dossier … wann hört das endlich auf? Für alles und jedes verlangen sie einen Nachweis, Belege, Unterschriften, Erklärungen, Akkreditierungen, angeblich um glaubwürdig zu sein … als ob ich nicht wüsste, wovon ich spreche, wenn ich angebe, dass ich dies und das dann und dann unternommen, in die Wege geleitet, durchgeführt und vollbracht habe! Für jeden Furz, den man gelassen hat, braucht man eine Genehmigung und danach den Beleg, dass man ihn tatsächlich gelassen hat … Mir reicht es, wirklich, du kannst es mir glauben, mir reicht es … mir fehlt die Geduld für diesen ganzen Blödsinn … Scheiß auf das Dossier! … Ich laufe mir die Füße ab, die Hacken … natürlich auch aus gesundheitlichen Gründen … Ich habe mir einen Schrittzähler und Aktivitätentracker zugelegt … Der zählt gewissenhaft jeden Schritt … auch den, den ich nicht getan habe … vor allem den … Kalorien … Minuten … Stunden … Entfernungen … alles, alles, alles in Gesundheit umgesetzt … in Pulsschläge, Herzrhythmen … Blutdruck … in Fitness … in Unsterblichkeit … Man lebt ewig, wenn man täglich zehntausend Schritte und mehr tut … an apple a day keeps the doctor away, ten thousand steps keep death away … Ha!! HA!!! HAAAAAA!!! Der Wahn ewiger Jugend … er hat mich fest im Grif … sonst wäre ich ja schon zu Lebzeiten tot … nicht wahr … tot zu Lebzeiten … ein guter Romantitel … sollte mir das überlegen … statt meines Dossiers … statt Nachlassverwalter … oder besser … warum nicht? Lebendig zu Todzeiten … darüber hat man … hat »frau« geschrieben … die Atwood zum Beispiel … die Shafak … Männer sehen das anders … sind stark, leben im Leben, nicht im Tod … ist der Tod zu stark, bist du zu schwach … die ungezählten Schritte zählen … die virtuellen … die erdachten … erdichteten … die Schritte im Kopf … während des Lockdowns … der Quarantäne … dafür habe ich die beste Qualifkation … als Einzelkind und kommunistische Greisin sowieso … majoră și multiplu vaccinată … Olyan ideges vagyok, sagt meine Großmutter als Achtzigjährige … was wird sie so ideges gemacht haben? … miért, fragst du, miért vagy te ideges? …vielleicht ist es der Tod, der sie nervös macht … oder eher das Leben … das Leben zum Tod … bist du nicht auch mal nervös? Aus heiterem Himmel bin ich es, verliere die Geduld, kriege alle Zustände, wenn ich mich morgens im Spiegel sehe, meinen Körper, der an manchen Stellen abgemagert ist, an denen er das nicht hätte tun sollen … und an anderen Stellen nimmt er zu, an denen er es nicht hätte tun sollen … ich bin nicht mehr Herr meines Körpers, das sehe ich im Spiegel … viel eher ist mein Körper Herr über mich, er diktiert, regiert und hat das letzte Wort, und ich? Was ist jetzt mit mir? Ich habe eine Blockade … keine … Schreibblockade, wie du glauben könntest; eine KOCH-Blockade! Nicht zu glauben … Autorin und Theatermacherin leidet unter Kochblockade … mir fällt nichts mehr ein … ciorbă de perișoare … oder sollte es besser CU perișoare … ? … saure Kuhchensuppe … wobei … was ist sauer, das Kuhchen oder die Suppe … oder sollte es eher Kleine- Kuh-Suppe heißen? Oder Suppe aus kleiner Kuh … ach, Frau! …Tomatensuppe … Kürbissuppe … Spargel … alles schon mal da gewesen … aufgebraucht … verkocht … gegessen … verewigt … selig gesprochen für immer und drei Tage. Entsorgt … nichts übrig von Lachsflets auf dem Spinatbett, von Pasta al forno oder al pesto, von vorgeformten Burgern … ich hätte nie ernsthaft geglaubt, dass ich mal kochen würde … bekocht wollte ich werden … aber dann kommt alles, wie es kommen muss, und das Bekochtwerden nimmt ein jähes Ende … Andere haben eine Schreibblockade … die sitzen stundenlang vor dem weißen Papier … vor dem leeren Bildschirm … halten krampfhaft das Handy fest … rauchen eine Zigarette nach der andern … hoffen auf Eingebung … auf Erleuchtung … Inspiration… ergeben sich dem Suff … lassen sich Bärte wachsen … bis irgendwann der Knoten platzt … mit einem lauten Blubb … und alles hervorsprudelt … dann kehren sie ihr Innerstes nach außen … lassen ihre Genitalien tanzen … ihre Sekrete fließen … gebären einen Text nach dem andern … alles eine Sache der Psychosomatik und der Physis … hemmungslos, rücksichtslos, alles los werden, sich alles aus den Innereien schaffen, aufräumen, entsorgen … die Blockade hat sich gelohnt … siehst du, so macht man das … aber meine Kochblockade … die ist etwas anderes … dazu fehlt mir wieder die Geduld und die Konzentration … das Schäumen der Suppe ist eine anstrengende, eine anspruchsvolle Angelegenheit … ein einziger Augenblick der Unachtsamkeit … der Ablenkung, und alles ist ruiniert, die Suppe bleibt trüb, sie kann nicht aufklaren, du hast sie schlicht und einfach verkackt, nur weil du wieder einmal nicht aufgepasst hast, wieder einmal keine Geduld hattest, den letzten Schaum rechtzeitig abzuheben … Und dann wäre noch … ich geniere mich ein wenig, es zu sagen, diese andere Blockade … die sich da in den Niederungen des Körpers … in seinen Mäandern … in den Därmen breitmacht und sich staut … diese vegetative … Verklemmung … Verstopfung vielmehr … auch psychosomatisch, könnte man sagen … alles zu … alles voll … verhärtet bis zum Geht-nicht-mehr … und doch geht immer noch etwas mehr, bis zum Kommt-nicht-mehr-heraus … diese ultimative Darmblockade … da hilft auch das Singen nicht mehr … und auch nicht Signor Abbate und keine dead-line und kein Dossier (ein Innuendo von Signor Abbate hier ggf. nur musikalisch) … mir fehlt die Kraft …, die Inspiration … das ist es, wenn du es wirklich wissen willst … der innere Antrieb … zum Kreieren … zum Kochen … œufs à la Joséphine … à la Patula … ein Labsal für die Leber.

Im leeren Wald

hinterlassen Sohlen

meine Spuren.

Sie überlagern sich

Tag für Tag aufs neue,

betten tiefer sich

im Schnee

und

führen immer

in die falsche Richtung.

Später bereite ich das Essen

in der Küche,

und

drüben auf dem Friedhof

wird jemand beigesetzt.

ED: Vielen Dank für diesen Einblick, der sehr lyrisch geprägt ist, nicht nur wegen des lyrischen Ausklangs, der natürlich auch den Hinweis erfordert, dass weitere Gedichte ins Stück eingebaut sind. Wie wir gehört haben, das ganze Stück ist mehr ein stream of consciousness, würde ich sagen. Und das steht eigentlich im Einklang mit dem, was Sie am Anfang gesagt haben, dass Sie sich mit James Joyce verwandt fühlten, sozusagen literarisch. Also, man könnte sagen, das geht in dieselbe Richtung. Und dieser stream of consciousness endet, wie wir gesagt haben, wie Sie schon vorher gesagt haben, in einer Mumifizierung. Das Ich mumifiziert sich, und sie modifiziert sich eigentlich in ihrer Sprache, so wie ich das verstehe. Und da stellte sich für mich die Frage, weil Sie vorher gesagt haben, sie scheitert. Ja …, man kann es auch als Scheitern auslegen einerseits, andererseits …Ich könnte es auch anders lesen, nämlich dass sie sich in ihre Sprache zurückzieht, sie zieht sich in ihre Welt zurück, was ebenso eine Rettung sein kann. Also, ist dieser Rückzug unbedingt, weil das vorher im Gespräch so klang, ist dieser Rückzug in die Sprache, auch wenn es ein Mumifizieren bedeutet – auf Dauer oder nur temporär – ist das wirklich auch ein Scheitern? Muss es das sein?

CEP: Es kommt sicherlich auf die Perspektive an. Für mich als Autorin ist das kein Scheitern, wenn ich mich in meine eigene oder in irgendeine Sprache zurückziehen kann. Die Sprache ist ja das Kunstmedium der/des Literaten, nicht nur des Literaten, möglicherweise alle Künstler, auch wenn sie Musiker sind, Musik machen, kommen sie nicht um die Sprache herum. So gesehen, … für den Kunstschaffenden ist das sicher kein Scheitern. Die Frage ist, wie sieht das der Leser oder der Hörer oder der Zuschauer, an welchen Maßstäben wird da gemessen, mit welchen Maßstäben wird das gewertet, wenn man das, sagen wir jetzt, mit der Realität, mit dem Leben, mit dem Alltag in Beziehung bringen will, fürchte ich, dass man das als ein Scheitern interpretiert.

ED: Es ist auf jeden Fall eine Frage der Perspektive und diese Themen: Rückzug, Alter, Einsamkeit, Erinnerung …, wir haben ja auch familiäre Erinnerungen des Ichs gehört oder der Tod, sind auch Themen, die Sie lyrisch beschäftigen. Wir haben mehrfach auch gesagt, Sie sind als Lyrikerin debütiert. Wovon hängt es eigentlich ab, welcher Gattung Sie sich gerade zuwenden? Ist es eine Stimmungssache?

CEP: Ja, sicherlich auch eine Stimmungssache. Ich habe sehr viele Jahre überhaupt keine Gedichte geschrieben. Ab dem Moment, wo ich mich intensiv der Prosa zugewendet habe, was mir gar nicht so leicht gefallen ist ursprünglich. Also, ich dachte als junge Autorin, ja, man muss unbedingt einen Roman schreiben und habe dann festgestellt, dass ich das gar nicht kann. Und ich habe das viele Jahre nicht gekonnt und habe mich viele Jahre mit Kurzprosa beschäftigt, habe kürzere oder längere Erzähltexte geschrieben, dann auch zum Teil veröffentlicht und ich habe erst 2003 oder ‘04 ernsthaft begonnen, an einem Roman zu schreiben. Es hat gut zehn Jahre gedauert, bis ich den Roman beendet hab und dann noch einmal zwei Jahre, bis er erschienen ist. „Patula lacht“ ist 2012 in Passau erschienen, nach einer sehr langen Arbeitszeit. Das hat damit zu tun gehabt damals, dass ich ja meinen Job hatte, dass ich in der Zeit auch Lehrstuhlinhaberin gewesen bin.  Also, ich habe eigentlich ganz wenig Zeit für meine Literatur gehabt und habe sehr sprunghaft und sporadisch schreiben können. An dieser Sprunghaftigkeit hat sich mittlerweile nichts geändert, obwohl ich jetzt sehr viel mehr Zeit hätte, aber ich bin so strukturiert, also ich kann auf einen Satz oder wie soll ich das formulieren … Auf einen Schlag kann ich einen Text schreiben, und dann bin ich komplett ausgelaugt und kann tage- und wochenlang nichts zu Papier bringen. Und ja, ich habe mich inzwischen damit arrangiert, ich kann damit leben und habe mich abgefunden mit dem Gedanken, dass ich nicht zu den Autorinnen und Autoren gehöre, die jeden Tag wenigstens zwei Stunden an ihrem Schreibtisch sitzen und tatsächlich was schreiben. Gedichte habe ich wieder zu schreiben begonnen, eben unter dem Einfluss sehr intensiver Emotionen, die ich empfunden habe und empfinde und die mich immer wieder in der Gegenwart dazu motivieren, sie in Gedichten zusammenzufassen und nicht nur oder nicht auch in Prosatexten, obwohl es mittlerweile eine Zusammenstellung von Erzählungen gibt, die im Laufe dieses Frühjahrs [2026] in Deutschland auch erscheinen als neuen Erzählband, somit verlaufe ich jetzt in meiner literarischen Tätigkeit zweispurig.

ED: Ich würde jetzt aber vorschlagen, dass wir ganz kurz noch zur Lyrik zurückkommen, weil Sie über die Gegenwart, über ihre lyrische Gegenwart gesprochen haben und, dass Sie noch ein neues Gedicht vorlesen. „Kein Gedicht/Ein Gedicht“, damit wir jetzt auch einen Einblick in Ihr aktuelles Werk bekommen.

CEP: Ja, also der Titel lautet in „(K)Ein Gedicht“, kein ein Gedicht, wie auch immer.

Ich trinke Tee.

Er schmeckt nach Fenchel, Anis und Kümmel

und nach etwas anderem,

das ich nicht erinnern kann,

es muss vor Jahren wie Erdschollen

während eines Geburtstages

auf nassem Holz aufgeschlagen

und darauf zerschlagen und zerbröselt sein

und kommt wenige Tage vor Heiligabend

wie ein Schemen aus dem Nebelwald hervor,

klopft aus der Ferne eines Innern an

und beschert ein zages Leuchten.

Ich trinke Tee.

Er schmeckt nach Fenchel, Anis und Kümmel

und nach verlorenen Gedichtzeilen.

ED: Dankeschön.

Wenn wir über die aktuelle Lyrik sprechen, würde ich auch gerne … Sie haben über den Erzählband gesprochen und da haben wir jetzt nicht mehr in Bezug auf die Gegenwart über das Theater gesprochen. Sind Sie auch im Theater noch unterwegs, also im Performancebereich?

CEP: Na ja …, wir haben im letzten, vorletzten Jahr, also 2024 und ‘25 haben wir ein Mozart-Puchianu-Programm gemacht, mit dem Duo Cristian. Das heißt, ich habe eine Textauswahl getroffen, Gedichte der Gegenwart, in denen irgendwie Mozart mitgewirkt hat, also Anspielungen auf manche Konzerte, bei denen ich gewesen bin und so weiter. Mozart ist eine rote Linie gewesen in diesen Texten mit leicht erotischen Konnotationen, nicht Mozart gegenüber, sondern einer anderen Person gegenüber, mit Kompositionen von Mozart. Also, die Musiker haben da Sonaten aus der Frühzeit Mozarts ausgesucht und daraus hat sich eine musikalisch-literarische Performance entwickelt, mit der wir in Kronstadt, in Mediasch/Mediaș und noch irgendwo aufgetreten sind. Und der Plan wäre für dieses Jahr ein Programm mit … Ich denke zum Beispiel an Fritz Kreisler-Kompositionen, entweder mit neuerer Prosa von mir oder Gedichten. Aber wie sich das da konkret gestaltet, das weiß ich nie im Voraus. Diese Programme mit den Musikern gestalte ich oft in Abhängigkeit vom Spielort, also von der Bühne, in Abhängigkeit vom Publikum, in Abhängigkeit von meiner momentanen Disposition und von der Art, wie Text und Performance mit der Musik zusammenwirken können in dem Moment. Also, für mich ist das Interessante an dieser Art von Performance eben das Momentane, das Augenblickliche und das, was mir das ganze Ambiente suggeriert.

ED: Und weil wir jetzt viel über Musik gesprochen haben, habe ich zum Ausklang noch ein Gedicht ausgewählt, das Sie mir geschickt haben und das sehr gut zum Thema passt, auch weil Mozart vorkommt.

CEP: Also das Gedicht ist meiner Frau gewidmet.

„Mozart begegnet Beethoven. Eine Reminiszenz.“

Ich war schon lange nicht mehr im Konzert, 

weder allein noch zusammen mit dir 

und mir scheint, dass heute mir 

völlig fremde Menschen in den Saal strömen, 

sie kommen grüppchenweise, sprechen halblaut miteinander, 

indem sie mit den Händen gestikulieren, 

einander auf die Schulter klopfen, lachen, 

so tun, als verstünden sie etwas von Musik. 

Dann erkenne ich einen Mann: Er kam schon in den 1980ern 

selten in Begleitung ins Konzert und 

er gefiel mir, 

obschon er sehr viel älter war als ich 

und ich dachte,  

vielleicht könnten wir in der Konzertpause 

miteinander ins Gespräch kommen. 

Damals durfte man im Foyer des Theaters noch rauchen 

und ich rauchte gerne, BT oder chinesische Double Horse 

und später die rumänischen Filterlosen. 

Während ich rauchte, malte ich mir Gespräche aus und 

was sich daraus entwickelt haben könnte – eine Liebschaft vielleicht 

oder mehr. 

Es entwickelte sich im Grunde nichts  

und ich gab das Rauchen auf nach der Wende, 

als man immer noch in den Foyers rauchen durfte. 

Ich erzähle dir das alles, 

just bevor das Orchester auf die Bühne kommt: 

zuerst die Geigerinnen von links, sie sind alle sehr viel jünger als  

die Geigerinnen der 1980er Jahre, dann die Cellisten von rechts und schließlich 

die Bläser – es sind heute nur wenige da, 

Mozart hat sie ausgespart – und ganz zum Schluss betritt die Primgeigerin die Bühne. 

Sie füllt heute eine Lücke, sagst du, 

worüber ich lachen muss. 

Mozart begegnet heute Abend 

Beethoven, das freut dich ganz besonders, 

während der Dirigent eher etwas unzufrieden dem Orchster vorsteht. 

Ein bemerkenswertes Stelldichein, sagst du, 

worüber ich wieder lachen muss 

und damit ich nicht  

vom Stuhl  

falle, 

greife ich nach deiner Hand – 

sie ist noch kühl, denn du hast keine Handschuhe dabei 

und Ende November liegt etwas Winter in der Luft. 

Es riecht nach Schnee, sage ich. 

Es riecht nach Zigarettenrauch, sagst du.

ED: Vielen Dank und ich glaube, das ist der schönste Ausklang für unser Gespräch. Ich danke ganz herzlich nochmals für Ihre Zeit und hoffe, wir haben Lust auf mehr gemacht … und Lust auf mehr stream of consciousness kann man im SPIEGELUNGEN-Heft auch nachlesen und sicherlich in den nächsten Heften dann noch Lyrik von Ihnen. Ich freue mich auf die Fortsetzung des Gesprächs!

Hinweis: Dieses Transcript wurde mit Hilfe von KI erzeugt und von uns redaktionell überarbeitet.

Mehr zur Autorin finden Sie hier sowie hier

Verwendete Musik: 

Clara Schumann, Scherzo No. 2, Op. 14; Klavier: Luis Sarro (Lizenz: CC0 1.0)   

Eine Produktion des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, gefördert durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

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