„Du Arme, du siehst schwach aus, blass, als hättest du lange kein Licht mehr gesehen.“
„Ich weiß nicht mehr weiter. Deshalb bin ich hier.“
„Glaubst du, ich kann etwas für dich tun? Du bist doch die Große.“
„Groß, das war ich mal. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich bin. Ich kann mich nicht sehen. Ich bin nur erschöpft. Sehr erschöpft.“
„Aber ich weiß doch von nichts, ich bin doch so klein! Müsstest du nicht viel mehr wissen als ich?“
„Bis vor einiger Zeit dachte ich das. Aber das ganze Wissen hat mir nichts genutzt. Kleine, du bist jetzt meine einzige Hoffnung.“
„Worauf denn?“
„Das weiß ich auch nicht genau. Aber es war eine Zeit, als ich du war. Und in dieser Zeit kannte ich den Weg, und die Furcht, den Weg zu verlieren, kannte ich nicht. Es war ein Fluss mit einem so breiten Bett, dass ich die Ufer nicht sehen konnte. Es gab Wasserkreuzwege, Gabelungen, Scheidewege und viele Flussarme, die sich trennten und wieder vereinten. Quelle und Mündung sah ich auch nie, suchte auch nie danach. Ich schwamm einfach, immer in Flussrichtung, mal schnell, mal etwas langsamer, und manchmal traf ich auf einen großen Stein, den ich herumschwimmen musste. Aber es ging immer nach vorne. Und die Sonne schien, und ich sang. Ach ja, nachts flog ich manchmal. Ich sah alles von oben, testete, wie hoch ich fliegen kann, und es kam vor, dass ich die ganze Erde überblicken konnte. Dann kam ich zurück zu meinem Fluss und schwamm und sang weiter.“
„Das klingt sehr nach mir, ja.“
„Und dann war das alles nicht mehr. Ich nehme an, dort haben wir uns getrennt.“
„Ich habe nichts gemerkt. Was ist passiert?“
„Daran habe ich keine Erinnerung. Irgendwie war ich nicht mehr im Fluss. Ich war unter Tage. So, als hätte sich das Flussbett in der Nacht aufgetan und als wäre ich in die Tiefe gefallen. Ich schwamm dann in einem schwarzen Ozean. Ich weiß nicht, wie oft ich ertrunken bin. Dann war ich in einem Kerker. Und da war nur Kriechen, Graben und Klettern, bis ich steckenblieb. Ich kam immer an eine Stelle oder an eine Windung, die zu eng für mich war. Oft wurde ich wach mitten in einem Erstickungsanfall und fragte mich: Wo bin ich? Warum bin ich im Dunkeln? Im Trockenen, in der Kälte? Dann träumte ich von kristallklarem Wasser unter Sonnenstrahlen, und wie ich in die warmen Gewässer tauchte, empfand für einen kurzen Moment das Glück von früher. Dann musste ich wieder im schwarzen Ozean schwimmen, um ja nicht zu ertrinken.“
„Das klingt wie ein Alptraum. Schau, ob du nicht einfach im Schlaf bist.“
„Leider bin ich wach. Und sehr, sehr erschöpft.“
„Aber jetzt bist du nicht mehr unter Tage?“
„Nein, jetzt bin ich nicht mehr unter Tage. Ich habe gezählt und weiß, dass ich vierzehn Jahre dort unten war.“
„Merkwürdig. Und du weißt nicht, warum, weshalb, wieso? Was du da gemacht hast?“
„Ich habe eine Ahnung wieso.“
„Ich höre!“
„Ich musste da etwas erledigen. Ich hatte eine Arbeit zu machen. Eine besondere Art von Arbeit: Wühlen, Graben, Fragen, Sortieren, Nachdenken, Arrangieren. Jeden Tag aufs Neue, bis zur Erschöpfung. Ich glaube, jemand hat mich dazu gerufen, und ich bin ihm gefolgt. Und irgendwann habe ich die Toten gesehen. Ich unterhielt mich mit ihnen, erfuhr alles darüber, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Sie wollten, dass jemand ihnen sehr genau zuhört. Sie waren streng mit mir, es war ihnen sehr wichtig, dass ich alles ganz genau verstehe, richtig aufschreibe, nichts dazu dichte und nichts weglasse. So lebte ich unten im Kerker ihre Leben. Und starb ihre Tode, unzählige Male. Seitdem weiß ich, wie sich der Tod anfühlt: Man zerfällt in Teilchen, man löst sich auf, bei vollem Bewusstsein. Vierzehn Jahre lang musste ich das aushalten.“
„Und dann? Haben sie dich gehen lassen?“
„Ja, sie sagten, die Arbeit sei getan und jetzt könne ich gehen. Dann aber wusste ich nicht mehr, ob ich gehen will. Sollte ich sie wieder allein lassen, jetzt, da ich sie gefunden habe? Und wo sollte ich überhaupt hin? Es hieß, ich sollte in mein Leben zurück. Aber ich habe keine Ahnung, wo es ist. Jetzt bin ich hier und hoffe, dass du mehr weißt als ich.“
„Ich kann dich nur dazu einladen, wieder zu mir in den hellen, warmen Fluss zu kommen, dann schwimmen wir zusammen.“
„Wohin schwimmen wir denn?“
„Der Fluss weiß das.“
„Moment! Wo ist die Aufgabe? Wo ist der Zweck? Wo ist das Ziel?“
„Ich weiß nichts davon, ich habe so etwas nie gebraucht. Hey, warum weinst du?“
„Du kannst mir auch nicht helfen. Niemand kann mir helfen.“
„Gib mir deine Hand. Schau dich um: Ich bin die einzige weit und breit. Komm zurück, bleibe eine Weile bei mir. Wir schwimmen zusammen, wir fliegen zusammen, wir singen zusammen, und irgendwann wird ein neuer Ruf kommen. Nur, unter Tage gehen, das würde ich an deiner Stelle nicht mehr tun.“
„Und wenn kein neuer Ruf kommt?“
„Dann schwimmen wir weiter, der Fluss weiß schon, wohin er uns trägt. Du kannst dich auf seiner Oberfläche wie in einem Spiegel sehen. Vielleicht siehst du dann, wer du bist, wenn dir das so wichtig ist.“
„Kann der Fluss das alles?“
„Ja, der Fluss kann alles.“
„Na gut… Wo bist du gerade?“
„Im Wasser. Es ist warm, hell, freundlich.“
„Warte, ich springe!“