https://doi.org/10.82486/sp.2023.06.1658

»dem Licht und der Nacht entgegen«

Manfred Winkler zum 100. Geburtstag

Am 27. Oktober 2022 hat sich der Geburtstag des aus der Bukowina gebürtigen israelischen Dichters, Übersetzers, Malers und Bildhauers Manfred Winkler zum 100. Mal gejährt. Winkler war israelischer Nationalpreisträger für Lyrik (1999) und eines der Gründungsmitglieder des Jerusalemer LYRIS-Dichterkreises. Wir feiern ihn für seine Sprache, seine Sprache war Deutsch – das Deutsch jener fernen Landstriche der untergegangenen Donaumonarchie mit ihrer humanistischen Traditionsmitgift; sie blieb Deutsch, auch nachdem er sich dichtend dem Hebräischen zuwandte und sich als Übersetzer Celans ins Hebräische in Israel profilierte; Deutsch war die Sprache, in die er oft seine hebräischen Gedichte übertrug.1 Sein Beitrag zur Interaktion beider Sprachwelten untereinander kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit Nachdruck betonte Winkler in einem 1994 datierten Brief an den Schriftstellerfreund Hans Bergel, die »Liebe zur deutschen Sprache und Literatur« habe unter seiner Annäherung an das Hebräische nicht gelitten, »ich glaube eher, daß beide Sprachgefühle bereichert wurden. Daraus ist eine Liebe geworden ähnlich der zu zwei Frauen, da man nicht weiß, welche stärker ist.«2

Czernowitz – Transnistrien – Temeswar – Jerusalem: An der Sprache von Lessings Nathan der Weise und Heinrich Heines Almansor hielt sich der Siebenunddreißigjährige fest, als es ihn nach Schoah, Deportation und bleiernen Nachkriegsjahren im kommunistischen Rumänien nach Erez Israel verschlug, wo er auf dem Hintergrund der Intifada Gedichte schrieb. Im poetischen Schöpfungsakt fand ein Leben Stütze und Halt, das mehr als einmal fast verloren schien. Gedichte wie Dem Licht und der Nacht entgegen oder Stimmung erinnern daran, dass Lyrik ein Mittel der Welterfassung und -bewältigung, ein Wirklichkeitsentwurf ist; wenn das Subjekt verstummt, spricht an seiner Stelle das Gedicht:

Ohne Anfang und Ende / aus der Mitte hinausgerissen / beginnt das Gedicht / setzt sich fort in verschiedenen Richtungen / unbekannt und sinngemäß, / wurzelt in Chaos schlängelt sich hoch / dem Licht und der Nacht entgegen / fesselt den Dichter an das Unbewusste / und belohnt ihn dann mit einem hellen Lächeln / das er dann paradiesisch-glücklich mit sich trägt – / »seht mich den himmlisch-begnadeten in dieser Nacht!«3

oder »Wir sprachen von einer andern Welt / und waren in ihr / und waren nicht / nur das Gedicht wies uns hin / […] «Wir sind», sagtest du / und ich fügte ein «noch» hinzu«.4

Das Altertum sah das ganze Menschenleben als Faden in den Händen der Moiren: Klotho begann den Lebensfaden anzuspinnen, Lachesis ließ ihm eine Weile den Lauf, Atropos schnitt ihn schließlich mit ihrer Schere ab. Bei Winkler wechseln die Moiren vom Spinnkeller in die Schreibwerkstatt: Schicksal wird geschrieben, und dabei ist Dichtung kein Freispruch von Auschwitz, sondern ein handelnd erwirktes »Und doch!«. So heißt es in dem Gedicht Raben in den Wipfeln der Bäume:

Verklungene Stimmen raunen noch immer / niebesiegte Gewissensbisse / des Körpers und der Seele, / Unruhe / von Dichtern zerflederter Gespräche / und die Stille der Gedichte / eines unverbesserlichen Mannes / der verrückt war nach Herbst. / Es scheint der Wind habe endgültig / die großen und kleinen Erinnerungen / aus einer Wanduhr hinweggefegt […] / Nur im Hof tanzen noch immer Blätter / Sie enthüllen und verbergen / ein Arsenal geläuterter Innerlichkeit.5

Erinnerung und Abwehr des Vergessens, Krieg und politische Wirren, Wanderschaft und das unruhige Suchen nach Orientierung, Nähe und Gemeinsamkeit, menschliche Endlichkeit und immer wieder: die Grenze als kritische Größe des Lebens – das sind Themen, denen sich der Lyriker in seiner sich über sieben Jahrzehnte spannenden Karriere mit unerbittlicher Aufrichtigkeit stellt.

Es liegt mir viel daran, gleich zu Beginn den weit offenen Horizont zu zeigen, vor dem Winklers dichterisches Werk gelesen werden kann. Vieles, was der Lyriker in seinem Aufsehen erregenden Vortrag über Paul Celans Dichtung an der Universität Haifa im Jahre 1986 festhält, lässt sich als selbstidentifikatorische Zuschreibung deuten, so wenn er vom »Ertasten« spricht, das zum Entstehungsimpuls des »seltsamen Phantasiegebildes« namens »Gedicht« gehört, von »kurzstrichigen Skizzen mit unterbrochenen Linien, die der Phantasie weiten Raum lassen«, von unbewusst entstehenden Assoziationen »weitausholender Bilder, Gedanken und Gefühle«, von »Gebieten im Dunkeln«, »geladen mit Aussichtlosigkeit«, von »bejahter Schwermut« und von »Hoffnungssplittern«.6 Das Statement »Er schöpft aus dem Erlebten, Erlittenen, aber auch nicht weniger aus dem literarischen Arsenal einiger Kulturen«, wiewohl über den »Freund und Verwandten im Sinne von Gemeinsamkeit der Landschaft, der Vergangenheit und des Schicksals«7 geschrieben, sagt alles über Winkler selber aus. Die Worte seiner assoziativen Poesie sind »Vielheiten«, deren Zusammenhang nicht derjenige einer Kausalkette, sondern eines für Veränderungsmöglichkeiten offenen Rhizoms ist,8 das vielschichtig aufgefächerte Geisteswelten durchscheinen lässt. Rhythmen und Klänge aus dem »Kindland« Bukowina, das anschauende Erleben im »Altneuland« Israel und die gesamteuropäische, durch die deutsche Sprache vermittelte Kulturtradition, durchwirken einander in unzähligen Gedichten, wenn über das Verfahren der verdichteten Metaphorik das Allgemeine, das Über-Individuelle und Durchlässige fokussiert wird, und die Dinge die Qualität des Durchlässigsten überhaupt entfalten: Sie können träumen, das heißt sie besitzen die Fähigkeit, Wirklichkeiten ineinanderfließen zu lassen, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen zu erzeugen. Verse wie »Jerusalem Frühling Wanderungen Bäume / Blumen Schatten und Licht / alte Häuser die uns entgegenkommen / und sich gestalten zu skizzierter Unmöglichkeit / einer Erinnerung«9 oder auch

In der Spiegelung / blüht der giftige Oleander / Bruder Abschalom / umgeht sein eigenes Grab […] / Westwärts winkt ihrem Herrn die Windmühle zu / als wäre das Menschliche noch immer / Oh diese Erlebnisse alter und mittelalterlicher Begebenheit / Als wärest du, als käme ich aus einer Karpatenmulde / Karpatensteg, Kapelle – schindelüberdacht / ein langgezogener Blashornton verzitterte dort in Serpentinen10

haben eben diese träumende Qualität: Sie erzeugen einen verbindenden Raum, in dem unterschiedliche Orte sich überlappen und die Zeitlichkeit des Einst und Jetzt ineinander verschmelzen.11 Immer wieder ist es die Unendlichkeit der Geschichten, evoziert in lose aneinandergereihten Vokabeln, getragen vom geschmeidig-weichen Klang und Sprachmelos oder aber in harten Fügungen belassen, die Winklers Lyrik die rechte Würze gibt und ihr Gewebe vor Leben vibrieren lässt: »Es bleibt der Horizont die Rhythmen Linien / ein alterschwaches Dach aus roten Ziegeln / wo die Katzen wohnen und sich vermehren / von Jahr zu Jahr«.12 In einem Interview mit Stefan Sienerth erklärte der Lyriker, er versuche »die Grenzen der Aussage durch das Wort-Gewicht zu erweitern«, denn »Nur das Wesentliche ist wichtig, alles andere ist schöngeistiger Ballast.«13 Genauigkeit ist eine der wichtigsten Grundlagen seiner Texte, Genauigkeit der Mehrdeutigkeit eines der sonderbarsten Merkmale seiner Dichtung.14

Bei all ihrer Tiefe und Dichte – Lektionen erteilt Winklers Dichtung nie, was sie verlangt, ist Lektüre. Dem achtsamen Auge offenbart sich im Maschenwerk seiner poetischen Bilder jene Verbindung der Texturen, von der viel mitzunehmen ist für jene Kunst, die Schiller die höchste genannt hat: die Lebenskunst. Die Seele dieser Kunst ist die Verwandlung. Und darin liegt auch die ganze Hoffnung, die sich der Mensch auf sich selbst machen kann, als veränderbarer, genauso wie auf sein Ureigenstes, die Sprache. Die deutsche Sprache ist eine schwer geprüfte Sprache, musste sie doch, wie Celan in seiner Bremer Rede 1958 festhielt, »hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede.«15 In der Spinnstube Winklers, hat das Deutsch das Vermögen einer wieder-aufholenden Bewegung, in der sich eine lebendige Energie und Kraft verdichtet, das Vermögen der Erinnerung, des Eingedenkens der Herkünfte, so wenn es heißt: »Die gezählten Tage / reifen aus dir / ins große Verdunklungsgeschehen / reifen wie Mohn / welken wie Abendlaub. / Sage der Nacht das Wahre / hebe den Tag in den Traum«16 oder

Ich hielt deine Hand / doch niemand kam / dem wirs sagen konnten / und niemand … / der unsrer gemeinsam entworteten / Orte gedachte im karpatisch / menschvergessenen Land der Sagen, / wo man nur an Begräbnissen / das lange Huzulenhorn blies. / Es war die Stundenzeit der Noch-Nicht-Toten / vor dem Ganz-Großen-Krieg.17

Diese anhaltende Leidenschaft für die deutsche Sprache, die Winkler als veritabler poeta doctus gegen Unkenntnis und Gedankenlosigkeit wie eine Geliebte hütet, stellt ihn in die Reihe der bedeutenden jüdischen Autoren, die aus Czernowitz kamen – Paul Celan, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz unter anderen –, ebenso in den Kreis jener Lyriker und Lyrikerinnen, die in Jerusalem eine »deutsche Sprachinsel« einzigartiger Prägung bildeten. »Es gehört ein beachtliches Maß von Mut und Aufrichtigkeit dazu, die alte Muttersprache auch jetzt noch zu bejahen, zu pflegen und als persönliches Erbgut lebendig zu erhalten«,18 betont Ruth Freund-Joachimsthal im ersten Heft des deutschsprachigen LYRIS-Kreises.

Standhaft und unbeirrt gibt Winkler in seiner aus tiefster Empfindung andrängenden Lyrik zu verstehen, dass es unmöglich ist, aus dem Schatten der Schoah herauszutreten, aber immer noch möglich, »ein Heim« darin zu bauen.

Der Wind blättert aus den Haaren der Vergangenheit / alte Stimmen wach / die sich in Linien und Rhythmen verirren / Du gehst dem Ziellosen entgegen – / ein Heim für die großen Gefühle Windverwehter / eine Unter-den-Brücken-Bleibe für die Nacht vielleicht19

– bedrückend und beklemmend wirkt dieser Wind, aber er weht über das Schattenland hinweg, und zugleich weht auch der Geist der Liebe nebenher. Winklers Gedichte zeigen, wie man Geliebtes festhalten kann, ohne es dingfest machen zu müssen; sie zeigen, dass es auch den »Dünnhäutigen« und »Verletzbaren«20 möglich bleibt, das Leben zu bejahen, trotz oder gerade aufgrund der Versehrtheit der Welt. So heißt es in dem die vorliegende Auswahl abschließenden Gedicht »Ich male dich jetzt«:

Wenn ich Leben sage / bricht das Licht / durch die Zweige der Nacht / Ich wage mich hervor / durch den Spalt einer Tür / trage auf meinen Händen / dein eigenstes Gesicht / Es ist still um uns / Sage nicht morgen / wenn ich heute sage.21

Und das Gedicht »Es war der Mond« erinnert, wie die Mystik aller Zeiten, daran:

Es ist das Licht / […], Das aller Dunkelheit / Von Grau bis Schwarz – / Die Tiefe und/Den Schrei zur Freude gibt.22

Auschwitz heißt, die Sprache verlieren. Das Verlorene lebendig zu erhalten, ist ein Werk der Liebe. Wer der Aufforderung »seht mich den himmlisch-begnadeten in dieser Nacht!« folgt, wird sich unerschrocken im Gewebe der Erinnerung verirren müssen, um zu entdecken, wie viel Gegenwart und Zukunft sich in Manfred Winklers Dichtung verbirgt.

  1. Die Erschließung des literarischen Nachlasses Winklers, der im Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) München aufbewahrt wird, ist mittlerweile so weit gediehen, dass wir behaupten können, zu Lebzeiten des Dichters seien an die 270 hebräischen und 700 deutschen Gedichte publiziert worden, wobei noch einmal so viele unveröffentlichte Texte im Nachlass zu finden sind. Eine umfassende Auswahl von etwa 150 unveröffentlichten deutschen Gedichten, die einen gewissen Reifegrad erlangt haben, wurden nebst allen von Winkler autorisierten Lyrikpublikationen in die kommentierte, von Hans-Jürgen Schrader und der Autorin herausgegebenen Leseausgabe Haschen nach Wind (2017) aufgenommen. Die zweisprachige – auf Deutsch und Hebräisch – verfasste Lyrik Winklers wurde 2022 von Jan Kühne und der Autorin in der Jubiläumsausgabe Noch hör ich deine Schritte / ְךִיַדָעְצ םיִכְלֹוה דֹוע herausgegeben. In diesem Heft werden drei der bislang unveröffentlichten, vom Dichter in unbearbeiteter Fassung zurückgelassenen Gedichte Die gezählten Tage, Vom Gedicht zum Bild und Ich male dich jetzt veröffentlicht. ↩︎

  2. Manfred Winkler, Hans Bergel: Wir setzen das Gespräch fort … Briefwechsel eines Juden aus der Bukowina mit einem Deutschen aus Siebenbürgen. Berlin 2012, S. 12. ↩︎

  3. Manfred Winkler: Nicht ich. In: Monica Tempian, Hans-Jürgen Schrader (Hgg.): Haschen nach Wind. Die Gedichte. Wien, Würzburg 2017, S. 566. ↩︎

  4. Ders.: Stimmung. In: ebenda, S. 367. ↩︎

  5. Ders.: Raben in den Wipfeln der Bäume. In: ebenda, S. 691. ↩︎

  6. Manfred Winkler: Die dichterische Wandlung Paul Celans. In: Chaim Shoham, Bernd Witte (Hgg.): Datum und Zitat bei Paul Celan. Akten des Internationalen Paul-Celan-Colloquiums Haifa 1986. Frankfurt, Bern 1987, S. 49–59; abgedruckt auch in Winkler, Bergel: Briefwechsel, S. 61–70. ↩︎

  7. Ebenda. ↩︎

  8. Die Analogie gründet auf der von Deleuze und Guattari vorgeschlagenen, metaphorischen Verwendung des botanischen Begriffs Rhizom für eine Schreibweise, die viele Perspektiven und Ansätze in freier Verkettung zulässt und Hierarchien ablehnt. Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. Berlin 1977, S. 35. ↩︎

  9. Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (i. f.: IKGS-Archiv), Nachlass von Manfred Winkler, Box 10, Vom Gedicht zum Bild. ↩︎

  10. Winkler: Wo der Tag die Nacht liebt. In: Tempian, Schrader (Hgg.): Haschen nach Wind, S. 125. ↩︎

  11. Monica Tempian: »Erst jenseits der Kastanien / ist die Welt / der Brücken die nichts überbrücken …«. Passagen, Übergänge, Grenzüberschreitungen im künstlerischen Werk Manfred Winklers. In: Stefan Vogt, Hans Otto Horch (Hgg.): Wegweiser und Grenzgänger. Festschrift für Mark Gelber. Wien, Göttingen 2018, S. 246. ↩︎

  12. IKGS-Archiv, Nachlass von Manfred Winkler, Box 10, Vom Gedicht zum Bild. ↩︎

  13. Stefan Sienerth: »Daß ich in diesen Raum hineingeboren wurde« Gespräche mit deutschen Schriftstellern aus Südosteuropa. München ١٩٩٧, S. 119. ↩︎

  14. Tempian: »Erst jenseits der Kastanien …«, S. 243. ↩︎

  15. Beda Alleman, Stefan Reichert (Hgg.): Paul Celan. Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band III. Frankfurt am Main 1983, S. 185f. ↩︎

  16. IKGS-Archiv, Nachlass von Manfred Winkler, Die gezählten Tage. ↩︎

  17. Winkler: Wenn ich dunkel sehe. In: Tempian, Schrader (Hgg.): Haschen nach Wind, S 667. ↩︎

  18. Ruth Freund-Joachimsthal: Vorwort. In: LYRIS (1985) H. 1, S. 2. ↩︎

  19. IKGS-Archiv, Nachlass von Manfred Winkler, Box 10, Vom Gedicht zum Bild. ↩︎

  20. In einer frühen Fassung des Gedichts Den Ahnungslosen spricht Winkler über seinesgleichen als »wir Dünnhäutigen, wir Verletzbaren«. IKGS-Archiv, Nachlass von Manfred Winkler, Den Ahnungslosen. ↩︎

  21. IKGS-Archiv, Nachlass von Manfred Winkler, Box 10, Ich male dich. ↩︎

  22. Winkler: Es war der Mond. In: Tempian, Schrader (Hgg.): Haschen nach Wind, S. 740. ↩︎