https://doi.org/10.82486/sp.2023.12.1089

In den Gärten

(Fragment)

Heute steht meine Mutter auf dem Programm. Dies werden Sie, Valová, sicher verstehen. Vielleicht verleiht mir dies in Ihren Augen einen außergewöhnlichen Reiz und weckt Ihr Vertrauen. Frauen vertrauen Männern viel mehr, wenn sie sehen, dass diese sich ihren Müttern gegenüber gut benehmen. Heute bin wieder ich dran … fast hätt’ ich’s vergessen. Im Institut höre ich rechtzeitig auf, damit Mutter etwas von mir hat. In den Gärten fühlt sie sich einsam, auch wenn sie selbst dran schuld ist. Doch andererseits muss ich auch zugeben, dass ich nicht so gern zu ihr ginge, wenn sie nicht ganz allein wäre in ihrem Zimmer voller Pflanzen. Einmal die Woche ist nicht allzu oft. Wäre ich ein Einzelkind, ginge ich auch zweimal, das wäre vielleicht lästig … Aber wir wechseln uns zu dritt ab. Jeden Freitag rufe ich mir in den Gärten meine Kindheit in Erinnerung. Die jüngeren Geschwister können sie in ihren eigenen Kindern sehen, auch wenn jene, ehrlich gesagt, darauf pfeifen. Einige Male habe auch ich sie in den Gärten besucht, schließlich sind sie meine Nichten und Neffen, doch sofort war offensichtlich, dass ich ihnen wie ein Mensch aus einer weit entfernten Welt vorkomme, aus einer Welt der Pflichten … Dass ich sie störe in ihrem unbekümmerten Umherrennen, Tollen, bei ihren Spielen, die aus lauter Unsinn mit unbegreiflichen Regeln bestehen. Mir persönlich kann nur Mutter die Kindheit vergegenwärtigen. Genauer gesagt, ersetzen. Mir passte diese Kindheit der Nichten und Neffen, diese Kindheit mit Gruppenspielen noch nie. Ich habe daran nur vage Erinnerungen … lauter Grün. In den Gärten sieht es wie in einem riesigen Park aus, keine Spur von Maschinen oder Arbeit, überall nur versteckte Technik, die einem den Lebensgenuss erleichtert … Und Häuser wie auf alten Postkarten, Türmchen, Erker … Sicherlich, die Kindheit habe ich im Grünen so durchlebt wie jeder andere, aber was hab’ ich davon? Ja, ich erinnere mich an irgendwelche einzelgängerischen Ausflüge zum Zaun, die ich geheim hielt, für die ich mich schämte … Man konnte von dort ins Reservat und gleichzeitig auf die Begräbnisstätte schauen, es wehte eine Art modriger Geruch herüber, Feuchtigkeit umfing mich, die aus den verschlungenen Pflanzen aufstieg … eindringliche Düfte erblühter Blumen. Jetzt beherrschen sie Mutters Zimmer. Hie und da konnte man auch ein Tier erblicken, immer bin ich vor ihnen zurückgewichen, als ob sie zu mir auf die andere Seite der Mauer hätten kommen können. Vögel, das war etwas anderes, die zogen mich an, sie waren immer so weit entfernt! Ich wäre ihnen jederzeit entgegengeflogen! Aber unter der Mauer hindurch krochen aus dem Erdreich nur winzige Lebewesen mit einer unglaublichen Anzahl von Beinen … so, wie ich mir Ameisen vorstellte. Einige Male ging ich mir Dokumentarfilme ansehen, wo man einiges aus dem Leben dieses Kleinvolks zeigte, allgemeine Dinge über Ameisenhaufen, über Muttertiere, die Eier zusammentragen, über die geflügelten Männchen, über Larven und Puppen, über die Kriege der Ameisen und über die Hirten unter den Ameisen. Wenn man es so nimmt, dann prägte mich die Kindheit für meinen späteren Lebensweg, obwohl es auf den ersten Blick aussieht, als hätte ich die Jugend ausgelassen, wäre sie umgangen, hätte sie nicht so mannigfaltig erlebt wie andere. Aber ich schaute damals über die Mauer ins Reservat, und jetzt sind Mäuse mein Schicksal! So eine Tätigkeit kann nicht jeder ausüben. Oder die Sonne! Wer liebt die Sonne so wie ich? Schon damals hab’ ich sie gesucht, an der Sonne genoss ich die Einsamkeit, dachte mir Dinge aus, die ich selbst kaum glauben konnte. Anstatt mich mit Spielen abzugeben, erfand ich allerlei Phantastereien, durch keinerlei Regeln eingeschränkt …

Gut, dass Mutter sich in ihren drei Kindern verwirklicht hat, jetzt beachtet sie die Enkel kaum. Zumindest in dieser Hinsicht gleicht sie den übrigen Alten in den Gärten. In ihrem Zimmer wimmelt es nicht von Kindern, niemand schreit dort, es liegen keine Süßigkeiten bereit und auch kein Mensch, ärgere dich nicht, damit die Kleinen wenigstens für einen Augenblick stillsitzen und Ruhe geben. Es gibt dort nur Pflanzen. Jede Menge Gewächse! Lauter Gebühren und Sorgen. Regelmäßige Kontrollen beim Gemeindebotaniker, jeden Blumentopf zweimal im Jahr … und die Steuern einmal im Jahr. Das ist richtig so, eine unkontrollierte Vermehrung des Grüns könnte … Vielleicht würde sie die ganze Welt in ein Reservat verwandeln, wo einer unorganisiert den anderen vernichtet, wie dort, hinter dem Zaun meiner Kindheit, hinter der Mauer der Gärten …

Mutter wird dasitzen, umgeben von Pflanzen, und ich koche ihr Tee. Sie wird mir erzählen, wo bei welchem Gewächs eine Knospe austreibt, welchen Dünger es verträgt, und welches sie am liebsten hat. Mutter lehnt es ab, die Düngemittel nach ihren richtigen chemischen Namen zu benennen, sie bezeichnet sie je nach ihrer Farbe. Blaues Wässerchen, gelbes Pulver … Fläschchen schmücken das Zimmer, voll reiner Farbe. Und Mutter tut es leid um jedes Knösplein, das sie abzwicken muss, ein kleines, unerlaubtes Knösplein … Gehorchte sie nicht, würde man die Pflanze konfiszieren. Sie geht mit der Gartenschere umher, zwickt hie und da etwas ab, gibt jedem neuen Trieb sanft die Richtung an, gießt mit einem winzigen Kännchen, lockert die Erde mit einem kleinen Rechen … Dies ist angeblich ihr Paradies.

»Jeder hat seines«, wappnet sich Mutter gegen aufdringliche Fragen, »wir Alten sind nun einmal so. Verlassen, auch wenn wir hier viele sind. Und widersprich nicht, auch die Kinder fühlen sich allein gelassen! Deshalb widme ich mich lieber den Pflanzen. Und Kinder durchleben Trauer noch intensiver … Gut haben sie sich das ausgedacht, die Gärten verbindet nichts mit der Welt und ihren Sorgen. Das Jahrhundert der Menschlichkeit … überall liest man davon. Das Leben hat man uns verlängert: wir haben eine wissenschaftlich garantierte Anzahl an Jahren und ständig erhöhen sie sie uns noch. Der Arzt kann nirgendwo zum Einsatz kommen, überall Prävention und Hygiene! Jeder Bazillus unter Kontrolle! Der arme Lazina, er wollte unbedingt Medizin studieren, ein intelligenter Junge, er wollte sich einer Sache widmen, die er auch in der Rente in den Gärten hätte weiterbetreiben können … Vielleicht wird er hier einmal aus Zorn eine Infektion einschleppen! … Weißt du, ihr fehlt uns … Ihr kommt zwar eifrig hierher, ja, ich seh’s und werfe euch nichts vor … Aber ohne euch verbindet uns nichts mit der Welt. Wir würden gern unsere eigene Nase dort hineinstecken … im Zentrum sein! Ihr kommt regelmäßig, montags Hanna, mittwochs Boris, und so reihum … je nachdem, wer dran ist, keiner hat zusätzliche Zeit übrig. Ihr müsst eure Zeit möglichst vorteilhaft nutzen. Aber auch wenn du mir irgendwas über weiße Mäuse erzählst … versteh’ ich denn, was du sagst? Über Elektroden … was weiß ich, wie die aussehen? Ich habe Ärmel in Mäntel genäht, davon versteh’ ich was, dort ist mein Platz. Eingesetzte Ärmel, Kimono- und Raglanärmel! Davon würde ich gern hören. Du wirst dir sagen, welch eintönige Arbeit, immer nur Ärmel und Ärmel … Aber für mich sind deine Mäuse eintönig. Bewegte sie sich so oder anders, reagierte sie oder nicht … als ob mich das interessierte?«

»Besuche vom Arbeitsplatz aus«, werfe ich den Köder aus, und ihre Augen leuchten. Doch sofort wird mir die vergebliche Mühe bewusst. Jeder hat genug eigene Sorgen, eigene Eltern, eigene Kinder … Schnell wechsle ich das Thema. Das Jahrhundert der Menschlichkeit – aber es ist doch wahr, keine Werbung, keine leeren Versprechungen. Warum sollte es ihnen in den Gärten nicht gut gehen? Sie haben keine Pflichten, sie sehen uns relativ häufig, zumindest Mutter hatte Glück mit anständigen Nachkommen, sie leben hier in Parks, sie können sich doch miteinander unterhalten. Sie sind schließlich mehr als wir, sie haben jemanden, um den sie sich kümmern können, es gibt dort doch so viele Kinder … Sie leben wie Sklavenhändler im alten Rom, denn eigentlich sind wir ihre Sklaven! Und doch erscheint ihnen das als zu wenig. Sie sind der genießende Teil der Gesellschaft und wir haben ihnen diesen Platz nicht mit Neid zugewiesen, wie ihn die damaligen Sklaven gegenüber den Römern empfanden, sondern aus Liebe! Kinos, Theater … und die sollen manchmal nur halbvoll sein! Lieber sitzen sie zu Hause. Dabei spreche ich noch gar nicht von den Kindern. Die führen sich auf, das kenn’ ich. Sollen sie sich doch abreagieren, jetzt haben sie die Zeit dazu, ihr tierchenhaftes Alter. Man erlaubt ihnen sogar, jegliche Grenzen zu durchbrechen! Den Alten und den Jungen, ohne Unterschied. Also was wollt ihr mehr? Aber das hat der Mensch schon in sich programmiert. Unzufriedenheit, ewige Unzufriedenheit.

»Mutter …, aber du siehst eigentlich nicht unzufrieden aus. Vielleicht denkst du, dass wir aufhören werden, dich zu beachten, wenn du zulässt, dass du glücklich bist. Dass ich dann keine Zeit mehr für dich haben werde, aufhöre, mir um dich Sorgen zu machen, aufhöre, die wachsende Zahl grauer Haare auf deinem winzigen Kopf zu zählen. Aber ich besuche dich doch nicht, um in Sorge zu geraten. Das wirst du wohl nie begreifen. Ich komme, um bei dir in ruhige Gefilde einzutauchen … mir eine sorglose Zeit ins Gedächtnis zu rufen … meine eigene, längst vergangene tierchenhafte Zeit.«

Du empörst dich. – »Aber du warst doch damals unglücklich! Du hast doch … Immer, wenn ich dich besuchen kam, gleich nach der Arbeit, den Kopf voller Ärmel, beschwertest du dich. Oft hattest du kleine Wunden, da sie dich verjagt hatten, und sie wussten weshalb, denn du hast sie ausgelacht, ihre Spiele lächerlich gemacht! Später warst du oft zerkratzt, die Mädchen wollten nichts zu tun haben mit so einem Sonderling, du nahmst auch diese Spiele als etwas Besonderes, du wolltest nicht umhertollen mit der ganzen Gruppe, du zogst die Mädchen zum Zaun … wundere dich nicht, dass sie dich nicht verstanden! Auch ich hätte dich nicht verstanden … Das sage ich dir jetzt, damals beruhigte ich dich, es blieb keine Zeit, dir zu erklären … Und wahrscheinlich wäre es gar nicht möglich gewesen, du warst immer wortkarg, das ist dir erst vergangen, als du Erfolge bei deinen weißen Mäusen vorweisen konntest … da wurdest du dann überaus gesprächig! Ich wollte wenigstens die lebendige, natürliche Seite deiner Arbeit verstehen, wenn ich schon mit der Technik nichts anzufangen weiß. Anfangs wurde es mir auch regelmäßig übel, wenn du gegangen warst nach deinen Reden über Mäuse, ich musste mich übergeben, weisst du, ich habe eine starke Vorstellungskraft … Du glaubst gar nicht, wie es mich vor deinen Mäusen ekelte. Deshalb begann ich wohl Pflanzen zu züchten. Ich wollte deine geliebte Natur begreifen! Aber ich sage dir, das wird keine Frau begreifen. Wenn man aus gewöhnlichen Dingen, aus Spielen, die jeder in sich hat und die allen gehören, wenn man daraus etwas Außergewöhnliches macht. Wenn ein Spiel so mir nichts dir nichts durch Schwerfälligkeit, Versunkensein und Konzentration ersetzt wird … Und noch dazu so junge Mädchen! Ganz klar, dass sie dich zerkratzten! Ich sage ja nichts, wenn eine Frau so ganz darin versinkt, sobald sie ein Kind möchte, ganze neun Monate zu opfern, kommt ihr gar nicht wie ein Opfer vor … Da beginnen wir Mädchen, Antennen für das Außergewöhnliche zu haben. Niemandem würden wir glauben, dass er das Gleiche durchlebt hat, auch wenn es um uns herum nur so wimmelt von echten, fertigen Kindern. Aber du bist auf diese verzückten, dummen und leidenschaftlichen Köpfchen gleich mit Ansprüchen, Vorwürfen losgegangen … Ach, hör auf! Ich kann mich erinnern, dass du immer unglücklich warst, wenn ich kam. Jedes Mal wieder. Nie ging etwas leicht bei dir wie bei anderen Menschen. Ich hatte auch Angst um dich, aber zum Glück hast du dich verändert. Glaub mir, nun bist du in Ordnung. Fast nicht zu unterscheiden von Bruder und Schwester. Nur dass du keine Kinder hast … Aber vielleicht lieb’ ich dich deswegen am meisten. Sie kommen immer mit einem ganzen Schwarm, den Kindern ist es hier langweilig, und zertrampeln mir das ganze Zimmer. Montags und mittwochs muss ich alle Blumentöpfe auf den Schrank hinaufstellen! Jeden Montag und Mittwoch! Für die Pflanzen ist das auch nicht gut, ihnen genügen schon die Kontrollen auf dem Gemeindeamt. Immer zittre ich, ob sie sich unterwegs nicht erkälten. Sie sind an die streng eingehaltene Zimmertemperatur gewöhnt, in dieser Hinsicht hat sich unser Heizsystem kein einziges Mal geirrt, seit ich hier wohne. Auch das Thermometer, das du mir geschenkt hast, war eine unnötige Investition. Letztens musste ich Lazina bitten, mir mit den Töpfen zu helfen. Ich auf dem Stuhl, er unten. Vorsichtig reichte er mir ein Gewächs nach dem anderen, er hat ein Gefühl dafür, nicht umsonst ist er Arzt, ich kann ihm vertrauen. Er weiß sowieso nicht, was er tun soll … Genau wie mein Thermometer.«

Die Atmosphäre bei Mutter … dem riesigen Thermometer untergeordnet, das den Pflanzen im Weg ist. Ein zur Ruhe gekommener Wasserspiegel …

  1. Alta Vášová: V Záhradách. Bratislava (Verlag Smena) 1982. 155 S. Der utopische Roman der frühen 1980er-Jahre versuchte mögliche Entwicklungen einiger Trends unserer Gesellschaft weiterzudenken, ohne sie völlig abwegig erscheinen zu lassen. Das macht ihn bemerkenswert. Die Grundidee bildet die Annahme des modernen Menschen, dass sich die Natur beherrschen lässt, dass hierzu die verschiedenen Funktions- und Seinsbereiche des Menschen in strikt voneinander getrennten Räumen angesiedelt sein sollen, damit die scheinbar unnötige, weil zeitraubende Komplexität des Lebens berechenbar wird. So soll auch der Naturwissenschaftler Stefan Naturell an seinem 40. Geburtstag den Regeln zufolge in die Gärten entlassen werden. Doch er beabsichtigt, dem scheinbar perfekt durchdachten Paradies zu entkommen. Er möchte für sich die Verbindung von Leben und Arbeiten, von Produktion und Konsum, von Mensch und Natur wieder herstellen. Ein Schlüssel dazu scheint in der Beobachtung des »natürlich« organisierten Volks der Ameisen zu liegen, die er erneut in die Gärten einschleusen möchte. Doch der Versuch misslingt, die bestehenden Strukturen sind stärker – er wird im Krankenwagen abtransportiert.