Ich empfinde während dieser ersten Tage in Iași ein Unbehagen – wie soll ich sagen … geschichtlicher Art.
Wenn ich durch die Straßen laufe, in denen fast nichts, weder Straßennamen noch Ladenschilder, an die Vergangenheit der Stadt erinnert,2 wenn ich mit Rumänen spreche, die wenig Lust haben, die Vergangenheit ausführlicher zu thematisieren, dann fühle ich mich allzu ausschließlich, allzu beengten Blickes der Gegenwart verhaftet. Eine Gegenwart, die von den Quellen der Vergangenheit nicht mehr durchströmt wird – ist das noch eine Gegenwart? Real ist sie zwar, es sind Menschen, die sich abrackern, um zu überleben, und versuchen, sich ein Leben aufzubauen, doch scheint alles wie in der Schwebe und vom gleichen Verschwinden bedroht, dem offenbar ein Teil der Vergangenheit der Stadt anheimgefallen ist.
Die Vergangenheit ist selbstverständlich nicht gänzlich abwesend; einige Spuren und Monumente drängen sich im Gegenteil dem Blick auf: das Kloster der drei Hierarchen mit seiner prachtvollen Fassade, in Stein gearbeitet; das modernistische schwülstige Einheitsdenkmal; das Hotel Traian (mit seinem römischen Namen, da der Wall von Kaiser Trajan nicht weit von hier entlanglief und Rumänien gerne seine Daker-Vorfahren und das von den Römern kolonisierte Dakien beschwört), ein seltenes Zeugnis des urbanen 19. Jahrhunderts, mit seiner ornamentalen Fassade, die aus ihrem Prunk keinen Hehl macht; die Oper, eine prachtvolle französische Patisserie, sehr gut restauriert und in Stand gehalten, um die herum ein Park den Büsten von Musikern und Theaterleuten Platz bietet; und überall Statuen, vom Nationaldichter Mihai Eminescu, von Herrschern und Landesfürsten,3 von den Gründern der Universität, von Botanikern, von Gelehrten …
Was fehlt mir? Es ist ganz einfach – unter dem zeitgenössischen Iași – die Stadt Jassy, deren Name ich von denen gehört habe, die dort gelebt hatten oder deren Eltern von dort stammten: eine Stadt von etwa 60.000 Einwohnern, mehr als die Hälfte davon Juden, deren Kultur zum Teil deutsch war. In Jassy wurde, einer Anmerkung in den Erinnerungen Alexandre Safrans, des Großrabbiners Rumäniens in den Jahren 1940–1947, zufolge, von Naftali Herz Imber 1878 auf Hebräisch das Gedicht »HaTikwa«, »Die Hoffnung«, verfasst, das von Samuel Cohen 1882 über eine moldawische Melodie vertont wurde und ein bekanntes zionistisches Lied und schließlich die Nationalhymne Israels werden sollte. Jassy ist die Stadt, von der Curzio Malaparte in Kaputt erzählt, einem der prägenden Bücher meiner Jugendzeit. Malaparte schildert darin – vorgeblich gegenüber Nazi-Offizieren in Warschau –, wie er das Pogrom von Jassy im Jahr 1941 miterlebt hat und Zeuge wurde bei der Vernichtung der Juden, die zwei Tage später in Güterwagen zusammengepfercht wurden. »[I]ch begann zu berichten, was sich in der edlen Stadt Jassy, in der Moldau, zugetragen hatte«.4 Weil ich diese Seiten gelesen habe, die man nicht mehr vergisst, fällt es mir schwer, den Namen Jassy zu vergessen. Ich laufe durch die Straßen von Iași, höre den Menschen zu und warte darauf, dass mir etwas begegnet, das die Erinnerung an diese Seiten, an die Bilder, an den Schrecken zu bekräftigen oder zu tilgen vermag: als die Juden, ohne fliehen oder sich verstecken zu können in dieser Stadt, in der wir gerade umherlaufen, in der Falle saßen. »Allerorten erfüllte die fröhliche und wilde Arbeit des Pogroms die Straßen und Häuser mit Schießen, mit Weinen, mit grässlichem Schreien und grausamem Gelächter.«5 S. und ich tragen diese Schreie und diese Erinnerungen in uns wie ein Geheimnis.
Ein leerer Tag liegt vor uns, da der Ausflug nach Chișinău ins Wasser gefallen ist. Gibt es einen Ort, den Sie gerne besichtigen möchten?, fragt uns eine Sekretärin des französischen Kulturinstituts. Ich würde am liebsten das Wort nicht sagen, aber S. hat nicht die gleichen Ausweichreflexe wie ich: Wissen Sie, wo sich der jüdische Friedhof befindet?, fragt sie.
Das ist ein berühmter Friedhof; sicherlich weniger berühmt als jener in Prag, der in Josefov liegt, im Zentrum der Altstadt und damit auch der modernen Stadt, die diese umgibt; doch berühmt ist er (und riesig). Unsere Gesprächspartner wissen es nicht, wissen es nicht genau. Sie weisen uns eine ungefähre Richtung (die șoseaua – Chaussee – Păcurari entlang gen Westen, dann irgendwo rechts bergauf), können aber nicht sagen, wo genau er liegt. Man findet außerdem keinen Stadtplan (wir haben nur einen fotokopierten Ausschnitt von einer Karte, die wir nicht in Gänze gesehen haben). Sich zurechtzufinden ist schwierig. Wir gehen zu Fuß los, irren an Hängen von Hügeln umher; die Aussicht über die unten liegende Stadt (Eisenbahnschienen, Wohnblocks, Kirchen) wandelt sich, schlägt um, wird schließlich frei. Was wir sehen, wird komplexer, differenzierter, erscheint bewohnbarer. Die Sonne kommt heraus, wir schwitzen beim Gehen. Hütten aus Wellblech, Zementplatten, Pfählen und
Schildern wurden errichtet. Sie sind weder einfach auf den Boden gestellt noch in ihm verankert, sondern wie zur Hälfte in ihm eingesunken, und hin und wieder denkt man, ein stärkerer Regenguss, ein Erdrutsch oder ein Windstoß hätte sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht und umgestoßen. Sie sind weiterhin bewohnt. An seiner Türschwelle sitzend beobachtet uns ein Mann mit einer hohen Pelzmütze auf dem Kopf. Uns begegnen Frauen, Jugendliche, unrasierte junge Männer, die ein bisschen beunruhigt wirken, als sie uns sehen – beunruhigend auch für uns (warum rasieren sie sich nicht? warum sollten sie?). Dann kommen Aktenkoffer tragende Militärs den Hügel herab, die wohl auf ihrem Weg nach Hause sind (weiter oben gibt es eine Kaserne), Schüler kommen mit ihrem Ranzen auf dem Rücken alleine oder zu zweit von der Schule. Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Die Leute leben hier; komfortabel ist es nicht; Frauen schleppen Wasser. Bescheidene kleine Gärten sind vor den am Hang liegenden Hütten angelegt. Angenehmer Eindruck des Durcheinanders. Wir haben nichts gefunden. Im Zickzack brechen wir wieder Richtung Osten auf, um zu unseren Zimmern zurückzukehren.
Am Freitag nehme ich mein Herz in beide Hände und bitte den Taxifahrer, in dessen Auto wir steigen, uns zum jüdischen Friedhof zu fahren. Ich frage es ihn in einem imitierten Italienisch, das ihm verständlich zu sein scheint und auf das ich für das weitere Gespräch zurückgreife. Er biegt ohne zu zögern in die Chaussee Păcurari ein, fährt aber viel weiter, als wir am Vortag gelangt sind. Die Straße ist breit zwischen den anonymen Wohnblöcken in einem der bedrückenden Viertel, derer wir schon einige gesehen haben. Plötzlich biegt das Taxi zwischen zwei Gebäuden nach rechts ab: eine kleine Straße, die etwas ansteigt … Es ist eine andere Welt, die sich jetzt auftut, fast eine andere Zeit.
Die Straße wird zum Weg, der macht eine Kurve und führt unter einem von einer rumänischen und einer hebräischen Inschrift geschmückten Torbogen hindurch, welcher uns anzeigt, dass wir den Friedhof betreten, und an die Spenderin des Torbogens erinnert. Doch wenn man den Torbogen passiert hat, sind dort keine Gräber: Der Hügel, den die Straße hinaufführt, ist nur von Weinreben bestanden, die ihre Blätter verloren haben (man wird uns bei einem weiteren Besuch erklären, dass früher das Gelände des Friedhofs tatsächlich bereits am Torbogen begann und dann verkauft wurde). Gruppen von Kindern, Hunde sind auf der Straße unterwegs, die zur Schotterpiste geworden ist, und laufen die Böschung hinauf. Der Weg steigt an. Wir befinden uns erneut über der Stadt, ihren Eisenbahnschienen und Wohnhäusern. Dann sehen wir ein Gitter, eine Art Parkplatz und ein weißes längliches Gebäude: Es gehört zum Friedhof. An ihm befindet sich eine hebräische Inschrift, die uns mitteilt, wir sind angekommen.
Das Tor, das durch das Gitter führt, ist mit einem Schloss abgeriegelt, genau wie die Tür zum Gebäude. Wir kommen zu spät. Der Friedhof schließt um 14 Uhr, steht auf einem Schild. Doch ich fühle mich wohl hier. Der Taxifahrer hat den Motor (und das Taxameter) ausgeschaltet und wartet auf eine Reaktion von uns. Vor dem Tor ein weißer Brunnen mit einem Becken ohne Wasser. Hinter dem Gitter sehen wir die ersten Gräber und Inschriften. Auf dem Parkplatz machen sich einige Männer unter der Motorhaube eines Autos zu schaffen. Sie schauen von Weitem aus dem Augenwinkel zu uns herüber. Wir schauen sie ebenfalls an. In meinem Pseudo-Italienisch bitte ich den Taxifahrer, uns zur Synagoge zu fahren. Er fährt los, ohne über den Weg dorthin nachdenken zu müssen.
Wir werden einen anderen Tag – vor 14 Uhr – zum Friedhof zurückkommen, mit einem jüdischen Arzt und seiner Schwiegertochter. Wir werden langsam durch die Alleen gehen; ich werde Zeit haben (und hätte trotzdem gerne noch mehr Zeit, ich würde hier am liebsten Stunden verbringen und zurückkehren wie zu einem kostbaren Museum), die Grabinschriften zu lesen, auf Hebräisch, Rumänisch, Deutsch, Jiddisch, sogar auf Englisch (eine gedenkt eines Auswanderers nach Amerika, der zufällig bei einem Besuch in Jassy gestorben ist; eine andere verkündet: DEAD BUT NOT FORGOTTON [sic]). Ich entziffere eine nach der anderen, im Sonnenschein, mit den Füßen im zurückgeschnittenen Gesträuch, das die Wege versperrt. An einem Hang des Hügels ältere Grabsteine. Dort sind die Inschriften fast ausgelöscht; um einzelne Wörter zu entziffern, muss man sich etwas entfernen, die Augen zusammenkneifen und den richtigen Winkel finden. Kein Grab ist älter als aus dem 19. Jahrhundert: Ein älterer Friedhof unweit der zentralen Synagoge ist zerstört worden. Einige alte Grabsteine von dort wurden in der Stadt erhalten.
Auf einigen Gräbern weist eine Inschrift in hebräischen oder lateinischen Lettern (auf Rumänisch ausgesprochen wird das mit einer Cedille versehene »s« zu einem »sch«) darauf hin, dass die Person, die dort begraben ist oder derer dort gedacht wird, »al kidus hasem«, das heißt auf Hebräisch »al kiddusch haschem«, »für die Heiligung des Namens [Gottes]« gefallen ist, nach der rituellen Formel, welche die für das Festhalten an ihrem Glauben gestorbenen Märtyrer bezeichnet. Es sind die Opfer des Pogroms vom Juni 1941. Bei ihnen hat man nicht die Treue zum Judentum überprüft, bevor man sie umgebracht hat; man hat ihnen nicht die Konversion offengehalten (hier liegt der Unterschied zu den Bräuchen im Mittelalter, zur Verfolgung in Spanien).
In der Nähe des Eingangs zum Friedhof versammelt ein gesondertes Karree, auf das eine Tafel hinweist, die Gräber der jüdischen Soldaten in der rumänischen Armee, die im Krieg von 1916–1918 gestorben sind (Rumänien ist im August 1916 gegen Österreich-Ungarn in den Krieg eingetreten, um Siebenbürgen zu erkämpfen). Der Arzt schlägt vor, ein Foto zu machen. Ich lehne ab: Ich muss niemandem etwas beweisen, indem ich die Anzahl der Gräber geltend mache, ich muss niemandem die Loyalität der rumänischen Juden nachweisen. Man erkennt jedoch angesichts des sorgfältig hervorgehobenen Karrees, dass sich diese Frage sehr wohl gestellt hat. Vor einem Denkmal weiter unten bedecken große Platten die Massengräber der Opfer des Pogroms.
Der Arzt sagt ruhig (vorhin am Steuer wirkte er noch hektisch): »Das ganze jüdische Volk ist da.« In der Tat sind hier deutlich mehr Juden als in der Stadt unten. Doch das ist wahrscheinlich nicht, was er sagen möchte. Ich frage nicht nach, was er meint. Sind Verwandte von ihm hier begraben? – Nein, seine Eltern sind in Israel gestorben. – Wo war er während des Krieges? – »Ich war Militärarzt, man hätte mich nicht ausreisen lassen. Und außerdem hat mein Sohn in Jassy studiert, er hat es zu etwas gebracht. Ich selber arbeite noch und diene der Gemeinschaft als Arzt. Warum sollte man weggehen?«
Der Friedhof, so friedlich unter der endlich frühlingshaften Aprilsonne (der Winter war lang, so lang, wurde uns gegenüber seufzend immer wieder betont, als ob man sich nicht beeilen wollte, ihn zu vergessen), ist mit all seinen Namen so lebendig wie eine Stadt, eine Stadt, wo jeder, zumindest jede Familie, Recht auf einen angestammten Platz, Grabstein und Namen hätte. Der Friedhof ist reich an Namen, Jahren, Daten, Lebensdauern. Menschen aus unterschiedlichen Zeiten liegen hier beieinander, einige dieses Jahr gestorben, andere vor siebzig Jahren, einige vor mehr als einem Jahrhundert geboren, andere nach dem letzten Krieg. Der Frieden, den sie alle genießen, geht auch auf mich über. Er ist wohlverdient; der Frieden, der ihre Stimmen zum Schweigen bringt und sie – ungerechterweise – alle gleich behandelt, besänftigt den Aufruhr in mir. Er tut mir gut. Die junge Frau, die mit uns und ihrem Schwiegervater unterwegs ist, gesteht gegenüber S., dass sie nicht gerne auf Friedhöfe gehe, dass sie die Vorstellung bedrücke, dass ein ganzes Leben, alle Bemühungen, alles Gelernte, alle Bedenken und Zweifel (vor denen sie sicherlich trotz ihrer spontanen Fröhlichkeit nicht gefeit ist) in diesem Nichts münden, in diesen Grabsteinen und der geschwätzigen oder anmaßenden Eitelkeit ihrer Inschriften. Ich bin versucht, ihr meine innere Ruhe mitzuteilen. Ich würde ihr sagen – aber ich bin so klug, ihr nichts zu sagen und ihr nicht meine armseligen »Ideen« aufzudrängen –, dass der Gedanke mir Freude bereitet, dass das Leben in diesen Steinen mündet, in diesen Inschriften, die hier oben auf dem Hügel darauf warten, dass der Regen des Himmels sie auslöscht.
Zur Synagoge von Jassy sind wir während unseres kurzen Aufenthalts drei Mal gegangen. War die jüdische Vergangenheit derart wichtig für uns? Vielmehr hofften wir, dass sich durch sie ganz allgemein die Vergangenheit für uns öffnet. Wir hofften, und wurden darin nicht enttäuscht, hier ein lebendiges Gedächtnis, ein gegenwärtiges Bewusstsein für die Vergangenheit, ein den Blick auf sie eröffnendes Fenster zu finden.
Am Unabhängigkeitsboulevard, Bulevardul Independenţei, gelegen, ist die mittlerweile einzige Synagoge von Iași den Bewohnern der Stadt bekannt. Selbst diejenigen, die sie noch nie besichtigt oder näher angeschaut haben, kennen sie, sind an ihr vorbeigegangen und erkennen sie anhand ihrer mit Zink gedeckten und mit einem großen eisernen Davidstern versehenen Kuppel. Die Studentin, mit der wir darüber sprechen, kennt sie ebenfalls, auch wenn sie seltsamerweise hinzufügt: »Mir wurde gesagt, dass es in Iași 21 Synagogen geben würde« (meint sie: früher gegeben hätte?), »ich kenne aber nur diese.« Das Gebäude liegt auf einem Rasenhügel abseits der Wohnhäuser. Am Eingang weisen eine Gedenktafel auf Rumänisch und eine auf Hebräisch darauf hin, dass die Synagoge, die 1671 an einem Standort, wo sich bereits 1580 eine andere befunden hatte, fertiggestellt, durch das Erdbeben vom 4. März 1977 (die Region ist Erdbebengebiet) beschädigt und auf Initiative des Dr. David Moses Rosen und dank der Großzügigkeit des Apothekers Dr. Koifman Shmuel restauriert wurde. Sie umfasst mehrere Räume. Als erstes haben wir am Samstagmorgen einen kleinen Gebetsraum gesehen, in dem das Licht angeschaltet war (draußen strahlte die Sonne) und in dem etwa 15 fast ausschließlich sehr betagte Männer beteten.
Wir werden draußen von einem freundlichen älteren Mann empfangen, der zwar kein Französisch spricht, aber Deutsch, Jiddisch und Hebräisch. Er lässt uns eintreten und findet für S. einen diskreten Platz in einer Ecke (keine einzige Frau ist anwesend). Er weist mir einen Stuhl und ein Lesepult zu und reicht mir ein Gebetbuch, damit ich folgen kann. Wir treffen im Moment der Toralesung beim Gottesdient ein. Es ist ein Abschnitt aus dem Levitikus, in dem es um die Ausübung des Kults im Tempel geht. Derjenige, der laut aus der Tora vorliest, ist ein junger Mann, gelehrt genug, um den Text von der Tora-Schriftrolle zu lesen (die schwierig zu lesen ist, da ohne Vokalisierung) und ihn anzustimmen, indem er sich nach den Neumen richtet. Doch er ist kein Fachmann und ist sich nicht immer ganz sicher: Hin und wieder vokalisiert er falsch und spricht beispielsweise anstelle eines e ein a aus. In dem Augenblick wird er von einem seiner beiden Nachbarn korrigiert, die jeweils über einer vokalisierten Fassung der Tora sitzen: Der eine ist genauso jung wie er, der andere ein sehr alter Mann, der mit Hilfe einer Lupe liest. Die Korrekturen sind gebieterisch; der Vorleser befolgt sie, indem er etwas im Text zurückgeht und das falsch ausgesprochene Wort oder eine Wortgruppe wieder aufnimmt (um nicht nur die Aussprache, sondern auch die Melodie des Verses richtig wiederzugeben). Die ganze Versammlung – mich eingeschlossen – lässt sich bereitwillig auf das Spiel ein, auf die Ausübung, das Spiel des heiligen Gottesdiensts, jeder dem vor ihm liegenden Text folgend, denn es ist ein Vergnügen, im Gottesdienst zu folgen (andernfalls zieht er sich in die Länge und man verliert das Interesse an dem, was vor sich geht); aber auch weil jeder die Bedeutung der Sache spürt: den Text korrekt lesen, hier in Iași, in dieser winzigen Versammlung, der Erbin einer einstmals mächtigen und vielfältigen Gemeinschaft. Den Text korrekt lesen, um die Kraft der Vergangenheit zu wahren (die den Menschen anvertraut ist, von ihnen abhängt) und sie der Zukunft zu übermitteln.
In diesen Momenten (während des Lesens) fühle ich mich vollkommen wohl. Ich weiß, was zu tun ist, ich verstehe, was wir machen, und begreife selbst, welch großen Wert man dem Gebot der Korrektheit und Präzision beimessen kann: Es ist so einfach (man verspricht sich) und vermeintlich so verzeihlich, bei einer Silbe, einem Vokal einen Fehler zu machen; man hat den Eindruck, dass das Wesentliche, stabil wie es ist, bestehen bleibt und nicht einstürzen kann. Doch die Änderung eines Vokals verändert den Sinn des Wortes und macht den Satz unverständlich. Schlimmer noch, sie kann ihm einen gänzlich anderen Sinn geben. Und so würde, wie eine Mauer, deren Ziegelsteine nicht überwacht und bei Bedarf ausgetauscht werden, das Bauwerk allmählich in sich zusammenstürzen.
Das Schlimmste wäre, sich nicht korrigieren zu lassen, vorzugeben oder zu glauben, die eigene Aussprache wäre richtig, und das Eingreifen der beiden freiwilligen Korrektoren abzulehnen. In der Synagoge von Jassy macht das niemand: Ärzte, Anwälte und vor allem die zwei so erfahrenen Novizen, mögen sie vielleicht anderweitig noch so eingebildet und überheblich sein, nehmen es allesamt gerne an, den Wortlaut des Textes über ihr Selbstwertgefühl zu stellen. In diesen Minuten jedenfalls ist die Gemeinschaft eine Gemeinschaft um einen Text. Ich werde vom Vorleser zurechtgewiesen, als ich zur Tora gerufen werde, um das Gebet vor und nach der Lesung des Toraabschnitts zu sprechen, weil ich mich nicht mehr an die rituellen Gesten erinnere: mit einem der Enden des Schals die Stelle auf dem Pergament zu berühren, an der der vorzulesende Text beginnt, und fest den hölzernen Griff der Rolle zu halten, damit sie offen daliegt. All die Objekte umgeben und helfen uns: der bestickte Samtvorhang, altmodische Kronleuchter, mit Respekt behandelte Gebetsbücher, Inschriften an den Wänden, ein aus Silber gefertigter Torazeiger, der dazu dient, das gerade zu lesende Wort auf der Pergamentrolle anzuzeigen; und die Buchstaben selbst, die eine sorgfältige fromme Hand mit Tinte gemalt hat, ohne einen Fehler zu machen. Diese Buchstaben sind nicht mehr wert als ein einziges Menschenleben. Doch die jüdischen Leben hängen von ihnen ab.
Ein anderes Mal haben wir dank Dr. Silviu Sanie das ganze Gebäude besichtigt und sind in das kleine Museum gegangen, das im hinteren Bereich eingerichtet wurde, in der Galerie, die früher den Frauen vorbehalten war, um zu verhindern, dass sie mit den Männern im gleichen Saal beten, was die Tradition verbietet. Von dieser erhöhten fensterlosen Galerie aus erblickten wir den Hauptgebetssaal der Synagoge, viel weiträumiger als der andere, mit dem Gefühl, die Vergangenheit öffne sich uns, unerreichbar, aber nah und mannigfaltig. Zwar nicht vollständig oder intakt, aber mit Liebe gehegt und gepflegt. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft in der Stadt fanden wir ein offenes Fenster zur Vergangenheit. Da das Gebäude klein war und wie zusammengedrückt, der Boden leicht unterhalb des Niveaus der Straße und die Mauern fast ohne Öffnung (das von mir erwähnte Fenster lag drinnen), kam es uns vor, als ob wir etwas wahrhaftig Intimes betreten. Das Museum ist eine Art Privatmuseum, ohne Öffnungszeiten, Kasse und Eintrittskarten. Es ist mit Dr. Sanie und seiner Frau verbunden, die es gegründet und eingerichtet haben und auf es aufpassen. Der Eindruck, den ein offizielles Museum hervorrufen würde, wäre wahrscheinlich weit weniger glaubwürdig.
Dr. Sanie läuft vorweg, er hat bereits das Schloss der kleinen Tür im Gitter vor der Synagoge geöffnet. An der Rückseite des Gebäudes liegt ein kleiner Garten, dessen umgepflügte Beete zur Straße hin ansteigen, hinten eine Hütte, neben der ein angebundener Hund bellt (ein nicht-jüdischer Wachmann kümmert sich um das alles; bestimmt ist er es, der am Samstagmorgen den Gläubigen die Tür der Synagoge aufschließt und das Licht anmacht, da sie es an diesem Tag nicht dürfen). Dr. Sanie trägt einen Aktenkoffer. Er öffnet nun ein zweites Schloss, sodass der Zutritt zum Raum des Museums frei ist. Diese Schlösser (als ob man eine Kellertür oder ein Scheunentor aufschließen würde) lassen vermuten, dass das Gebäude nicht häufig offen ist oder es sich auf fremdem Boden befindet. Er betritt das Museum ohne Hut oder andere Kopfbedeckung, was ich etwas schockierend finde, doch die Tatsache, dass er die Schlüssel zur Synagoge und zum Museum hat, gleicht das wieder aus.
Dr. Sanie ist klein und wohl um die fünfzig. Mit ernster Miene beginnt er unverzüglich damit, uns die Gegenstände und Vitrinen zu zeigen, uns Erklärungen zu geben. Er ist geduldig und bedachtsam. Sein Lächeln zeigt er nur in kurzen, aber bedeutungsvollen Momenten der Entspannung, als er feststellt, dass unser Interesse nicht nur flüchtig ist.
Das Museum ist ärmlich (wenig Platz, wenig Geld, wenige Gegenstände) und insofern kostbar, als es Zeugnisse vor dem Untergang und der Zerstreuung bewahrt hat und nun in sich vereinigt, von denen mir keines belanglos scheint. Ich mag und begrüße hier alles, was historisch ist, und führe mir die Geschichte der Gemeinschaft vor Augen: von der osmanischen Epoche bis in die jüngste Zeit, von dem Schriftstück, mit dem sich der Gouverneur Fuad an die Goldene Pforte wandte, um die Bitten der Juden von Jassy um mehr Rechte und ein Ende der Schikanen zu unterstützen, bis hin zu den Fotos von Besuchen ehemaliger Stadtbewohner oder von bekannten Persönlichkeiten aus Israel oder den USA in Iași, und im Vorbeigehen die Sternstunden, die die Gemeinschaft erlebt hat (zum Beispiel der offizielle Besuch von Königin Maria, den sie in Begleitung hoher Würdenträger des Königreichs in den 1920er-Jahren der Synagoge abgestattet hat). Ich bin etwas unruhiger, als wir in den ersten Stock hinaufgehen. Denn hier befinden sich die religiösen Gegenstände: bestickte Vorhänge zum Umhüllen des Schreins, in dem die Torarollen aufbewahrt sind, ein Silberbecher für das Ritual des Purimfests. Sie befinden sich hier nicht als Antiquitäten, sondern als Zeugnisse einer Religion, die ihrerseits längst vergangen und historisches Objekt geworden wäre: Dabei haben wir doch an einem der vorangegangenen Samstage am Gottesdienst teilgenommen! Die Vorstellung eines Judentums, das aufgehört hätte, zeitgenössisch und lebendig zu sein, erscheint mir kränkend und beleidigend. Ich muss die Absicht dahinter falsch verstanden haben.
Das Museum ist nämlich nicht nur Museum: Es ist eine Arche, es beherbergt, was vom Kultus überbleibt, so wie der synagogale Kultus in sich den Kultus des Tempels birgt, den er ersetzt und dessen er gedenkt. So legte die anderntags gelesene Stelle aus dem Levitikus detailliert die Opferriten dar, die im Tempel praktiziert werden mussten – jedoch nicht mehr befolgt werden, zumal in einem Tempel, der nicht wieder aufgebaut wird, ohne dass dadurch aber seine spirituelle Strahlkraft verloren ginge. Das Museum ist zudem Ort des Gedenkens; Dr. Sanie und seine Frau haben an einer Wand Plaketten aufgereiht, von denen jede den Namen eines Opfers des Pogroms vom Juni 1941 trägt. Sie haben die Namen gesammelt, die Plaketten angefertigt oder anfertigen lassen, die Namen eingraviert oder eingravieren lassen, sie an der Wand angebracht, und ein kleiner Lichtschalter erlaubt es, eine Lampe und die Inschrift »In ewiger Erinnerung« erstrahlen zu lassen. In einer Vitrine antwortet ein älteres Denkmal auf Fragen, die sich mir auf konfuse Weise in Bezug auf die Exaktheit des Andenkens gestellt haben: Auf einem kleinen Plakat sieht man, dass im Juni 1945 die Zunft der jüdischen Schneider anlässlich einer Gedenkveranstaltung eine Liste ihrer im Juni 1941 getöteten Mitglieder herausgibt. Unten auf der Liste steht ein diskreter Hinweis auf Rumänisch (den ich aber problemlos verstehe), mit dem sich die Verfasser des Dokuments im Vorhinein entschuldigen: »Wir bitten die Familien der Opfer, deren Namen vergessen wurden, vielmals um Entschuldigung.« Es wäre wirklich gut, wenn Gedenk- und Grabinschriften jeglicher Art diesen Vorbehalt, diese Einschränkung beinhalteten, anstatt, wie es häufig der Fall ist, lauthals die Wahrheit und Gültigkeit ihrer Aussagen zu beteuern; anstatt sich für die (heilige) Schrift selbst zu halten.
Dieses winzige, fast schon Miniatur-Museum umfasst einiges von dem, was einst in differenzierter Art und Weise in der ganzen Stadt, die uns umgibt, verteilt war. Die Zeugnisse hier sind für unsere Blicke zusammengestellt, anstelle der Gegebenheiten, die sie hervorgebracht haben: Schulen, Krankenhäuser, Synagogen (jede von ihnen berühmt durch ihren Rabbiner), Berufsverbände, Wohltätigkeitsgesellschaften, politische Parteien, Glaubensgemeinschaften, Gewerkschaften. Eine gewisse Leidenschaft zur Organisation manifestiert sich hierin, die wahrscheinlich nichts anderes ist als die Leidenschaft für das städtische und soziale Leben. Außerdem gibt es kleine Läden, große Warenhäuser, Industrie; Theater (die Statue Abraham Goldfadens, des Gründers des jiddischen Theaters in Osteuropa, steht im Park nahe der Oper), Zeitungen, Zeitschriften, Kulturvereine, und die Bücher oder Artikel von Wissenschaftlern oder Schriftstellern, die man der Gemeinschaft zuzählen kann (Benjamin Fondane, alias Fundoianu, geboren unter dem Namen Wechsler, findet sich hier natürlich), und die Porträts von Medizinern, Gemeindevorstehern, Politikern … Ein Volk? Bestimmt; aber so ungemein konzentriert und in sich selbst so viele Unterschiede wie nur möglich vereinend. Eine Art Volk in Miniatur, wie ohne Unterlass damit beschäftigt, sich von sich selbst zu unterscheiden. Hier im Museum dagegen versammelt die beinahe verstorbene Gemeinschaft ihre Ehrentitel und stellt sie aus; sie zeigt ihre Papiere; ihren Personalausweis; sie demonstriert ihre Daseinsberechtigung.
Eine der Freuden, die ich beim Entziffern der dort präsentierten Dokumente empfinde, ist, dass sie in so vielen Sprachen und mit so unterschiedlichen Schriftzeichen verfasst worden sind. Auf Hebräisch selbstverständlich (nicht nur die Bibeln, Talmud-Bücher, Kommentare oder Gebetsbücher, sondern auch offizielle Dokumente, Zeitungen, profane Bücher), auf Jiddisch, auf Deutsch, auf Rumänisch; sogar auf Rumänisch, das in hebräischer Schrift geschrieben ist, oder umgekehrt, hier ein jiddischer Text auf zwei Spalten gedruckt, links in lateinischer Schrift (auszusprechen wie im Rumänischen), rechts in hebräischen Buchstaben. Und auf den Titelseiten treten die Buchdruckereien in Erscheinung, diese Säulen des jüdischen Lebens, deren Entwicklung parallel lief zu jener der europäischen Druckindustrie und von dieser im Allgemeinen missachtet wurde.
Eine kleine Vitrine ist den »Freunden der Juden« gewidmet: Gesichter von Ärzten, Professoren, ehrenwerten und bewundernswerten Personen. In kritischen Momenten haben sie ihre Türen geöffnet, eine Zuflucht angeboten. Wie auf dem Friedhof würde ich gerne alle Namen entziffern und aussprechen und mich an sie erinnern (genau weil dies unmöglich ist, wurde die Schrift erfunden und kann man mit ihr dem Guten dienen). All diese Vitrinen wirken ein wenig wie Vitrinen der Insektenkunde, in denen wertvolle Schmetterlinge ausgestellt und mit Etikett versehen sind. Wenn nicht auch wir, die vor der Vitrine vorbeigehen, Schmetterlinge sind.
Eine Informationstafel nennt die Zahlen der jüdischen Bevölkerung von Jassy. Ich blieb einige Momente stehen, um sie vor dem Rausgehen für mich, für Sie zu notieren: 1803: 2.420 Familienoberhäupter. 1831: 17.750 Personen. 1899: 39.400 Personen. 1921: 43.500 Personen. 1941: 35.400 Personen. 1947: 30.000. 1980: 1800. 1996: 600 Personen. Großes Wachstum zwischen 1803 und 1831 und vor allem am Ende des Jahrhunderts, in den Jahren 1870–1880 (das ist das Zeitalter der Urbanisierung); starke Abwanderung in Richtung Westen im Jahr 1899, dann gen Israel in den 1960er-Jahren, was zur heutigen Situation geführt hat.
UN ECRIVAIN AUX AGUETS – ANTHOLOGIE de Pierre Pachet, S. 254–267. © Pauvert, département des éditions Fayard, 2020. ↩︎
Ich hatte Unrecht, dies zu schreiben: Keiner der Straßennamen erinnert an die kommunistische Zeit. Die Stadtverwaltung (wir trafen den Bürgermeister bei unserem Abendessen im französischen Restaurant) gab ihnen ihre alten Namen zurück. Ich konnte dies anhand der Wiederlektüre von Malaparte überprüfen, in dessen Text mir die Straßennamen des zeitgenössischen Iași begegneten: Piața Unirii (Platz der Einheit), strada Lăpușneanu (ein Fürst aus dem 16. Jahrhundert). ↩︎
Der Arzt bemerkte mir gegenüber, dass man aus dieser Aneinanderreihung an ehemaligen Herrschern die Statuen der rumänischen Könige entfernt hatte: Die aktuelle Regierung fürchtet, vielleicht zu Unrecht, die Popularität der königlichen Familie. ↩︎
Curzio Malaparte: Kaputt. Frankfurt a. M., Fischer, 2013, S. 129. ↩︎
Ebenda, S. 175. ↩︎