https://doi.org/10.82486/sp.2025.10.345

Bayern und Görz

Zwischen Bayern und der Stadt sowie der Grafschaft Görz (it. Gorizia, sl. Gorica) bestanden bereits im Mittelalter intensive dynastische, ökonomische und militärische Verbindungen. In Görz regierten zu jener Zeit die Meinhardinger, ein aus dem Niederadel emporgestiegenes Grafengeschlecht, das seinen Namen durch das häufige Vorkommen des Vornamens „Meinhard“ erhalten hatte, oft aber auch einfach nach seinem Vorort „Grafen von Görz“ genannt wurde. Der genaue Ursprung dieser Familie ist in der Fachwelt umstritten; Tatsache ist jedoch, dass sie ab 1130 in Görz, ab 1253 zusätzlich in Tirol und ab 1286 in Kärnten regierten. Im Herzogtum Bayern bekleideten sie vor dem Machtantritt der Wittelsbacher im Jahr 1180 eine Zeit lang das Pfalzgrafenamt. Von der Kärntner Familie der Eppensteiner übernahmen die Grafen von Görz das rot-weiß-rot quergestreifte Wappenschild, das später zur Grundlage des österreichischen Wappens und der österreichischen Flagge wurde. Zeitweilig reichte das Gebiet der Grafschaft Görz vom Tiroler Inntal bis zur Adria. Als Mitte des 13. Jahrhunderts die bis dahin mächtige Familie von Andechs-Meranien mit dem Tod des Herzogs Otto II. (vor 1226–1248) erlosch, gingen zahlreiche ihrer Besitzungen an die Görzer über, unter anderem Anteile in Istrien, in der Gegend um Mitterburg (kr. Pazin, it. Pisino). 

Da es schwierig war, dieses große, durch mächtige Gebirgszüge unterteilte Territorium in einer Hand zusammenzuhalten und zu verwalten, vereinbarten Graf Meinhard II. von Tirol (um 1239–1295) und sein jüngerer Bruder Albert (um 1240–?) eine Aufteilung der Besitztümer: Meinhard behielt Tirol, während Albert die Grafschaft Görz mit den italienischen Anteilen und einer zum Teil slawischen Bevölkerung übernahm. Die von ihm begründete Albertinische Linie der Grafen von Görz regierte in Görz selbst noch bis zum Jahr 1500, ehe die Grafschaft in die Hände der Habsburger fiel. Lediglich 1508/09 übte dort kurzzeitig die Republik Venedig die Macht aus. Für die kommenden Jahre bis zum Ersten Weltkrieg blieben dann die Habsburger die Landesherren. Tirol war bereits 1363 habsburgisch geworden. 

Der oben erwähnte Meinhard II. von Tirol und Görz regierte in einer Zeit extremer Spannungen im Heiligen Römischen Reich. Er wurde der zweite Ehemann der Prinzessin Elisabeth von Wittelsbach (um 1230–1273), einer Tochter von Herzog Otto II. „dem Erlauchten“ von Bayern (um 1206–1253) und dessen Gattin Agnes von der Pfalz (?–1267). Elisabeths erster Ehemann war Konrad IV. (1228–1254), ein Sohn des großen Staufer-Kaisers Friedrich II. (1194–1250), gewesen. Konrads und Elisabeths gemeinsamer Sohn war der unglückliche Konradin (1252–1268), der 1267 nach Italien aufgebrochen war, um das staufische Erbe für sich wieder in Besitz zu nehmen. Von vielen seiner Gefolgsleute im Stich gelassen, erlitt er am 22. August 1267 in der Schlacht von Tagliacozzo eine vernichtende Niederlage gegen die Angevinen, wurde im Castel dell’Ovo in Neapel gefangen gesetzt und in dieser größten Stadt Süditaliens schließlich wie ein Verbrecher hingerichtet. Der gewaltsame Tod des jugendlichen Herrschers bedrückte die Mutter Elisabeth in doppelter Hinsicht: Sie hatte versucht, ihm von seinem Zug über die Alpen abzuraten; ihr zweiter Ehemann Meinhard war einer jener Vertrauten, die in Norditalien zurückgeblieben waren, ohne ihm zur Seite zu stehen. Zur Erinnerung an Konradin errichtete Elisabeth 1272 im Inntal das Kloster Stams, das zur Grablege mehrerer Tiroler Grafen wurde. 

Während Tirol aufgrund seiner reichen Bodenschätze – mit Silberbergwerken im Inn- und im Eisacktal – im späten Mittelalter als sehr wohlhabend galt, konnte sich das von der Albertinischen Linie regierte Görz nicht auf eine vergleichbare ökonomische Basis stützen. Im Süden von der mächtigen Republik Venedig, im Westen vom Patriarchat von Aquileia, im Norden und Osten von den aufsteigenden Habsburgern herausgefordert, wurde die Grafschaft Görz bis 1500 mehrfach aufgeteilt. In der Stadt Görz erinnert bis heute das mächtige Castello di Gorizia, die Görzer Burg, an die lang währende Herrschaft und Präsenz des Grafenhauses. Zunächst wurde der mächtige Bergfried errichtet, im 13. Jahrhundert durch einen Palas ergänzt. Erweiterungen erfolgten unter venezianischer und habsburgischer Regie. Ab dem 17. Jahrhundert war die Burg keine Residenz mehr, sondern diente als habsburgische Kaserne und als Gefängnis. Nach den Zerstörungen im Ersten Weltkrieg entschlossen sich die italienischen faschistischen Denkmalschutzbehörden in den 1930er-Jahren für eine historisierende Rekonstruktion – die Burg sollte wieder so aussehen, wie sie sich Besuchern im Mittelalter unter Umständen dargeboten hatte. 

Abb. 1: Görtz in Friaul. In: Matthaeus Merian: Topographia Provinciarum Austriacarum. Frankfurt am Main 1679, S. 20 (Wikimedia Commons) 

Eine tragische Verbindung zwischen Görz und Bayern im 20. Jahrhundert soll nicht verschwiegen werden. Nach dem Frontwechsel Italiens von den Mittelmächten zur Entente am 23. Mai 1915 verwickelten die italienischen Truppen die Einheiten Österreich-Ungarns entlang des Flusses Isonzo (sl. Soča) in einen monatelangen Stellungskrieg. In elf Isonzo-Schlachten erlitten die Heere beider Seiten schwere Verluste, ohne dass sich am Frontverlauf große Veränderungen ergeben hätten. Die deutsche Heeresführung entschloss sich daher im Sommer 1917, mit deutschen Truppen den österreichisch-ungarischen Verbündeten zur Hilfe zu kommen. Eine wichtige Rolle bei dieser Gegenoffensive vom 24. bis 27. Oktober 1917, die den Stellungs- in einen Bewegungskrieg verwandelte, spielte der bayerische Befehlshaber Konrad Krafft von Dellmensingen (1862–1853), zuvor Kommandierender des Deutschen Alpenkorps. Unter den deutschen Soldaten befanden sich sehr viele Bayern, die unter anderem auch in die Schlacht von Karfreit (sl. Kobarid, it. Caporetto) involviert waren. In diesem Frontabschnitt der Zwölften Isonzoschlacht setzten die deutschen Truppen neben klassischer Artillerie auch Gaswerfer ein, mit deren Hilfe sie die Italiener mit Giftgasgranaten traktierten. Im heute slowenischen Kobarid entstand 1990 ein inzwischen mehrfach ausgezeichnetes Museum (Kobariški muzej), das sich diesem einschneidenden Ereignis aus der Perspektive aller beteiligten Seiten widmet und sich angesichts der historischen Ereignisse in der Region als Institution begreift, die zum Frieden mahnen möchte. Görz, das im Sommer 1916 unter starken Zerstörungen im Stadtbild von den Italienern eingenommen worden war, geriet im Zuge der Zwölften Isonzoschlacht wieder zurück an Österreich-Ungarn, das die Stadt aber im Friedensvertrag von Saint-Germain an Italien abtreten musste.