https://doi.org/10.82486/sp.2025.11.693

Gedichte

Adagio

Wo am Morgen noch Hunderte kleine

Welten waren, herrscht ein abendliches Grau,

das an Formlosigkeit nicht zu übertreffen ist.

Ein alter Freund, der sich erinnert hat, dass auch ich

Optimist bin, kommt vorbei, um mit mir

ein paar Manhattan zu trinken. Ich stamme aus einer

romantischen Familie, die glaubt, wenn die Wahrheit

immer stimmt, muss etwas mit ihr nicht

in Ordnung sein. Jeden Vormittag sitze ich

im Café und verbreite für all jene Gerüchte, die ohne

Gerüchte nicht leben können. Ich wurde schon

des Öfteren gewarnt, meine rechte Hand könnte eine

Katastrophe auslösen, wenn ich nicht winke.

Ich überlasse das Sagen den Dichtern, auf mich kommt

es sowieso nicht an. Im Traum brauche ich mehr Welt

zum Atmen, und in letzter Zeit erscheint immer

ein Pferd, das der Frühling vergessen hat, grün

anzustreichen, und das sich deshalb selbst grün anstreicht.

In der Kindheit habe ich schöne Schauerstunden

in den Bergen erlebt, und ich glaube, wer nicht

mindestens sieben Mal dem Tod in die Augen gesehen hat,

hat keine Ahnung vom Leben. Es wäre an der Zeit,

wieder einmal zu beweisen, dass Nichtstun jede Art

von Zerstörung vermeidet. Die Züge kommen zu spät,

das Vertrauen kommt zu früh, und die Liebe steigert sich

von einer Weltfremdheit in die andere. Und was

ich sicher weiß, ist, dass vieles, das gar nicht existiert,

wie Gott etwa, eine Menge in Bewegung setzt.

13. Elegie

Wer mich sehen möchte,

muss durch meine Augen wie durch

ein Fenster in mein Innen kriechen.

Dort irgendwo muss ich sein.

Er kann mir helfen, nachzusehen in den vielen

Koffern, wie viele Heimaten ich schon

verschenkt habe und wie viele noch

geblieben sind. Immer öfter denke ich nach, welche

Romanfigur ich sein könnte,

wenn ich eine Romanfigur sein müsste.

Auf dem Bahnsteig warten ungeduldig Illusionen,

dass endlich die erwartete Illusion einfährt.

Jeder wäre gern eine Erinnerung

im Tagebuch eines andern,

und wie jeden Morgen

muss auch am Abend die Welt überredet werden,

nicht in ein schwarzes Loch zu fallen.

Ich habe Angst, nach jedem dritten Gong

im Traum die Identität wechseln zu müssen.

Wie drei junge Norweger stehen am Ortseingang

drei Birken und beraten sich.

Versehentlich wurden bei der Planung der Zukunft

zwei Richtungen vergessen.

Es ist März. Und wie immer will mehr

aus meinem Innen nach Außen als vom Außen

in mein Innen. Ich bin wohl jemand,

in den sich jeder zweite Zweifel verliebt.

Und seit jemand auf mich wartet, sieht die Straße

ganz anders aus,

in der jemand auf mich wartet.

17. Elegie

Da wäre sicher etwas dran,

wenn jemand sagte, der Morgen ist

ein Euphemismus. Doch niemand sagt etwas.

Wir haben uns schon daran gewöhnt,

dass es immer die andern sind und nicht wir.

Es ist nicht unser Gefühl von Sommer,

es sind immer unsere

unverständlichen Worte im Schlaf,

vor denen die Träume sich erschrecken.

Und immer, wenn wir etwas zeichnen,

zeichnen wir unsere Seele, ohne es zu wissen.

Wir sind nicht imstande, richtig zu zweifeln,

wir sind nicht imstande, richtig nicht zu zweifeln.

Manchmal hängen von der einen

Seite des Tisches zur andern

Fliederzweige als Angebot der Versöhnung,

und manchmal schiebt die Zeit mich

vor sich her, als hätte ich

den Status eines Geduldeten.

Es ist ein großes Gedränge in der Welt,

die toten Sprachen müssen den lebendigen Platz machen.

Und höre ich deine Schritte

in der Küche, weiß ich, vieles ist nicht so,

wie ich denke. Ich muss Sätze finden,

die lang genug sind, um dich zu erreichen, und kurz genug,

um nicht über das Ziel hinauszuschießen.

18. Elegie

Ich kenne gut diese Tage, an denen

pünktlich nichts kommt. Es nieselt schon

seit Tagen, und man schläft lieber, als nichts

zu tun. Man schiebt selbst die Liebe

hinaus auf ein Später, das nie kommen wird.

In der linken Hand ist ein Zittern

zu spüren, als zerrte an ihr Paganini.

Jemand ruft jemanden mit dünner Stimme,

als wäre die Trauer beim Trauern verunglückt.

Man ist so lustlos, dass selbst den Träumen

die Lust vergeht, zu kommen. Und wir sind überzeugt,

dass an solchen Tage die Märchen

entstanden sind. Nachts so gegen drei

bitten mich die Dinge, ich möge sie aus den

Vorurteilen befreien und in neue Zusammenhänge

stellen. Und draußen nieselt es, eine metaphysische

Arroganz spielt jeden Morgen das Lied vom Tod,

und wieder kommt pünktlich nichts.

24. Elegie

Der Herbst rollt die Blätter ein,

als wollte er die Zeit in kleine Pakete

packen und verschicken.

Gegen Mittag hat die Sonne Haare und Lippen

von der jungen Brigitte Bardot,

und unsereins kann nur sagen, Chapeau,

denke ich, während ich an den Zaun pinkle.

Wir hätten noch viel von Gott zu lernen

und er von uns, glaubt ein Mönch

im Park, ich glaube das nicht.

Erst dann wirst du zu dir finden, sagt der Meister,

wenn dir Hören und Sehen vergeht.

Die Weiden spielen Panflöte,

und im Grundwasser tanzen die Toten.

Nach dem Gottesdienst meinen alle

am Stammtisch, wenn es einen Robin Hood

unter ihnen gäbe, würden alle ihm bedingungslos folgen.

Der Nachmittag schmückt sich

mit fremden Federn, und die Kormorane segnen

mit ihrem Dünnschiss die ganze Gegend.

Das Nebenan ist die Metapher für Komplizenschaft

und hat aus meinen Notizblock die Worte

Flipflops, Gaunerei und B-Ebene übernommen.

Vielleicht müsste noch etwas Wehmut

in die ganzen Zusammenhänge. Oder?

26. Elegie

Besonders im Herbst habe ich

von vielem, selbst wenn es nie

begonnen hat, den Eindruck, es ginge mit ihm zu Ende.

Alles kann in die Irre führen, nur die Musik nicht.

Die Beweise, die ich dafür hatte,

sind mir bei den vielen Umzügen abhanden gekommen.

Jeder Sturm, dachte ich als Kind, sei eine

heftige Erkältung Gottes.

Wenn ich erwache, hänge ich noch eine Weile

am seidenen Faden dessen, was ich geträumt habe.

Hauptsache, es tut sich etwas,

sage ich immer, wenn eine Vase zerbricht oder

ein Stück Dachrinne herunterfällt.

Die beste Verständigung am Morgen ist das Schweigen.

Bei meiner Joggingtour diskutiere ich

am Kiosk mit Besserwissern über Nichtstuer.

Jeder Augenblick reicht einem andern

Augenblick etwas, das uns verborgen bleibt,

und ich starre auf einen Flecken an der Wand

wie jemand, der auf einen Flecken an der Wand starrt.

Ein alter Mann schiebt abwesend

seinen Besen auf dem Gehsteig hin und her

und redet mit der guten alten Zeit.

Ein Schutzengel versucht, zwischen die Gedenktage

auch eine kurze Pause einzuschieben,

es gelingt ihm nicht.

Die Vorsehung wünscht sich

ein genaueres Hinsehen von der Sehnsucht,

was auch Schostakowitsch von der Musik verlangte.

Einmal schlich sich so ein komisches Gefühl unter meinen

Regenschirm und blieb für immer.