Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, dass einige, die sich für das Thema „Donauschwaben“ interessieren, bei der Lektüre von Katherina Braschels autobiografischem Debütroman erfahren, dass es für non-binäre Menschen ein eigens eingeführtes Pronomen gibt: „dey“. (S. 21) Bei der ersten Verwendung werden viele denken, es sei ein Rechtschreibfehler, doch bei der 100. wird jeder Mensch kapiert haben, dass es kein Versehen ist. Er wird beeindruckt feststellen, dass sich eine junge Generation, die chattet und chillt, die auf coole Partys und in hippe Bars geht, die mit Redewendungen wie „What the fuck!“ kein Problem hat und für die WhatsApp so unerlässlich ist wie eine Toilette, an altbackenen Themen abarbeitet. Wer hätte das gedacht? Wegen des befremdlichen Wörtchens und der vielen Sternchen sollte keiner die Lektüre von Braschels Buch voreilig abbrechen und meinen, es handele sich um eine selbstgerechte junge Autorin, die über die alte beziehungsweise die verstorbene Erlebnisgeneration ein Urteil fällen will. Denn es scheint ihr bewusst zu sein, dass ihr das – in der Jetztzeit und unter sicheren Lebensumständen lebend – nicht zusteht. Braschel geht es nicht ums Urteilen oder Verurteilen, sondern um eine differenzierte Betrachtung der Thematik, in die sie emotional involviert ist und die sie deswegen mitnimmt, so dass der Ich-Erzählerin zuweilen sogar der Geschmack am Alltag sowie an Partys vergeht. Ihre Prioritäten sind plötzlich andere.
Ein Wort, beiläufig in der Straßenbahn aufgeschnappt, bleibt hängen: Donauschwaben. Wer es ausgesprochen hat, kann die Ich-Erzählerin Lina nicht rekonstruieren. Auch nicht, worum es in dem Gespräch der fremden Menschen ging. Die Brisanz des Themas zeigt sich an Linas Reaktion und am Echo, das Fragen von befreundeten, vertrauten Menschen in ihrem Inneren auslösen. Linas Umfeld weiß wenig über die Donauschwaben und die Ich-Erzählerin auch nur das, was sie von ihrer Mutter übernommen hat. Die Erklärung rattert sie dann meist herunter: „Donauschwaben sind unter den Habsburgern entlang der Donau angesiedelt worden […]. Meine Großeltern waren in Franztal, also Zemun, das ist ein Stadtteil von Belgrad, und 1944 sind die Donauschwaben, die noch dort waren, dann nach Österreich geflüchtet, die meisten Männer waren schon im Krieg, mein Opa auch. Nach 1945 waren sie dann eine Zeit lang staatenlos, viele sind auch in die USA und nach Kanada gegangen, aber meine Großeltern sind eben in Salzburg gelandet.“ (S. 8) Und dort ist Lina, die nun als Erwachsene in Wien lebt, geboren. Als Kind und Jugendliche fühlte sie sich in der donauschwäbischen Enklave in Salzburg heimisch – mit ihrem Donauschwabentum verbindet sie kein historisches Faktenwissen, sondern tiefe Emotionen. In ihrem Gedächtnis ist die Erinnerung an heitere donauschwäbische Treffen, Feste, Ausflüge nicht verblasst. Den donauschwäbischen Dialekt hat sie im Ohr und das „Gefühl, über den gestärkten und in Falten gelegten Stoff der Trachtenröcke zu streichen“, in den Fingern gespeichert. Sie war vor gar nicht so langer Zeit ein „gutes ‚Schwoowamoodl‘“ (S. 58): „Ich kann den Kinderstolz in meinem Bauchraum fühlen und spüre, wie nahe ich diesem Kind bin und wie sehr ich mich selbst damit befremde.“ (S. 59)
Das Mädchen, das Lina einst war, fühlte sich in der Gegenwart der verstorbenen donauschwäbischen Großeltern geborgen, die Unterfangen mit der donauschwäbischen Gemeinschaft boten ihm Halt. Doch nach 15 Jahren, kurz vor ihrem 30. Geburtstag, tauchen plötzlich die vielen Fragen auf – und Lina begibt sich auf eine lange, beschwerliche Reise, auf der sie innere und äußere Hürden überwinden muss.
Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Donauschwaben fordert Lina heraus – sie opfert dieser viel Zeit, geht in Bibliotheken, konsultiert Archive, besucht Museen, bestellt sich zig Bücher, lädt sich Beiträge aus dem Internet herunter, reist schließlich nach Belgrad und Semlin/Zemun, um das „Dahoom“ (S. 72), das ihre Großeltern idealisierten, zu erkunden. Das Thema wird zur Besessenheit und ergreift sie vollends – nur gut, dass sie auf ihrem Weg der Aufarbeitung von ihren „Freund*innen“ (S. 21) – Franzi, Alvin, Maria – konstruktiv unterstützt wird: mit guten Fragen und Anmerkungen, die viel Verständnis und Empathie verraten, mit Ablenkungen und Überraschungen. Ihre Recherchen und Pläne kann Lina ihrem Umfeld zumuten, so dass sie – trotz Abkapselungstendenzen und Rückzugsmanövern – sozial nicht vereinsamt. Das Geschenk der „Freund*innen“ (S. 21) zu Linas Geburtstag hätte passender gar nicht sein können: Es ist ein Gutschein für ihr Flugticket nach Belgrad.
Schwieriger erweist sich in dieser Recherchezeit der Dialog mit ihrer Mutter, der sich meist um Äußerlichkeiten dreht. Die Vögel oder Pflanzen im Garten und deren exakte Bestimmung scheinen der Mutter wichtiger zu sein, als das Opfernarrativ ihrer Eltern zu hinterfragen. Doch ist Lina mit Erklärungen, dass im Zweiten Weltkrieg „fast alle Donauschwaben […] zum deutschen Heer“ (S. 41) sind, nicht mehr zufrieden, auch nicht mit Begründungen wie „du musst dir ja vorstellen, die waren vorher dort sehr unterdrückt, die durften nicht deutsch sprechen auf der Straße, die Deutsche Schule wurde geschlossen und so weiter. Da war es klar, dass man sich fürs deutsche Heer entscheidet.“ (S. 41)
Lina will mehr wissen: Was haben ihre Großeltern über die Nationalsozialisten und die Konzentrationslager gewusst? Welche Rolle hatte der innig geliebte Opa, als er zum Militär ging? Doch getraut sie sich zunächst nicht, die Mutter direkt zu konfrontieren. Auch das Familienalbum schaut sich Lina nur heimlich an. Dort entdeckt sie ein Foto mit Runen und Totenkopf: Sollte der Großvater im Zweiten Weltkrieg zu den Totenkopfeinheiten der Nationalsozialisten gehört haben? Linas Ahnungen werden nach ihren intensiven Recherchen und ihrer Reise nach Belgrad und Zemun zur Gewissheit. Sie taucht in die Geschichte ihrer Familien ein, obwohl es schmerzhaft ist, das heile Bild in ihrem Inneren zu zerstören. Trotzdem riskiert sie es, denn nur Klarheit kann ihr helfen. Und durch die exzessive Beschäftigung mit ihrem Großvater wird sie ihrer Großmutter näherkommen: „Meine Oma hatte einfach keine Hobbys, keine eigenen Interessen unabhängig von meinem Opa, und als er tot war, da hatte sie dann nichts mehr.“ (S. 259), erzählt sie Franzi und kommt zu dem Schluss: „Das ist so eine deprimierende Frauen-Biografie, und dann hatte sie nicht einmal schöne Jahre im Alter, sondern wird quasi sofort dement und sitzt zwanzig Jahre da und alles ist scheiße für sie und wir sind scheiße zu ihr, wo sie sich doch immer gekümmert hat.“ (S. 261)
Linas Aufklärungsreise in die Vergangenheit ist ein Leidensweg – Katherina Braschel gelingt es, die Gefangenheit und das Gespaltensein ihrer Figur erlebbar zu machen. Ihr Handeln wirkt so authentisch, dass es die Außenstehenden innerlich berührt. Psychologisch feinsinnig wird auch die Konfrontation mit der Mutter in Szene gesetzt. Ihre Wut bricht anlässlich eines Besuchs bei ihrer Mutter aus: „Warum hat nie jemand von euch nachgefragt, die ganzen Donauschwaben nicht? Kein fucking Wort habe ich bei den tausend Veranstaltungen je davon gehört, dass man vielleicht selbst auch eine Schuld trägt, dass man nicht nur vertrieben wurde, einfach so?“ (S. 213) – Lina ist durch einen schweren Prozess gegangen und konfrontiert nun ihre Mutter mit ihren Rechercheergebnissen. Doch konstatiert sie: „Sofort beginnt sich unter meinem Triumphgefühl etwas Schäbiges herauszuschälen, das nichts mit dem Mund meiner Mutter zu tun hat, der sich jetzt wortlos öffnet und wieder schließt. […] Ich habe geschossen und getroffen, aber mit der falschen Munition und meinem Gegenüber in den Rücken.“ (S. 214) Diese Selbstanalyse macht Lina zu einem Menschen, der sich in die Lage der überrumpelten Mutter versetzen kann. Ihre Recherche hat sie nicht zu einem selbstgerechten Wesen werden lassen, sondern zu einem reflektierten Mitmenschen, der schließlich die Beziehung zur Mutter, mit der Gespräche seit jeher wie „eingefroren“ (S. 215) wirkten, verändert. Nachdem Lina von ihrer Reise berichtet, kommt es zur Versöhnung zwischen den beiden. Die Mutter wird abschließend sagen: „Da kann ich wahrscheinlich noch etwas lernen von dir“. (S. 266) Sie wäre mit der Tochter „auch einfach gerne mitgefahren“ (S. 267), gesteht sie, woraufhin Lina antwortet: „Vielleicht ein anderes Mal?“ (S. 267)
Katherina Braschel: Heim holen. Roman. Salzburg: Residenz Verlag 2026. 272 S.