Die Aussiedlung ist nicht András Viskys erstes Werk, in dem er sich mit dem rumänischen Gulag im Süden der Bărăgan-Steppe auseinandersetzt. Genau genommen war es zunächst gar nicht sein Werk, in dem er diesen Schauplatz einstiger Verbannung vorstellte. In Péter Esterházys Donau abwärts (1991, dt. 1992) sind es die Brüder Tüske – der ältere György, dem Esterházy den Namen seines eigenen älteren Bruders lieh, und der jüngere Andreas –, die den Reisenden abseits von dem geografisch vorgezeichneten Hauptflusslauf mit ihrer eigenen Geschichte bekannt machen und ihm die hohe Sandwand am Rande des „Nichts“ zeigen. Neben den Ähnlichkeiten der Familiengeschichten – man denke etwa an die 1950 erfolgte „Aussiedlung“ der Esterházy-Familie in die ungarische Provinz – dürfte eben diese auf den Anfang der 1990er-Jahre zurückgehende Schriftstellerfreundschaft der Grund dafür gewesen sein, dass zu András Viskys 2003 veröffentlichtem Monodrama Júlia. Párbeszéd a szerelemről [Julia. Dialog über die Liebe], das Júlia Visky, der Mutter des Autors, ein Denkmal setzte, Esterházy das Vorwort schrieb: „Ein vom Wuchs zierliches Frauchen seien wir, unseren Mann kerkere man ein, naturgemäß wegen nichts, in das Donaudelta vertreibe man uns mit unseren 7 Kindern, es sei Rumänien und der real existierende Sozialismus“ – heißt es in Esterházys pointierter Zusammenfassung, die sich in ihrer ironisch-distanzierten Art von Viskys einfühlsamem Ton deutlich absetzt. Fast zwanzig Jahre später bewirkte jedoch gerade dieser einfühlsame Ton, dass der Konnex zwischen Autor (András Visky) und Thema (Deportation) mit dem Roman Die Aussiedlung zu einem richtigen Erfolg wurde.
Das Buch wurde in Ungarn 2022 zum Buch des Jahres gekürt und 2023 mit dem Margó-Preis prämiert. Die deutsche Ausgabe in der beeindruckenden Übersetzung von Tímea Tankó erlebte binnen kürzester Zeit ihre dritte Auflage. Schreibt man über das Buch, so ist es unvermeidlich, sich auch über die Gründe dieses Erfolgs Gedanken zu machen. Lager und ihre sowjetisch-osteuropäische Variante, der Gulag, sind als Modelle totalitärer Systeme zu wichtigen Reflexionsflächen des 20. Jahrhunderts geworden, und auch späte Beispiele dieser Literatur haben, vor allem wenn sie literarisch innovativ waren, den Blick auf diese Erfahrung neu perspektivieren können. Was die sprachliche wie genremäßige Ausformulierung betrifft, ist die Bandbreite groß und bemerkenswerterweise gilt dies sowohl für die faktografischen als auch für die fiktionalen Erzählungen. Die Entscheidung für den einen oder anderen Modus scheint eine grundsätzliche Wahl zu sein. Um nur bei den Nobelpreisträgern zu bleiben: Für die Entstehung von Imre Kertész’ Roman eines Schicksalslosen war, der Darstellung des Autors zufolge, entscheidend, dass er das Selbsterlebte objektivierte und aus der autobiographischen 1. Person Singular einen Roman in der 3. Person Singular machte. In Herta Müllers Atemschaukel gehörte das Erfahrungsmaterial von vornherein einem anderen (dem Schriftstellerkollegen und Freund Oskar Pastior) und wurde durch die Sprache des Romans noch weiter verfremdet.
Nach einer vergleichbar eindeutigen Zuordnung würde man in András Viskys Aussiedlung allerdings vergeblich suchen. Das Buch deutet seinen autobiografischen Charakter höchst behutsam an, indem es gleich anfangs erwähnt, dass der Pastor, um den und um dessen Familie es hier geht, in der Formulierung einer lokalen Tageszeitung „den gleichen Namen […] wie ein englischer Fusel [trägt]“. (S. 14) Aus dem Fuselnamen lässt sich dann nicht nur leicht auf den Familiennamen der Protagonisten, sondern auch auf die Identität von Autor und dem jüngsten Sohn der Pfarrerfamilie schließen. Doch mag auch der autobiografische Charakter angedeutet sein, es kommt zu keinem autobiografischen Pakt zwischen Erzähler und Leser, da die Ich-Form im Buch kaum verwendet und von einer Wir-Form überdeckt wird.
Auch das Motto des Buches lässt die Frage nach dem Status des Erzählten – wenngleich augenzwinkernd – in der Schwebe. Das Buch sei ein Werk der Fiktion, „der Phantasie eines irgendwie erwachsen gewordenen Kindes entsprungen, das seine mehrjährige Gulag-Erfahrung einfach nicht von seinen Phantasmen zu trennen vermag“ (S. 7), heißt es dort, aber nur, um den Disclaimer gleich zurückzunehmen: „Für die Übereinstimmung der Fiktion mit der Wirklichkeit ist die Wirklichkeit verantwortlich.“ (ebd.)
Als Genrebezeichnung steht auf dem Cover der deutschen Ausgabe „Roman“ und auch Visky hat in Interviews immer wieder diesen Begriff verwendet. Das sei die Form gewesen, so meint er in einem Interview mit Zsuzsa Szarka1, die er nach früheren Versuchen mit dem Drama für sein Lebensthema schlussendlich gefunden habe.
Doch allen Beteuerungen, dies sei Fiktion, zum Trotz, liest man die Geschichte der Pfarrersfamilie mit dem Namen eines englischen Fusels als eine wahre Geschichte im Rumänien der 1950er- und 1960er-Jahre. Dazu tragen nicht nur die verbürgten Ortsnamen bei, sondern auch etliche im Roman zitierte Dokumente, etwa Auszüge aus Securitate-Papieren mit ihren Archivnummern, Zitate aus kirchlichen Aufzeichnungen oder die Namen von Lagerinsassen, unter denen sich auch bekannte Persönlichkeiten befanden, etwa die erste rumänische Pilotin Nadia Russo, die Eisengardistenwitwe Lilica Codreanu oder der Schriftsteller Peter Goma, der später in den 1970er-Jahren als rumänischer Solschenizyn bekannt wurde, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Statt Unentschiedenheit könnte man folglich eher von einer Verschränkung von Faktografie und Fiktion sprechen, oder auch von einer Maskierung der Faktografie. Die Erzählung dieser erstaunlichen Familiengeschichte basiert auf zahlreichen Dokumenten, doch die Auffindbarkeit dieser Dokumente wie auch die etwaigen Recherchen des Erzählers bleiben im Dunkeln. Selbst Fotografien, Beispiele eines in der zeitgenössischen Literatur besonders beliebten Mediums der Erinnerung, findet man hier keine, höchstens ihre Beschreibung. Nicht die Suche nach Spuren, sondern Dialoge, Gesten, Ereignisse halten die Erzählung in Gang und machen die einstige Wirklichkeit – ohne jede andere Vermittlung als jene des Erzählens selbst – gleichsam unmittelbar zugänglich.
Was rechtfertigt diese vom Standpunkt des medialen Zeitalters betrachtet geradezu schockierende Naivität des Erzählens? Woher dieser Glaube an die Zugänglichkeit des Vergangenen?
Als Erklärung drängt sich einem die mehr oder weniger durchgehaltene Kohärenz der Erzählung auf, vor allem die Einheitlichkeit der Erzählstimme, die Ausdrucksweise der Kinder. Die Bezeichnung „unser Vater“ und „unsere Mutter“, wie Ferenc und Júlia Visky im Buch konsequent genannt werden, macht die Kinder und ihre Sichtweise zum organisierenden Zentrum des Buches. An dieser Zugehörigkeitsbezeichnung wird auch dort festgehalten, wo die Kinder nicht haben zugegen sein können, entweder weil sie noch gar nicht auf der Welt oder weil sie eben nicht zugegen waren. Es ist „unsere Mutter“, die mit dem Arzt über den sie befruchtenden Heiligen Geist herumblödelt, obwohl die Kinder bei der ärztlichen Untersuchung sicher nicht dabei sind und das „Ich“ der Erzählung, András Visky, um diese Zeit noch gar nicht auf der Welt ist. Es werden auch intime Liebesgesten von „unserer Mutter“ und „unserem Vater“ beschrieben, von denen die Kinder keine Kenntnisse oder gar Mitteilungen aus erster Hand haben können. Die Geschichte wächst, wie Familiengeschichten zu wachsen pflegen, man weiß oft nicht so recht, wer oder was ihre Quelle war, Hauptsache, sie werden weitergereicht, und was über einen selbst erzählt wurde, wird zur eigenen Geschichte. Das Possessivpronomen unser – verwendet als unser Vater, unsere Mutter – verwandelt die Großfamilie in jene Tradierungs- und Interpretationsgemeinschaft, die die Inhaftierung des Vaters, die Aussiedlung der Familie nach Răchitoasa in der Bărăgan-Steppe, ihre zeitweilige Umsiedlung nach Freidorf bei Temeschwar und schließlich ihre Rücksiedlung nach Lăteşti, ebenfalls in der Bărăgan-Steppe, mit allen ihren Einzelheiten wahrnimmt. Das politische Umfeld der Ereignisse – die Bethania Erweckungsbewegung, durch die sich die Eltern kennenlernen, die Verdrängung dieser Bewegung innerhalb der ungarischen reformierten Kirche, die harten Retorsionen des rumänischen kommunistischen Regimes unter Gheorgiu-Dej nach der ungarischen Revolution von 1956 besonders gegen Siebenbürger Ungarn wie auch die Generalamnestie von 1964 – lässt sich aus dem Roman nur erahnen. Wichtiger als die historischen Umstände ist jener biblische Deutungsrahmen, der in der schwärmerischen Religiosität der Eltern wie auch von deren Magd Nényu verankert ist und der diese Geschichte in ein Gleichnis verwandelt.
Der kindliche Blick beglaubigt die Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit des Tons wie auch die Sprünge und Lücken in der Erzählung und er ist sicher einer der Gründe für die Faszination des Romans. Obwohl die Welt, die hier beschrieben wird, gefährlich und undurchschaubar ist, findet man sich in ihr moralisch schnell zurecht. Als Kompass dienen dabei Bibelzitate und religiöse Gewohnheiten. Gläubige Menschen sind in dieser Welt gefühlsgeleitet und ihre Gefühle haben Bestand. Menschen im Recht sind auch schön, sogar sehr schön. In „unsere Mutter“ sind alle verliebt, sie ist „porzellanschön[.]“ (S. 391), der Vater „von flimmernder Schönheit“. (S. 397) Hingegen erscheint das Ende des Kriminellen pungaş Marin, den die Gefangenen unter einen Zug befördern und von dessen Körper schließlich nur Teile übrig bleiben, als nicht weiter grausam. Sein Tod wird als eine selbstverständliche Folge seiner Funktion als Lagerspitzel wahrgenommen. Bei der Orientierung helfen dem Leser auch sprachliche Markierungen, die Bibelzitate der Pfarrerfamilie, die Höflichkeitsformeln der internierten Intellektuellen und die vulgäre Sprache der Securitate-Leute.
Dass diese Einfachheit dennoch nicht vereinfacht klingt, hat mit der multiperspektivischen und nicht linearen Erzählweise des Romans zu tun. Die Geschichte mit ihren zahlreichen surrealen Details, Vor- und Rückgriffen wird aus dem Blickwinkel verschiedener Figuren erzählt. Mal ist es der Vater, mal die Mutter, mal Richard W., der der Mutter seine Gefängniserlebnisse erzählt, mal die Kinder, mal die Magd, die etwas erleben oder einfach nur wahrnehmen. Der Text ist in 822 nummerierte Absätze gegliedert, die weder einen mit Großbuchstaben markierten Anfang noch ein mit einem Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen markiertes Ende haben, ihre Gesamtheit wirkt fragmentiert und lückenhaft. Selbst die Kapitelüberschriften – die nächsthöhere Gliederungsebene – sind in eckige Klammern gesetzt, als hätten sie nur einen provisorischen Charakter, sie ergeben keine konventionelle Erzählung, sondern nur ein Erzählmosaik. Die Absätze ranken sich um Wörter, Bibelzitate und um eine Vielfalt von Figuren, die das Lager oder das Leben außerhalb des Lagers bevölkern.
Was diese vielen kleinen Erzählfragmente zusammenhält, ist jener interpretatorische Rahmen, den die Bibelkenntnisse und Bibelzitate der beteiligten Personen bereithalten. Das Gleichnishafte der hier erzählten Geschichte wird von den Mitgliedern dieser Gemeinschaft selbst an ihre Erfahrungen herangetragen, sie sind es, die die Welt um sich herum mithilfe von Bibelzitaten wahrnehmen und mithilfe von Bibelzitaten auslegen.
Es geht hier auf jeden Fall um einen Mutter- und implizit auch um einen Vater-Roman, wenngleich der Vater, ein reformierter Pfarrer von Beruf, nur in absentia (da im Gefängnis) die Ereignisse sowie Handlungen und Gefühle der Figuren und noch mehr den Ton des Romans bestimmt. Seine Lebensgeschichte hat András Visky in einem späteren Roman mit dem Titel Illegalisták [Die Illegalen, 2025] erzählt. Für Die Aussiedlung ist der fehlende Vater bestimmend, vor allem durch seinen Gestus, mit Bibelworten allen Lebenssituationen eine allgemeinere Bedeutung zu geben. Dies passiert schon im ersten Kapitel, das den vielsagenden Titel „[Bibelpoker]“ trägt. Der Vater möchte in Vorahnung nahenden Unheils die zu ihnen geschickte Márika Deme (später: Nényu) überreden, sie zu verlassen. Er zitiert dabei die Bibel, doch er trifft auf eine ähnlich bibelfeste Gegnerin, denn Márika zitiert im Gegenzug ebenfalls die Bibel: „wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch, dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“. (Ruth 1,16) (S. 20) Der Bibelpoker wäre aber kein Bibelpoker, wenn der Pfarrer ihr nicht auch mit einer Bibelstelle entgegnen würde. Er „durchlocht“ – zumindest in Worten – Márikás Ohr mit einem Pfriem, ein Akt, der von Moses (2.21.5–6) für Diener, die nach Ablauf ihres Dienstes bei ihren Herren bleiben wollten, vorgeschrieben war.
Die Szene steht nicht zufällig am Anfang des Buches. Sie zeigt nicht nur die schwärmerische Gläubigkeit der Beteiligten, sondern intoniert auch ein zentrales Thema des Buches, nämlich die Freiheit, die in der Knechtschaft liegt, und das Zuhause, das man in der Heimatlosigkeit findet. Das eine wie das andere wird infolge der Deportation auch zum Schicksal der Visky-Familie.
Márika verhält sich bei ihrem Eintritt ins fremde Pfarrerhaus „wie jemand, der heimgekehrt und nun zu Hause ist“. (S. 12) Das Paradoxon des Gläubigen, der gerade im Unbehaustsein ein Zuhause findet, bestätigt der Pfarrer mit dem Bibelwort „die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nichts, da er sein Haupt hinlege“ (Matthäus 8,20). (S. 12) Seine allgemeinere historische Gültigkeit erhält das Zitat mit der Deportation. Die Heimatlosigkeit der Visky-Familie hat aber im Lager noch weitere – und von heute aus gesehen nicht weniger spannende – Facetten. Die im rumänischen Gulag kulturell und sprachlich fremde ungarische Familie wird von etlichen Lagerinsassen mit dem rumänischen Wort für „Heimatlose“ (gemeint sind damit spezifisch Ungarn) als bozgorii bezeichnet. Ihre aus Budapest stammende Mutter kann überhaupt kein Rumänisch, und auch die Kinder haben mit der Aussprache rumänischer Wörter Schwierigkeiten. „In dieser Gegend seien wir nichts als barbarische Migrantenabkömmlinge [heißt es daher im Lager], die nicht zwischen männlichen, weiblichen und sächlichen Wörtern unterscheiden könnten.“ (S. 170)
In einer radikalen Umkehrung der Opposition von Zuhause und Fremde entscheidet sich „unsere Mutter“ an einer beeindruckenden Stelle des Romans, mit ihren Kindern auch nach der Verkündigung der Amnestie im Lager zu bleiben: „die Gefangenschaft war zu unserer Heimat geworden“. (S. 396)
Es ist sicherlich diesem ungewöhnlichen Verständnis von Heimat geschuldet, dass gegen Ende des Buches in einem Gedankengang über das himmlische Jerusalem auch das Thema Europa und die Frage, wem Siebenbürgen gehört, abgehandelt wird. Von der Logik des Erzählens her ist eine derartige Ausweitung des Begriffs allerdings schwer zu legitimieren. Diese Teile wirken wie Essays über mögliche, nicht ethnisch bestimmte ideelle „Heimaten“, die in den Roman ihrer politischen Bedeutung wegen aufgenommen wurden.
Auch das letzte „Kapitel“ mit dem Titel „[Neuschloss]“, in dem der Ich-Erzähler in 1. Person Singular über die Anfänge seiner Militärzeit erzählt, hat mehr mit intellektueller Ehrlichkeit als mit der ästhetischen Einheitlichkeit der Erzählung zu tun. Gegen die Verführung, Teil einer staatlich vorgegebenen Gemeinschaft zu sein, erzählt dieses Kapitel, ist nicht einmal einer mit solch einer Familiengeschichte gefeit. So überzeugend diese Überlegung ist, sie zeigt auch die Grenzen des hier verwendeten Formats. Die im Roman konsequent durchgehaltene Form der Zeugenschaft, die, wie Hans Blumenberg schreibt, immer auch ein Gleichnis auf die absolute Realität ist2, wird an dem Punkt, wo die formale Kohärenz wegbricht, selbst brüchig.
András Visky: Die Aussiedlung. Berlin: Suhrkamp 2025. 456 S.