„Es ist doch spannend, wenn jemand dein Leben erzählt, der keine Ahnung von deinem Leben hat und nur weiß, was du ihm erzählt hast, und er die Lücken füllen und sich selbst ausdenken muss, was in deinem Leben geschah und geschieht. Jede Erzählung hat Lücken. Auf einmal siehst du dich selbst als einen anderen.“ (S. 240)
Die vorangestellten Zeilen können grundlegend für Michael Köhlmeiers Buch Dornhelm, 2025 im Paul Zsolnay Verlag erschienen, stehen, das mit der programmatischen Zuordnung „Roman einer Biografie“ überschrieben ist. Darin spricht der Schriftsteller Michael Köhlmeier mit seinem alten Freund Robert Dornhelm, 1947 in Temeswar (rum. Timişoara) geboren, über dessen Leben. Seine Familie emigrierte 1961 nach Wien. Die Karriere als Filmemacher begann für ihn in den ausgehenden 1970er-Jahren in der „Illusionsfabrik“ Hollywood. (S. 11) Ein Geschichtenerzähler war Dornhelm stets, wie sein Freund Köhlmeier aus dessen Leben herausarbeitet.
„Du bist der Erzähler in dieser Geschichte, Robert.“ (S. 147) Robert Dornhelm, der Erzähler, und Michael „Micki“ Köhlmeier, der poetische Chronist seines Lebens, treffen sich über einen Zeitraum von gut zwei Wochen. Innerhalb von 13 Tagen teilt Robert seine Erfahrungen mit ihm. Dabei wird alles mit dem Handy aufgenommen. (S. 85) Doch Robert vertraut mehr seinem eigenen Gedächtnis als der Aufzeichnung. Bereits zuvor hatte Micki überlegt: „Der Mensch ist auch, was er sich ausdenkt“. (S. 52) Das Leben wird also durch Erzählung inszeniert.
Robert und Micki kennen sich seit 40 Jahren. Es ist nicht die gemeinsame Geschichte, die in Romanform übersetzt wird, sondern das, was Robert von seinem Leben preisgeben will. Robert beginnt mit einer Miniatur aus seinem Leben, einer Anekdote: Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Roald Dahl wird skizziert. Er spart nicht aus, welche Rolle die Schauspielerin und Fürstin von Monaco Grace Kelly dabei spielte. (S. 21)
Der Roman lebt einerseits von solcherlei Miniaturen, andererseits von Reflexionen auf der Metaebene darüber, wie Roberts Leben dargestellt werden soll. Der Erzähler und sein Chronist überlegen etwa, dass die Episode mit Roald Dahl und Grace Kelly das Buch eröffnen könnte. (S. 23) Zudem finden sich Überlegungen zur Architektur des Romans, wobei unter anderem Verweise zu Syd Field und dessen Strukturen zum Schreiben von Drehbüchern diskutiert werden. (S. 12) Robert und Micki kommen zur Schlussfolgerung, dass je nachdem, wie eine Geschichte unseres Lebens ausgeht, etwas mit uns geschieht. (S. 28) Die Wendepunkte sind also die Dramaturgie des Lebens.
Tatsächlich sind es jedoch weniger die Wendepunkte, die Dornhelm ausmachen; es sind die einzelnen bereits erwähnten Miniaturen des Lebens, die Robert lebendig werden lassen. Das Aufwachsen in Temeswar kommt wiederholt zur Sprache (S. 28), die Erfahrungen, welche die Familie prägten, da sie im anbrechenden Kommunismus als Kapitalisten galten. (S. 142) Seine Großeltern finden immer wieder Erwähnung. (u. a. S. 127) Wiederholt aufgegriffen wird auch der Fisch, der gefangen und mit Asche und Tannennadeln gewürzt wird.
Die Dialogform wird durchgängig beibehalten. Als Anreden sind punktuell die Namen gesetzt, um so eine Orientierung auch in verschachtelten Dialogpassagen zu ermöglichen. Robert bleibt dabei eindeutig der Erzähler, selbst wenn Micki bisweilen etwas von sich preisgibt, zum Beispiel eine Erkrankung. (S. 38)
Die Lebensgeschichte Roberts wird nicht chronologisch nacherzählt, sie wird inszeniert und es wird vom Anekdotischen ins Existenzielle gewechselt. Personen sind im Voraus angekündigt, so etwa der Filmemacher Billy Wilder (S. 50), der später Robert in den USA in Empfang nehmen soll, am Rande eines Filmfestivals. Dabei wird die jüdische Herkunft Roberts (S. 48) mit den Ereignissen der Zeitgeschichte verbunden.
Nicht nur Aspekte der Zeitgeschichte werden in persönlicher Rückschau lebendig, es erfolgt ebenso ein Blick auf entfernte historische Ereignisse in Verbindung zum heutigen Rumänien. Etwa wenn Robert an seine Arbeit für den ORF über den historischen Dracula, Vlad III., der im 15. Jahrhundert über die Walachei herrschte, erinnert: Vlad Țepeș, also der Pfähler. Robert präsentiert eine Verdichtung der Historie, wobei es nicht um einen geschichtswissenschaftlichen Exkurs geht, sondern um eine Brücke zu seiner Filmarbeit und seinem Stil, da er mit einer Szene die Verantwortlichen beim Sender geschockt habe. (S. 97–105) Verwoben wird all das mit Filmgeschichte und mit tiefgreifenden Einsichten über das Leben. Dies wechselt sich ab mit philosophischen Erwägungen, in denen unter anderem Augustinus, Immanuel Kant oder Kurt Tucholsky herangezogen werden. (u. a. S. 144–147)
Am achten Tag kommt Robert später zu Micki als erwartet. Mit dem Taxifahrer habe er noch vor der Tür gestanden und erzählt: „Er hat mir erzählt, er sei von seiner Ausbildung her eigentlich Extremkranfahrer. Ich habe einen interessanten Käse mitgebracht, Micki, den müssen wir probieren, wieder aus Rumänien … wieder von der Valentina. Ich wusste gar nicht, dass es diesen Beruf gibt. Hast du das gewusst? Extremkranfahrer?“ (S. 173)
Beim Extremkranfahrer handelt es sich um eine weitere Miniatur. Micki, als Chronist Roberts, erlebt nun, wie dieser zum Chronisten des Taxifahrers wird, der einmal Extremkranfahrer war. Der korpulente Taxifahrer berichtet, dass er in seinem früheren Beruf seine Kabine während der Arbeitszeit nicht verlassen konnte. Dort oben verbrachte er auch die Pausen und hatte nur Bewegung, wenn er morgens die Kranleiter hinaufstieg und abends hinab. Durch seine pointierte Geschichte lässt sich dessen Leben, wie es nun ist, besser nachvollziehen.
Die einzelnen Tage sind keine abgeschlossenen Kapitel, sondern bleiben durch Rückbezüge und Reflexionen dynamische Gebilde. So wird die Migrationsgeschichte der Familie an verschiedenen Stellen aufgegriffen und vertieft. Wiederum werden andere lebensbestimmende Ereignisse lediglich als Erzählanläufe verwendet, beispielsweise, dass Robert nur kurz eine Filmakademie besuchte und das Handwerk anders erlernte. (S. 162) Nicht aber das eigentliche Erzählhandwerk; so berichtet er darüber, dass er früh ein Gespür für Inszenierungen entwickelte, also eine Einsicht, dass das Leben inszeniert wird. (S. 56–59.)
Der vorliegende Roman einer Biografie ist reich an solchen Einsichten über das Leben und gibt Menschen eine Bühne, die in der Vielgestaltigkeit vermeintlich großer Ereignisse der Weltgeschichte drohen unterzugehen. Beispielsweise wird einem Herrn Popescu, einem erinnernswerten Nachbarn, ein Exkurs gewidmet. (S. 256–257.) Er steht exemplarisch für Menschen, die für sich aufgrund besonderer Merkmale oder Eigenheiten. „Berühmtheiten“ sind. Diese Menschen prägen das Leben ebenso wie einzelne Ereignisse (so wird ein Erdbeben in Temeswar in der Kindheit Roberts erinnert, S. 235).
Wie verhält es sich nun mit Roberts Leben – heute? Die fragmentarische Struktur lässt viel Freiraum zur Interpretation. Eine Gegenwartsperspektive klingt bisweilen nur an. In den Reflexionen über das Erzählen wird über das Handwerk des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein gesprochen, der zwei Szenen so inszenierte, dass sich die Auflösung, die einer nicht gezeigten dritten Szene obläge, in den Zuschauerinnen und Zuschauern selbst entwickeln konnte. Solcherlei Gespräche legen nahe: Trotz Andeutungen und Überlegungen – Roberts Leben heute ist wohl die nicht erzählte dritte Szene. Ein Gewordensein aus dem, was war und was er von sich erzählt.
Dornhelm bietet damit als Gesprächsroman eine seltene Vielschichtigkeit, die aus persönlichen Einsichten im Spiegel der Weltgeschichte entsteht. Einsichten, die ebenso wie das Leben selbst geteilt werden wollen. Seine Herkunft bleibt ein Teil von ihm: Der Geschmack rumänischen Käses (S. 24) bleibt ihm etwas Besonderes auf dem Lebensweg. Dabei wurde bereits einleitend (S. 11) das Gefälle zwischen seiner Herkunft, „[…] der kleine Robert Dornhelm, ein Flüchtlingskind aus Temeswar“, und der Karriere in Hollywood zu etwas Wundersamem erhoben.
Ist das alles wahr, Robert? Robert beschreibt, dass er durch Grace Kelly dem rumänischen König Michael I., der nach dem Zweiten Weltkrieg im Exil lebte, begegnete. „Und die Geschichte ist wahr, Robert?“, will Micki wissen. Selbstverständlich. Schließlich hätte er eine Vereinbarung mit Billy Wilder, der alle seine Geschichten als wahr bezeugen wolle. (S. 196–199.)
Auf dem Buchrücken schreibt der Verlag: „Wie die Wahrheit auch immer ist, die Legende ist schöner“. Der Roman einer Biografie schließt am 13. Tag. Robert berichtet, wie er in einer anderen Konstellation die Episode mit Roald Dahl erzählt hat, mit der der Roman begonnen hat. (S. 283) Und es gibt Fisch (S. 284), sicher nicht mit Asche gewürzt. Manches im Leben bleibt. So auch manche Anekdoten.
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb über den fragmentarischen Charakter unseres Lebens (1944). Michael Köhlmeiers literarische Inszenierung belegt genau dies: Das Leben besteht aus Fragmenten. Hier entnommen der Biografie Dornhelms. Unser Leben ist das, was wir erzählen, ließe sich sagen. Teils sind es Anekdoten, die schon eine Eigenständigkeit haben, teils sind es Dinge, die zum ersten Mal preisgegeben werden. All dies soll etwas über das Leben erklären, sagen, warum beispielsweise aus einem Extremkranfahrer ein Taxifahrer wird. Oder warum aus dem kleinen Robert Dornhelm, Flüchtlingskind aus Temeswar, ein berühmter internationaler Filmemacher wurde.
Der Filmemacher Werner Herzog unterscheidet (Minnesota Declaration, 1999) zwischen einer ekstatischen Wahrheit und einer buchhalterischen Wahrheit, also einer faktischen Wahrheit. Ekstatische Wahrheit sei, so Herzog, eine lyrische Wahrheit, die man aus Gedichten kenne, wo man spüre, dass sie wahr sind. Zu denken ist dabei an Robert, der es vorzieht, nicht auf die Tonmitschnitte seiner Erzählungen zu vertrauen. Deutlich wird: Der Roman trägt lyrische Wahrheit in sich.
Michael Köhlmeier legt mit Dornhelm einen Roman einer Biografie vor, der unbedingt empfehlenswert ist. Film- und Weltgeschichte werden mit dem Persönlichen verbunden. Mentalitätsgeschichte und persönliche Erinnerungen werden festgehalten und ein Robert entsteht, den es so wahrscheinlich nur in seinen Erzählungen gibt oder nunmehr: im Roman seiner Biografie. Ist das alles wahr, Robert? Ganz bestimmt. Billy Wilder wird es sicherlich bezeugen!
Michael Köhlmeier: Dornhelm. Roman einer Biografie. Wien: Paul Zsolnay Verlag 2025. 284 S.