https://doi.org/10.82486/sp.2026.10.2936

Ein Nachruf auf Hellmut Seiler, den Initiator des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises

Von den bisherigen Preisträgern und Preisträgerinnen: Britta Lübbers (2021), Bastian Kienitz (2022), Christian T. Klein (2023), Dietrich Machmer (2024), Nicola Quaß (2025) und Tobias Pagel (2026)

Es vergingen gerade einmal zwei Tage zwischen der Nachricht, dass Hellmut schwer erkrankt ist, und jener, dass Hellmut leider von uns gegangen ist. Mich [Bastian Kienitz] persönlich traf ein Schlag, hoffte ich doch inniglich, dass mein Dichterfreund und Förderer sich vielleicht aus den Fängen des mittlerweile zur Volkskrankheit gewordenen Krebses befreit. Wie falsch ich lag, zeigt uns das Heute. Gestern jedoch, als ich noch voller Hoffnung war, schrieb ich folgendes Gedicht…

Ein neu geborener Tag  

für Hellmut Seiler  

von Bastian Kienitz 

wenn du mich 
hörst 
 
mein  
Freund  
 
dann 
grabe dich frei 
aus den Fängen der  
Körperlichkeit 
 
und gehe 
mit uns ein 
in den Himmel des Wortes 
frei über den Anfang des neugeborenen Tages… 

Hellmut Seiler war für uns, die Preisträger und Preisträgerinnen des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises, ein Glücksfall. Dies gilt ebenfalls für alle Verantwortlichen und tatkräftig Mitwirkenden der Literaturtage in Reschitza. Hier fühlten wir uns jederzeit herzlich aufgenommen und aufgefordert, uns gemeinsam auf eine ausdrucksstarke dichterische Sprachreise quer durch Europa zu begeben. Das Anliegen der Literaturtage, die Förderung aufstrebender Künstler und Künstlerinnen sowie der deutschen Minderheiten im und außerhalb des Banats avancierte schnell zu einem überregionalen Erfolg. Da der Preis europa- bzw. weltweit ausgeschrieben war, wurde die durch Schwerindustrie geprägte Industriestadt Reschitza schnell zu einem Anlauf- bzw. Mittelpunkt kreativer Geister. Hier werden kulturelle Brücken geschlagen, die weit über die rumänischen Grenzen hinausreichen. Der von Hellmut Seiler 2019 ins Leben gerufene Rolf-Bossert-Gedächtnispreis ist somit ein voller Erfolg und wird es für immer bleiben. Wir, die Preisträger und Preisträgerinnen, möchten uns dafür herzlich bei Hellmut bedanken. Unsere Anteilnahme gilt den Hinterbliebenen, seiner lieben Frau Éva Seiler-Iszlai sowie den beiden erwachsenen Söhnen, welche das Erbe nunmehr zu bewahren haben. Hier setzen wir die Reise eines „hintersinnigen Sprachspielers“ fort, wie ihn sein langjähriger Freund und Weggefährte Anton Sterbling beschreibt. 

Geboren am 19. April 1953 in Reps/Rupea in Siebenbürgen, wuchs der kritische Dichter und Denker Seiler in einem diktatorisch geprägten Unrechtsstaat auf und bewahrte diese Schreckensherrschaft für die Nachwelt in zahlreichen Gedichten, Gnomen, Prosatexten und Essays. Die politische Auseinandersetzung mit der Diktatur von Nicolae Ceaușescu zwang den studierten Germanisten und späteren Gymnasiallehrer in der Folgezeit zur Ausreise nach Westdeutschland. Dieses Schicksal teilten mit Hellmut Seiler viele seiner Weggefährten, die sich alle der Aktionsgruppe Banat verbunden fühlten. Neben alltäglichen Repressalien, die bis zur Morddrohung reichten, wurden er und viele seiner Freunde mit Publikationsverbot belegt. Hellmut bewahrte sich durch all diese politisch aufgewühlten Zeiten hindurch seinen Charakter, mit dem er oftmals zynisch und polemisch dem Unrecht entgegentrat. Als Gymnasiallehrer stets seiner Aufgabe bewusst, hat er das Lebenswerk eines Sprachvirtuosen geschaffen, welches über die Grenzen Rumäniens hinaus Anklang gefunden hat. In diesem Sinne bedanken wir uns bei Hellmut für all die wertvollen Stunden und Gespräche, die jedem Einzelnen von uns zuteilwurden. Das letzte Wort haben nunmehr die bisherigen Preisträger und Preisträgerinnen des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises:  

Nicola Quaß hat sich in ihrem Gedicht Totensonntag dafür entschieden, sich von Hellmut mit stark melancholisch geprägten Zeilen zu verabschieden. Diese hat die Schreibkünstlerin anlässlich ihrer Dankesrede zur Verleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises in der ehemaligen Schule von Rolf Bossert 2025 gelesen. An ihrer Seite saß Hellmut, der ihren Worten aufmerksam lauschte und dem sie jetzt diese Zeilen widmen möchte. Dietrich Machmer und Bastian Kienitz hingegen wurden von Büchern inspiriert, welche der Poet und Übersetzer Seiler über die Jahre herausbrachte. Erst kürzlich erschienen die hervorragenden Gedichtbände Aufhebung der Schwerkraft und Schwebebrücken aus Papier. Erstgenanntes Buch, welches Dietrich Machmer in seinem Gedicht reflektiert, umfasst Aphorismen, Gedichte sowie Kurzgedichte, die an Rolf Bossert erinnern. Mit der Anthologie Schwebebrücken aus Papier ist dem Übersetzer Seiler − laut Bastian Kienitz − ein Werk gelungen, das bereits mehrfach in einigen seiner sogenannten Blankosonette angeklungen ist. Die Sprache findet hier eine ungewohnte Tiefe, welche das Wesen des zu übersetzenden Werkes erreicht. Christian T. Klein hingegen geht in seinem Gedicht auf die Sprache ein, welche aus den Tiefen des virtuosen Dichterwesens aufsteigt. Den Schlussakkord setzen die Gedichte von Britta Lübbers und Tobias Pagel, dem bis dato letzten Rolf-Bossert-Preisträger. Britta Lübbers geht in ihrer Wortwahl auf Hellmut direkt ein und feiert ihn und seine Wortkunst „mit winkendem Gruß“. Tobias Pagel hingegen wagt sich kreativ auf das weite Feld des Gedichteschreibens, des Schreibprozesses selbst und rundet mit letzten erklärenden Worten den Kreis der am Nachruf beteiligten Dichterfreunde Hellmut Seilers ab. Und so möge das Ende auch immer ein neuer Anfang sein:  

Am Ende des Schweigens, wo die Schlaglöcher schlagartig in tiefen Straßenmorast übergehen, stehen neue Bewohner Spalier im Dorf der Vorfahren, deren Leichtigkeit am Sonntag noch mitschwingt… (Hellmut Seiler: Die Entdeckung der Enden. In: Bawülon, Ausgabe 2/2023, S. 11) 

Totensonntag 

für Hellmut Seiler 

Von Nicola Quaß 

Wir kommen durch den Wald, 

mit Kerzen in der Hand. 

Noch immer stirbt an den Ästen 

das Laub. Um uns herum: Graugänse, 

bereit für die Flucht. 

Wir besuchen das Grab, 

das ohne Namen ist. 

Bernsteinlichter. Herbstgeknister. 

Bedeutungsvolles Schweigen. 

Dort unten ist Frieden, abgerissen 

von der Welt. Wie eine Yoga-Haltung, 

die Stille. Das Gewicht des Himmels, 

um einen Halbton entfernt. 

Da sind keine Stimmen, irgendwo, 

da ist kein Engel, der schaut. 

Da ist kein Heim. Nur ein paar Steine, 

die hier leben. Nur ein paar Steine. 

Während das Laub weiter 

über die Felder weht, erheben sich 

die Gänse gen Himmel. Sie fliegen 

in großen Bögen über uns hinweg, 

schreiben Schattenzeichen in die Luft. 

Vom Himmel fallen ein paar Daunen herab 

wie erster Schnee.

Von Dietrich Machmer 

auf dich, 

hellmut, deine 

in den letzten jahren 

in immer rascherer folge 

erschienenen bände mit gedichten 

bieten immer überraschende wendungen, 

wie: nur durchlässiges lässt sich dichten, 

oder: die lichtrechnung zu bezahlen, erübrigt sich, 

denn beständiger als der baum ist sein schatten, 

dein blick zurück ist unverstellt, nach jahrzehnten kopf- 

reisen, den zeitschleifen entkommen, schon die wahl 

des koffers kann über den reiseverlauf entscheiden, 

es könnte ja immer noch sein, dass du gut dabei 

wegkommst, wenn du die lider schließt, gehört dir, 

was du siehst: nach vergangener täglicher 

marter, nach festivals, hüpft ein kleiner junge, 

endlich allein im blitzenden raum. 

die schwerkraft? welche schwerkraft? 

in deine träume kann ich dir nicht folgen, 

jetzt haben die seitenstraßen von dir 

besitz ergriffen, und ich hoffe, 

eine warme küche nimmt 

dich auf. 

THE WIND BLOWS

für Hellmut Seiler 

Von Bastian Kienitz 

the wind blows Farbe auf die graue Leinwand 

des Hintergrundes, der unscharf verweht 

hier stand ein Wort für Leben versus Wandel 

und eine Kunstwelt trotzt der Flaute, die 

sich Strich für Strich dem Sturm entgegenstellte 

der eine Schneise GRAUBRUCH hinterließ 

wir waren licht im Ausdruck dunkler Kräfte 

und auf dem Weg, noch viel mehr Sturm zu säen 

du glaubst mir nicht? ich bin das ausgestoßene 

Herz eines Gottes, das im Nichts verbleibt 

und schräge Zeichen an die Wände kritzelt 

im Herbst, im Winter, ewig weiter Schein 

durch mich hindurch wie lauter Glücksmomente 

in diesen Schwebebrücken aus Papier… 

Schwebebrücken aus Papier ist der Titel einer Anthologie rumänischen Lyrik der Gegenwart, welche von meinem kürzlich verstorbenen Literaturkollegen und Freund Hellmut Seiler zusammengestellt, übersetzt und in der Edition Noack & Block 2021 herausgegeben wurde. In diesem Zusammenhang orientiert sich das erste Terzett an einem Gedicht ohne Titel von Horia Bădescu, welches sich auf Seite 32 dieser Anthologie befindet. Inhaltlich knüpft das Gedicht zudem an den Artikel Brückenbauer zwischen Ost und West. Südkoreas Kunstwelt trotzt der Flaute, abgedruckt in der Frühjahrsausgabe 2025 der Kunstzeitschrift ARTMAPP. Ich habe dieses Gedicht verfasst, da Hellmut für mich ebenfalls ein Brückenbauer zwischen Ost und West ist. 

Von Christian T. Klein 

KEINE GESCHICHTEN, 

sondern von Sprache erzählen. 

Wie sie vor Freude hüpft, sich windet, 

Beleidigungen aushält oder sich wehrt, 

manchmal in geschlossene Räume flieht. 

Von ihrer Selbstgenügsamkeit, 

ihrer Anpassungsfähigkeit, 

von ihrem Größenwahn. 

Wie sie uns Zärtlichkeiten vorschlägt 

oder Ohrfeigen androht, uns anflegelt, 

in kaum absehbarer Reihenfolge 

Ihr Glück, ihr Schmerz ist nicht von dieser Welt, 

dennoch von der unseren. Und sie taumelt zuweilen 

nicht nur zwischen den Zeilen. Wenn sie feiert, 

ist alles möglich, vom Kindergeburtstag zum Vollrausch

Ist sie tollkühn, stammt ihr Übermut nicht 

allein von der Ausgelassenheit ihrer Wörter. 

Auch hier ist das Ganze mehr 

als die Summe seiner Teile 

Das Schweigen, das ihr folgt, 

ist manchmal lauter als sie selbst. 

Detonationen nachwirkender Gedanken. 

Hellmut Seiler nachgerufen 

Abschied von Hellmut 

für Hellmut Seiler 

Von Britta Lübbers 

Woher die Worte gefallen 

bar jeder Gefälligkeit 

diese Sprache ist die Tonspur der Freunde 

in der Gara de Nord er trinkt ihnen zu 

noch immer auf die Freiheit in Bukarest 

Solche Worte schreibt der Mann 

mit dem Hut vermisst jenen Freund 

den er Flor nennt 

holt ihn heimwärts ins Heute 

geht ihm entgegen mit winkendem Gruß 

Sprachspieler Versakrobat 

ich denke dich freundlich 

unter den Sternen der Wüste 

hast du gestanden 

bist einer von ihnen jetzt leuchtest

blinde flecke 

Von Tobias Pagel 

ich sah einen hauch von nichts 

ein gerüst aus wolkenfluren 

ihre flüchtigen strukturen 

eine ahnung blinden lichts 

ich sah leerstellen angesichts 

des fehlens von konturen 

folgte ich dem schleier, spuren 

der welt inmitten des gedichts 

ich sah den schemenhaften rand 

die verse vager möglichkeiten 

als fähren zwischen dort und hier 

ich sah nebel, geister, zeiten 

annäherungen an das land 

die blinden flecke im visier 

Das Gedicht erschien ursprünglich im Band flüchtiges licht. Gedichte. Verlag Edition Tandem, Salzburg/Wien 2022, S.48. 

In dem vorliegenden Gedicht geht es um den Prozess des Gedichteschreibens, welcher Hellmut Zeit seines Lebens begleitet hat und der bereits die „verse vager möglichkeiten als fähren zwischen dort und hier“ als Teil eines transzendenten Prozesses kennzeichnet. Dieser im Gedicht immer sichtbare Übergang bezieht sich auf das Werden, das im Hier de natura immer unvollendet bleibt, bleiben muss, ein (Dichter-)Leben als „annäherung an das land, die blinden flecke im visier“, das auch Hellmut gelebt hat, zwischen Rumänien und Deutschland, zwischen Schule und Familie, zwischen Konferenzen, Korrekturen, Unterricht und der lieben Lyrik, der er sich nicht nur selbst erneut verstärkt im Ruhestand zuwenden konnte, sondern auch in seinem Engagement für das dichterische Erbe seines früh verstorbenen Freundes Rolf Bosserts, der uns alle zusammengeführt hat und mit dem er jetzt wieder vereint ist. Hellmut war noch nicht fertig, im März in Reschitza noch äußerst rührig, wollte im Nachgang Bücher tauschen, gar ein gemeinsames Lyrikprojekt verwirklichen, aber „es eilt ja nicht“ … Nur wenige Wochen später weiß ich, wissen wir es besser. Ich bin dankbar, den Menschen und Dichter Hellmut noch kennengelernt zu haben, er hinterlässt eine „leerstelle“.