https://doi.org/10.82486/sp.2026.10.2950

Slobodan Šnajder

Ein Nachruf
Slobodan Šnajder © Wikimedia Commons

Mit Slobodan Šnajder, den ich seit unseren gemeinsamen Studienjahren um 1970 kannte, traf ich mich in den letzten Jahren gelegentlich in einem Café am Zagreber Hauptplatz, wo er – der seit Langem in einer nahegelegenen Kleinstadt lebte – von Zeit zu Zeit erschien, um seine Freunde und Kollegen zu treffen. Bei diesen Zusammenkünften berührten wir bisweilen auch eine Frage, die zwar ein leises Unbehagen in ihm auslöste, das er jedoch mit bitterer Ironie souverän abzutun pflegte: die Frage nach der weitgehend ausgebliebenen Anerkennung in seinem Heimatland Kroatien. 

Er war sich wohl seiner Stellung in der kroatischen Literatur- und Theaterlandschaft bewusst – einer Stellung, die von einer eigentümlichen Paradoxie geprägt war: Während sein Name im europäischen Ausland, insbesondere im deutschsprachigen Raum, für ein kompromissloses, ästhetisch avantgardistisches Gedächtnistheater stand, blieb er im Heimatland oft ein Randständiger, ein unbequemer Mahner im politischen wie ästhetischen Abseits. Immer gab es selbstverständlich auch Schriftstellerkollegen, Theaterleute sowie Literaturwissenschaftler und -kritiker, die für Šnajder eintraten und auf die kanonische Bedeutung seines Œuvres hinwiesen, tonangebend blieben aber opportunistische Zeitgenossen, die ihn – oft eingeschüchtert durch das nationalistische Gegröle seiner Gegner – lieber verschwiegen, als sich unnötigen Scherereien auszusetzen. 

Dieser Mangel an offizieller Kanonisierung war jedoch kein Schicksalsschlag, sondern aufs Engste mit der Ästhetik seines Schreibens verbunden. Šnajders Werk verweigerte sich stets der Vereinnahmung durch nationale Mythen. In der Tradition Miroslav Krležas, des bedeutendsten kroatischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, stehend, verstand er Literatur nicht als Repräsentationsinstrument, sondern als Seziermesser. Wer wie Šnajder die moralischen Verstrickungen und blinden Flecken der nationalen Geschichtsschreibung offenlegte, forderte den Kulturbetrieb heraus – und zahlte dafür den Preis des partiellen Verschweigens. 

Geboren 1948 in Zagreb, studierte Šnajder Philosophie und Anglistik an der Philosophischen Fakultät seiner Heimatstadt. 1968 gehörte er zu den Anführern der kurzlebigen studentischen Protestbewegung; als angehender Schriftsteller erkannte er jedoch bald, dass politisches Engagement ohne ein ästhetisches Fundament zu kurz greift. Er begann selbst Theaterstücke zu schreiben und war darüber hinaus an der Gründung der Theaterzeitschrift Prolog beteiligt, die zu einem der wichtigsten Laboratorien des jugoslawischen Theaters der 1970er- und 1980er-Jahre wurde. Šnajder war von Anfang an mehr als ein Autor: Er war ein intellektueller Organisator, ein Vermittler zwischen den Sprachen und Traditionen, ein unermüdlicher Anwalt eines kritischen, undogmatischen Theaters. 

Sein dramatisches Werk, das rund fünfundzwanzig Stücke umfasst, kreist um die großen thematischen Brüche des 20. Jahrhunderts: den Faschismus und den Kommunismus, die Instrumentalisierung der Kunst durch die Macht, die moralische Zerreißprobe des Intellektuellen, die zyklische Wiederkehr von Gewalt und Opportunismus. Früh schon zeigte sich seine Faszination für die deutsche Theatertradition – allen voran für Bertolt Brecht, von den Zeitgenossen vor allem für Peter Weiss, Heiner Müller und Tankred Dorst, die – genauso wie er – niemals den didaktischen Optimismus des Augsburger Stückschreibers teilten. Bei ihm ist Geschichte kein Fortschrittsprozess, sondern – im Sinne Walter Benjamins – eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft. Auch sein „Engel der Geschichte“ blickt zurück, und was er sieht, ist Schrecken. 

Den internationalen Durchbruch brachte ihm das Stück Hrvatski Faust [Der kroatische Faust, verfasst 1981, uraufgeführt 1982], das sich thematisch um die Inszenierung von Goethes Faust am Zagreber Nationaltheater 1942 unter dem Ustascha-Regime dreht. Die historische Tatsache, dass dieses Stück damals tatsächlich als kulturelles Bekenntnis zur „neuen Ordnung“ in Szene gesetzt wurde, wird bei Šnajder zum Ausgangspunkt einer radikalen Metatheater-Reflexion über die Komplizenschaft der Kunst und der Macht. Der Schauspieler, der Faust spielt (historisch an den damaligen Theaterstar Vjekoslav Afrić angelehnt), erkennt die Unmöglichkeit einer „reinen“ Kunst unter totalitären Bedingungen und schließt sich den Partisanen an. Im Gegensatz zu ihm geht der opportunistische „Oberspielleiter“ (der historisch an den Regisseur und Dramatiker Tito Strozzi erinnert) einen Pakt mit den Faschisten ein, eine Konstellation, die im kroatischen Theaterbetrieb für erhebliche Empörung sorgte. Der kroatische Faust ist jedoch keine einfache Anklage, sondern eine vielschichtige Untersuchung von Opportunismus, Widerstand und der Unausweichlichkeit moralischer Entscheidungen – kein bloß „kroatisches Stück“, sondern ein europäisches Drama über die Verführbarkeit der Kultur. 

Bereits die kroatische Uraufführung 1982 in Split sowie die rasch folgenden Inszenierungen in Warasdin/Varaždin, Belgrad und Sarajevo lösten heftige Debatten aus. Doch die eigentliche europäische Karriere des Stücks begann 1987, als Roberto Ciulli es am Theater an der Ruhr in Mülheim inszenierte. Ciullis Produktion tourte durch Deutschland, Jugoslawien, Europa und sogar die USA und etablierte Šnajder als einen der bedeutendsten osteuropäischen Dramatiker seiner Zeit. 1994 kam Der kroatische Faust – als erstes kroatisches Drama überhaupt – in der Inszenierung von Hans Hollmann auf die große Bühne des Wiener Burgtheaters: ein Höhepunkt, den der Autor selbst noch Jahrzehnte später als einen der prägenden Momente seines Lebens empfand. 

Wer Šnajders dramatisches Schaffen verstehen will, muss es als ein konsequentes Gegen-Gedächtnis (counter-memory) begreifen: In einer Zeit, in der historische Narrative rasch umgeschrieben oder nationalromantisch geglättet wurden, beharrte er auf unbequemen Wahrheiten und der Vielschichtigkeit moralischer Fragen. Das Theater wird bei Šnajder zum Seziertisch, auf dem die Verstrickung des Intellektuellen mit der Macht offengelegt wird. Diese Haltung brachte ihm im Europa der 1980er- und 1990er-Jahre große Anerkennung ein – unter anderem durch wegweisende Inszenierungen an Theatern in Deutschland, Österreich und Frankreich. Seine Dramaturgie blieb eine der Verstörung, nicht der Beruhigung. Doch genau dieselbe Kompromisslosigkeit machte ihn in seinem Heimatland zum „Systemkritiker“ im Dauerzustand, zum „Vogel, der sein Nest beschmutzt“. Seine Stücke verschwanden von kroatischen Bühnen, die politische Repression der „bleiernen Jahre“ setzte sich in seinem Falle in neuer Form fort. Doch Europa blieb ihm offen. Stücke wie Zmijin svlak [Die Schlangenhaut] über die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg, Utjeha sjevernih mora [Der Trost der nordischen Meere] und Nevjesta od vjetra [Windsbraut, inszeniert von Werner Schroeter in Bochum 1998] wurden an mehreren deutschsprachigen Theatern, in Oslo, Warschau und anderswo gespielt. 

Weil ihm der Zugang zu den heimischen Theaterbühnen verweigert wurde, wich Šnajder im neuen Jahrhundert zunehmend auf die Erzählprosa aus. Der Wechsel vom Drama zur Epik bot ihm einen Ausweg, den etablierten Theaterbetrieb zu umgehen, ohne seine zentralen Themen zu verraten. Gleichzeitig eröffnete er ihm den Raum, sich der tiefsten Wunde seiner eigenen Familiengeschichte zu stellen: dem Schicksal der Donauschwaben im ehemaligen Jugoslawien. Väterlicherseits entstammte Šnajder der deutschen Minderheit in Slawonien, deren Existenz nach dem Zweiten Weltkrieg durch Vertreibung, Internierung und Tabuisierung ausgelöscht wurde. Im Roman Doba mjedi (2015), der unter dem Titel Die Reparatur der Welt (2019) ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt er die Geschichte der Donauschwaben und verwebt seine Herkunft mit den großen Verwerfungen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 

In der Figur des Georg Kempf setzte Šnajder seinem Vater Đuro Šnajder ein literarisches Denkmal – einem Mann, der als Donauschwabe unfreiwillig in die deutsche Waffen-SS eingezogen wurde, desertierte und später als Dichter und Intellektueller im sozialistischen Jugoslawien zwischen allen Stühlen saß. Indem Šnajder die komplizierte Liebesgeschichte zwischen dem donauschwäbischen Vater und seiner kroatischen Mutter – einer Widerstandskämpferin der ersten Stunde – erzählt, bricht er das jahrzehntelange Tabu um die Kollateralopfer der Geschichte auf. Hier zeigt sich Šnajder als Meister eines melancholischen, vielstimmigen Realismus, der von vielen fantastischen und mythologischen Elementen geprägt ist. Der Roman war nicht nur die historische Ehrenrettung einer vergessenen Minderheit, sondern erzwang schließlich auch in Kroatien jene breite Aufmerksamkeit, die dem Dramatiker Šnajder jahrzehntelang verwehrt geblieben war – eine späte, bittersüße Gerechtigkeit für einen Autor, der dem Eigensinn der Literatur stets treu geblieben ist. 

Die Trilogie, die mit Doba mjedi (Die Reparatur der Welt) beginnt, sich in Anđeo nestajanja (Engel des Verschwindens, 2024 / deutsch 2026) fortsetzt und mit dem postum erscheinenden Mara Leib schließt, bildet das eigentliche literarische Testament Šnajders. In ihr verdichtet sich sein lebenslanges Bemühen, die zersplitterten und verdrängten Erinnerungen Mitteleuropas zu einem polyphonen Gegen-Gedächtnis zusammenzufügen: vom Schicksal der Donauschwaben und den moralischen Abgründen der Volksdeutschen über die stille, oft namenlose Widerstandskraft Zagrebs in den Jahren 1941, 1945 und 1991 bis hin zu den österreichischen Schauplätzen – Mauthausen, Linz und den mythischen Resonanzen der Habsburger Monarchie –, die im letzten Band den Kreis schließen. Der Autor selbst hat diese drei Romane ausdrücklich als Testament bezeichnet; sie stellen den Versuch dar, die Furien des Verschwindens in etwas zu verwandeln, das der Versöhnung und dem Weiterleben der Erinnerung Raum gibt, ohne die Wunden zu verklären. Anfang 2026 verbrachte er zwei Monate als Artist in Residence im Wiener MuseumsQuartier und arbeitete an diesem Schlussstück. Wenige Wochen vor seinem Tod rief er seinen Lektor im Wiener Zsolnay Verlag an und berichtete, dass er das Manuskript abgeliefert habe. Die Arbeit war vollendet, der Körper gab auf. 

Šnajder war ein Autor, der die Literatur als moralische und politische Instanz verstand, ohne je in Propaganda abzugleiten. Er war ein scharfer Kolumnist – lange Jahre für die Rijekaer Zeitung Novi list, zuletzt auch für das Internetportal Telegram –, ein unbestechlicher Beobachter der postjugoslawischen Transformation und ein hartnäckiger Verteidiger der Erinnerung an den Antifaschismus, als einer der wenigen Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien, der die theatralische, literarische und philosophische Tradition Mitteleuropas fortsetzte. Sein Werk ist ein Plädoyer gegen das Vergessen und gegen die bequeme nationale Selbstbespiegelung. Es erinnert daran, dass die Kunst, die sich der Macht andient, ihre Seele verkauft – und dass derjenige, der sich weigert, oft einen hohen Preis zahlt. 

Mit Slobodan Šnajder verliert Europa einen Schriftsteller, der die Wunden der Geschichte weder zudecken noch beschönigen wollte, sondern sie schonungslos offenlegte, um dem Verdrängen entgegenzuwirken. Zurück bleibt ein Œuvre von seltener Konsistenz, formaler Kühnheit und intellektueller Unbestechlichkeit: ein vielschichtiger Korpus von Texten, in dem die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts weder verharmlost noch instrumentalisiert, sondern in ihrer unerbittlichen moralischen Unauflöslichkeit sichtbar gemacht werden. Dass seine späte Prosa ihm schließlich auch in Kroatien jene Aufmerksamkeit einbrachte, die ihm als Dramatiker verwehrt blieb, verleiht diesem Autorenleben eine späte Ausgewogenheit. Sein „Engel der Geschichte“ hat den Blick nie abgewandt – weder vor den Schrecken der Vergangenheit noch vor der Gleichgültigkeit der Gegenwart. Solange seine Stücke aufgeführt und seine Romane gelesen werden, bleibt jene Stimme hörbar, die sich zeitlebens der Vereinnahmung widersetzte. Der Mensch Šnajder ist gegangen; das Gegen-Gedächtnis, das er hinterlassen hat, bleibt.