Der berühmte Reisende zu den Rändern Europas, Karl-Markus Gauß, befindet sich seit jeher auf einer „unaufhörlichen Wanderung“ – und zwar nicht nur seit dem Erscheinen seines gleichnamigen Buches von 2020. Er überraschte immer wieder mit Werken wie Die sterbenden Europäer. Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen (2001), Die Hundeesser von Svinia (2004), Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer (2005), Die fröhlichen Untergeher von Roana. Unterwegs zu den Assyrern, Zimbern und Karaimen (2009), Zwanzig Lewa oder tot: Reisen nach Moldawien, Serbien, Kroatien und Bulgarien (2017) und anderen. Dass er 2026 erneut drei Reiseberichte publiziert, überrascht keinen mehr, erfreut jedoch viele seiner Fans. Denn mit diesem Autor werden sie in Regionen fernab des Mainstreams katapultiert. Selbst wenn es manchmal nur der eigene Raum ist, wie im 2019 erschienenen Buch Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer geschehen, landen die Fans in Begleitung dieses Autors in Gegenden, deren Namen sie oft nicht einmal buchstabieren können.
In den jüngst erschienenen Texten erweist sich Gauß als begeisterter, ja entflammter Berichterstatter über Menschen und Gegenden, über die kaum jemand spricht. „Aus den Augen – aus dem Sinn“ gilt für ihn nicht. Konsequent richtet er sein Augenmerk auf das, was vom Vergessen und Verschwinden bedroht ist, und bietet wenig beachteten Gestalten eine Bühne. Gleich im ersten Text treten zwei mutige Frauen aus Slowenien auf.
Die erste ist Ljuba Prenner, Rechtsanwältin vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, dafür bekannt, „ausnahmslos Angeklagte, von deren Unschuld sie überzeugt war“ (S. 10), zu verteidigen. In den 1930er-Jahren bekam Prenner verurteilte Kommunisten vor den „Gerichten der autoritären Königsdiktatur“ (S. 10) frei. Auch während der kurzen italienischen Besatzungszeit Sloweniens bewahrte sie einige Angeklagte vor Hinrichtung und Deportation. Nach 1945, in der angebrochenen kommunistischen Ära, rettete die „scharfzüngige, spöttische und weithin als furchtlos geltende Verteidigerin“ (S. 10) Opfern von Denunziationen das Leben – es waren „Unglückliche, die selbst nicht wussten, warum sie auf die Anklagebank gesetzt wurden“. (S. 10) Einer von ihnen war der Partisan Tončko Vidić, der unter den Kommunisten in Ungnade fiel und zum Tode verurteilt wurde. „Prenner verteidigte ihn so beherzt und eloquent, dass er freigesprochen wurde“ (S. 10) – und das, obwohl sie selbst durch die Partisanen großes Leid erfahren hatte, als sie 1945 im Gottscheer Weiler Verdreng zusammen mit Nonnen und Frauen aus dem Bürgertum als „Schmarotzer“ (S. 9) diffamiert und eingekerkert wurde. Die Frauen mussten schwere Männeruniformen tragen – bloß Ljuba nicht: Erniedrigung bedeutete in ihrem Fall, Frauenkleider zu tragen. Denn sie war jene Frau Sloweniens, von der die breite Öffentlichkeit wusste, dass sie nicht auf ihr biologisches Geschlecht reduziert werden wollte. Ihre deutsch-slowenische Familie hatte ihre „äußere Wandlung zum Mann“ – ihre Männerkleidung und ihr männliches Auftreten – akzeptiert, der Öffentlichkeit jedoch missfiel ihr Erscheinungsbild. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1977 sollte sich das nicht ändern.
Die zweite Frau, deren Lebensgeschichte Gauß erzählt, ist die slowenische Reiseschriftstellerin Alma Karlin, die 1889 als kränkliches Mädchen in Cilli (slo. Celje) als Tochter eines k. u. k. Offiziers und einer, obwohl Slowenin, ausschließlich deutsch kommunizierenden Lehrerin zur Welt kam. In ihrer Autobiografie Ein Mensch wird schreibt sie über ihre Mutter, sie sei „in tiefster Seele“ (S. 22) gekränkt gewesen, „dass ich so hässlich war“. (S. 22) Die Mutter unterzog ihre Tochter „einer jahrelangen Tortur“ (S. 23): Mittels „Mieder und Gurten“ (S. 23), „Streck- und Hängeübungen“ (S. 23) wollte sie ihren Körper ummodeln, was wenig erfolgreich war. Almas Rettung waren ihr Bildungshunger und ihre Neugierde – durch sie reifte sie zu einer selbstbewussten Frau heran, zog nach dem Gymnasium nach London, wo sie ihr eigenes Geld verdiente und nebenbei an der Chamber of Commerce ihre Prüfungen in Englisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch mit Bravour ablegte. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie begab sie sich 1919 mit ihrer Schreibmaschine auf eine achtjährige Weltreise (Philippinen, Borneo, Australien, Neuseeland, USA, Peru, Panama, Japan, China, Fidschi- und Salomoneninseln, Neuguinea, Indonesien, Malaysia, Thailand, Burma, Singapur, Indien, Pakistan) und schrieb ihre Reiseimpressionen für deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften auf. Nach ihrer Rückkehr veröffentlichte sie die Reisetrilogie Einsame Weltreise (1928), Im Banne der Südsee (1930) und Erlebte Welt – das Schicksal einer Frau (1933). In der von ihr verachteten NS-Zeit bewahrten sie ihre Bücher vor der Deportation, „weil der sie verhörende Offizier ihre Bücher liebte“. (S. 27). Später konnten diese sie nicht mehr retten – „als Angehörige der einstigen deutschen Minderheit im Lande“ (S. 27) sowie „als politisch unzuverlässige Frau, die zudem mit ihrem unkonventionellen Lebenswandel Anstoß erregte“ (S. 27), verbannte die kommunistisch gesinnte Öffentlichkeit ihre Bücher. Bis zu ihrem Tod 1950 lebte die einst erfolgreiche Autorin „in bitterer Armut“. (S. 27)
Diese beiden Lebenswege entdeckte Gauß auf seinen Reisen nach Slowenien, so dass seine Beschreibungen keine Porträts sind, sondern Erkundungen, in denen der Autor stets auf Menschen stieß, die ihr Wissen mit ihm teilten. Und nicht selten spielte ihm der Zufall Bälle zu, die er dankbar entgegennahm: An der Universität Ljubljana (dt. Laibach) hielt er ein Referat zum literarischen Mythos der Gottschee und nahm an einer Exkursion in diesen Landstrich teil. Beim Gottscheer Ort Verdreng verwies der Reiseführer auf die renommierteste Insassin des dortigen Lagers: Ljuba Prenner. Es ist, als würden Gauß wohlgesinnte Mächte von Ort zu Ort und von Mensch zu Mensch geleiten, um ihn auf brisante Stoffe aufmerksam zu machen.
Solchen seltsamen Verkettungen verdanken sich auch die beiden anderen Reiseberichte. Eine Lesereise nach Sarajevo 2023 wird zur Hommage an den Schriftsteller Dževad Karahasan, den Zeugen grausamster Verbrechen, den aber die Hoffnung nie verließ, dass Sarajevo das Potenzial einer „spirituellen Mitte“ (S. 48) habe, die trotz all der Verheerungen durch Einkesselung, Bombardierungen, Erschießungen und Hungerkatastrophen in den 1990er-Jahren auch eine „Verheißung“ (S. 48) in sich birgt. In einer Welt, in der sich Orient und Okzident so nahe kommen wie in Bosnien, gibt es die Hoffnung, dass „sich der eine im anderen“ (S. 48) spiegelt und erkennt. Und gar nicht so unverhofft kommt Gauß’ Ausruf: „Was für ein schönes Land Bosnien ist! Ich hatte es nicht gewusst und nicht erwartet“. (S. 64)
Detailversessen und detektivisch erweist sich Gauß auch in seinem dritten und letzten Reisebericht. In Bruck an der Mur in der Obersteiermark kehrt er in einem Hotel ein. Das geschieht wie immer „aufs Geratewohl“ (S. 103), und es überrascht kaum, dass der Aufenthalt auch tatsächlich wohlgerät, da er zum Auftakt mehrerer unglaublicher Geschichten wird. Der Zufall will es, dass ein Bouzouki-Spieler die Hotelgäste mit seiner Musik erfreut – es sind keine kitschigen Touristenschnulzen, sondern politische Lieder über die Griechen im Exil. Am nächsten Tag erfährt Gauß vom Gastwirt, dass der Grieche zurück in sein Zuhause nach Ungarn gefahren sei. Und Gauß ist wie elektrisiert: Er erinnert sich an eine Reise in den 1990er-Jahren in die Puszta – nach Beloiannisz, wo den Reisenden ein Ortsschild in griechischer Sprache empfing, ein Ort, in dem Griechen lebten, die nach dem Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden waren und in Ungarn eine neue Heimat gefunden hatten. Ihr Dorf hieß zunächst Görögfalva (dt. Griechendorf). Doch als 1952 der berühmte griechische Kommunist Nikos Belojannis, für dessen Begnadigung sich die Weltöffentlichkeit einsetzte, hingerichtet worden war, tauften die Bewohner ihr Görögfalva in Beloiannisz um – zu Ehren des „freundlichen“ (S. 111) griechischen Freiheitskämpfers „mit der roten Nelke“. (S. 111) Diese Geschichte lässt Gauß nahtlos übergehen in die Geschehnisse rund um den griechischen Widerstandskämpfer Gerasimos Garnelis, der 1944 in einem Viehwaggon ins Zuchthaus von Krems, der „Gauhauptstadt an der Niederdonau“ (S. 120), kam. Anfang April 1945 waren alle Häftlinge dieses Gefängnisses ermordet worden – nur einer entkam und blieb in Krems: Gerasimos Garnelis. Nach seinem Tod wurde die Straße entlang des Gefängnisses nach ihm benannt. Ausgegraben hat Gauß diese Geschichte, als er an einem der Donau gewidmeten Literaturabend in Krems an seine donauschwäbischen Eltern aus der Batschka erinnerte. Und schon stolpern wir unversehens in eine andere Geschichte. Das Geschichtenkarussell dreht sich bei Gauß immer weiter…
Karl-Markus Gauß: Die Liebe kommt immer zu spät. Wien: Paul Zsolnay Verlag 2026. 144 S.